Stephan Schneider ging nach Antwerpen, um von seinen belgischen Modevorbildern zu lernen. Jetzt gilt er selbst als Begründer einer neuen "Reality Fashion", die sich an der modischen Realität von Türsteher-Opfern orientiert. Alltäglicher als alltäglich, gewöhnlicher als gewöhnlich aussehen und so einen Gegenpol setzen, ohne Mainstream zu sein.
Text: Melanie Erkens aus De:Bug 72

Held des Alltags
Stephan Schneider aus dem jungen Antwerpen

Antwerpener Mode ist Heroin für den Laufsteg. Radikal, authentisch und widerspenstig sagt hier Ende der Achtziger eine Generation von Sonderlingen dem Massenmarkt den Kampf an und leistet Pionierarbeit für das, was die belgische Hafenstadt heute ist – ein berauschender “Hotspot in Fashion”. An vorderster Front die berüchtigten “Sechs aus Antwerpen”, darunter Dries van Noten, Dirk Bikkembergs und Walter van Beirendonck. Wer nach ihnen die Royal Academy absolviert, hat mit dementsprechend hohen Erwartungen an Innovation zu kämpfen. Einer von ihnen ist Stephan Schneider. Der gebürtige Duisburger beendet 1994 sein Studium als Klassenbester und wird mit einem Stand bei der Pariser Modewoche belohnt. “Das Besondere meiner Abschlusskollektion? Sie war überhaupt nicht belgisch und gerade deswegen wieder sehr belgisch”, erklärt Schneider seinen prompten Erfolg. Seine Stücke sind weder zerrissen noch gewaschen. Kein Vintage, aber auch kein Chic. Als Belgien aus dem Underground zum Establishment avanciert, will er vor allem eins: einen Gegenpol setzen – also entwirft er durchschnittliche Mode.

Die Woolworth Avantgarde
“In den Achtzigern hat Mode schockiert. Ich bin aufgewachsen mit In-Diskotheken und Türstehern, die nur die Elite passieren ließen. Das war eine Mode im Sinne von Erniedrigung. Ich sehe Mode aber als Dialog. Wir leben in einer Street-Culture. Wir haben House-Partys, auf denen 40.000 Leute zusammen tanzen, Fußballfans mit Gays – eine demokratische Menge. Das ist für mich Durchschnittlichkeit: Ein gemeinsamer Nenner, den ich sensibilisieren möchte.” Doch wer Schneider trägt, muss ein bisschen tapfer sein. Bei aller Liebe zur Durchschnittlichkeit: Mainstream produziert er nicht. Viel eher spürt er Atmosphären aus dem vermeintlich langweiligen Alltag auf und nutzt modische Gemeinplätze als Inspiration, indem er sie in Frage stellt. Er entwirft aufwendige Passformen, verwendet für Männer und Frauen die gleichen Stoffe oder wählt Farben, die schwer kombinierbar sind. Beschränkungen kurbeln seine Kreativität an. Schneider selbst beschreibt seine Mode bescheiden als Woolworth-Avantgarde. Dabei ist er Begründer eines ganz neuen Typs von “Reality Fashion”. So wirft auch seine aktuelle Kollektion “Influential Repeat / Sprinkled Boredom / Confidential Fate” einen nachdenklichen Blick auf den Status Quo der Gesellschaft: Tops mit dem Aufdruck “Repeat” signalisieren die Wiederholung modischer Trends, Horoskope und Slogans wie “Who will I meet?” blindes Vertrauen in die Astrologie. Ein weiteres Symbol ist der Rasensprenkler. Er erinnert Schneider an seine Eltern, die im Garten der Bewegung des Wasserspenders folgen – ein Mittelklasse-Gefühl der Leere.
Seine eigenbrötlerischen Entwürfe verschafften dem Designer in diesem Jahr einen Platz in der Modebibel “Fashion Now”. Nun darf er sich offiziell zu den derzeit 150 aufregendsten Modemachern zählen. Das Geschäft läuft gut: Weltweit werden seine Kollektionen in über 70 Shops vertrieben, in Antwerpen und Tokyo besitzt er eigene Flagshipstores. Asien ist übrigens sein größter Markt. Schließlich wollen die Japaner in jeder Situation fashionable sein – morgens bei der Arbeit, abends im Restaurant und nachts im Club. Mit Schneiders Stücken sind sie für alles gewappnet. Oder, um es in seinem Sinne auszudrücken: Sie sehen damit jederzeit so gewöhnlich aus, dass sie außergewöhnlich aussehen.

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Elektronische Lebensaspekte.