Load-A-Game" Handys sind für seriöse Daddler ein Witz. Doch kürzlich kündigten Nokia mit N-Gage und TTPCom eigene All-in-One-Lösungen an, die das klassische Handy mit Daddel-Funktionen und anderem digitalen Mehrwert kombinieren. Spielehersteller Nintendo mit seinem Gameboy - der Inbegriff des mobile Gamings - lässt sich da nicht zweimal bitten und schlägt mit dem "GameBoy Special" zurück.
Text: Heiko Gogolin, Nils Dittbrenner aus De:Bug 70

Mobiltelefon vs. Gameboy

Nintendos Gamenboy ist der Inbegriff des mobile Gamings. Doch langsam rührt sich die Konkurrenz und dem japanischen Monopolisten an die Gurgel. Nokia, TTPCom oder aber in Europa noch unbekannte Firmen wie Tiger oder SNK haben alle kleine Wunderkisten in der Hinterhand, die Nintendo ordentlich an den Karren fahren könnten, gute Software und funky Handling vorrausgesetzt. Das mobile Gaming wird also spannend – und das wird auch Zeit. Denn die bisherige Geschichte des mobilen Daddelns liest sich nahezu gleichbedeutend mit der Historie von Nintendos GameBoy.

GameBoy als Alleinherrscher

Wie beim Sieg von VHS über Betamax lief das technisch schwächste, aber in Sachen Ergonomie führende System mit dem Pokal davon: Der GameBoy wurde die erfolgreichste Konsole aller Zeiten und ein exzellentes Beispiel dafür, wie langsam technologische Innovation voranschreitet, wenn einem keine Konkurrenz in den Hintern tritt. Damals, 1989 konnte sich der Spielejunge schon kurz nach seinem Launch auch außerhalb Japans gegen die Farb-Handhelds “Lynx” von Atari und “Gamegear” von Sega durchsetzen. Weiterentwicklungen des Gameboy fanden zwar statt, das Handling blieb jedoch trotz der Faceliftings “Pocket” und “Color” ein um den 8Bit-Prozessor geschartes Low-Tech-Vergnügen – 12 Jahre ohne nennenswerte Innovation, im Consumer-Elektroniksektor eigentlich ein Unding.
Der neue Level kam erst 2001 in Form des GameBoy Advance (GBA), nur sorgte das unbeleuchtete Display bei suboptimalen Lichtverhältnissen für Nackenstarre. Konkurrenz-Handhelds neueren Datums von Tiger, SNK und Bandai wurden auf dem europäischen Markt erst gar nicht feilgeboten. Mit dem Aufkommen der persönlichen digitalen Assistenten unter Palm oder Pocket-PC OS erschien eine in Monitor- und Leistungsfragen ernstzunehmende Konkurrenz zum GBA, nur sind PDA’s zu teuer für den Nachwuchs und ohnehin schon Spielzeug genug.
Heuer sieht sich das Quasi-Monopol des ehemaligen Spielkartenherstellers mächtigerem Gegenwind ausgesetzt. Während die Mobilfunk-Posse mit ihren “Load-A-Game” Handys bisher nur Leute in der Abgeschiedenheit einer Skihütte in Extase zu setzen vermochte, kündigten Nokia und TTPCom kürzlich eigene All-in-One-Lösungen an, die das klassische Handy mit weit über “Snake” oder “Reversi” hinausgehenden Daddel-Funktionen und anderem digitalen Mehrwert kombinieren. Da lässt sich Nintendo nicht zweimal bitten und legt bereits dieser Tage mit dem GameBoy SP (“Special Project”) nach, reichlich Anlass also für ein kleines Update zum Thema “Mobile Gaming”.

N-Gage von Nokia, B’ngo von TTPCom

Zunächst begrüßen wir in der rechten Ecke unsere beiden Herausforderer:
Die Hardwarefakten des Gamedecks “N-Gage” von Nokia wie auch die des “B’ngo” von TTPCom lesen sich auf dem Blatt schon sehr gut. So sind bei beiden Bluetooth-Netzwerk-Duelle mit bis zu acht Spielern ebenso fest geplant wie Zocken per Funknetz, sogar 3D wird versprochen. Neben Telefonieren dürfen wir uns tolle MMS (beim “N-Gage” nur Screenshots) oder Emails zuschicken, beim “B’ngo” winkt eine Digicam. Die Nokia-Finnen spendieren uns dafür einen MP3- wie RealOne-Player mit USB-Link sowie ein FM-Radio. Pixelseitig liegen beide hintergrundbeleuchteten Displays gleichauf mit Nintendos Flagschiff, wobei “B’ngo” laut Info die anderen sowohl in Bildschirmgröße als auch in der Zahl darstellbarer Farben ausstechen könnte. Zur Software ist bis dato außer Ankündigungen wenig bekannt. Immerhin sollen bei Nokia neben eigenen Spieledebüts renommierte Namen wie Sega, Eidos und Activision für Rückenwind sorgen. Das “B’ngo” ist abwärtskompatibel zur “Wireless Graphics Engine”, welche bereits in handelsüblichen Handys steckt und laut TTPCom über 100 verfügbare Spiele am Releasetag verspricht. Beim “N-Gage” dürfen kleine Java- oder Symbian-basierte Minigames ebenso wie neue Charaktere oder Levels heruntertelefoniert werden, die dickeren Titel nutzen das MultiMediaCard-Format. TTPCom will neben eventuell bereits integrierten Titeln die Spieledistribution ausschließlich per Download regeln, Digital Rights Managament inklusive.

GameBoy Special pariert

Aber zurück in den Ring: In der linken Ecke begrüßen wir den 14-maligen Titelverteidiger. Des Kaisers neue Kleider im Titanium-Look lassen den GameBoy wesentlich “erwachsener” wirken und sprechen mit schickem, vor Kratzern geschütztem Klapp-Display endlich auch die an, denen eine milchig-rosane Spielstation viel zu unseriös erschien. Das Gerät ist mit MD-Player Ausmaßen kleiner und leichter als zuvor und dürfte damit die erste mobile Spielkonsole sein, die sich wirklich in der Hemdtasche verstauen lässt.
Während die Mitbewerber auf reichlich Gadgets setzen, konzentriert sich Nintendo auf seine Kernkompetenz: Spiele. Zwar tummelt sich auf dem GBA-Markt weiterhin eine unfassbare Menge an hurtig hinproduzierten Lizenz-Gurken von Drittherstellern, doch neben Masse besticht auch reichlich Klasse. Viele Hits sind zwar meist “nur” minimal aufgebohrte Versionen alter Gassenhauer, primär aus der goldenen 16Bit Ära, aber Perlen wie “Advance Wars” oder das später im Jahr kommende “Final Fantasy Tactics” zeigen, dass eigens für den GBA entwickelte Games mehr und mehr als grandiose Zeitvernichter taugen. Noch dazu rührt es einem zu Tränen, wenn längst auf dem Flohmarkt verkaufte Jugendträume im Handrückenformat ihre Renaissance feiern. Die im SP integrierten Akkus sagen nun auch ‘winke winke’ zur Batterie und sorgen trotz der stromfressenden Hintergrundbeleuchtung für beachtliche 8-10 (N-Gage:3-6) Stunden Betriebsdauer. Dem schlanken Gehäuse zollt indes der Kopfhörerausgang seinen Tribut: Um seine Abwesenheit zu kompensieren hilft ein optionaler Stöpsel in der Akku-Lade-Buchse, dafür liegt der neue GameBoy überraschend gut in der Hand.

Gamepark aus Korea

Zusätzlich lohnt es sich dieser Tage mal wieder, den Kopf gen Fernost zu wenden: Das aus Korea stammende Gamepark “GP32 ” kam im Februar in Japan wie auch in den USA als pure Handheld-Spielekonsole ohne Feature-Overkill heraus. Spannend, weil dieser Neuling im Buhlen um unsere Jackentaschen neben einem im Vergleich zum GBA anderthalb mal so großem Display auch einen richtig schnellen Prozessor (133 MHz vs. 16,7MHz) und großen Speicher (8 MB vs. insg. knapp 400K) vorzuweisen hat. Europa-Release? Ungewiss, aber Daumen drücken.

Fazit

Bis jedoch die neuen Spielehandys eine erste Linke in Richtung von Nintendos Titelverteidiger schwingen können, rieseln schon wieder die Schneeflocken – vor dem Weihnachtsgeschäft wird?s wohl nichts. Eine nicht unerhebliche Rolle beim Launch spielt selbstredend auch der finale Verkaufspreis. So schön die neue Gimmickwelt auch sein mag: Liegt ein “B’ngo” im Warenkorb, sind stolze 200 Dollar zu berappen, der Preis vom “N-Gage” könnte sogar noch ein Level höher liegen. Der GameBoy SP ist mit seinen runden 120 Euro auch nicht gerade ein Mitnahmeartikel, bekommt aber gerade ob der großen Softwarebibliothek und des endlich cleveren Produktdesigns unsere wärmste Empfehlung ? ein fancy Quader längst nicht mehr nur “for men”.

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Elektronische Lebensaspekte.