Die Modeszene im Wandel – Debug sprach mit Daniela Görgens, Geschäftsführerin und Designerin des Kölner Labels Little Red Riding Hood, über schöne Biester, neue ästhetische Kanäle und den Hunger nach Außergewöhnlichem.
Text: Melanie Erkens aus De:Bug 81

Flucht nach vorn
Little Red Riding Hood

Berlin hat eine Prachtmeile. Zumindest den Versuch davon. In der Friedrichsstraße strengen sich die Boutiquen von Hermès, Escada, Gucci, Etro an, mindestens so gleichgültig gegenüber den Berlinern zu tun, wie die es ihnen gegenüber sind. Ein typisches Berliner Märchen eben. Nirgends haben Luxus und Style so wenig miteinander am Hut wie in der Hauptstadt. Damit das Märchen doch noch einen guten Ausgang nimmt, eröffnet das Kölner Modelabel ”Little Red Riding Hood“ seine Repräsentanz am oberen Ende der Friedrichsstraße. Mit ihrer Mode, die wehendes Fetzen-ChiChi und waghalsige Materialmixe für Pömps- genauso wie für Sneaker-Trägerinnen durchdenkt, vermitteln sie zwischen dem alten Westen mit seiner vergreisten Etikette und dem Osten mit seiner lümmeligen Zwangsjugendlichkeit. Trotzdem steht’s auf der Kippe, ob sich ihr Wille zur Verzauberung nicht an einem Eskapismus-Missmut die Zähne ausbeißen wird. Denn ”Zauber” heißt hier inzwischen meistens ”fauler Zauber” – entgegen aller ”Modestadt Berlin”-Herbeirederei.
Ein Komplett-Paket zum Thema ”Märchen“, das einen auf andere Gedanken bringt, bieten sie zumindest in einer Mischung aus Mode, Musik und Kunst an. Sonst bleibt immer noch das Ausland …

Debug:
Jedes Märchen beginnt mit “Es war einmal …” Wie beginnt denn die Geschichte von Little Red Riding Hood?
Daniela Görgens:
Nach meinem Diplom als Modedesignerin und zwei Jahren bei Walter van Beirendonck hatte ich irgendwann Angst, den Mut zum eigenen Label zu verlieren, und bin einfach ins kalte Wasser gesprungen. Also hab’ ich der Behörde 1999 die Geburt vorschriftsgemäß mitgeteilt und versiegelt. Im ersten Jahr wurde der Name auf einer 250qm großen PV-Plane verlautet und “One outfit ready to wear” in limitierter Auflage geschneidert. Ein Jahr später entstand die erste Kollektion.

Debug:
Du beschreibst eure Kollektionen als multilinguale Neuzeitmärchen …
Daniela Görgens:
Das ganze “Little Red Riding Hood”–Kollektiv ist fasziniert von der Frage: Wer ist die Schöne, wer das Biest? Und der Antwort: Auch Rotkäppchen hat scharfe Zähne. Also haben wir “Le Petit Chaperon Rouge” von Charles Perrault als Ausgangspunkt gewählt und setzen diese Geschichte in neue Kontexte. In der Kollektion “Tales of Tomorrow” beispielsweise hält sich Little Red Riding Hood in einer Science-Fiction-Welt auf, in der Klonwesen und abstrakte Räume eine Symbiose eingehen.

Debug:
Mit “Tales of Tomorrow” habt ihr auch Videokunst, Musik und Mode verbunden …
Daniela Görgens:
Wo andere Designer Catwalk-Shows als Darstellungsform nutzen, machen wir unsere Filmverwirklichungen. Die sind für jeden zugänglich und man hat jahrelang was davon. Märchen ohne Bilder, ohne Phantasie und ohne Träume – das funktioniert einfach nicht.

Debug:
Ihr habt vor kurzem bei Trendvision ausgestellt, einer Kombination aus Kunst und Mode – wie wichtig sind solche Präsentationsformen für euch?
Daniela Görgens:
Mode hat in Kombination mit Shows sehr viel mit Spektakel und Glamour zu tun, schon alleine deswegen sind lebendige Darstellungsformen sehr wichtig, auch für die Presse. Die Leute unterhalten sich lange über solche Events und jedes Kleidungsstück trägt eine besondere Erinnerung in sich.

Debug:
Im März eröffnet euer eigener Multilabel-Store in Berlin, der ebenfalls ein Mischkonzept bietet – was ist das Besondere daran?
Daniela Görgens:
Der Store ermöglicht es, sich nicht nur auf einen ästhetischen Kanal festzulegen. Wir wollen verzaubern, und zwar in allen Bereichen – nicht nur mit Mode, sondern auch mit Büchern, Kosmetik, Kunst und Musik.

Debug:
Wie setzt sich euer Programm zusammen?
Daniela Görgens:
Unser Store besteht aus zwei Etagen, quasi der Ober- und der Unterwelt. In der Oberwelt findet man Ausstellungen, die im Dreimonatsrhythmus wechseln – Fotografie, bildende Kunst, Videoinstallationen, Skulpturen und was uns und den Künstlern noch so einfällt. Die Unterwelt ist der Sales-Floor. Hier verkaufen wir unser festes Sortiment an Labels wie Dirk Bikkembergs, Gibo, Fred Perry, Nike oder Blue Blood. Außerdem präsentieren wir, ebenfalls im dreimonatigen Wechsel, Musik, die für uns von A-Musik zusammengestellt wird, Bücher und neue Fashion-Designer wie Pisces aus Berlin, denen wir eine Ausstellungsfläche im kommerziellen Kontext anbieten. Unser Programm ist der Wechsel.

Debug:
Warum habt ihr euch für ein Mischkonzept entschieden?
Daniela Görgens:
Das Spannende ist, aus verschiedenen Dingen zu kombinieren. Das macht doch Individualität aus. Bei uns findet man alles, auch fürs kleinere Portemonnaie. Mittlerweile ist es wichtig, durch ein selektiertes Sortiment unterschiedlicher Bereiche eine eigene Aussage anzubieten. In Paris und Tokyo funktioniert das schon länger. Es ist wichtig, Glanz ins Leben zu bringen. Mode unterstützt eine Ausstrahlung, zu der manchmal Mut gehört. Diesen Mut wollen wir unseren Kunden machen.

Debug:
Was muss Mode – vor allem die kleinerer Labels – leisten, um Käufer zu gewinnen?
Daniela Görgens:
Neben individuellen Ideen und einer kontinuierlich guten Qualität ist auch die Organisation sehr wichtig. Das ist ja nicht nur alles Glamour. Vom ersten Stich bis zum Kunden ist es ein langer Prozess. Unsere Praktikanten sind oft enttäuscht, weil sie nicht nur die Glanzwelt des Designs erleben. Aber wir machen eben alles selbst – dazu gehören auch trockene Dinge wie Wareneingänge und Ausgänge oder das Zählen von Kartons.

Debug:
Was verändert sich gerade in der Indie-Modeszene?
Daniela Görgens:
In den letzten Jahren war die Risikobereitschaft im deutschen Einzelhandel eher verhalten. Aber langsam schöpfen die Leute wieder Mut und begehen die richtige Flucht nach vorn. In dieser Zeit habe ich auch beschlossen, den Laden aufzumachen. Es entstehen viele neue Foren für die individuelle Modeszene in unserem Land, die auch in den eigenen Reihen endlich mal ernst genommen wird.

Debug:
Woran liegt es, dass ihr im Ausland immer noch mehr verkauft als in Deutschland?
Daniela Görgens:
Das Ausland ist der Lockvogel für das Heimatland, da die bunten Vögel “Indie-Labels” in Modestädten wie Paris, Mailand oder London Futter suchen. Nur aus dem Ausland heraus kann man im eigenen Land für Furore sorgen. Ein Händler aus Deutschland hat mich mal damit vertröstet, dass er sich lieber im Ausland nach Indies umschaut. Als er uns dann später in London gesehen hat, meinte er “What a nice collection!” Danach hat er geordert. Man muss halt immer dranbleiben. Ich glaube nämlich, dass die Leute hier auf der Straße ganz ausgehungert sind nach Außergewöhnlichem.

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Elektronische Lebensaspekte.