Mocky ist mit seiner angenehm styleverliebten und dabei ureigenen Definition von Pop und dieser reizenden Prise an Bad-Boy-Attitüde so etwas wie eine glamouröse, funky Version von The Streets. An Sonnyboy-hafter Nonchalance ist seine R'n'B-Paraphrase "Are + Be" kaum zu toppen.
Text: Baas Döhler aus De:Bug 83

Ein Leben in Puschen
Mocky

Debug:
Siehst du dich selbst eigentlich als einen “Natural Born Entertainer”?
Mocky:
Ja! (lacht) Ok, vielleicht nicht so sehr natural born. Ich glaube, es ist eine Frage der Persönlichkeit, des Charakters. Man arbeitet irgendwie sein Leben lang daran und kann auf so vielfältige Art und Weise ein Entertainer sein. Die einen mögen es einfach nur lustig, die anderen eher durchgeknallt und scary. Es gibt die, die auf die Bühne kommen und das gesamte Publikum im Handumdrehen für sich gewinnen. Na ja, und dann gibt es da noch die anderen (lacht). Ich denke, ich bin da eher ein “Natural Born Musician”, ein Songwriter. Auch wenn ich auf der Bühne stehe und versuche lustig zu sein, ich die Leute zum Tanzen bringe oder gar zum Lachen. Ich sehe mich zu allererst als Songwriter.

Debug:
Kannst du dir denn vorstellen, irgendwann einmal auf einer großen Bühne in einem wirklich großen Stadion zu stehen, so wie Robbie Williams vor etwa einem Jahr?
Mocky:
Oh ja! Ich habe nur gerade ein Problem damit mir vorzustellen, wie wohl zehntausende Menschen drauf sind, die mich auf einer solchen Bühne sehen wollen. Aber warum eigentlich nicht. Wie gut, dass ich in diesem Sommer schon mal auf ein paar Festivals üben kann. Aber ich denke, dass es von der Aufregung und Nervosität her für mich keinen Unterschied machen würde, ob ich nun vor Einem oder vor Tausenden spielen würde. Die Leute unterhalten und ein wenig Abwechslung in den Laden bringen. Das liebe ich.

Debug:
Arbeitest du lieber allein?
Mocky:
Oh, nein. Ich habe schon mit vielen Musikern zusammengearbeitet. Da wären zum Beispiel Gonzales, Peaches, Jamie Lidell oder Kevin Blechdom. Ich glaube, dass die besten Dinge entstehen, wenn man die Menschen, mit denen man etwas zusammen schafft, kennt. Wenn man weiß, wie sie ticken, ihre Stärken und Schwächen kennt, wenn es eine emotionale Basis gibt. Diese gemeinsame Liebe zu dem, woran man gerade arbeitet. Und nicht nur dieses Remixen via E-Mail. Und auf meinem nächsten Album möchte ich mit noch mehr Leuten an jedem einzelnen Track oder Song arbeiten, als ich das auf “Are + Be” schon getan habe. Ich möchte alle Register ziehen, alle verfügbaren Technologien nutzen, das Beste jeden Stils und Styles, die Superpower aller Teile zusammentragen und zu etwas ganz Großem verschmelzen. Der Schlüssel ist es zu erkennen, das jeder Einzelne eine ganz besondere Fähigkeit hat. Und all dies möchte ich versuchen zusammenzubringen. Aber für “Are + Be” wäre das alles zuviel geworden. Denn bei diesem Album stand für mich das Songwriting im Vordergrund. “Are + Be” ist für mich das Ende meiner Laptop-Pop-Phase. Dafür bin ich u.a. Menschen wie Snax sehr dankbar.

Debug:
Und nun wagst du eine Neudefinition von Pop?
Mocky:
Ich versuche es zumindest. Es ist meine ganz persönliche Reise durch all die ganze, mehr oder weniger experimentelle Musik der letzten drei, vier Jahre.

Debug: Wie hat dich Four Music eigentlich für sich gewonnen?
Mocky: Mit Michi Beck. Ja. Es waren seine Erfahrung und Inspiration, die mich beeindruckt haben. Ich kannte bis zu diesem Zeitpunkt lediglich Die Fantastischen Vier. Und fragte mich: “Meinen die das denn jetzt wirklich ernst?” Aber das Klima und das ganze Drumherum haben mich überzeugt. Die Frage ist für mich immer: “Was möchte ich mit meiner Musik machen?” Ich möchte, dass die Leute meine Songs im Radio hören. Es geht mir einfach nicht um diesen Underground-Gestus. Und da war Four Music einfach die beste Wahl, die ich treffen konnte. Welches Undergroundlabel veröffentlicht schon eine R’n’B-Platte? Oder kennst du etwa Underground R’n’B? Also …

Debug:
Da wäre dann noch der amerikanische Billboard R’n’B.
Mocky:
Genau. Der war der ausschlaggebende Punkt für mich, das Album “Are + Be” zu nennen. Vor drei Jahren, als mein erstes Album erschien, fragte mich jemand: “Und wie wird dein nächstes Album so sein?” Ich sagte einfach: “Ich werde ein R’n’B Album machen!” Nur meinte ich eben eine andere Bedeutung von R’n’B. Ich war früher ja bei Gomma. Und das war auch nett. Nur stilistisch wollte ich eben einmal etwas anderes machen. Und das geht nun. Manchmal macht es für ein Album einfach mehr Sinn, den so genannten Underground zu verlassen.

Debug:
Stell dir vor, dein Telefon klingelt.
Mocky:
Oh. Sorry. Moment!

Debug:
Ähm, nein. Also angenommen, es würde klingeln. Und Madonna ist am anderen Ende der Leitung.
Mocky: Aha?

Debug: Ja. Sie ist es wirklich. Nun, und sie bittet dich um einen Gefallen: einen Remix von “Like A Virgin”.
Mocky:
(fast aufspringend) Orchester! Ein riesengroßes Orchester! Mit Madonna. Tanzend. Im Video. Und ich singe. Yeah! Das wird so eine Art Jazzballade. Ich komme auf die Bühne, vielleicht tanze ich sogar. Madonna dann irgendwo im Hintergrund. Egal, es wird auf jeden Fall ungemein jazzy.

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Text: Sasha Horsley aus De:Bug 69

Sweet Mocky Music

Warum man nach Berlin zieht, wurde wohl von vielen Leuten zur Genüge beantwortet. Warum man das freundliche Kanada überhaupt verlässt, erklärt uns Mocky auch ziemlich schlüssig: Dort müsste man nämlich ein Auto haben und genügend Spritgeld für ca. 5000 km und dann hätte man erst 100 Menschen gefunden, die Bock auf seinen weird-weirdo-Mocky-Sound hätten.
In Berlin braucht’s da natürlich nur einen Abend, in einem Club, z.B. dem Bastard (siehe Tourdaten).
Klar sind auch Freunde, die schon in der Hauptstadt wohnen, ein Grund. Mit denen wird er sowieso gerne in einem Atemzug genannt, wenn man sich umhört, wer er denn ist: ”Ach, das ist doch der Kumpel von Gonzales und Peaches. Oder?”
YAP! Die hatten mal ’ne Band zusammen. 1997. Die hießen THE SHIT und waren so eine Da-Da-Punkband. Und jetzt sind sie hier die Kanada Gang.
Sweet Mocky Music und sweet Mocky himself fallen jedoch, was Extrovertiertheit angeht, ein klein wenig aus dem Rahmen. Während Gonzales und Peaches mehreren Teams schon mal die Show stehlen (so passiert auf einem Popkomm Fußball Turnier in Köln) in dem sie das Turnierpublikum lautstark auf hässliche Socken und möglicherweise deformierte Eier der Spieler hinweisen, ist Mocky eher derjenige, der einem die Tierwelt ans Herz legt. Einer seiner ersten Presseauftritte fand im Berliner Zoo statt. Vor dem Affenkäfig. Mockys Rücken fürs Publikum. Sein Sound für die mit dem lustigen Popo. Er beobachtete die Tiere ganz genau, stellte irgendwann fest, sie wurden nervös und schaltete um aufs wohltuende quasi Balladenprogramm. Jetzt hat er eine Menge neuer Freunde. In Haus 6.
Das prägende erste Musikerlebnis Monsieurs war – pfui Teufel – ”Life is life” von Opus. Sein Bruder hatte diese Light Version eines Schlagzeugs und er klapperte ein bisschen mit. Seit dem beschäftigt er sich mit der ”Combination of Highs and Lows”. Mocky Sound als Mocky zu bezeichnen, trifft es perfekt. Er nimmt Abstand von der Genre-Schublade. Hier passt weder HipHop, noch Electro, noch Pop. Hier passt nur Mocky Music. Er kramte ein bisschen in den Kassetten seiner Jugend, da gab es außer Opus noch Michael Jackson oder Whitney Houston. Als 80ies Kid ist er randvoll mit Whitney. Irgendwann kommt er auf Stockhausen und Sun Ra und now it’s his mission to bring these two worlds together. Die Welt ist reif dafür, früher wäre eine gleichzeitige Nennung von Whitney Houston und Sun Ra irgendwas zwischen verpönt und unmöglich gewesen. Hier gibt es die Tiefe akademischer Musik (lassen wir mal so stehen) plus die debile Einfachheit des Pops auf einem Tonträger. Hier spielt schon auch eine gewisse Ironie mit, aber im Grunde genommen geht es um die perfekte Balance der beiden Elemente und das möglichst perfectly imperfect.
Dem 28-Jährigen gelingt das erstaunlich gut. Und wer Bock hat, sich darauf einzulassen, sollte sich ins Auto setzen und mal nachts mit Mocky durch seine Lieblingsstadt fahren. Gute Reise.

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