Bionisches bei der Beck’s Fashion Experience
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 110


Zum fünften Mal zeigte die Beck’s Fashion Experience in Berlins E-Werk sechs ausgewählte Jungdesigner zwischen Anarcho-Strick, schmalen Herren mit Detail-Pfiff und schwer couture’igen Stoff-Extravaganzen. Aus den Teilnehmern QED, Elena Schneider, Marie-Louise Vogt, Nadine Möllenkamp, Alena Bartschat und Bele Bardenheuer ragte besonders Peter Bertsch heraus.

Als das spacig aussehende Model ein knallig pinkes Kleid über den Catwalk führt, bewirkt das die lautstärkste Reaktion beim verwöhnten Publikum der Beck’s Fashion Show im Berliner E-Werk. Das Aufsehen erregende Kleid ist der Ausweis, das herausstechende I-Tüpfelchen der Frauenkollektion des jungen Antwerpener Modedesigners Peter Bertsch. Es steht allerdings für sich allein in einer Kollektion, die an das erste Anschauen von Austern erinnert. Mit den Kleidern ist es wie mit den essbaren Muscheln. Sie üben eine Faszination aus, aber gleichzeitig auch ein Unbehagen. Austern zu essen ist nicht einfach ein Essen, sondern eigentlich ein Essen über Essen selbst. Eine glitschige Meditation über Nahrung.

Bertschs Farben sind im Allgemeinen eher pastellig, ein blasses fliederfarbenes Grün, Altrosa – und vor allem hautfarben sind die avantgardistischen Entwürfe, knappen Kleider und Hosenanzüge des Belgiers. Hervorstechend sind die immer wiederkehrenden Kragen, wie Köpfe von Orchideen drängen sie sich nach oben, werden dort zu Sahnebaise-verzierten eleganten Jugendstil-Torten.

De:Bug: Wie würdest du deine Kollektion beschreiben?

Peter Bertsch: Organisch + Synthetisch = Bionic

De:Bug: Gibt es für diese Kollektion etwas, was dich besonders interessiert hat?

Peter Bertsch: Ich fange für gewöhnlich mit einem ganz persönlichen Interesse an, bei dieser Kollektion war es der Drang zum Perfektionismus. Ich habe mich dadurch sehr intensiv mit plastischer Chirurgie, Proportionen, dem goldenen Schnitt, der Symmetrie von Orchideen beschäftigt.

De:Bug: Was für Stoffe hast du verwendet?

Peter Bertsch: Ich liebe die Vielfalt synthetischer Stoffe, die bei weitem viel besser sind als ihr Ruf. In der Kollektion gibt es ein spezielles PVC, das geschmolzen, von Hand geformt und dann erstarrt wird, aber auch Neopren, weißes Aluminium, Seide.

Bertsch studiert an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen. Die Schule, die so spezielle Designer wie Bernhard Willhelm und die Antwerpener Sechs um Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck und Dries van Noten ausgebildet hat. Seine Mode erinnert allerdings eher an die Kostüme und die opulente Filmgewalt Matthew Barneys. Die kurzen Kleider wirken manchmal wie chirurgisch hergestellte Artefakte, die man sich nicht zu berühren traut. Wenn die Seidenstrümpfe an den langen Beinen der Models sich von hautfarben in ein blasses Rot verwandeln, verwischt es die Grenze von Kleid und Körper. Die Kleider verlängern den Körper wie korallenartige Extensions und sind so klinisch rein und perfekt, als bräuchten sie den Körper kaum noch.

Peter Bertsch: Ich wollte einen Zwischenbereich schaffen. Zwischen den verschiedenen Lagen, durch die wir uns ausdrücken. 1. Haut 2. Kleidung 3. Auto 4. … Ich wollte eine Verbindung herstellen zwischen der 1. und der 2. Schicht. Meine Kleidung sieht auch am Bügel aus, als hätte sie ein Eigenleben.

Die Kleider wirken gleichzeitig wie aus einer besseren und fernen Zukunft und einer frühen Vorzeit. Zwischen technischer Raffinesse und Organisch-Naturhaftem. Wie aus den unteren Meerestiefen an die Oberfläche gespült. Ein bisschen wie der Ur-Hai, der vor kurzem vor der Küste der japanischen Insel Honshu verendete. Dem Kragenhai, der normalerweise in 1.300 Meter Tiefe lebt, wuchsen Blumen aus dem Körper und er hatte einen langen Schwanz, den er elegant hinter sich herzog.

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