Nicht nur Musik lässt sich ineinander mischen und ergibt dann im besten Falle ein funky Set, auch Technologie hat sich schon immer weiterentwickelt, indem ein Format in ein anderes hinein diffundierte. Das Handy, fest in der Hand der Industrie, gilt dabei als besonders interessanter Kandidat, sind doch im Gegensatz zum Internet beim Telefon alle bereit, den ein oder anderen Cent abzudrücken. Doch erste Softwareprogramm für das kleine zeigen, dass das Mischen sich nicht kalkulieren lässt.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 84

Ungehorsame Bastarde / Telefon und Internet vermischen sich miteinander

Neue Technologien sind keine Neuerfindungen. Sie entstehen meistens aus einem Mix, eben indem man einige alte Techniken miteinander in einem neuen, produktiven Kuddelmuddel mischt und neu anordnet. Vor dem Internet waren verschiedene User beispielsweise mit einem Großcomputer verbunden, an dem arbeiteten alle gleichzeitig. Timesharing nannte man das. Von da war es nur noch ein kurzer Gedankenschritt, nicht nur mehrere Menschen mit einer Maschine, sondern auch mehrere Maschinen untereinander zu verbinden. Man mischte die Art und Weise, wie man verbindet, neu und damit kann sich dann das auf den Weg machen, was man heute als Internet bezeichnet. Diese neuen Weisen des Technologie-Mischens versorgen uns jedoch nicht nur mit unterhaltsamen Entdeckungen, in vielen Fällen haben sie auch einiges ökonomisches Potenzial. “Energie aus Bastarden” nannte das Marshall McLuhan mal, seines Zeichens Medientheoretiker und Werbetexter, selbst also quasi ein solcher Bastard. Zurück zur Technologie: Um eben diese Energie aus Medien-Bastarden zu gewinnen, versuchen ehrgeizige Firmen immer wieder, solche Kreuzungen voranzutreiben, teilweise erfolgreich, teilweise mit Features voll gestopft, die kein Mensch braucht. Denn meistens ist es doch so, dass die Killer-Applikation, jene Anwendung, die alle wollen, erst viel später in einer Nische entdeckt wird, an die man vorher noch gar nicht gedacht hat. Email im Internet beispielsweise. Oder SMS auf Mobiltelefonen. Womit wir auch schon bei genau jenen zwei Formaten wären, die wir näher unter die Lupe nehmen wollen: das Mobiltelefon sowie das Internet bzw. der Computer, denn der ist ja mit dem Netz bis heute maßgeblich verbunden, auch wenn er vielleicht in naher Zukunft nicht mehr der einzige Gegenstand bleiben soll. Denn es kommt: UMTS. Und damit eine ganz neue Mischsituation.

Der Rechner und das Telefon

Eines ist klar: In keinen anderen Bereichen als dem Mobiltelefon und dem Computer wird stärker damit experimentiert, in ein vorhandenes Medium ein anderes hineinzupferchen. Für den Computer war das von Beginn an deutlich, schon immer waren Informatiker darauf stolz, dass man mit dem Rechner eine, wie der englische Computerpionier Alan Turing meinte, “Universale Maschine” erfunden hat, eine Maschine, der es möglich ist, jede andere Maschine zu simulieren. Zumindest theoretisch, denn der real-gebaute Computer ist tatsächlich nie eine universale Maschine gewesen, sondern wurde immer schon für bestimmte Anwendungen gebaut. Das sollte man nicht verschweigen. Heutzutage ist der PC trotzdem mindestens eine Schreibmaschine, CD- und DVD-Player, Musik- und Designstudio, Lexikon und Nachrichtenagentur, Fotoalbum, Postmann, Verwaltungsbüro, Tagebuch, Einkaufsort und so manches andere mehr. Ein Allroundtalent mit einer Vielseitigkeit, von der sich das Handy eine Scheibe abschneiden soll – jedenfalls wird eben daran vehement gearbeitet.
In den letzten Jahren hat das kleine Gerät neben Telefonieren noch SMS-Morsen und Spielen gelernt, es ist zuerst zum Radio bzw. zum MP3-Player mutiert und zuletzt zur Kleinknipse, die man überall mit sich herumträgt. Gleichzeitig ist es neben dem Computer eine weitere Verbindung zum Internet geworden – eine Schnittstelle, die mit UMTS erst richtig entdeckt werden wird, einerseits weil die Mobiltelefone endlich genug Bandbreite dafür bekommen, andererseits weil man immer kleinere Geräte bauen kann, die so leistungsstark wie ein ganzer PC sind. Oder fast. Alles spricht also dafür, dass alles immer mehr zusammenwächst. “In der allgemeinen Digitalisierung von Nachrichten und Kanälen verschwinden die Unterschiede zwischen einzelnen Medien”, schrieb der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler vor langer Zeit, 1986, mal provozierend in seinem Buch “Grammophon, Film, Typwriter” und sah den Menschen bei dieser technischen Entwicklung außen vor. Mittlerweile macht man sich weniger darum Sorgen, dass sich der Mensch nur an einem Fenster zu den technischen Verbindungen und von ihnen ausgeschlossen die Nase platt drückt, dennoch stellen sich hier einige Fragen. Verschwinden diese Unterschiede wirklich? Lassen sich technologische Formate so einfach mir nichts dir nichts mischen? Gibt es keine Widerstände?

Telefonieren über das Internet

Tatsächlich ist eines auffällig: Im Grunde sind diese Unterschiede schon lange verschwunden, dennoch hat sich – zumindest bislang – nur wenig geändert. Schon seit einiger Zeit kann man beispielsweise problemlos mit dem Internet telefonieren: ”Voice over IP“ heißt der Fachbegriff dafür. Man braucht nur einen Rechner mit Mikrophon, eine DSL-Verbindung und ein praktisches Chatprogramm oder einen anderen Instant Messaging Service und schon kann man mit jedem anderen telefonieren, der über die gleiche Ausstattung verfügt. Und zwar umsonst. Trotzdem greifen bislang noch alle DSL-User lieber zum Telefon und zahlen Cents an die Telekom, wenn sie sich untereinander anrufen, anstatt ihre Rechner ansprechen. Man hängt halt an seinen Geräten.
Dennoch: Internet-Telefonie wird kommen. Erste Geräte, mit denen man mit einem Breitbandanschluss oder sogar mit einem Wireless Netzwerk wie mit einemm Handy telefonieren kann, kommen gerade auf den Markt – und die haben die Form von Telefonen. Und nicht nur beide Geräte passen sich an, auch die Telefonnummern werden bereits auf IP umgestellt: Gerade eben hat sich die deutsche Regulierungsbehörde mit der Domain-Vergabestelle Denic kurzgeschlossen, um einen Feldversuch durchzuführen, bei dem klassische Telefonnummern als Domains benutzt werden: ENUM, “TelefonE NUmber Mapping” heißt das ganze Projekt, welches das Auffinden und Adressieren von Personen einrichten soll – und das möglichst entlang der Richtlinien des Datenschutzes. Die Universität in Saarbrücken wickelt als Vortester etwa ihren Telefonverkehr intern über diese Internet-Telefonie ab. Im Großen und Ganzen aber ist Amerika mal wieder Vorbild: AT&T bietet bereits erste IP-Telefon-Tarife an. Für eine Flatrate von 20 Dollar, später sollen es mit 40 etwas mehr werden, kann man soviel telefonieren, wie man will. Flatrate goes Telefon.

Vernetzt mit dem Handy

Während also auf der einen Seite die Computerverbindung zum Telefonempfang erweitert wird, baut man auf der anderen Seite das Handy zunehmend zum Computer mit Internetempfang um. Tatsächlich konzentriert sich augenblicklich das ökonomische Interesse technologischer Entwicklungen eher auf das Mobiltelefon als auf das Internet. Firmen lieben das kleine Gerät mehr als das Netz, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil es bislang gelungen ist, dessen Technologien eher “geschlossen” zu halten. Geschlossen im Gegensatz zum Internet, bzw. vor allem zum WorldWideWeb, der Killerapplikation des Netzes, einer Technologie, die für alle frei verfügbar ist, offen, denn die Technologie ist “Open Source”. Vor dem Hintergrund dieser technischen Basis hat sich im Netz von Beginn an eine Art “Umsonstkultur” etabliert, die man so leicht nicht mehr wegkriegen wird. Technische Formate sind vielleicht vermischbar, aber die Gewohnheiten, die wir um sie herumgewoben haben, lassen sich nicht so leicht abschütteln. Genau deshalb sind wir alle bereit, am Mobiltelefon für etwas zu zahlen, worauf wir im Internet keinen müden Cent verwenden würden. Während im Netz Musik en masse umsonst heruntergeladen wird, zahlt man beim Handy sogar für seine Klingeltöne. Ob so ein Verhalten im Sinne der Ökonomie auch in Zukunft praktiziert werden wird, ist allerdings noch die Frage.

Kombiniere!

Schauen wir aber noch mal genauer auf das Telefon. Denn an den letzten Trends um das kleine Ding zeigt sich: Was technisch machbar ist, setzt sich noch lange nicht durch. Material folgt einer bestimmten Logik, aus der es nicht so leicht herauszukriegen ist. Dass sich beispielsweise die Konvergenz Mobiltelefon/Digitalkamera durchsetzt, erscheint logisch und hat, vorausgesetzt die Kameras bekommen immer mehr Pixel, eine große Zukunft. Im Urlaub ist schließlich das Telefon derjenige Ort, über den man Verbindung mit seiner Homebase hält, und auf dem gleichen Gerät die Fotos für die Homebase zu speichern, ist mehr als nahe liegend. Außerdem muss man dann nur ein Gerät statt zwei in die Strandtasche packen. Die Kombination Mobiltelefon/Games ist dagegen eher was für eine bestimmte Zielgruppe, die sich seine Zeit irgendwie vertreiben muss oder in peinlichen Situationen nicht hochschauen will – und davon gibt es ja schon einige. Klar auf der Strecke bleibt allerdings das Double Mobiltelefon/Mode: Siemens hat gerade seine Xelibri-Reihe wieder eingestampft, mit der es versuchte, die Modesaison auf ausgefallene Handygeräte zu übertragen.
UMTS mit seiner blitzschnellen Übertragungsrate und der hohen Bandbreite bringt weitere neue Verwendungsmöglichkeiten. Ob dabei die Übertragung von Internet oder Fernsehen (gibt es schon in – wo wohl – Japan) auf das kleine Gerät funktionieren wird, ist allerdings fraglich. Aber Mixen will gelernt sein: Und weil wir nicht nur das glauben, was die Technologie möglich macht, sondern auch an die Logik der kleinen Geräte, sagen wir dem Handy eine große Zukunft als Fernbedienung voraus. Fernbedienung für alle möglichen Vorgänge im Netz oder im Computer. Heißt: Das Handy wird nicht unbedingt der neue Computer werden, keinesfalls, wer braucht das auch, dafür ist es zu klein. Ganz einfach.

Bastarde sind ungehorsam

Dennoch wird sich in Zukunft das Mobiltelefon mehr und mehr für verschiedene Anwendungen öffnen. Dem Computer ist in seiner Geschichte das Gleiche passiert und wie der Computer wird auch das Handy immer weniger ein geschlossenes Format sein, sondern ein Basissystem haben, auf das andere Anwendungen aufsetzen können. Erste Anzeichen am technischen Horizont: Das Handy tritt ein in die Trennung Hardware/Software und niemandem ist genau das mehr klar als Microsoft, die sich immer verbissener darum bemühen, auf dem Markt der Betriebssysteme für Handys ihren Code in die Dinger hineinzubekommen. Gleichzeitig sind die ersten Programme verfügbar, welche die kleinen multifunktionaler werden lassen: Socialight, das Sascha Kösch auf der nächsten Seite vorstellt, ist eines von den vielen Programmen, mit denen man Notizen an Funkzellen posten kann. Daneben noch eine Art “Friendster” für Handys. Oder das Programm “Clicker” des Schweden Jonas Salling, das man dazu benutzen kann, seinen Applecomputer über Bluetooth lauter und leiser zu stellen und während einer Party bequem auch von irgendwo in der Wohnung die Playlist zu steuern oder sein laufendes Präsentationsprogramm zu bedienen. Noch spektakulärer: Your mobile goes Filesharing! Der Filesharingclient Emule hat beispielsweise einen Ableger entwickelt, das so genannte MobileMule, das es einem erlaubt, mit einem Java-fähigen Handy sein Filesharing-Programm fernzusteuern, Downloads zu überwachen und nach Dateien zu suchen. Das Telefon kontaktiert über ein WAP-Gateway automatisch den Webport in deinem Rechner und schon weiß man, was passiert (so toll ich das finde, ist mir nicht so klar, ob man das braucht, aber gut, sympathisch ist das allemal). Filesharing lässt sich aber nicht nur vom Handy aus fernbedienen, es findet mittlerweile selbst auf dem Handy statt – allerdings in einer anderen Art und Weise als im Netz. Bei Nokia, wie Debug-Autor Janko Roettgers auf einer Konferenz neulich berichtete, ist man der P2P-Technologie durchaus aufgeschlossen. Und Bluewalk, eine Software, die der Italiener Leonardo Salvatore entwickelt hat, nutzt ebenfalls P2P, nur im kleineren Bereich mit Bluetooth. Mit der Software lässt sich innerhalb der Bluetooth-Reichweite von 10 Metern P2P-Kontakt zwischen Mobiltelefonen aufnehmen. Klingeltöne und MMS können dann über die Software getauscht werden. An einem Beispiel wie diesem sieht man, dass die Wiederholung eines alten Mediums (z.B. P2P) auf einer neuen Plattform (dem Mobiltelefon) immer etwas anders stattfindet und stattfinden muss, um zu funktionieren. Technologische Formate lassen sich nicht so einfach mischen, aber sie lassen sich auch nicht künstlich begrenzen. Dass das Handy zum Traumgerät der Wirtschaft wird, ein Internet, in dem der User endlich bereit ist, für Content zu zahlen, wird deshalb ein Wunschtraum bleiben. P2P für das Funknetz ist bereits im Anmarsch. Bastarde sind eben ungehorsam.

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Elektronische Lebensaspekte.