Männermode ist in der Haute Couture traditionell ein Stiefmutter-Thema. Das hat sich seit der ersten Kollektion des Parisers Hedi Slimane für Dior Homme von 2001 schlagartig geändert. Männermode ist wieder auf dem Laufsteg, das Männerbild in der Diskussion und die Stiefmutter voller Freude über Schwiegersöhne jenseits typischer Maskulinität.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 73

Dick mit den Dünnen
Hedi Slimane, Designer Dior Homme

Was ist der Unterschied zwischen einem Vampir und einem Dior-Sakko? Von einem Vampir gibt es kein Abbild, von einem Dior-Sakko nichts als das Abbild. Die Haute Couture steht praktisch antithetisch zur Musikwelt. Sie ist die ausschließendste der populären Künste, Musik die einschließendste. Nur in der medialen Vermittlung existiert Haute Couture für den Normalsterblichen, sie ist ein exklusiver Schemen, kapitalistischer Zynismus in Reinstkultur.

Genau in dieser Welt hat Hedi Slimane für eine Menge Geschrei und Furore gesorgt. Seit seiner ersten Männerkollektion für Dior Homme 2001 hat er Männermode zurück auf den Laufsteg gebracht – und sie gleich mal neu definiert.
Ob ihm das ein Musiksozialisierter danken wird? Als Bewohner eines der jugendkulturellen Abgrenzungsdörfer ist man es gewohnt, dass Modestile von Personen lanciert werden, die eigentlich nichts mit Mode zu tun haben. Seit den Fünfzigern ist das Musik, zwischendurch mal Kunst und Literatur, viel früher auch Theater. Mode kommt von Menschen, die in anderen Feldern Autoritäten sind, Menschen, für die Mode nur ein Nebenmedium ist. Das macht Mode für die Dorfbewohner integer. Man verweigert nicht die Sprache der Kleidung, sie ist aber nur Ergänzung zu etwas Substanziellerem, die Hülle für etwas Tieferes.

Wenn sich jemand in erster Instanz mit Mode beschäftigt, wie der Haute-Couture-Designer, wird er misstrauisch beäugt. Mode ohne die Verankerung in einem der Abgrenzungsdörfer macht sich verdächtig, nur elitäre Affirmation der Hauptstadt zu sein. Modedesigner sind die, die mit ihrer Garderobe dem hässlichen System die schöne Maske aufsetzen. Musiker/ Künstler sind die, die mit ihrer Garderobe dem hässlichen System die schöne Maske herunterreißen. Die einen haben geldgestützten Luxus, die anderen wissensgestützten Stil.
So sieht sie immer noch aus, die weiß europäische, linksliberale Mittelstandsideologie. Dass man aus Luxus einen Stil kreieren kann, der kein Überläufertum in die Hauptstadt bedeutet, beweisen dagegen zum Beispiel die Gangster-Rapper. Luxuriöser Stil kann eine Waffe sein.

Hedi Slimane ist der invertierte Gangster-Rapper der Haute Couture. Die Gangster-Rapper betreiben Körperpolitik, indem sie die Designer zwingen, sich ihren aufgepumpten Übermaskulinitätskörpern anzupassen. Slimane betreibt Körperpolitik, indem er sich der unentschiedenen Maskulinität schmaler Knabenkörper anpasst. Slimane schafft ein neues Rolemodel: Das leptosome Schilfrohr im Winde in Schwarz und Weiß. Schultern, Taillen, Revers, Hosenbeine seiner Anzugkombinationen, alles ist übermäßig schmal, angegossen, hoch geschossen. Die Strichmännchensilhouetten werden rasierklingenscharf eingequetscht, slim ist smart, der V-Körper ist überholter Kadaver.

Bei der Verschiebung des Maskulinitätsverständnisses ist Slimane aber nicht an einer Effiminierung interessiert, nicht an homosexueller Ästhetik, er ist nicht Dolce & Gabbana. Die Kleidersprache heterosexueller Herrengarderobe – und damit das Selbstverständnis heterosexueller Herren – greift Slimane nicht von außen an, sondern direkt aus ihren Reihen. Der Schilfrohrlook zielt eher auf Alain Delon als auf David Bowie, eher auf Mod als auf tuntiger Glamrocker. Slimanes Kollektionen eröffnen weniger das Spiel mit sexuellen Präferenzen, sondern das Spiel mit Machtverhältnissen. Die formelle Garderobe, der Anzug, verliert mit seinen gepolsterten Schultern, taillenferner Linie und breiten Revers auch seinen autoritären Uniformcharakter. Vergesst Hugo Boss. Damit erschüttert er nicht nur die Sicherheit, die die Anzugkonventionen der Old Economy bieten, sondern auch den Casual Friday-Look der New Economy, die sich fragen muss, welche semantischen Experimentierfelder traditioneller Modereferenzen sie in ihren Streetwear-Sweatshirts eigentlich verschenkt.

Debug: Hedi Slimane, haben Sie je in Berlin einen Menschen in einer ihrer Kreationen gesehen?
Slimane: Nein, in Berlin nie. Berlins einziger Zugang zu Haute Couture scheinen Accessoires zu sein, Handtaschen, Gürtel und Sonnenbrillen. Da soll das Bekenntnis zu Marken aber auch gleich durch besonders deutliche Firmenlogos herausgehängt werden, seltsam.

Debug: Aber genau den Menschen auf der Straße gilt Ihr Interesse? Wie sieht man in Dior Homme vor der Straßenkulisse aus.
Slimane: Ich arbeite mit diffizilen Verschiebungen, mit Details, die nur wahrnehmbar werden vor einer sehr formalisierten Folie, den klassischen Gesetzen der Herrengarderobe. Der Rahmen der Herrenmode ist so begrenzt, winzige Veränderungen haben massivste Auswirkungen. Dazu ist ein traditionsbewusstes Haus wie Dior perfekt – mit allen Implikationen von Elfenbeinturm, von Straßenferne, die das hat.

Debug: Ihr sichtbares Arbeitsgebiet sind die Proportionen?
Slimane: Es ist unbestreitbar so: Eine Konfektionsgröße für schmale Männer existiert nicht. Die Proportionen sind falsch. Körpermassige Männer brauchen keine Mode-Protektorat. Nicht von mir, sie kriegen’s von überall. Ich hab’s ganz dick mit den Dünnen. Wer dünn ist, ist den Kräftigen nicht unterlegen. Das betont meine Kleidung. Sie macht aus der dünnen Silhouette eine Stärke.

Debug: Und Ihr unsichtbares Arbeitsgebiet sind die Details?
Slimane: Klappen Sie mal Ihr Revers nach vorn. Sehen Sie? Eine einzige Fixiernaht. Hier mein Revers. Über die gesamte Innenfläche sind einzelne Stiche zur Fixierung verteilt. Mit meinem Sakko können Sie sich über die Reling schubsen lassen. Das sieht nach dem Trocknen wie neu aus. Ihres ist völlig aus der Form. Allerdings, aufknöpfbare Ärmelabschlüsse an Sakkos oder so etwas, das ist mir zu albern, das kümmert mich nicht. Man sollte aber so lange Lederjacke tragen, bis man ein handgeschneidertes Jackett findet, das wirklich sitzt.

William S. Burroughs:
Ein Jackett muss nicht teuer sein. Es muss nur gut sitzen.

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Elektronische Lebensaspekte.