Text: fee magdanz aus De:Bug 29

GENREÜBERSCHRIFT: MODE Mode-Monopoly Es scheint, als ob #Prada es sich in den Kopf gesetzt hat, sich strategisch geschickt die gesamte Schlossallee der Modewelt zu sichern. – Nachdem das italienische Familienunternehmen sich vor einiger Zeit bereits das nicht minder renommierte Label Helmut Lang unter den Nagel gerissen hat, nennt es nun auch noch die Aktienmehrheit der deutschen Marke Jil Sander sein eigen. Laut der Namensgeberin Jil Sander behält sie aber dennoch sämtliche Entscheidungen die Kollektion betreffend in ihren Händen. Damit aber noch nicht genug. Auch die britische Schuhfirma Church gehört nun zum Hause Prada und erhofft sich durch diese Fusion einen positiven Einfluss auf die eigenen Produkte, bedingt durch den weltweit guten Ruf des neuen leitenden Hauses. Wer schliesslich als Sieger aus den Verhandlungen um das zum Verkauf stehende italienische Unternehmen Fendi hervorgehen wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Auch hier wird Prada neben Gucci, dem französischen LVMH-Konzern und Bulgari als möglicher neuer Chef gehandelt.(FM) Turnschuhwelt Die allgemeine Turnschuh-Hausse scheint dann doch irgendwann an ihre Grenzen zu stossen. Die Turnschuhfirma #Acupuncture jedenfalls besinnt sich mit ihrer aktuellen Herbst/Winter-Kollektion neben dem bewährten Design der eigenen Produkte klassischer Vorbilder. Zwar immer noch als Skate-Schuhe oder Loafers angepriesen, erinnern Modelle wie Bulky oder Bishop eher an die Kollegen Slipper und Co. Und wenn im Grund-Design nur wenig verändert wurde, dann bestechen die Modelle wie Suki Saki durch aufwendig wirkende Aufdrucke.(FM)

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

text
Text: fee magdanz aus De:Bug 30

boo.com Der Otto Versand für die Generationen des Medienzeitalters Seit November weilt nun mit boo.com der wohl bisher grösste globale E-Commerce-Server für Mode unter uns und offeriert allen Modebegeisterten eine weitere Möglichkeit, sich via Internet angesagte Sports- und Streetwear (Marken wie DKNY Active, Cosmic Girl, New Balance und Acupuncture oder auch Fred Perry sind hier vertreten) direkt in die eigenen vier Wände zu holen und bequem mit ihrer Kreditkarte zu bezahlen. Der Unterschied zu vergleichbaren Online-Shops wie beispielsweise Londonwide ist – einmal abgesehen davon, dass diese meist wesentlich kleiner angelegt sind – , dass man sich bei boo.com die Kleidungsstücke nun mit Zoom- und 3-D Funktion sowohl pur von allen Seiten und im minimalsten Detail ansehen kann, als auch getragen an virtuellen männlichen und weiblichen Models, bevor man sie in den Einkaufskorb legt. Wer mag, kann sich bei seinem Online-Einkauf ausserdem noch von der ebenfalls virtuellen und eigentlich ganz niedlichen Miss Boo begleiten lassen, die mit Tips hilfsbereit zur Seite steht und angeblich auch daran erinnern soll, was man sich bei seinem letzten Besuch bei boo.com angesehen hat. Neben dem Shop wird boo.com noch durch das angegliederte Online-Magazin boom ergänzt, das sich klassischen Themen wie Sport, Mode, Kultur und Lifestyle widmet. Redakteure des Magazins sind Wolfgang Macht ( langjähriger Redakteur der “Woche”) und Elke Reinhold (ehemalige Chefredakteurin der “Cosmopolitan”). Die Jubiläumsausgabe von boom versucht offensichtlich zunächst, die Printversionen der Frauenmodemagazine zu übertreffen und widmet sich dem Thema Körper: Sie beinhaltet unter anderem einen Artikel über den Fitnessstudio-geprägten Körperfetischismus unserer Zeit und die Körperinszenierungen des Berliner Fotografen Andreas Fux sowie einen Text über die ersten von einer Agentur betreuten, virtuellen weiblichen Models, -ihren Preis, ihre Vorzüge. Inhaltlich und vor allem in der Umsetzung der Themen bleibt die erste Ausgabe des Magazins den Vorbildern im Printmedium mit gleichen Schwerpunkten treu, verfehlt eigentlich ebenso den Konsens wie auch den Informationsstand der angepeilten Zielgruppe der über 20-Jährigen und liegt damit weit hinter adäquaten Online-Magazinen wie dem englischen Fashion U.K., die ihre Themen deutlich hipper behandeln. boo.com will wohl auch mehr die finanzkräftige Gruppe der über 20-Jährigen ansprechen, die schon jetzt wie ihre Elterngeneration denkt, aber im Gegensatz zu dieser nicht mehr die Zeit hat, das Geld in Geschäften auszugeben und dennoch immer up to date sein möchte. Zum Schluss sei noch erwähnt, dass als Investoren hinter boo.com unter anderem der LVMH-Konzern, sowie 21 Investimenti (Benetton) fungieren.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

text
Text: oliver tepel/fee magdanz aus De:Bug 31

/mode Sieben Moden zur These eines neuen Jahrtausends 1. Mode hat die Kunst überholt Pop-Art eroberte die Mode als Bezugssystem für eine Kunst, die sich mit Alltagskultur und Vergänglichkeit schmückte. Noch dominierte die Kunst die Bedeutungen, verschob Kontexte und formulierte provokative Statements oder zumindest konsumkritische Gedanken. Als Yves Saint Laurent in den 60ern Piet Mondrian auf seine Kleider klebte, begann ein Ping Pong-Spiel um den hippen Vorsprung. Punk-Situationismus wusste für einen kurzen Moment noch mal die Mode für sich zu nutzen. Aber als in den 80ern Piet Mondrian auf Loreal-Tuben wiederkehrte, eroberte sich Mode die Pop-Art als Bezugssystem für ein Design, das sich mit dem Ideenfundus der Moderne und dem Schick der klassischen Bohéme schmückte. Das Tempo des Ping Pong-Spiels zog gehörig an: die postmoderne Avantgarde-Kunst der 80er versuchte zu retournieren. Für die Jahre des Yuppie-Kunstmarktbooms klappte das, bis die Kunst an der Leere der Modewelt erstickte und doch gleichzeitig gegenüber ihrem ästhetischen System kapitiulieren musste. Anfang der 90er verdrängten auf der Art-Cologne Sylvie Fleurys schön zurechtdrappierte Kaufrausch-Eroberungen und überdimensional vergrösserten Vogue-Cover mindestens 90% der restlichen Kunstwerke – aber ihr Reiz lag gar nicht in der Kritik, die sich aus ihren Werken formulieren liess, sondern in der Schönheit einer blassen Isabelle Adjani in YSL-Bluse. Seidem rennt das ästhetische System der Kunst beharrlich aber erfolgslos den harten Aufschlägen der Mode hinterher. Kunst hat verloren, bald werden die Designer den Kunstmarkt dominieren und traurige Theoretiker nach ästhetischen und inhaltlichen Bedeutungen fischen, die dann auf der nächsten London Fashion Week ad absurdum geführt werden. Anspieltip: “Love is the drug” – Roxy Music 2. Modeinszenierung hat die Schönheit überholt Früher, da trachtete man noch danach, sich die Schönheit der Models im Doppelpack mit der Mode zu erkaufen – aber, falls es jemandem noch nicht aufgefallen sein sollte: Schönheit ist schon lange kein Kriterium mehr für den Modelberuf. Heute flirtet Modephotographie mit allem, was noch irgendwie die Aufmerksamkeit des Betrachters für einen Moment fixieren könnte und träumt von virtuellen Welten. Models sind nun Projektionsflächen aufregenderer Bilder als der koketten Aschenputtelszenarien vergangener Tage. Ebenso wie sich in den 80ern postmoderne Künstler den theorieversierten Kritiker suchen mussten, der ihnen die Kunstwerke spannend schrieb, muss heute der Post-Postmoderne- (und bekanntlicherweise längst zum Telekom-Postmodernen mutierte) Modemacher einen Photographen finden, der seine eigentlich unspektakuläre Kollektion spektakulär in Szene zu setzen weiss. Doch allen Bemühungen zuwieder wird der Modekunde so oft und unerbittlich von der Grossstadtwirklichkeit eingeholt werden, bis die enttäuschende Realität da draussen jeden Boutiquebesuch zu einem einzigen tristen Hangover verkommen lässt. So wird man eines Tages alle Anprobe-Spiegel durch die aus Star-Trek bekannten Holodecks ersetzen müssen, um den haltlosen Ansprüchen der Verwandlungsphantasien zu genügen. Anspieltips: “Das ist die Zukunft” – T-D1-Spot mit Mika Häkkinnen im Planetarium; “Mailand” – Post-Euroexpress Fashion-Spot 3. Praxistauglichkeit hat zwei Gesichter Der Januskopf der Mode! Feuilletonisten aufgepasst! Hier entsteht der Tummelplatz für angeregte Diskussionen um den Sinn und Wert von Mode in den nächsten Jahren. Über die neuen Verbindungen zwischen hipper Designermode und den Ausstattungsmerkmalen von Trekkingkleidung gab es 1999 einiges zu erzählen. Da die Fusion von beiden Richtungen angestrebt wird, scheint man einen neuen Markt erstellen zu wollen, einen Markt, für den die eine Seite aber kaum ihre Ansprüche an Haltbarkeit und Dauerhaftigkeit ihres Produkts aufgeben kann (einschränken schon). Entsprechend verlieren halbjährliche Kollektionen ihren Sinn, zumal das neue Publikum ja auch Wichtigeres im Sinn haben soll, als der Mode hinterherzurennen: Sie sollen in der Grossstadt überleben! Das ist zweifelsohne prätentiös, doch einige der neuen Features können den Alltag tatsächlich etwas angenehmer machen. Dr. Jekyll trägt also Fleece, Goretex, geschickt eingesetzte Reiss- und Klettverschlüsse, knieverstärkte Hosen, bequeme Schuhe etc. Und der Kram hält länger, als man ihn tragen mag. Vielleicht langweilt man sich eines Tages selbst, vielleicht guckt niemand mehr und aller Stolz über die nun vier Jahre alte Neuerwerbung ist verflogen. Dabei möchte man doch auffallen, wenigstens ein bisschen. Mr. Hyde fragt nach günstigen, schnellen Produkten und freut sich weiter am Trendvorsprung. Praxistauglichkeit bedeutet ihm Geschwindigkeit und Spass. Wenn es aber nach den Designern von Vexed Generation geht, wird Mr. Hyde umlernen müssen, er wird sich politisieren und Kleidung nicht allein als Litfasssäule im Stil der legendären “Frankie says”- und Katherine Hamnett-Statement-T-Shirts benutzen, sondern in seiner Kollektion geschützt und gewappnet sein. Allein, Mr. Jeckyll wird seinen liebgewonnenen Mr. Hyde so einfach nicht aufgeben. Anspieltip: “Volunteers” – Jefferson Airplane 4. Wer Ökologie vernachlässigt, muss sich bald auch nicht mehr um Mode kümmern Hier müssen wir vernetztes Denken fördern und Lösungen suchen, die, wenn der rasende Kapitalismus uns noch Zeit lassen wird, deutliche gesellschaftliche Umstrukturierungen zur Folge haben werden. Aber allein die Umweltbilanz eines einzigen Kleidungsstücks zu erstellen, ist ein enorm aufwendiger Vorgang. Doch erst eine solche Bilanz lässt Vorzüge und Nachteile einzelner Farben, Stoffe und Produktionsweisen gegeneinander abwägen. Der Bestand an generellen Informationen und Hinweisen auf konkrete Alternativen wächst glücklicherweise kontinuierlich. Was wir brauchen ist Wissen, um aus unserer Marktentscheidung eine wirksame politische Aktion werden zu lassen. Ob das einen ökologischen Kollaps aufhalten wird, ist fraglich, aber Alternativen wie Ignoranz oder symbolischer Aktionismus vom Wahlzettelkreuzchen bis zum Molotov-Coctail sind nur der Ausdruck einer resignativen Machtlosigkeit in der Sprache des letzten Jahrhunderts. Anspieltip: “In Hülle und Fülle” – Kleidung: Ökologie, Ökonomie und Gesundheit, Hrsg.: Stiftung Verbraucherinstitut, Berlin, 1999 5. Virtuelle Menschen werden virtuelle Kleidung kaufen Als Kind hat man sich mit planerischer Begeisterung mittels dinglicher Materialien wie Playmobil oder Lego in eigene Welten gebeamt und virtuelle Heldenrollen eingenommen. Heute haben Playstation, Dreamcast und Co. dieses Prinzip perfektioniert und längst auch die moderne Erwachsenenwelt erobert. Es ist bloss eine Frage von kurzer Zeit, bis auch Mode hier ihren Markt findet. Virtuelle Modenschauen mit ebenso virtuellen Models sind heute keine Utopie mehr. Anzeigenkampagnen wie die von Paul Smith im letzten und MiuMiu in diesem Jahr, welche entwurfsskizzengleiche Menschen in knallig tonierten Kleidern und schick gestylten Szenarien zeigten, stellen darüberhinaus die Photographie als Mode inszenierendes Medium in Frage und schreiben damit -wohl ohne es zu beabsichtigen- Zukunft als Antithese der neuen Moderne, da sich Photographie mittels ihrer Digitalisierung zunehmend auf Techniken von Malerei und Collage besinnt. Doch Modephotographie hat ein grosses Manko: Sie kann die Welten, die sie transportiert nicht in unsere eigenen vier Wände bugsieren. Aber der modeinteressierte Computer-Nerd wird eh als Avatar auf virtuellen Partys mit virtueller Kleidung glänzen, die er sonst nie zu tragen wagen würde. Es wird Designer geben, die ausschliesslich mit virtueller Mode ihr Geld verdienen. Anspieltip: “Praying to the Aliens” – Terre Thaemlitz 6. Mode hat die Jugendkultur überholt Noch bis in die frühen 90er entdeckte Jugendkultur das künstlerische Kapital von Mode und Stil immer wieder neu. Die Ausdrucksmöglichkeiten von Mode und ihre äusserliche Struktur gerieten aber mit den Jahren an ihre Grenzen und beraubten sie so ihres Reizes und ihrer subversiven Kraft. Instrumentalisierung und Revivalmoden machten sich breit und Jugendkultur musste als erste der Mode gegenüber kapitulieren, da sie ihr immer dichter und cleverer auf den Fersen blieb. Nerds und Slacker reagierten schlichtweg mit Nicht-Mode. Die Technogeneration besann sich stattdessen auf traditionelle Wertesysteme und gestaltete so ihr eigenes Zimmerchen relativer Beliebigkeit. Mit diesen Positionen eröffnet sich für die Jugendkultur von Jetzt und Morgen die Freiheit, Mode unter bisher weniger relevanten Gesichtspunkten zu leben: die Kombinationsmöglichkeiten von Farbe, Form und Schnitt an ihre äussersten Grenzen treiben; Mode im Hinblick auf Praktikabilität, Ökologie, Dauerhaftigkeit und Haltbarkeit auswählen und vieles Andere mehr. Ob sich unter diesen gegebenen Voraussetzungen nicht nur innovative (denn das ist Mode irgendwie immer), sondern auch bedeutungstragende Moden und Stile bilden werden, wird die Zukunft zeigen. Anspieltip: “We’re Family. DJ Hell and Friends”-Peek & Cloppenburg-Werbefolder-Beilage mit DJ Hell als Model 7. Fördere und fordere deinen Designer um die Ecke! Noch vor 50 Jahren war das Dienstleistungsunternehmen Schneiderei oder Ausstatterei ein angesehenes Gewerbe. Labelkult und Massenware gab es nur sporadisch. Vor allem bevorzugte der gutbürgerliche Mensch die persönliche Atmosphäre bei seinem Schneider vor Ort und gab sich daher auch mit einem Plagiat von Modellen angesagter Namen zufrieden. Die Geburt des Startums erreichte dann aber irgendwann auch die Modewelt und das diktatorische Agieren der Modedesigner, Globalisierung und Monopolisierung der Modewelt verdrängte die Dienstleistung Modemacher in konservative, englische Adelskreise, obwohl der Designer von nebenan wohl die subversivste Form von Mode-Leben ist. Besonders dann, wenn man ihn persönlich kennt und so seine Mode selbst mitbestimmen kann. Abgesehen davon, dass man hier garantiert nicht die bittere Erfahrung macht, dass das sündhaft teure Stück mal wieder nicht richtig passt, ist diese modische Alternative (die sich vor allem in England neben dem Selbstschneidern wieder zeigt) sicherlich für kritisch denkende Jugendliche die zukunftsträchtigste. Denn individuelle Einflussnahme und der Preisvorteil gegenüber Markenartikeln sind nicht zu verachtende Pluspunkte. Also, auf zum Designer um die Ecke! Hege und pflege ihn gut, damit Mode in Zukunft endlich wieder neue Charakterzüge trägt . Anspieltip: “I like it when you don’t like it” – Like A Tim

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.


Text: Fee Magdanz aus De:Bug 21

Ghettowelt Wie sich junges Design die Modewelt erarbeitet: zum Beispiel Dirk Schönberger UNTER DIE BILDER Dirk Schönberger Kollektion Winter 1999/2000 Fee Magdanz kalkfee@netcologne.de SERVICE Biographie Wie wird man Modedesigner? Zum Beispiel: Dirk Schönberger ist 1966 in Köln geboren. 1987 hat er in Florenz eine einjährige Ausbildung in technischem Zeichnen und Modelismus absolviert. Danach hat er sein Studium in München fortgesetzt. Nach Abschluß seiner Ausbildung 1992 hat er für etwa drei Jahre bei Dirk Bikkembergs in Antwerpen gearbeitet und ist seitdem selbstständig dort tätig. SERVICE Dirk Schönberger ist eine jener Ausnahmepersönlichkeiten, die zeigen, daß es nicht unbedingt exzentrischer Selbstdarstellung oder gar Anpassung an eine vorgegebene Stil-Norm bedarf, um sich in der Welt der Mode einen Namen zu machen. Seine Kollektionen sind weder schrill noch traditionell, vielmehr greift er da an, wo viele Jungdesigner der Mut verläßt: er arbeitet an den Kleidungsschnitten. Ebenso begeisterte er auch bei seiner jüngst in Paris präsentierten Männerkollektion für den Winter 1999/2000 weniger durch plakative Hingucker als durch schöne Stoffe in gedeckten Farben und Kleider, deren Raffinesse sich erst mit dem zweiten Blick völlig offenbart. Mein persönliches Lieblingsstück der Show war ein Parka mit einer Kapuze, die man um daß Gesicht herum schließen kann, ähnlich denen der Outdoorjacken. Er erinnert ein wenig an die alten Modparkas, ist aber eben keine Retrospektive, sondern eine moderne Neufassung dieses Modells (ich beneide die Jungs, die ihn tragen können). Auffällig bei der Show war, daß alle Beteiligten einheitlich in Dirk Schönberger-T-Shirts herumliefen, auf denen ÓGhettoweltÓ stand. Ich fand das sehr schön, weil es an nette Dresscodes erinnerte und seiner Crew ein gewisses Verschworensein verlieh. Und so in etwa ist das Ganze dann auch gedacht: ”‘Ghettowelt” hat natürlich viel mit meiner Begeisterung für Jochen Distelmeier/Blumfeld zu tun. Die Idee für diese T-Shirts stammt noch aus meiner Zeit bei Dirk Bikkembergs. Als ich die ersten Shows für ihn in Paris mitgemacht habe, baute sich in mir eine Abscheu gegen das alteingesessene Modesystem auf, und ich faßte den Vorsatz, alles anders zu machen. Damals habe ich mir mit einer Schablone ÓGhettoweltÓ auf ein T-Shirt geschrieben. Zunächst empfand ich die anderen als das Ghetto, bis ich feststellen mußte, daß ich mit wenigen anderen in einem Ghetto bin, und so wurde für mich aus einer Anklage ein Aufbruch, die Dinge anders zu machen und unseren Backstage-Bereich zu einer Ghettowelt zu erklären, die das System verändern will.Ó DeBug: Wann hast du deine erste eigene Kollektion vorgestellt? Dirk Schönberger: Ich habe von 1992 an ja fast drei Jahre für Dirk Bikkembergs gearbeitet. Irgendwann hat er mir dann die Möglichkeit gegeben, eine Art Testkollektion zu erstellen, die wir in einigen Designergeschäften in Europa und Japan gezeigt haben. Das war die Initialzündung. Die Kollektion für Sommer 1997 haben wir dann im Juli 1996 zum ersten Mal in Paris ausgestellt und verkauft. Nach dem ersten Verkauf hatten wir insgesamt fünf Kunden, darunter Citta di Bologna in Köln. Da ich aber bei Dirk gelernt habe, wie Mode funktioniert, und daß man, wenn man erst einmal auf dieser Stufe angelangt ist, mehr vom Geschäft als von der eigenen Kreativität gelenkt wird, waren unsere Erwartungen auch nicht so illusorisch hoch angesetzt. Das war zwar eine sehr ernüchternde Erfahrung, hat mir beim Arbeiten aber auch sehr geholfen. Seitdem präsentieren wir jede Saison in Paris -wir mieten dazu eine Galerie oder wie jetzt ein Fotostudio an- und seit Juli 1998 machen wir auch eine Show dazu. Mittlerweile haben wir an die 40 Kunden, die meisten vor allem in Japan. DeBug: Ihr habt euren Produktionssitz in Belgien. Warum? DS: In Deutschland eine Designerkollektion wie die unsrige zu produzieren ist nahezu unmöglich. Entweder sind die Quantitäten zu hoch, oder es ist schwierig, Kleidung qualitativ hochwertig zu produzieren, die von der traditionellen Konfektion abweicht. In Belgien haben sich die bereits etablierten Designer wie Dries van Noten oder Ann Demeulmeester eine Infrastruktur erarbeitet, die den Jüngeren den Einstieg erleichtert. Die Fabrikanten dort wissen, was sie von einem Jungdesigner an Stückzahlen erwarten können und investieren so in den ersten Saisons Arbeitskraft, ohne daß sie selbst viel Geld daran verdienen. DeBug: Wie würdest du deine Mode selbst beschreiben? DS: Zu Beginn war meine Kollektion als Mischung von Streetwear und klassischem Tailoring konzipiert. Als Stimmung ist das bis heute noch zu fühlen, doch sind die ÓZitateÓ beider Elemente immer mehr in den Hintergrund gerückt. Ich versuche mich an einer Dekonstruktion des klassischen Business-Anzuges, da sich hier außer der Knopfzahl der Jackets in den letzten zwanzig Jahren nur wenig getan hat. Im Moment arbeite ich mit sehr teuren Stoffen wie Cashmere oder Camel. Als Gegenpol benutze ich bereits bestehende Grundschnitte und verändere durch Experimente ihren Charakter. In der letzten Kollektion gab es z.B. Hosen, die aus einer Bahn Stoff geschnitten wurden und nur mit Abnähern in eine klassische Form gebracht wurden. Es ging mir darum, etwas Wertvolles zu erarbeiten, ohne den konservativen Anspruch der alteingesessenen französischen Luxushäuser wie Dior oder Hermés. DeBug: Was beeinflußt deine Arbeit? DS: Ich habe kein ÓThema der SaisonÓ. Es ist eher eine Essenz von Eindrücken, die ich beim Ausgehen, Lesen, Fernsehen, Musikhören -das klingt wie eine Bravo-Liste- oder Museumsbesuchen sammele. Es geht mir in erster Linie um die Weiterentwicklung eines Mannes. DeBug: Warum machst du ausschließlich Mode für Männer? DS: Das war eine Herausforderung für mich. Bei Männermode geht es mehr um Details. Nichts darf schreien, alles ist in einem sehr engen Rahmen angelegt – das ist bei Frauenmode ganz anders. Ich versuche aber eben diesen Rahmen zu dehnen, das Bild des Mannes von seiner Mode zu erweitern, ohne ihn dabei lächerlich zu machen. DeBug: Wie könnte für dich schöne Frauenmode aussehen? DS: Eine Frauenkollektion -die ich irgendwann sicher auch einmal machen werde- sollte schon ein weibliches Pendant zu meiner Herrenkollektion sein, aber keine Männermode für Frauen. Ich bewundere die Frauenmode von Martin Margiela oder Rei Kawakubo sehr und denke, daß mich das sowohl bei meiner Männer-, als auch zukünftig bei meiner Frauenkollektion beeinflussen wird. DeBug: Wie arbeitest du? Hast du einen bestimmten Stab an Personen, die beteiligt sind? DS: Unsere Arbeitsweise war in den ersten drei Jahren stark von unserer finanziellen Situation bestimmt: Ich kümmere mich um die Kollektion und mein Geschäftspartner Roel de Cooman um deren Produktion und Verkauf,-wobei die Grenzen bis jetzt fliessend waren. Ein Teil der Arbeit wird auch von Free-Lance Schnittmachern, Grafikern usw. erledigt. Viele Schnitte mache ich aber selbst, da das Experimentieren oft ein arbeitsintensiver Prozeß ist, der bei einem Schnittmacher viel Geld kosten würde. Mit Abschluß der Kollektion Winter 1999/2000 werden wir dann ein kleines Team anstellen, damit wir weiter auf diesem Niveau arbeiten können. Ich hoffe, in Zukunft auch häufiger mit Leuten zusammenarbeiten zu können, die nicht in erster Linie mit Mode zu tun haben, also mit Musikern oder Künstlern. Das könnte sicher für beide Seiten etwas Spannendes ergeben. DeBug: Welche Rolle spielt Streetkultur deiner Ansicht nach für die Mode heute? DS: Jugendkultur hatte für mich immer etwas mit Rebellion gegen die Elterngeneration und deren System zu tun. Früher hat sich das viel mehr in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Heute habe ich das Gefühl, daß Jugendkultur modisch betrachtet ein verstärktes Marketing-Ding geworden ist – die Individualität bewegt sich im Rahmen des Streetwear-Angebots. Streetkultur hat heute einen großen Einfluß auf kommerzielle Labels oder die konservativen Modehäuser, die damit ihren Ruf aufpolieren wollen. Was die Avantgarde-Mode angeht, hat sich das Interesse an Street stark reduziert, eben weil es von der Massenproduktion eingenommen wurde. Bezugsadressen Deutschland: Citta di Bologna, Köln und ab Winter 1999 auch Sörens, Hannover und Windmöller, Hamburg. unbedingt so schön gestalten wie beim letzten mal mit den fotos und so und möglichst viele abbildungen Zitat: Jugendkultur ist modisch betrachtet ein verstärktes Marketing-Ding geworden ist. Als ich die ersten Shows in Paris mitgemacht habe, baute sich in mir eine Abscheu gegen das alteingesessene Modesystem auf, und ich faßte den Vorsatz, alles anders zu machen. Streetkultur hat heute einen großen Einfluß auf kommerzielle Labels oder die konservativen Modehäuser, die damit ihren Ruf aufpolieren wollen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.


Text: fee magdanz aus De:Bug 23

Es ist schon fast eine Tradition, daß große deutsche Tageszeitungen wie die Frankfurter Allgemeine oder die Süddeutsche Zeitung ihre Wochenmagazine im Frühjahr nach den Shows in Paris der Mode widmen. Die Vorbilder liegen hier auf der Hand. Meist versuchen sie sich dabei an einer trend-politologischen Aufarbeitung des Sichtbaren, die natürlich mit der allgemeinpolitischen Orientierung des Tagesblattes (und seiner Leser) variiert. So verwundert es nur wenig, daß der Ansatz, von dem aus die FAZ die Thematik bearbeitet, deutlich konservativ geprägt ist und sie ihren Schwerpunkt auf Buisnesskompatibilität legt. Keines der Magazine versteht jedoch Mode als tagtägliches Kulturereignis, (wie etwa das New York Time Magazine mit seiner Modechefin Amy Spindler, das Mode ebenso wie Theater oder Kunst einen etablierteren Platz im Alltags- und Zeitgeschehen einräumt).Stattdessen erheben sie einmal im Jahr geballt ihre (mal mehr und mal weniger) kritischen Stimmen, um auch denjenigen unter ihren Lesern, die nicht ohnehin monatlich ihren Blick durch Hochglanzmagazine schweifen lassen, ein Mindestmaß an modischen Trends mundgerecht zu vermitteln. In seiner Anzeige für das eigene Mode-Spezial ’99 schrieb das FAZ-Magazin: ”… Was tragen Romeo und Julia auf dem Dorfe, wenn sie sich einkleiden in der Boutique vor Ort? Was macht Damen wie Herren so souverän, läßt sie so weltläufig erscheinen, wenn sie in Cashmere auftreten? …” (FAZ-Magazin 12.2.99) Genauso klischeehaft und hausbacken wie das Spezial-Heft angekündigt wurde, zeigte sich dann auch seine Themenauswahl und Präsentation. Neben ein paar globalen Ausblicken nach St. Petersburg oder auf die islamische Mode war man sich nicht zu schade, der ‘weiblichen Respektsperson, die in strenger Uniform eine gute Figur macht’ oder dem ‘bescheidenen Einkauf in rustikaler Atmosphäre’ einzelne Kapitel einzuräumen (FAZ-Magazin, 12.3.99). Die SZ bildet hier keine Ausnahme. Auch sie behandelt Mode nicht minder konservativ und stiefmütterlich, wenngleich sie sich noch, wie gewohnt, in Understatement und Jugendlichkeit übt. Mit Pseudo-Lockerheit in der gesamten Umsetzung versucht sie durch geschickt gestreute Auswahl der Personen, die sie zu Wort kommen läßt (u.a. Sabine Christiansen, Liv Tyler, Michael Naumann), ein möglichst breites Spektrum an Lesercharakteren zu erreichen und diesen Möglichkeiten zur eigenen Identitätsfindung zu offerieren. Daneben unterstreicht sie mit dem Artikel von Ulf Poschardt, Deutschlands Vorzeige-Streetkulturisten, ihren Hipnesscharakter bzw. ihren Aktualitätsbezug. Zunächst erschien im Feuilleton der Artikel von Ulf Poschardt, der primär das neue Gesicht klassischer Labels wie Yves Saint Laurent unter künstlerischer Leitung von Jungdesignern durchleuchtete und bei diesen eine weitläufige dekonstruktivistische Aufarbeitung des historischen Stils des von ihnen angetretenen Erbes zu fixieren wußte (SZ, 13./14.3.99). Nur eine Woche später lag auch mit dem Magazin “Mode. Die Hits der Saison.” ein Mode-Spezial bei (SZ-Magazin, 19.3.99). Hier wurden dann äquivalent dazu, in deutlicher Anlehnung an das Layout des Jetzt-Jugendmagazins, Trends von Frisuren über Kleidung bis hin zu aktuellen Frauenbildern zusammengestellt und von renommierten Modefotografen abgelichtet. Dazu konnte man lockere Kommentare in altbekannter Bravo-Fragebogen-Manier von allseits bekannten Persönlichkeiten lesen. Da hörte man dann Damon Albarn zu einem Jeremy Scott T-Shirt sagen, “Aha, ein Punk-T-Shirt…Jeremy Scott kommt in den neunziger Jahren mit so einem Shirt. Aber schließlich ist er Amerikaner. Und die brauchen eben in der Mode ein bißchen länger, um etwas so Wunderbares hinzukriegen.” Oder aber Mario Testino ergoß sich in Fotografenweisheit über das Lächeln: “…Ein Segen, daß die düsteren Zeiten in der Mode vorbei sind, als die Models in den Magazinen und auf den Laufstegen depressiv und drogensüchtig dreinschauen sollten und niemals lächelten. Schließlich geht es in der Mode um Träume. Ich persönlich träume nie von Mädchen, die gerade besoffen oder vollgepumpt sind. Und vielleicht als nächstes in einer dunklen Ecke kollabieren werden…” Wenn schon eine angesehene Zeitung, deren meinungsbildende Position kaum mehr erschütterbar ist, modischen Zeitgeist dargestellt wissen möchte, warum wagt sie nicht einmal mit ihrem Magazin einen Grenzgang und läßt die großen Shows einfach mal vom Tisch fallen. Auch oder gerade im Tagesjournalismus ist es doch möglich, Kultur vielschichtig und aus den unterschiedlichsten (auch politischen) Blickwinkeln heraus zu thematisieren, ohne den eigenen um 360 Grad drehen zu müssen. Warum versucht man dann also Gleiches nicht auch bei der Rezeption von Mode, wo doch der erste Schritt zumindest im Feuilleton schon getan ist? Es wäre doch schön, wenn die Tagespresse auch bei der Mode für sich einen anderen Vermittlungsauftrag finden würde, anstatt mit dem eigenen Heft genau das zu tun, was sämtliche Hochglanzmagazine monatlich noch fundierter und aktualitätsbezogener praktizieren. Schließlich kauft man sich doch auch nicht den Spiegel, um politische Tagesmeldungen zu lesen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.


Text: fee magdanz aus De:Bug 16

Anziehen , Ausziehen, Aussagen Mode gestern, gerade eben und heute Fee Magdanz ”Nur die oberflächlichen Eigenschaften dauern. Des Menschen tieferes Wesen ist bald entlarvt.Ò”Oscar Wilde Man braucht nur einmal konzentriert die Modestrecken der Szenemagazine oder die deutschen Ausgaben internationaler Modezeitschriften durchzublättern und mit den englischen oder italienischen Äquivalenten vergleichen, um festzustellen, daß Deutschland bezüglich Mode eines der unsexiesten und unspektakulärsten Länder ist. Das gilt nicht nur für das, was sich auf den Pret-‡-Porter-Laufstegen tummelt (da sind bis auf wenige Ausnahmen eigentlich schon lange unsere Nachbarländer trendsetzend), sondern auch für das, was sich grob mit dem Begriff “Streetkultur” zusammenfassen läßt: also die Mode, die wir tatsächlich tragen. Aber wie sieht dann die Mode aus, die wir heute tragen? Steht Mode heute immer noch für eine bestimmte Haltung und, wenn ja hängt diese immer noch untrennbar mit unserem Lebensentwurf zusammen? Haben wir noch eindeutige Modestile? De:Bug geht diesem Thema beginnend mit dieser Ausgabe auf den Grund: Jugendkultur vs. Streetkultur: wo ist die Mode hin? Irgendwann Anfang der Neunziger hat sich ein Wandel vollzogen, der zumindest theoretisch noch nicht repariert worden ist: die Trennung von Mode und Musik- bzw. Jugendkultur. Das, was man trägt, repräsentiert von nun an nicht mehr zuverlässig eine bestimmte Haltung, entspricht keinem internen Code mehr. Ich glaube, diese Entwicklung fällt ungefähr zeitgleich mit dem Aufboomen der geschlechtsneutralen, schlußendlich aber doch männlich dominierten X-Large- und Sportswearlooks zusammen. Die überpräsente Grunge- und Slacker(un)ästhetik trägt ihr Quentchen dazu bei, die keine “Antiästhetik” Ð wie z.b. Punk Ð ist, sondern vielmehr aus reiner Bequemlichkeit resultiert. Streetmode verliert damit den süßen Duft der Verschworenheit. Das ist die Zeit, in der es Mädchen nahezu unmöglich war, schicke Turnschuhe zu bekommen, wenn sie nicht Schuhgröße 40 hatten. Ist man dann noch beispielsweise durch Pop sozialisiert worden und lernte gerade die Weiblichkeit des eigenen Körpers kennen, sah man sich mit viel zu großen Klamotten konfrontiert. Parallel konnte man beobachten, wie langsam die Tanzcodes an Gültigkeit verloren und sich hier schleichend eine triste Stillosigkeit breit machte. Abgrenzung Der Geheimbundcharakter von Dresscodes ist neben der Musik zugleich ein sicherer Abgrenzungsmodus von einer Jugendkultur zu einer anderen, deren Positionen man nicht teilen will, vorallem aber auch gegenüber der Erwachsenenwelt. Abgrenzung ist gleichzusetzen mit Widrigkeit gegenüber Regeln, die uns unsere Eltern aufoktruieren. Ebenso, wie es Jugendkulturen gibt, die sich über Musik definieren, gibt es solche, die primär auf Dresscodes und damit verbundenen spezifischen Lebensweisen basieren und erst in der Folge ihre ganz ihnen eigene Musik hervorbrachten, wie beispielsweise die ÈklassischenÇ britischen Skinheads oder das jüngst zum x-ten Mal revivalte Modtum. Verallgemeinernd lassen sich hier für die Vergangenheit allerdings geschlechtsspezifische Wege formulieren: Jungs gleich Musik und Mädchen gleich Mode. Den Mädchen wurde dieser traditionelle und einfachste Zugang zu Jugendkultur durch den jetzt eintretenden Wandel versperrt. Streetkultur wurde damit kurzzeitig zu einer reinen Jungssache. Parallel zu den genannten Erscheinungen setzt der Aspekt des Weggehens erstmal aus. Das (Musik)Leben spielt sich nun nicht mehr ausschließlich auf Partys und Konzerten ab, sondern findet oft im Privaten statt und erfordert daher andere Kleidung. Welcher HipHop-Hörer kann schließlich in Deutschand tatsächlich regelmäßig Jams besuchen und welcher Grungeliebhaber ständig die dazugehörigen Partys, anstatt zu Hause zu sitzen. Mode wurde so auch für unsere Eltern sichtbarer, greifbarer und – da eigentlich ganz bequem – von ihnen als Leasure-Wear vereinnahmt. Die Mütze: das scheinbare Ende der Jugendkultur Einige Ñ meist männliche Ñ Kulturtheoretiker mögen diesen Moment der Auflösung eines Stildiktats innerhalb von Jugendkultur im Allgemeinen als äußerst befreiend empfunden haben, ließ sich diese doch so gut mit der von ihnen eingeläuteteten Beerdigung derselben vereinen. Ihnen eröffnet sich die Möglichkeit, etwas aus sicherer Distanz zu bewerten, dem sie zum Teil längst entwachsen sind, etwas, das auf jeden Fall keinen Teil ihrer persönlichen Erlebniswelt mehr ausmacht. Diedrich Diederichsen fixiert diese Beerdingung schließlich in seinem das Ende der Jugendkultur einläutenden Essay “Are the Kids allright…” an Jugendlichen, die in Rostock Asylanten angreifen und Malcolm-X-Kappen tragen: “Mein und anderer Leute Schreiben war geerdet in der Vorstellung, daß in bestimmten Dresscodes und bestimmter Musik Inhalte, die ÈheiligenÇ Inhalte der Auflehnung, die Marxschen ÈTräume von einer SacheÇ und die Marcusschen Lippenstiftspuren besser geschützt und aufgehoben sind als anderswo..” Daß die Differenz, über die sich Jugendkultur definiert, heute gewandert, wenn nicht ganz aufgehoben ist, daß mit einem schwammiger Werden und Verwaschen von Stylecodes, ein Zugriff und eine Verfügbarkeit für jeden Ð und damit ein Anwachsen des Verlustes an Schärfe und klar zu bestimmender (politischer) Identität Ð einhergeht, hätte er aber auch in seinem direkten Umfeld beobachten können. Techno, House und Anverwandte Der Ausschluß der Mädchen von Jugendkultur wird erst mit dem breiten Aufblühen von Techno, House und Anverwandtem, also Clubkultur im Allgemeinen aufgehoben. Nun schwappten endlich auch die Girl-Linien der entsprechenden Firmen zu uns herüber oder wurden neu (nicht selten von frustrierten Mädchen selbst) gegründet. Gewiefte Trendscouts haben außerdem festgestellt, daß auch Mädchen diese Musik hören und auf die dazugehörigen Partys gehen, und hier einen Markt gewittert. Man zieht sich um, bevor man weggeht und möchte an dem Ort, wo man tanzt und Musik hört, seine Dazugehörigkeit demonstrieren, sein Wissen um die Dinge, die da geschehen. Ähnlich wie in der Musik, gibt es seither eine Phase des Freestyles, die keine eindeutigen Identifikationsmuster mehr liefert. Freestyle, als alles ist möglich, und plötzlich geht gar nichts mehr? Musik kommt heute offensichtlich ganz gut ohne Mode aus, haben sich doch trotz der ÈmodelosenÇ Zeit, zahlreiche neue Subgenres gebildet. Calling London Die Pret-‡-Porter-Mode arbeitet seit den Achtzigern thematisch, bedient sich jedes Jahr bei einer neuen Epoche. Alexander McQueen beispielsweise propagiert diesen Herbst den Jeanne dÕArc-Look. Daß jemand wie Vivienne Westwood ebenfalls mit der aktuellen Kollektion ihren Pirate Look pünktlich zum britischen Punkrevival neu formuliert, spricht dafür, daß Streetkultur wieder relevant geworden ist. Die Hochglanzmagazine unterliegen dagegen immer noch dem gleichen Schema von Berichterstattung und Produktvorstellung, mit der sie ihre entsprechende Leserschaft bedienen. Einzige Ausnahme ist hier vielleicht die britische Elle, die mit ihrem Konzept eine Brücke zwischen Pret-‡-Porter und vor allem dem Londoner Streetstyle, Lifestyle und Musik zu schlagen versucht, und hippere, szeneorientierte Menschen anspricht. Das wohl aber nur, weil hier eine Lücke klafft, die derzeit nichts wirklich zu schließen mag. Ähnliche Ansätze hierzulande scheitern. Szenemagazine, wie die englische ID haben in der Folge des Wandels ihre Modestrecken professionalisiert und büßen so ihren Undergroundcharakter weitestgehend ein. Andere Zeitschriften kopieren das schlichtweg oder beschränken sich auf reine Fotoserien. …(a suivre) Die Trennung von Mode und Musikkultur veränderte den Musikjournalismus insofern, als daß er sich nun kaum noch Gedanken zum sichtbaren Umfeld der Musiker machen muß; mit Ausnahme vielleicht der retardierenden Beschreibungen von Phänomenen wie dem Nerd- und Slackertum, die eigentlich keiner mehr wirklich lesen möchte. Lediglich wiederum in England zwingt das Pop- oder Glamrevival dazu. Eine zeitgemäße theoretische und fotographische Renovation, außer in Gestalt des oben erwähnten kulturtheoretischen Ansatzes hat dieser Strukturwandel bisher nicht mit sich gebracht. Obwohl das eigentlich der Punkt gewesen wäre (und immer noch ist), an dem man von Seiten des Modejournalismus, ob mit dem Medium Text oder Fotografie, einen neuen Weg finden muß. Ist doch Mode immer noch einer der wichtigsten Aspekte im jugendlichen und musikorientierten Leben. Die Codes haben sich verändert und Erscheinungen, wie beispielsweise das szeneübergreifende Phänomen der Plateauschuhe (worauf in einer der nächsten Ausgaben näher eingegangen wird), die eine extreme Hilflosigkeit visualisieren, sprechen dafür, daß es an der Zeit ist, diese aufzuspüren, vorhandene Identitäten, Differenzen und Zeichen zu formulieren und neu zu beschreiben. ZITATE: Steht Mode heute immer noch für eine bestimmte Haltung? Trendscouts haben festgestellt, daß auch Mädchen Musik hören SERVICEKASTEN Service Elle (britische Ausgabe): Wie im Text schon anklingt, die beste Ausgabe der Elle überhaupt. Beinhaltet neben regelmäßigen Sonderbeilagen zu den aktuellen britischen Pret-‡-Porter-Trends, Fashion-Tips im Stile “Pret-‡-Porter-Style für höchstens 50 Pfund” mit entsprechenden Shop-Wegweisern. Relativ interessante Film und Musik-Review-Teile. Oft gute Artikel zu Themen wie zeitgenössischem britischen Film und Neuentdeckungen in der Welt der Jungdesigner oder der Streetkultur. Meist steht das ganze Heft unter einem Oberthema. Dazed & Confused: Szenemagazin aus England. Äußerst fotografielastig, oft Wettbewerbe zu bestimmten Themen. Gutes Layout. Steht nah an dem, was ich oben mit Streetkultur anspreche. Schwerpunkte Mode, Musik und Kunst. Innovativ in allen drei Bereichen. ID: Die Modestrecken sind oben hinreichend beschrieben. Auch die Monatsausgaben der ID stehen immer unter einem Thema, wie jetzt im September “adults”. Manche Ausgaben gelingen immer noch ganz gut. Recht informative Kolumnen über Musik, Film, Neue Technologien, Clubhighlights und Kunst. Schwerpunkt sind immer London und andere angesagte englische Städte. Scene: Seltsames Hochglanzmodemagazin (natürlich auch aus England) mit ausgesprochen verwirrenden und ungewöhnlichen Fotoseiten. Fast ausschließlich von Frauen gemacht. Kaum Textseiten und wenn, zu selten behandelten Themen im Bereich Mode oder Kunst. Beinhaltet viele Catwalktrends, Backgroundberichte und Stylingtips – wohl vor allem für Models oder solche, die es werden wollen. Es gibt nichts Vergleichbares hier oder anderswo. Vogue Italia: Schon seit jeher die schönste Ausgabe der Vogue. Wer die Jubiläumsausgabe unter dem Titel “Modefotografie in der Vogue” verpaßt hat, die Fotos seit den Fünfziger Jahren beinhaltete, sollte versuchen, mal eine ganz alte Ausgabe einzusehen. Lebt immernoch durch den ganz eigenen und kaum konservativen Stil der Fotografie. Ansonsten wohl wie jede andere Vogue auch. Style & The Family Tunes: Berliner Musik-Style-Zeitschrift aus der Acid Jazz-Tradition. Hat unter den ganzen deutschen Magazinen manchmal die bestaufgemachtesten Modestrecken. Oft schöne Fotos und auch mal andere Klamotten als ihre Pendants. Ästhetikorientierte Aufmachung insgesamt. Manchmal etwas zu geschmäcklerisch. The Face: Jüngst wieder einmal zum In-Magazin avanciert. Ähnlicher Aufbau wie die ID, aber textlastiger und derzeit im Aufspüren von Trends und Themen der Sreetkultur schneller. Die reinen Modestrecken fließen immer mal wieder so beiläufig mit ein und sind angenehm unspektakulär gestaltet. Ansonsten ziehen sie auch gerne mal irgendwelche Interviewpartner neu an, wie eben die ID.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.


Text: Fee Magdanz aus De:Bug 17

Alles ist möglich und plötzlich geht gar nichts mehr? (Eine modische Bestandsaufnahme. Köln) Fee Magdanz kalkfee@netcologne.de Trägt der Rocker also Force Inc.-Sweater und das Techno-Kid lange Haare und Lederjacke? Tauscht der Soul-Fan am Abend seine gedeckten Klamotten gegen Röhrenjeans und Bomberjacke? Kauft die Studentin, ohne auch nur die geringste Peilung von HipHop zu haben, X-Girl-Klamotten? Läuft das Yuppie-Mädchen mit einer Vorliebe für Klassik als Modette durch die Straßen? Tragen wirklich alle Turnschuhe? Oder wer trägt hier eigentlich was? Beginnen wir das scheinbar heillose Durcheinander ein wenig zu lichten: Battery Park Cologne, Freitag und Samstag, den 9. und 10. Oktober. De:Bug-Party und Elektro Bunker Cologne/Harvest Label Party. Die Second-Hand-Mode: Abgesehen von denen, die tatsächlich irgendwelche Retro-Stile repräsentieren wollen und daher selten eine andere Möglichkeit haben an die entsprechenden Kleidungsstücke zu kommen, hat Second-Hand-Mode schon seit langem (nicht nur) durch die “Techno-Generation” ihren Relaunch erfahren. Bedruckte T-Shirts, Schlaghosen jeder Art, abgewetzte, zu große Jeans, Sweater und (immer noch) die leidigen Trainingsjacken, sowie weitere Trikotware und sonstige Sportaccessoires, wie Schweißbänder sind überall präsent. Dazu werden Turnschuhe aller Art, mit Vorliebe aber Sneakers, kombiniert. Markenartikel: Eine weitere große Gruppe (vornehmlich Jungs) bilden die Träger von Marken. Insgesamt unterscheiden sich hier die Stücke gegenüber denen der Second-Hand-Ware, nur insofern, als daß sie um einiges teurer sind und vielleicht hippere Aufdrucke haben, als ihre gebrauchten Pendants. Der “Übereinanderlook”: Bei den Mädchen kann man weiterhin noch den Trend beobachten, kurze Kleider mit längeren oder Hosen zu kombinieren. Oder aber sie tragen mehrere Trägertops übereinander, vielleicht noch variabel durchsichtige T-Shirts unter diesen. Schließlich gibt es da noch diejenigen, die zumindest nach außen hin propagieren, daß ihnen Kleidung egal ist und daher einfach alles anziehen. Accessoires: Die Sportaccessoires habe ich ja schon erwähnt. Daneben gibt es noch eine Vielzahl an Silberschmuck, Bauchketten und Piercings, Woll- und Häckelmützen, sowie Felltaschen, natürlich Plattentaschen, und Umhängetaschen im Stile der hinlängst bekannten East-Pack-Taschen, die getragen werden. Traditionelle Handtaschen oder Rücksäcke sieht man hier eher weniger. Frisuren: Bei den Haaren läßt sich eigentlich kein eindeutiger Trend fixieren. Ab und zu sieht man noch Dreadlocks, es gibt aber kaum mehr auffällig gefärbte Haare. Jungs tragen ihre Haare fast ausschließlich kurz bis rausgewachsen. Leasure-Wear: Das Gros des Publikums bevorzugt also einheitlich bequeme, partykompatible Mode. Eine praktische Schnell-An-und-Auszieh-Mode, die kurzfristiges Umsteigen von extrem kalten auf hochsommerliche Temperaturen ermöglicht und damit wie geschaffen ist für das Rumhängen auf versifften Party-Locations oder das Sich-Treiben-Lassen in der Musik. Sprich Leasure-Wear für die lange Party-Nacht. Was aber gibt es sonst noch? Variationen: Innerhalb dieser oberflächlichen Gruppierungen trifft man nur selten auf auffällige Variationen: Beispielsweise finden sich hier sporadisch verschiedene Arten des weithin so bezeichneten Schulmädchenlooks, oder aber Mädchen, die zwar von der Idee her durchaus die beschriebenen Stile adaptieren, aber dem Ganzen etwas mehr Persönlichkeit verleihen, indem sie die Sachen einfach selber nähen. (So wie eine der jungen Damen, die wir fotografiert haben.) Bei den Jungs ist die Ausbeute eher gering. Hier und da haben wir jemanden entdeckt, der sich durch auffällige Details auswies, wie der Party-Besucher mit dem Gucci-Gürtel oder derjenige mit dem Hemd im Military-Look und der glitzernden Silberhalskette. Konformität, Codes und Grenzen Diese Beobachtungen untermauern zumindest für Köln die These, daß vor allem Mädchen vermehrt ihre Dazugehörigkeit zu Jugendkultur über Mode demonstrieren und finden. Ist das Gros des Kölner Techno-Publikums aber wirklich derart konformiert und wählen sie ihre Kleidung ausschließlich nach funktionalen Gesichtspunkten aus? Einer der Party-Besucher merkte hierzu Folgendes an: “Wenn wirklich alles so funktional ist, warum haben sich bisher keine Kunstfaser-T-Shirts bei schweißtreibenden Partys durchgesetzt? Stattdessen akzeptieren immer noch alle die Nachhause-Weg-Erkältung.” Ein wesentlicher Grund dafür, daß das eben nicht so ist, ist die Konformität der Streetkultur innerhalb der einzelnen Kölner Szenen. Die Art wie wir uns kleiden hängt ja im allgemeinen in erster Linie von sozialen Faktoren ab. Einfache, aber gravierende Fragen geben bei unserer Wahl der Anziehsachen schon seit dem Teeniealter den Ausschlag: Was kann ich mir leisten? Was trägt meine beste Freundin bzw. mein bester Freund? Was trägt meine Lieblingsband, -sänger(in) oder -musiker(in)? Was tragen meine Eltern? Selbst mit Mitte Zwanzig bleiben die Grundinhalte dieser Fragen relevant, auch wenn man sie nun anders formuliert. Daß viele auf diese Fragen gleiche Antworten finden, liegt zwar in der Natur der Sache – schließlich bilden sich Mode-Trends und -Looks überall durch das Hinschauen, Abgucken und Nachmachen – muß jedoch nicht unbedingt diese Konformität bedingen. Selbst Einheitslooks verkaufende Stores wie H&M lassen uns immer noch genügend Freiraum, uns eben nicht zu uniformieren und das sogar zu erschwinglichen Preisen. Leider bringt in Köln aber dennoch kaum einer den Mut zu modischen Experimenten oder wirklich konsequent durchfunktionalisierter Kleidung auf. Obwohl eigentlich gerade die Clubkultur, in der Grenzen, wie die der Geschlechterzugehörigkeit, der Sexualität oder der sozialen Stellung, weniger relevant sind, als in anderen Szenen, eine phantastische Spielwiese für solche wären. Nicht zuletzt deshalb, weil innerhalb dieser Dazugehörigkeit nicht schwerpunktmäßig durch Kleidung sondern vermehrt über die Musik und die Tanzfläche demonstriert wird. Das Wiedererkennen der Tracks, das gemeinsame Tanzen bis in den Morgen, gemeinsame Momente also, sind interne Codes, die nicht unbedingt einer äußerlichen Codierung bedürfen, ihr aber auch nicht im Wege stehen. Das ist sicherlich auch der Grund dafür, warum für außenstehende Beobachter “falsch” gekleidete Party-Gänger hier weniger blöd angesehen werden, als man es sonst oft kennt. Da erweisen sich die Angehörigen der (Kölner) Clubkultur dann auch einmal mehr als politisch, wenngleich vielleicht nach noch ungeschriebenen oder erst in Anfängen beschriebenen Gesetzen. ——————————————————— Zitat: Leider bringt in Köln kaum einer den Mut zu modischen Experimenten oder wirklich konsequent durchfunktionalisierter Kleidung auf.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.