Wann ist ein Foto eigentlich ein Modefoto? Schon seit einigen Jahren kann man beobachten, wie die Modeshootings zwischen Kunst und Auftrag driften und zu einem beliebten Gegenstand der Kunst werden. Dieses Frühjahr gibt es in Hamburg und Winterthur bei Zürich gleich zwei Ausstellungen zum Thema.
Text: anne pascual aus De:Bug 58

Modeshootings
Zur Kunst geadelt

Wolfgang Tillmanns und Inez von Lamsweerde waren in den Neunzigern die Vorreiter, die die Grenze zwischen Kunstfoto und Modeshooting unkenntlich machten. Gleich zwei klassische Kunstorte arbeiten in diesem Frühjahr weiter an dem Verwischen dieser Grenze und zeigen Modefotografien: In den Deichtorhallen Hamburgs blickt “Archeology of Elegance” zurück, “ChicClicks” präsentiert dagegen zeitgenössische Positionen im Schweizer Fotomuseum Winterthur.

ChicClicks
Wer die Bilder im Ausstellungskatalog von “ChicClicks” betrachtet, merkt gleich, wie sich die klassischen Definitionen des Schönen aufzulösen beginnen. Olivier Zahm, Herausgeber der französischen Zeitung Purple, die selbst zwischen Mode und Kunst changiert, stellt in seinem Katalogbeitrag heraus, wie das kommerzielle Modefoto zum Indikator des Zustands einer flexiblen, narzisstischen Gesellschaft wird, sich aber keinesfalls darauf beschränken lässt. Denn auch wenn Modefotografie in den meisten Fällen kontrolliertes und kontrollierendes Bild zugleich ist, gilt es die Ausnahmen unter ihnen ausfindig zu machen. “ChicClicks” ist genau das sehr gut gelungen: Experimentelle Beispiele, wie es z.B. die Fotos von Anders Edström oder Laetitia Benat sind, verzichten auf illusorische Effekte und halten stattdessen ganz besondere, subtile Momente fest.

Eleganz
Solche Bilder werden in der Ausstellung der Hamburger Deichtorhallen eher selten zu sehen sein. Die Künstlerliste mit Namen wie Herb Ritts, Ellen von Unwerth, Peter Lindbergh, Robert Mapplethorpe oder Sarah Moon setzt auf Namen, die einem breiten Publikum bekannt sind. Dabei scheint es unwahrscheinlich, dass gerade diese es schaffen, die Oberflächlichkeiten von “Lifestyle” oder “Attitude” zu hinterfragen. Im Gegenteil: die dort versammelten Bilder haben diese Begriffe etabliert und ihnen ihre Macht verliehen. Präsentiert “ChicClicks” eher die ungewöhnlichen, neuen Ansätze der Modefotografie, suchen die Macher von “Archeology of Elegance” nach den “Time Codes” einer visuell geprägten Kultur. Dazu hat man die vielfältigen Entwicklungen der Modefotografie in den letzten 20 Jahren kurzerhand auf vier Begriffe verteilt: Punkrock, Glamour, High-Tech und Futurismus – sowie Kunst. Statt einer Infragestellung des Sichtbaren dienen die Bilder der Abbildung kultureller Strömungen wie zum Beispiel der materieller Exzesse der 80er Jahre. Ulf Poschardt, Mitkurator der Hamburger Ausstellung, betont denn auch in seinem Katalogbeitrag wenig einfallsreich die Verführungskraft der Bilder, die für ihn unterschiedliche Haltungen widerspiegeln: zunächst ihre Inszenierung und irgendwann auch ihr Scheitern.

Bilderwald
Beide Ausstellungen sind einen Besuch wert, denn “Archeology of Elegance” präsentiert genau das Zentrum der Mode-Image-Herstellung, das von ChicClicks dekonstruiert wird. Und das eine wäre nichts ohne das andere. Vor allem aber wird man diese Bilder weiterhin dort finden, wo sie ihre Berechtigung und Bedeutung erhalten: In den englischen Zeitungen “i-D” und “The Face”, die immer noch den Ton angeben, in der französischen “Purple” und der holländischen “Dutch” oder in “Self Service”. Das sind alles Zeitschriften, denen es zu verdanken ist, dass Fotografen wie z.B. Inez van Lamsweerde, Juergen Teller, Terry Richardson oder Mark Borthwick ihre Sicht einer sich ständig verändernden (Mode-)Welt ablichten konnten und dabei manchmal das Flüchtige, den Glamour oder auch den Schmutz zeigten.

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