Verachtungswürdige Produktionsbedingungen und unverschämte Gewinnmargen: Mode ist keinen Deut besser als die Consumer Electronics. Egal ob das T-Shirt fünf oder 350 Euro kostet. Doch langsam setzen einige Designer auf Entschleunigung, Nachhaltigkeit und Transparenz.

Der größte Fashion-Moment des Jahres war der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza. Das ist nicht zynisch gemeint. 1.127 Arbeiter in Bangladesch mussten Ende April auch deshalb sterben, weil gegen alle Bedenken, und ausschließlich der Rendite verpflichtet, der Hunger westlicher Konsumenten nach billiger Wegwerfkleidung gestillt werden muss. Das traurige Ereignis mutet in der Geschichtsschreibung der Eco-Fashion schon jetzt an wie eine Grundsteinlegung. Auf den Trümmern könnte ein neues, durchsichtiges, offeneres Gebäude entstehen, durch das ein frischer Wind saust.

Von Wulff bis Snowden entwickelt der Ruf nach Transparenz zuletzt eine politische Schlagkraft, die offenbar positive wie negative Rückschlüsse zulässt. Besonders wenig mit ihr anfangen kann der in Deutschland lehrende Philosoph Byung-Chul Han. Die “totale Ausleuchtung” führe zu einer “besonderen Art seelischen Burnouts“, schreibt er gleich auf den ersten Seiten von “Transparenzgesellschaft“, seiner kurzen Zustandsbeschreibung aus dem letzten Jahr. Er bezeichnet diese als pornografisch und auch als totalitär. “Das gesellschaftliche System setzt heute all seine Prozesse einem Transparenzzwang aus, um sie zu operationalisieren und zu beschleunigen.” Han, seit seiner ebenso kurz gehaltenen Gesellschaftskritik “Müdigkeitsgesellschaft” als Philosoph der einfachen Wahrheit bekannt, bringt auch das aktuelle Symptom auf eine pointierte Formel: “Ausleuchtung ist Ausbeutung“. Und auch zur Noblesse hat er einen Satz parat: “Die Transparenz ist nicht das Medium des Schönen“, bedauert er.

Blabla

Lieferketten & Preiskalkulation

In dieser schönen Welt der Kleidermoden pendelte der semantische Bezugsrahmen von Transparenz bis vor kurzem zumeist zwischen Verhüllung und Verführung: durchsichtige Kleider, sich raffiniert dahinter verbergende Körper, angedeutete Geheimnisse, mit luxuriösem Material bedeckt. Und nun: Lieferketten und unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. Wörter, die Karl Lagerfeld oder Miuccia Prada zwar noch nicht in den Mund nehmen, aber die sie immer öfter hören müssen. Auch wegen Bruno Pieters. Der belgische Designer hat eine steile Karriere gemacht. Er designte drei Jahre lang für das Label Hugo by Hugo Boss. Dann hatte er genug, machte ein zweijähriges Sabbatical in Indien und kam zurück mit einer Vision. Er wollte gar keine Mode mehr machen, und nun macht er die revolutionärste Mode, die es gibt. “Honest by” heißt sein neues Label und verspricht nicht weniger als absolute Transparenz. Vom Garn bis zum Gewinn legt Pieters jegliche Details der Herstellung seiner eigenen Kollektionen, sowie die im Webshop verkauften “Honest by“-Kollektionen jüngerer Designer, offen. Unter jedem Produkt finden sich Materialinformationen, Produktionsdetails und Preiskalkulation. Nicht nur, wo die Stoffe entwickelt wurden, sondern auch wie der Preis eines Kleidungsstückes sich genau zusammensetzt, ist dort gelistet. Das Scrollen durch den Webshop wird zu einer aufregenden, bisher unvergleichlichen Aktion. Es ist, als sähe man hinter die Kulissen einer Traumfabrik. So liegt etwa eine sandfarbene Leinenhose aus Biobaumwolle aus der “Honest by Bruno Pieters“-Kollektion bei 83,64 Euro Materialkosten. Verkauft wird sie für 709,35 EURO. Wie es zu diesem Sprung kommt, kann jeder Käufer detailliert nachlesen.

Bruno-Pieters
Informationen & Interessen

Nun ist das Label von Pieters wahrlich klein, doch die Größe der Überschreitung, die der Designer vornimmt, kann gar nicht überschätzt werden. In der altehrwürdigen Welt der Mode hat Transparenz einen ähnlichen Klang wie das Wort Doping bei der Tour de France. So genau man das fertige Produkt im Licht betrachtet, so gerne schaut man bei den Produktionsbedingungen weg. Die Zeiten sind vorbei, in denen traditionelle Modehäuser automatisch die hohe Qualität liefern konnten, die die Luxusindustrie auszeichnen sollte. Die Geschichten von Schiffen, die in italienischen Häfen stehen, um auf ihnen unter schlechten Arbeitsbedingungen Teile zusammenzunähen, in denen dann “Made in Italy” steht, häufen sich. Und kann man das einer Branche vorwerfen, deren DNA sich aus dem “schönen Schein” zusammensetzt, deren fantastische Aufgabe es ist, künstliche Oberflächen zu entwerfen, die der stumpfen Realität entgegenstehen. Um schön zu träumen, muss man die Augen verschließen. Zum Teil ändert sich das gerade: Auch das Unternehmen Nike tut sich, als Reaktion auf den verheerenden Imageverlust durch die Aufdeckung von Kinderarbeit in Asien in den 9″er-Jahren, seit Jahren an der Front der nachhaltigen Mode hervor. Im Juli 2″13 haben sie die App “Making” vorgestellt, ein leicht handhabbares Tool für Designer, das Materialien anhand von Kriterien wie Energieverbrauch, Treibhausgas-Emissionen, Wassernutzung, Landnutzung, Abfall und chemischer Beanspruchung darstellt. Die Infos, so der Schuhersteller, kommen aus dem “Nike Material Index”, in dem in den letzten zehn Jahren mehr als 80.000 Materialien, die für Nike-Produkte verwendet werden, auf ihre Umweltverträglichkeit hin überprüft wurden. Die Informationen werden Herstellern und Interessenten nun kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auch andere Unternehmen integrieren nachhaltige Entwicklungen in Wirtschaft und Werbung. Die schwedische Jeansfirma Nudie etwa arbeitet an einer Software, die die lückenlose Rückverfolgung des Produktionsweges jeder einzelnen ihrer Jeans ermöglicht. Dass in nächster Zeit jedoch viele andere Luxusmarken es Pieters’ gleichtun, ist nicht zu erwarten. Zwar leisten sich auch große Discountlabels wie H&M oder Jeanser wie Diesel mittlerweile grüne Linien, doch würden sie sich, genauso wie fast alle Prêt-à-porter-Linien, einige Schwierigkeiten einhandeln, wenn sie eine annähernde Politik verfolgen. “Honest by“ ist das erste Unternehmen überhaupt, das Kunden eine hundertprozentige Garantie für das Produkt gibt, das sie erstehen. Diese radikale Form der Transparenz ist bisher ein neues Luxusgut. Etwas, das sich Gucci, Prada und andere nicht leisten können. Auch viele Besucher von Pieters’ Webshop erschreckt der hohe Preis des bewussten Konsums; die Stückzahlen sind so gering, dass die Produktion extrem teuer ist. Doch am Ende der Geheimnisse stehen Kleider, durch die man hindurchsehen kann, deren Geschichten man sich nicht erträumen muss, sondern die offen daliegen. Ob dies nun die schöne Rätselhaftigkeit der Mode banalisiert oder uns von einigen Alpträumen befreit, wird die Zukunft zeigen.

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