Text: Jesper Schäfers aus De:Bug 23

Dieser Text wurde vor dem 23. März ’99 geschrieben. Köln. U-Bahnhof Poststrasse. Die Bahn rauscht an den munteren Werbeplakaten der Haltestelle entlang. Dankbar rezipiert das wie üblich sehr gemischte Publikum die erfrischende Abwechslung zum müden Grau der klaustrophobischen Tunnel, durch die sich die U-Bahn wie ein Regenwurm ihren Weg durch die Stadt bohrt. Und da wagt doch tatsächlich jemand, die konsumfördernde Idylle gefliesten Irrsinns mit seinem scheinbar naiven Gekritzel zu stören! Krass. Mein Blick fällt auf den jüngsten Kommentar des ‘Unknown Writers’, der seit Wochen die Nachrichten-Ereignisse aus einem scharfen trotzkistisch-anarchistischen Blickwinkel filtert und mit seinem Edding 8000 schriftlich kommentiert. Das ist dann auch kein Graffiti im Sinne von Sachbeschädigung, denn er wählt als Medium nicht die wertvollen öffentlichen Wände, sondern das gebleichte Papier der strahlenden Werbemaschinerie. Ex und hopp. Er nutzt keinen eigenwilligen Code aus Tags und Characters, sondern die gute alte leserliche Handschrift, um mit der Welt aus Scherben und Seifenblasen noch einmal Klartext zu reden. Es soll später doch keiner behaupten können, er habe von nichts etwas gewusst… Verglichen mit den oft sehr langen und eigenwillig gereimten Versen des ‘Unknown Writers’ ist der neue Wandspruch für heute ebenso kurz wie einprägsam: Für den Kapitalstaat war Oskars Rücktritt ein weiterer Schritt in Richtung Asozialia Das Poem kreiselt erst mal in meinem Kopf wie Lichtreflexe in einem Spiegelsaal, und ich frage mich, was ein Popstar wie Moby wohl dazu sagen würde. Schliesslich bin ich mit der U-Bahn auf dem direkten Weg zum Hotel Kristall, um mit dem Tausendsassa und Weltrekordler anlässlich seines neuen Albums eine Art Interview zu führen. Und ich weiss ehrlich gesagt kaum, was ich den Typen überhaupt fragen soll. Hoffentlich gibt’s wenigstens eine Art Büfett. Tja, ich bin krank, ihr seid gesund. Und dann ist die Welt wieder kugelrund… Angekommen Ein tolles Büfett gibt’s mal wieder nicht, dafür aber eine Coca-Cola mit viel zu viel Eiswürfeln. Wir haben grosse Pause. Dauert noch ein bisschen. Moby gibt die Interviews brav der Reihe nach in seiner Suite, während sich in der Lobby Schreiberlinge, Fotografen und Promoter tummeln, Zigaretten rauchen und an Gläsern nippen. Irgendwie sind wir doch alle Metropoliten. Rauch. Qualm. Schlürf. Ob jemand vielleicht ein gutes veganisches Restaurant kennen würde, mit Moby war man schon bei der letzten PopKomm im XXXXX. Mein Vorschlag, Moby doch eine leckere Salattasche (für nur DM 3,- DM!) an der nächsten Dönerbude zu holen, wird als guter Witz aufgefasst, dabei war das blanker Ernst. Mein Club heisst schliesslich Pennyless Jet-Set, und ich habe auch nicht in Harvard oder Yale studiert. Im Gegensatz zu Moby, wie ich später feststellen muss. Der erfindet nicht nur ständig sich und seine Musik neu, nein, er hat auch zur Europa- und Finanzpolitik der neuen Bundesregierung etwas zu sagen, obwohl oder weil Moby wohlhabender Amerikaner ist. Bang! Na, da stelle ich mich doch einfach mal ganz dumm und drücke feste auf die Record-Taste meines treuen Begleiters, dem Pan Sonic-Diktiergerät… Aufgenommen ”Das beste, was Deutschland passieren konnte. Ich halte es für vernünftig und richtig, dass Oskar Lafontaine zurückgetreten ist. Mit dieser anachronistischen Steuerpolitik hat sich der Finanzminister auch im Ausland viele Feinde gemacht. Es ist doch so: Mit einer Robin-Hood-Steuerpraxis kommt man in der Zeit globalisierter Märkte nicht weit. Die meisten Konzerne arbeiten multinational, und wenn ein Finanzminister die Steuern ins unermessliche treibt, müssen sich die Firmen für einen neuen Standort entscheiden und wandern ab. Das kostet Arbeitsplätze im Inland. Clinton hat in den letzten 8 Jahren in Amerika eine bewusste Low-Tax-Politik betrieben und konnte so die Arbeitslosenquote drastisch senken. Die Firmen sind nicht nach Mexiko oder Thailand oder Singapur gezogen, sondern in Denver, Chicago oder New York geblieben.” Daran sollte sich die deutsche bzw. europäische Politik ein Beispiel nehmen? Wieso sollte das Ausland etwas dagegen haben, wenn Lafontaine dafür sorgt, dass Unternehmen abwandern oder ihre Produktion in Länder verlegen, in denen die Steuern und die Sicherheits- und Arbeitsrechtsbestimmungen weitaus niedriger liegen und diffuser sind? Aber Moby sieht da – im Gegensatz zu Oskar, Gerhard, Joschka und mir – ganz klar: ”Das amerikanische System ist bei allen Fehlern und Mängeln das bislang erfolgreichere. Der Kommunismus ist zusammengebrochen, und auch viele europäische Politikschulen sind Auslaufmodelle.” Meine Bemerkung, dass der Rücktritt Lafontaines eine Vielzahl von Gründen hat und dass Europapolitik aufgrund der unterschiedlichen ethnischen und sprachlichen Grenzen ein ganz anderes Gebilde ist als die USA-Politik und deshalb andere komplizierte, mühsame Lösungen erarbeitet werden müssen, prallt an Moby ab wie Wassertropfen auf dem Panzer eines Marienkäfers: ”Hey, Clinton hat in Amerika ein Wunder vollbracht. Das ist Tatsache. Deshalb hat er auch soviel Rückhalt in der Bevölkerung und konnte selbst diesen Skandal mehr oder weniger unbeschadet überstehen. In Europa liegen die Probleme als Aktenorder verschnürt in den Parlamenten, aber niemand macht sich an die Arbeit. Das ist der Unterschied.” Ich dachte immer, Moby sei ein Punk gewesen. Gehört da nicht auch eine gewisse anarchistische Grundhaltung dazu? (Ausgerechnet jetzt fällt mir ein, dass ein gewisser Reichskanzler seltsamerweise auch Vegetarier war. Der Verzicht auf Fleisch etc. bedeutet also bestimmt nicht automatisch, dass jemand cool drauf ist!) Moby: “Inzwischen bin ich überzeugter Kapitalist.” Jau, ey! Hatte ich doch fast vergessen, dass Moby internationaler Plattenmillionär ist. Seit “Go” und “Next Is The E” in den glorreichen frühen Technotagen von 1991 hat er sich immer irgendwie oben gehalten. Dann kam Jungle. Ähem. James-Bond-Soundtrack. Ein bisschen Punkrock mit Gitarre. Dann plötzlich: Bigbeatz, auch mal ein Jump-Up-Urban Shakedown Remix seines letzten Chartbusters “Honey”. Auf seinem neuen Album, das schlicht und harmlos “Play” heisst, würfelt er dann mal wieder alles von Techno über House bis zu Triphop und Punkrock zusammen und erzeugt ein hitträchtiges Potpourri, für das er jetzt schliesslich Reklame machen will. Ist das Leben doch nur ein schneller Werbespot, der an meinem dritten Auge vorbeiflattert, oder gibt es noch echte Substanz? Klar, Moby hat viele Künstlerfreunde in New York, und er kennt alle Musiker und DJs, aber ob die mit dem Edding auf Werbeplakate losgehen, um ihre Wut und Ohnmacht in die Köpfe aller zu projizieren, wage ich zu bezweifeln, denn Moby hat auch zu visuellen Medien eine professionelle Einstellung: ”Für das Video zu Honey hat die Plattenfirma einen Regisseur verpflichtet, den ich gar nicht kannte. Ich bin dann zu den Aufnahmen nach England geflogen, das Team hat das Video später zusammengeschnitten, und ich habe das fertige Produkt erstmals irgendwo in einem Hotelzimmer auf MTV gesehen. Ich habe viel zu tun, und die Musik ist mir am wichtigsten. Videos und so laufen eher nebenher, weisst du…” Mhm. Na dann: Tschüss, denn das Wartezimmer ist voll, und Zeit ist Geld. Der nächste bitte! (Habe ich erwähnt, das in dem Zimmer ein grosses Porträt von Goethe hing? Nein? Egal.) Puuh. Wieder zu Hause angekommen lege ich erstmal eine Platte auf, um aufzutauen: UK-Arbeiterklassegewerkschaftsrock von The Fall. Das Album “Shiftwork” aus dem Jahr 1991. Da steht auf dem Cover sogar fett drauf: Play it loud. Na denn: Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahrg! Und die Welt dreht sich doch, auch wenn mein Bild von ihr wieder etwas mehr Schieflage bekommen hat.

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Elektronische Lebensaspekte.