Während alle ohne die Gnade der späten Geburt mit dem 80er Retro ihre eigene Geschichte recyclen, wird uns das nächste Retro mit der Elterngeneration aussöhnen: die 50s. Mode mit pädagogischem Mehrwert.
Text: jörg henning | bot7@itwars.ne aus De:Bug 50

Was kommt nach den 80ern?
Die 50s

Jetzt also wieder die 50er. Die Zeit, in der sich meine Eltern wahrscheinlich in einer westdeutschen Italo-Eisdiele mit hübschen Plastik-Tischdecken bei einem Spaghetti-Eis kennengelernt haben, wilde Rock’n’Roll Parties feierten und sich Tag für Tag ein wenig mehr für immer ineinander verliebt haben. Kitschig, oder? Aber nachvollziehbar. Sie hatten eine gemeinsame, nicht zu große Vision. Nach dem Krieg wohin man blickte Chancen, Aufbruchswillen und gute Laune. Das muss eine gute Zeit gewesen sein. Die Frauen durften zurück an den Herd. Der Mann kroch zurück in die Rolle des Einzelverdieners und brachte Geld ins Haus.
Visuell sind sie jetzt wieder da, die Fünfziger. In London heißt der neue Star der Modeszene Markus Lupfer, ist 1969 geboren und kupfert fleißig aus dem Fotoalbum seiner Eltern ab. 50s Rock meets 80s Trash. “Viel schwarzes Leder und übergroße Jackets treffen auf weitschwingende Karo-Röcke und züchtig zugeknöpfte Hemdblusen. Mit Farben hält sich Lupfer zurück: Strenge Schwarz-Weiß-Kontraste stehen im Vordergrund!” Klingt das Neu? Nein. Wie funktioniert das dann? Manche glauben, das sei ein Signal zurück zu den Werten von einst? Es gibt da schon Parallelen. Gewagte zumindest. Denken wir einfach mal wieder unser Lieblingsthema New Economy. Die Lage: Totalzusammenbruch. Menschen, die gestern noch versprachen, die Welt sei bald erobert, jammern heute, wenn sie das Wort Internet nur hören. Unendliche Reichtümer wollten sie anhäufen. Natürlich wollten alle daran glauben, dies war keine kleinkarierte, langweilige Vision vom trauten Glück daheim. Kein jahrelanges Abrackern bis zum Rentenalter, sondern der schnelle und glatte Erfolg und dann schnellstmöglich auf und davon. Die Ideale waren längst zerschlagen, der Zusammenbruch erledigte den Rest. Nirgends mehr ein Hoffnungsschimmer?

50s Panzer gegen Megacrash

Sollte dieses Fünkchen aus der Mode kommen, die uns an die Werte von einst erinnert? Die gleichen Leute, die im Punkrevival keinen Rebellionswillen, sondern nur Ästhetik wieder gefunden haben, finden jetzt in den 50s ein paar einfach Werte, die sie beschwörend vor Megacrashs schützen? Zurück zur Kirche? Hier wäre der soziale Impact von Mode wohl etwas zu überbewertet. Retro, das erscheint hier eher als logische Folge eines seit Ewigkeiten immer gleichen Ablaufs, von Kollektion zu Kollektion, von Saison zu Saison: die Aneignung alter Stile zu neuen. Trends und Ideen gibt es überall. Eines Tages, wenn wir schon nicht mehr dran denken, wird dann auch jemand die erste Kollektion dieses Jahrtausends machen. Damit kann man rechnen. Ziemlich wahrscheinlich dann, wenn wir nicht mehr alte oder größenwahnsinnige oder utopische Träume leben wollen, sondern tatsächlich die neuen. Vielleicht schon im Winter 2001, vielleicht ist aber auch Lupfer unser Mann. Wie immer bleiben der Mode jedoch noch zig Epochen für noch mehr Retro. Bis zum Neandertalerstyle.

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Elektronische Lebensaspekte.