Auf der Bread&Butter-Modemesse gähnte einen die Erkenntnis an: Die Streetwearmarken sitzen auf der Pausetaste des Klassiklooks. Am Rande mausert sich aber ein Look, ach was, eine Religion sogar, zum kommenden Winterstyle. Die Hippiemarken stehen mir ihrer ganz eigenen Klassik für die kommende Saison an vorderster Rampe.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 74

Ein Suffix macht sich chic

Hippie statt hip, konstatiert die Bread&Butter-Modemesse

Diesen Sommer versucht der Großteil der sonst so mutigen Streetwear-Marken nicht mal, trendsettig zu sein. Ein Geist der Defensive weht im Juli mit der strahlenden Sommerbrise um die Wette durch die Halle der Bread&Butter-Tradeshow in Berlin Spandau. Wenn Marken, die klassischerweise über alles, was irgendwie klassisch ist, als Frühvergreisung die Nase rümpfen (“Windsor kann man ja mal machen. Aber nur, wenn ich dazu regenbogenschillernde Gummistiefel trage …”), sich zurückhaltend klassisch präsentieren, dann spricht das von Orientierungslosigkeit. Klassik ist der Warteschleifen-Stil aller non-klassischen Marken. Klassik ist das, was als Hauptlinie auf der Bread&Butter sichtbar ist.
Die Streetwear-Marken auf der Bread&Butter schielen also für die übernächste Saison auf Windsor, Hugo Boss, Van Laak und all die anderen Cary-Grant-Erbverwalter. Daneben stehen in aller schlurfigen Gelassenheit aber ein paar Marken, die es gar nicht nötig haben, sich in die Warteschleife zu begeben. Marken, die zu einer Stil-Familie gehören, die selbst längst klassisch ist: der Hippie-Familie. Was ist klassischer als ein Stil, der, einmal hip gewesen, danach im Schatten einen elaborierten Formenkatalog ausdifferenzieren und festschreiben kann, der beim nächsten Durchbruch an die Fashion-Oberfläche als Gesetz dasteht, eben als klassisch? Seit den frühen 70ern unbehelligt von der Mode-Spirale – mit einer Ausnahme: Dexy’s Midnight Runners zur “Come on Eileen”-Phase 1983 – konnte aus dem Dornröschenschlaf der Hippie-Ästhetik ein Klassik-Selbstbewusstsein erwachen.

Der Hippie-Dreh
Während sich die ganzen vermeintlichen Hip-Marken auf eine defensive, adaptierte Klassik zurückziehen, stehen so die Hippie-Marken mit ihrer offensiven, ganz eigenen Klassik schlagartig an vorderster Rampe.
Die Londoner von Komodo (deren Deutschlandvertretung nicht zufällig auf dem platten Gurkenland in Parchim sitzt) hatten schon vor Jahren mit ihren Bastlatschen und ihrem Dickstrick von veterinär bestätigt glücklichen Tieren so unironisch den Hippie-Dreh drauf, dass die Fashionvictims vor soviel originalem Krümeltabak-Flair die völlig unhippiesken Preise akzeptierten. Jetzt geht der Stab weiter an den katholisch europäischen Biblebelt von Spanien über Italien nach Russland. B’Sbee, Moma und Artpoint sind die Marken auf der Bread&Butter, die darauf verweisen, dass das Hippietum eine Überzeugung, ja, eine Religion ist statt einer saisonalen Attitüde – und das genau deshalb zur Attitüde der Wintersaison werden dürfte.
In Spanien gibt es – wie sonst nur in Italien – den Typus des Crusty mit Grandezza: silbergrauer 5-Tage-Bart, weißes D’Artagnon-Leinenhemd, schwarze Fußnägel und immer ein Ei baumelnd aus der Second Hand Tennisshorts. Das hat unbezweifelbar Style (und ist partout nicht zu verwechseln mit dem Teil der englischen Drum&Bass-Fraktion, der mit Sonnenräder-Tattoos, schütteren Dreadlocks und zerschlurften XXL-T-Shirts auf garantiert ökologisch gewonnenem Speed über die eingebildeten Stoppelfelder der Prä-Zivilisation kriecht). Aus dem Crusty-mit-Grandezza-Geist erwächst bei B’Sbee eine Winterkollektion, die den Ur-Büffel in den Porzellanladen stellt, ohne dass der dort etwas zerbrechen würde. Materialgerechtheit, Funktionalität, achtsame Verarbeitung, der gradeste Weg ist der schönste: Nach diesen Maßstäben hat auch schon das Bauhaus seine Werkssiedlungen entworfen. B’Sbee strickt daraus Pullover, Jacken, Kleider, Mützen aus dicksten Wollsträngen, die dennoch anti-schlabbrig körpergenau geschnitten sind, und in handgefärbten Tönen, die dennoch nie danach aussehen, als ob Lila ihre Lieblingsfarbe wäre. Damit leistet ihr Hippie-Chic einen wichtigeren Beitrag zur Grenzirritation zwischen opponierenden Welten als das erste T-Shirt mit dem Strasslogo von Chanel. Die Non-Leder-Schuhkollektion der Italiener von MOMA laviert durch das ungnädige Dickicht von Entenschuh aus der Dorfkommune und Schnabelschuh aus der florentinischen Renaissance. Ihre weiße Patina-Übertünchung ruft das ewige Hippie-Memento-Mori aus: Wasche nie den Kalkstaub von deiner Haut, denn zu Staub sollen wir alle werden. Wie ausführlich MOMA in ihrer gleichnamigen Modezeitschrift dieses Credo diskutieren, kann ich allerdings nicht sagen. Artpoint bedienen sich dagegen bei der völlig unpatinierten Farbpalette der Spätgotik – nur Gold fehlt. Saftige Grundfarben schneidern sie zu asymmetrischen Gaukler-Kostümen, bunt geschichtet, mit Außennähten kreuz und quer, die oben und unten genauso verwischen wie Ernst und Ironie. Falls man mir erlaubt, das in einer Zeitung für elektronische Lebensaspekte anzumerken: Die englische Neo-Folk-Band “The incredible string band” sportete auf ihrem ’68-Album “Hangman’s beautiful daughter” einen ähnlich dopen Style. Wie wohl der Wu Tang Clan aussehen würde, wenn er statt der Shaolin-Mönche die Bänkelsänger für sich entdeckt hätte? Und das ist nur eine von vielen heiter inspirierenden Fragen, die diese ureigenste Hippie-Klassik aufruft …

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.