Die Zeiten, als in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens "Boy"-Laden Musik, Mode und Underground unzarte Bande spannen, sind lange vorbei. Anders als die Designer-Punks zeigte sich die elektronische Musik gerne fashion-resistent. Das beliebteste Kleidungsstück war der Underground-Resistance-Hoody. In bester Slacker-Manier fröhnte man mit Trainingshosen gegen jede Mode der Funktionalität. Dann kam Electroclash, und damit hielt Mode wieder Einzug. Selbstdarstellung statt Techno-Indifferenz heißt nun die Devise. Musik und Mode umarmen sich so innig wie lange nicht mehr. Zweckverbindung oder Überzeugungstat? Um das zu klären, rollen wir das Feld von hinten auf.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 86

Passt nicht gibt’s nicht!

“You can do anything, but don’t step on my blue suede shoes.” Schon ganz zu Anfang, als die Jugendindustrie gerade erst erfunden wurde, stellten Carl Perkins und Elvis unmissverständlich klar: Mode ist von Musik nicht zu trennen. Eine harmonische Beziehung führten Mode und Musik die letzten 50 Jahre aber nicht. Halb zog die Mode die Musik, halb sank die Musik hin. Dafür schämte sie sich die meiste Zeit. Aber das ist jetzt vorbei.

Mode vs. Stil
Mode ist nicht gleich Mode. Aus Sicht der Musikszene schon mal gar nicht. In den 50ern fiel bereits eine Grundsatzunterscheidung: Marlon Brando in Motorradleder oder Elvis im weißen Paillettenanzug? Straße oder Las Vegas? Puritaner oder Katholiken? Letztlich: Anti-Mode oder Mode?

Innerhalb Musik-zentrierter Jugendbewegungen hat diese Frage zu den beiden Modellen Slacker und Dandy geführt. Beide Modelle verstehen sich als Anti-Establishment, verfolgen aber getrennte Strategien. Dem Slacker gilt Mode als zugespitztes Phänomen kapitalistischer Affirmation, der Dandy ist ihm verdächtig als reines Fashion Victim. Der Dandy hingegen ist sich sicher, er provoziert die etablierte Welt durch Übererfüllung ihrer Etikette. Der Slacker verschenke in seiner Modeablehnung doch nur eine kontroverse Repräsentationsfläche. Beatniks, Hippies, Punks (Gossen-Variante) sind die Vorläufergenerationen des Slackers, Raver und Clubber sein Sidekick. Das Dandy-Modell verfolgen Rockabillies, Mods, Punks (Fashion-Variante) und eine breite Fraktion der HipHop/R&B-Welt.
Die Anti-Mode der Slacker bedient sich bei Straße, Sport, Militär, Gefängnis (Arschhängerhosen). Bereichen also, in denen Kleidung möglichst funktional, kostengünstig, langlebig sein muss. Mode hingegen sagt: Ich habe minimalen Gebrauchswert, eine lächerliche Halbwertzeit und maximalen Preis. Die Anti-Mode bildet sich ein, schwer versöhnliches Gegenteil zu dieser reinen Repräsentationskleidung der Laufsteg- und Hochglanzmagazine-Modewelt zu sein. Diese Trennung in Stil und Fashion macht Sinn, wo es in Abgrenzung zu Hochglanzmagazinen darum geht zu behaupten, dass dezidiertes Aussehen nichts mit Luxus zu tun hat, sondern eine Frage der Haltung, des Wissens ist. Sie ist aber unsinnig, wo sie komplett ignoriert, dass es wie in der Musikbranche auch in der Modebranche so etwas wie eine Indieszene jenseits der Hochglanzmagazine gibt.

Der letzte oppositionelle Musikstil, der dafür ein Bewusstsein hatte und Mode als offensiven Kommentar nutzte, war Punk/New Wave. Am sichtbarsten war das in den Kombinationen Vivienne Westwood und Malcolm McLaren in England, Steven Sprouse und Blondie in den USA. Danach profilieren sich in den 90ern dies- und jenseits des Atlantiks zwei Maßstäbe setzende Musikszenen, die völlig unterschiedlich mit dem Thema Mode umgehen: HipHop/R&B in den USA, Techno in Europa.

Bist du Rapper, bist du Designer
Wie im Rock’n’Roll herrscht auch in HipHop schon immer ein starkes Bewusstsein für modische Zeichen. Den “Blue suede shoes” entspricht hier das “My Adidas” von Run DMC oder das “Put your Fila’s on” von Schoolly D. Aber sie ist ein Stil, der sich der Hochglanzwelt nicht entgegenstellt. In keiner anderen Szene als der HipHop/R&B-Welt gibt es so viele Musiker, die ein eigenes Modelabel führen, mit dem sie ihre Variante des HipHop-Stils in die Fashion-Welt integrieren. Der Wu Tang Clan leistete mit “Wu-Wear” ebenso wir Russell Simmons mit “Phatfarm” Pionierarbeit, gefolgt von Marken wie Jay Z’s “Rocawear”, P. Diddys “Sean John”, Pharrell Williams “Billionaire Boys Club” und unzähligen anderen. Den HipHop-Stil in Boutiquen, auf Laufstege und Hochglanzseiten zu hieven, führt zu einer Aussöhnung mit der Fashion-Welt. Stil und Fashion sind nicht mehr Antagonisten, unter dem wirtschaftlich greifbaren Etikett “Streetwear” bilden sie die dynamischste Allianz, die je von Musikseite initiiert wurde. Mode und Musik scheinen hier aus Überzeugung verbündet.

Das hat auch Auswirkungen auf die Ästhetik der Klamotten. Label wie Phatfarm oder Sean John navigieren immer stärker weg von den ursprünglichen Quellen hin zur klassisch bürgerlichen Garderoben-Vorstellung. Keine oversized Baseball-Hemden und Baggypants mehr, sondern pastellige, indienbestickte, elegant-dezente Stricksachen wie aus früheren Kollektionen von Fiorucci oder Armani. Das neu gegründete New Yorker HipHop-Magazin “America” versucht gleich den Schulterschluss zwischen HipHop/R&B-Portraits und Haute-Couture-Modestrecken und koppelt Artikel zu Kelis mit Bundfalten-Hosen von Boss und Zweireiher-Sakkos von Martin Margiela. Streetwear erobert nicht nur die Institutionen der Fashion-Welt, die Fashion-Welt wirkt auch ästhetisch auf die Streetwear-Entwicklung zurück. Streetwear wandelt sich zu “Urban Wear” und bietet der Modebranche eine neue, enorm breite Zugriffsfläche für Produkt- und Image-Innovationen.

10 Jahre UR-Hoody
In Europa sieht das anders aus. Das Star- und selbstdarstellungsskeptische System Techno mit seinen Ravern und Clubbern hat das anti-modische Funktionalitätsprinzip des Marlon-Brando-Stranges verfolgt, im Falle des Underground-Resistance-Hoodies sogar zur Religion erhoben. Dazu musste es aber erst einen modischen Super-GAU in der Technowelt geben. Anfang der 90er entwickelten Marken wie Scotch & Soda, Home Boy, Sabotage, Mecca, Buffalo eine dezidierte Techno-Klamottenästhetik, die in ihrer Kombination aus Funktionalität, ausgeprägten SciFi-Referenzen und Sexiness (für alle Geschlechter) einen Zwitter aus den Forderungen von Fashion und Stil schaffte. Diese “Clubwear” repräsentierte Techno, als es sich über die “ravende Gesellschaft” zum Freizeitzirkus blähte. Wer mehr von Techno erhoffte als eine Verjüngung des Karnevals, musste sich zwangsläufig von der Clubwear distanzieren. Seit dem Ende der ravenden Gesellschaft sind Raver und Clubber Slacker. Je avancierter die Clubmusik ist, je mehr sie sich als Underground/Subkultur versteht, desto Fashion-resistenter sind die Kleidungsstile.

Die Klamotte mit der größten Signifikanz in der europäischen Club-Welt ist wahrscheinlich die zweite Hälfte der 90er über der Kapuzenpullover mit dem “Underground Resistance”-Schriftzug. Clubber und Raver wissen: Feiern ist produktiv und gegenkulturell. Stil bleibt Stil und wir bei Camouflage, Hoodys und Trainingshosen. Diese avancierte Club- und Rave-Szene gilt als jugendliche Leitkultur in Europa. Hier wäre Imagegewinn zu erzielen für die Modebranche. Aber die Slacker-Haltung macht Kollaborationen schwierig, Anbiederungen von außen extrem unglaubwürdig.

Deutschland im Jahre Null
Um 2000 beginnt in dieser Szene eine kleine Revolution. Als integer empfundene Produzenten/Musiker wie Miss Kittin & The Hacker, Chicks on Speed, Zombie Nation setzen plötzlich auf außermusikalische Zeichen, auf Performance, auf Klamotten. Das 80er-Revival/Elektroclash hebt die Techno-Indifferenz gegenüber Selbstdarstellung auf. Und in eine Szene, die gerne über fehlenden Klamotten-Stil hinwegsah, bricht plötzlich eine Fashion-Euphorie herein. Seit 80er-Retro/Elektroclash hat Europa an die USA-Entwicklung aus dem HipHop/R&B-Feld angeschlossen. Und die Modebranche hat den Haken, an den sie anbeißen kann. Aus der Musikszene entwickelt sich der “Berlin Style”, der zeitgleich zu Vivienne Westwoods Dozentur an der Berliner Universität der Künste gegen das frühere Funktionalitäts- und Gebrauchswert-Diktum der Techno-Szene flatterige Fetzen-Looks, Stöckelschuhe, runtergerockte Looks zu Pret-à-Porter-Preisen in Stellung bringt.

Fashion-Punk und Dandy-Modell erobern die Techno-Welt. Schrillbunte, abgewrackte Anti-Etikette wird zur neuen Etikette, zur dezidierten Fashion mit einer Unzahl an Labels, Boutiquen und neu aufgelegter “Neue Deutsche Welle”-Compilations zur Laufsteg-Beschallung. “Juche” und “Oh weh” liegen hier allerdings weitaus näher beieinander als bei der Urban Wear der HipHopper. Das neue Bewusstsein für die Aussagestärke von Klamotten hebt die alten Slacker-Bedenken gegen Fashion nicht reibungslos auf. Wird hier nicht nur ein neuer Goldesel gesucht, weil die Musikindustrie in ihrer Krise keine Anzeigengelder mehr ausspuckt? Ist nicht nur ökonomisch begründet, was als kulturelle Konventionsüberwindung gefeiert wird?

Die Modebranche
Während die Musikszenen und ihre Medien noch mit den (ur-)alten Produkt- und Konsum-Vorurteilen gegenüber Fashion ringen und damit, wie man gegen diese Aspekte Zeichen setzt, könnten die Bedingungen aus der Perspektive der Modebranche gar nicht unproblematischer sein. Sie hat wirtschaftlich nichts zu verlieren, aber Image-mäßig eine Menge zu gewinnen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber der Musikwelt, die sich schmerzlich bewusst ist, was sie wirtschaftlich gewinnen muss, aber nicht so sicher, wo ihr Imagevorteil liegt.

Der Erfolg von Bread & Butter (und selbst der “erwachseneren” Messe Premium) wäre ohne diese Öffnung einer Fashion-erweckten Musikwelt nicht denkbar. Bread & Butter hat sich von der miefigen Messe “Interjeans” abgekoppelt. Sie konnten nur so groß werden, die Interjeans locker abhängen, weil sie sich des Image-Potenzials aus der Musikwelt bewusst waren. Die Club-Leitkultur war über Elektroclash plötzlich verfügbar geworden. Avancierte Label, Musiker, Clubs, DJs und Magazine hatten ihre Berührungsängste aufgegeben und waren bereit, ihre Kompetenz in Sachen Stil mit der Kompetenz der Bread & Butter in Sachen Fashion zu koppeln: Jazzanova, Compost, Mental Groove, WMF, Vice, De:Bug, Spex, … Synergie, Win/win. Wer gegen diese Begriffe weiter wettert, gilt als hoffnungslos verbohrter ewig Gestriger, der doch bitte seinen UR-Hoody zum Flickschneider bringen soll. Und selbst die Premium, die sich mit ihrem exklusiven, luxuriösen, “bürgerlich-erwachsenen” Programm eines Rückhalts aus der klassischen Fashion-Welt sicher sein sollte, kommt an den gleichen Imagelieferanten wie die Bread & Butter nicht vorbei: der jugendlichen Club- und Indiemusikwelt. Deshalb wird auch die Premium diesen Herbst eine Musikmesse für unabhängige Clubkultur ins Leben rufen, die “Premium Music”.

Wie haben wir’s denn so?
Die Modeindustrie ist also gerade extrem offen und flexibel und anschlusssüchtig. Die avancierte Club- und Indiewelt hat dank Electroclash/80er-Retro ihre dogmatischen Vorbehalte gegenüber der Fashion-Welt verloren, die Streetwear nähert sich immer mehr der bürgerlichen Herren- und Damengarderobe an und die Modebranche sucht nach einer Möglichkeit zu expandieren. Ob dieser Tanz ums goldene Kalb zum Ringelpietz mit Anfassen oder zum Schlammcatchen wird, ob lediglich temporäre Zweckbündnisse gesucht und weggeworfen werden oder ob sich dauerhafte Sympathien festigen, könnte spannender werden als die Qualifikation für die WM 2006.

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Elektronische Lebensaspekte.

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