Zum dritten Mal hielt die Bread&Butter, Tradeshow for selected Brands, vom Spandauer Ausstellungsareal bis zu den innerstädtischen Fashion- und Ausgehspots drei Tage lang Berlin in Atem - oder im Würgegriff, je nach Perspektive. Die Verkaufsmesse in der Siemens- und Pirelli-Hallenstadt und die zeitgleich stattfindende "Premium Exhibition" am Potsdamer Platz zeigten Moden und Stile vom verschärften Ende des Warencharakters. Das sorgt mittlerweile für mehr kulturelle Aufmerksamkeit als Theater und klassische Musik zusammen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 79

Bigger, better, Bread & Butter
Eine Modeverkaufsmesse macht Kultur

Da sitzt die Mode-Redaktion der Debug also in ihren UR-Sweatern für 99 Cent zusammen, sichtlich angeschlagen vom Lauf durch die Endlosfluchten der Bread&Butter-Hallen, und zieht Resümée. Ist das jetzt gut, dass sich der diskrete Leisure-Style allgemein durchsetzt, oder heißt das, wir können bald Freund von Feind nicht mehr unterscheiden? Plötzlich laufen wieder alle mit Kurzarmhemden über Longsleeves rum und kleben sich Bartstoppeln an. Die Mädchen müssen in schluffigen Gummizug-Haushosen aus braunem Nicki hinterran. Das sieht ein bisschen komisch aus, weil sie das gezierte Stelzen noch nicht lassen können. Aber ansonsten scheint es ganz glatt zu laufen mit einem 90er-Slacker-Revival, das in Berlin vor der Messe noch niemand geahnt hat. Ist die Modeszene jetzt doch autonom geworden und orientiert sich nicht mehr an den Straßenreports ihrer Trendscouts? Wir zumindest kennen niemanden, der schon wieder seine Dickies-Chinos ausgemistet hätte. Passend zu dieser Re-Rustikalisierung liegt der Hype zu dünnsohligen Sneakern aus dem Turnmattenbereich komplett auf Grund. Die massiven Bemühungen der Sneaker-Marken, in dem Bereich noch weitere Varianten zu lancieren, wirkt angesichts der ganzen Nike Dunk und Adidas Attitude an den Füßen des Fachpublikums fast bemitleidenswert am Zahn der Zeit vorbei. Vor allem, wenn man im Hinterkopf hat, dass die auf der Messe gezeigten Klamotten erst in einem halben Jahr die Avantgarde in den Boutiquen und auf der Straße sein sollen.

Berlin bleibt weiterhin die Metropole für Non-Corporate-Initiativen. Unser Lieblingslabel vom Friedrichshain “Butterfly Soulfire” hat den Catwalk auf der Messe-Modenschau gestürmt. Zwischen Givenchy und Paul Frank sprangen sie komplett verhüllt in ihren buntzackigen Flickenkostümen wie Nomaden aus einem psychedelischen NeoGeo-Film über den Laufsteg und waren wieder weg. Ein kurzer Husch, viel Nachhall. Die Guerilla-Performance kam so gut an, dass die Bread&Butter nächstes Mal sicher selbst eine in Auftrag geben wird.

Nach drei Tagen geballten schönen Scheins sah man so manchen vor dem Wachpersonal in ihrem unbeeindruckten Funktionslook auf die Knie fallen: Danke, dass sie uns an die Realität irgendwo da draußen erinnern. Es gibt also wirklich Menschen mit Haarausfall in Schnürschuhen mit Stollensohle. Vielleicht müssen wir doch nicht alle sterben, wenn wir 35 sind?

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Elektronische Lebensaspekte.