Tarnung ist eigentlich ein freundliches und friedliches Prinzip. Camouflage-Muster wurden allerdings für extrem unfreundliche und unfriedliche Zwecke entwickelt. Durch diese Schizophrenie wurden Camo-Muster zu einer idealen Projektionsfläche, die gleichzeitig alle möglichen Interpretationen zulässt und sie gleichzeitig im jeweiligen Hintergrund auflöst. Anton Waldt folgt dem Tarnmuster durch die diversen Subkulturen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 78

Die Dialektik der Muster
Ungesehen in der Disco

Wir wollen nix gesagt haben. Weil das wäre ja vielleicht auffällig. Nachher sogar noch markant. Und das würde der Camouflage-Idee widersprechen. Also bitte blinzeln und sich an der Unschärfe erfreuen. Oder, wenn schon lesen, dann doch bitte ganz flüchtig, weil es geht ja ums Verschwiemeln, Abtauchen im Umgebungslärm und außerdem noch um Jugendkulturen, und die sollte man prinzipiell auch nicht zu scharf ins Auge fassen, weil meistens nicht viel übrig bleibt, außer unausgegorene Gefühlen oder Übelkeit-erregende Anblicke wie der von der dicken Frau in Orange-Blauen-Fantasie-Camo-Leggins im Supermarkt, die man fairerweise wegen Nötigung ins Kaugummiregal treten sollte, aber da man weiß, dass eigentlich Techno Schuld ist, lässt man das und verflucht still seine Jugend. Die Bedeutungs- und Nutzungstransformation der Fleckenmuster, die nach dem xten Mainstream-Aufguss inzwischen jeder als “Camo-Look” kennt – von den Kriegsschiffen und Flugzeugen des ersten Weltkriegs über SS-Kampfanzüge, Heroin-abhängige Vietnamveteranen und den Berliner Tresor zum öffentlichen Ärgernis in der Supermarktschlange – ist allerdings streckenweise genauso konturlos wie ein Seal-Scharfschütze im Tiger-Pattern im Gebüsch.

Scooter und Heroin
Der frühe Einsatz von Militärkleidung in den Jugendkulturen kam parallel zu dem von Arbeitsklamotten und war wahrscheinlich zunächst einfach nur billig und praktisch, eine Konstante, die sich bis heute durchzieht und bei der man getrost aufhören könnte, sich mit dem Thema zu befassen – wenn man nicht gerade besonders neugierig veranlagt ist und dem Hang zum Neunmalklugen frönt, was hier jetzt ausführlich geschehen soll: In den USA und Großbritannien, von wo die Hipness-Schablonen eben dauernd herkommen, stehen mindestens die Kampfmonturen des Militärs klassischerweise auch klar für Unterschicht, die in der Regel das Personal für die matschigen, blutigen Jobs stellt. Dementsprechend war der Armee-Parka des Mods in den Sechzigern nicht nur praktisch zum Rollerfahren, sondern repräsentierte auch Standesbewusstsein, genau wie dies zeitgleich die Arbeitsschuhe von Doc-Martin oder die Hemden des ersten Unterschicht-Wimbledon-Gerwinners, Fred Perry, taten. Die Camouflage-Muster kamen aber erst mit der späten Phase des Vietnam-Krieges in Mode, wobei die GIs schon in “Nam” anfingen, ihre Berufskleidung als Chic zu etablieren, etwa indem die obligatorischen Peace-Zeichen aufgemalt wurden. Passend dazu wurde mächtig Shit und H konsumiert, was dann in der Vietnamfilm-Prosa schon den Einsatz selbst als cooles Gangerlebnis erscheinen lässt: Hartgesottene Jungs in mächtig abgefuckten Uniformen, die verdammt gefährlich leben, nichts mehr zu verlieren haben und es daher im Unterstand auch richtig schön krachen lassen. Zurück von der Front beeinflussten die GIs dann jedenfalls ganz in echt eine Reihe von Subkulturen, wobei der gravierendste Transfer allerdings nicht die Kleidung, sondern das H war, das beispielsweise in Deutschland erst durch GIs populär wurde: Die Junkies wurden nicht direkt nach Hause geschickt, sondern sollten vorher in Deutschland clean werden – statt dessen sorgten sie allerdings für eine rasante Ausbreitung des Stoffs. Unterdessen brachten sie aber auch ihre Kampfuniformen zu den Hippies, mit denen sie zusammen gegen den Krieg protestierten, aus dem sie gerade kamen. Den Hippies waren die Camo-Patterns aber offensichtlich zu martialisch, sie blieben hauptsächlich beim gut eingeführten Uni-Parka.

In die Fresse
Das symbolische Gewaltpotential der Tarnmuster wurde wohl erstmals von denen, die den Hippies auf Fresse gaben, den Punks, richtig goutiert. Diese bedienten sich auf ihre Art der üblichen Kombination aus Berufs- und Militärkleidung, wobei Camouflage zwar nie im Mittelpunkt stand, aber durchaus als Szene-üblich gelten kann. Gar nicht so nebenbei waren Militär-Hosen natürlich auch essentiell, um im Supermarkt die Zutaten für die Volxsküche zu fladern. In einer Reihe von Punk-Folgebewegungen etablierte sich Camo dann allerdings zum echten Standard: Zum einen in der Hardcoreszene, die vor allem in den USA zu Hause war und wieder einmal als Zeichen des – oft selbst gewählten – Underdog-Status auf Proll-Kleidung zurückgriff: Truckerkappen, Holzfällerhemden und wahlweise Jeans oder eben Camo-Hosen, wobei das klassische “Woodlands”-Pattern klar die Beliebtheits-Hitparade anführte und dies auch im Xten Aufguss als “Grunge” oder “Neo-Dödel” immer noch tut. Ein weiterer Punk-Ausläufer, die Industrial-Szene, brachte schließlich über den Trampelpfad EBM (Electronic Body Music) die Tarnwäsche zu ihrer echten Erfüllung, dem Techno. Industrial passte dabei selbstredend die Interpretation von Camo als brutal und kriegerisch richtig gut in den Kram, auch wenn der Kostenfaktor wieder mal eine Trumpfkarte war: Tarnnetze und die passenden Outfits waren eben schön billig und wenn die Fans das gut fanden und auch noch nachmachten – um so besser.

Endlich zu Hause
Schuld an den Mainstream-Auswüchsen von Camo war dann aber natürlich Tekkno mit “k”. Und hier gilt DJ Tanith mindestens symbolisch zu recht als Hauptverdächtiger: Vom Cap bis zur Hose in “City-Tarn”, der Schwarz-Weiß-Variante des Woodlands-Patterns, gewandt, repräsentierte er um 1992 als Resident im Tresor die harte, über jeden Trance-Verdacht erhabene Spielart des Bumm-Bumm-Bumm. Tanith hatte seine Masche aus der Industrial-Szene mitgebracht, aber erst in Berlin Anfang der Neunziger wurde das Muster richtig massentauglich: Wenn man den Tresor um sieben verlassen musste, um sich für den Rest des Tages in den Walfisch zu begeben, durchquerte man ohnehin eine Postkriegsszenerie und daheim im besetzten Haus sah auch alles so erfrischend zusammengeschossen aus. Ganz zu schweigen von der symbolischen Überfrachtung, die bei den Rave-Kindern so richtig in Fahrt kam. Statt echtes Fresse-Polieren war jetzt der ästhetische Krieg auf alle inneren Werte der satten BRD-Gesellschaft eröffnet, in dem Beton, Plastik und Maschinen prima waren und Konsens, Gemütlichkeit und innere Werte der Feind. Der soziale Krieg der Punks wich dabei zwar der Party in der Etappe, aber umso wichtiger war selbstredend die Repräsentation einer Opposition gegen die Schlafsäcke in der Heimat.

Oma mag Military
Mit dem fiesen Erfolg von Techno und den entsprechenden Nachwehen, die noch heute jeden Tag in den Ohren schmerzen, wurden dann auch die lustigen Tarnmuster so richtig massentauglich, inzwischen gelten sie alle drei bis vier Jahre als “angesagt”, sodass die letzten Ausläufer schon nicht mehr vom Beginn des neuen Hypes zu unterscheiden sind und Camo zu einem Standard wie die Jeans geworden ist. Die modische “Inspiration” durch Militärkleidung ist dabei wiederum eine Konstante, die schon vor der “Entdeckung” von Camo vertraut war, so wird schon in einer “Kir Royal”-Folge der “Military-Look” als Abziehbild eines Modertrends dargestellt, dem die wundervollen Haare von Senta Berger zum Opfer fallen. Besonders fies werden die andauernden Camo-Revivals zudem durch den freien, meistens aber misslungenen Umgang mit den Patterns: Die meisten lehnen sich irgendwie an “Woodlands” an, haben aber eben nicht die ästhetische Klasse eines Designs, das auf das Verschwinden im Hintergrund optimiert ist.

Zu Hause zwischen Eins und Null
Während allerdings Tante Jutta und ihre Tupperfreundinnen sehnlich auf den XXL-Napf in blauem City-Tarn warten, entgleiten die Muster ohne weiteres Zutun wieder jeder Festschreibung und suchen sich neue Jobs als Projektionsfläche, weil Festlegen nicht ihre Tasse Tee ist: Passend zu den aktuellen Pixel-Patterns der US-Streitkräfte steht Camo heute auch für die Anonymität in zunehmend transparenten, ausgeleuchteten und von Kameras beobachteten Gesellschaften. Das Prinzip der Unschärfe wird dabei zum Rauschen in den Netzen, mit der Botschaften, aber auch Alltägliches vor den allgegenwärtigen Filtern, die ja auf klare Mustern angewiesen sind, verborgen wird. Womit Camo wieder eine neue Bedeutungsebene als Repräsentanz von dringend zu erhaltenden Grauzonen erhält. Für die Militärs verliert unterdessen in einer inversen Bewegung der Camo-Look zunehmend an Bedeutung: Aufklärung findet inzwischen auf zu vielen Frequenzen statt, sodass die Tarnung im sichtbaren Bereich beispielsweise im Wärmebild ganz flott auffliegt. Es kommt eben darauf an, wie das beobachtende Auge beschaffen ist, damit Tarnung bedeutet: If they don’t see you, they can’t shoot you.

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Elektronische Lebensaspekte.