600 Megabit pro Sekunde, das ist die magische Zahl. Erst wenn der Datenfluss in digitalen Kameras diese Größe erreicht, wird die ästhetische Revolution der Fotografie eintreten, die mit der Digitalisierung versprochen wurde. Denn ab dieser Größe ist die Kamera schneller als das menschliche Auge, Film und Foto gleichen sich an, der richtige Moment wird nicht mehr inszeniert, sondern nachträglich im filmischen Fluss der Bilder gefunden.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 86

Pixelbild plus | Die Digitalisierung des Bildes

Noch immer drückt man mit dem Finger auf einen Auslöser, um ein Bild zu machen. Die Kamera setzt ihren Mechanismus in Bewegung, um abzubilden, was zu sehen ist. Manchmal ist das Bild schon weg. Bei den schlechteren digitalen Kameras kommt zur menschlichen Reaktionszeit die Auslöseverzögerung hinzu.

Dass zwischen der analogen und der digitalen Fotografie fundamentale Unterschiede bestehen, was das Speichern der Lichtverhältnisse betrifft, hat der Medientheoretiker Wolfgang Hagen behauptet. Auf das Fotografieren hat die technische Revolution, die er als epistemischen Bruch dramatisiert, kaum Auswirkungen gehabt. Der Fall ist typisch für eine Medientheorie, die sich im technischen Blick verbohrt hat. Sie bläst technische Errungenschaften als Epochenschwellen auf, ohne Auswirkungen zu bedenken. Die Effekte des digitalen Bildes kommen erst noch.

Aufpolieren, Simulieren
Was die Digitalisierung bisher in der Mode- und Werbefotografie bewirkte, lässt sich an der Menüleiste eines gut mit Plug-Ins ausgestatteten Photoshop-Menüs ablesen. Man glättet Gesichter, poliert die Haut, hellt Schatten auf, schärft Konturen, entfernt Reflexe und tauscht manchmal ganze Nebenszenen aus. In Werbefotos trifft man auf gedehnte Gliedmaßen oder geschrumpfte Autos. Mehr als singuläre Gimmicks kommen dabei nicht heraus.

Mit der Debatte über Simulation und virtuelle Welten ist in den Achtzigern eine Furcht vor der neuen Lügenqualität digitaler Bilder angefacht worden, die sich nicht erfüllt hat. Vor der Digitalisierung hing der Wahrheitsgehalt eines Bildes von der Herkunft ab, der Provenienz von Gemälden vergleichbar, die jüngsten Fälle bildpolitischer Manipulationen rücken stattdessen die Frage nach der Bildquelle umso stärker in den Vordergrund.

Die Optionen der Bildverarbeitung werden stets besser, aber der Fortschritt ist gehemmt. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis dreidimensionale Figuren und Lichtverhältnisse im Raum so modelliert werden können, bis sie auch nur annähernd von real aufgenommenen Bildern ununterscheidbar sind. Was wird damit gewonnen sein? Der Effekt ähnelt dem “physical modelling” von Musikinstrumenten. Es genügt Gitarre spielen zu können, wozu ihren Klang noch nachrechnen? Kulturelle Effekte verdanken sich nicht dem Nachahmen, sondern dem Erfinden von Sounds. In einem ästhetischen Feld wie der Musik, das nicht von der Abbildung eines Klangs lebt, sondern von der Variation und der Erfindung, eröffnen digitale Prozesse neue Klangräume. In der Fotografie verhält sich das anders, denn sie bildet ab. Rechenprozesse kommen dort zum Einsatz, wo sie sich in die Abbildung integrieren lassen. Nur wenn die Objekte schon digital sind, wenn es etwa darum geht, einen Avatar in einem Game einzukleiden, entsteht das Bild ganz im digitalen Prozess. Wenn reale Menschen und Dinge aufgenommen werden, müssen sich die Rechenprozesse der Abbildungsform anpassen. Die Effekte des Digitalen treten in diesem Fall wie so oft nicht dort ein, wo die Mehrzahl der Programmierer sie suchen.

Vom Moment zur Bewegung
Die nächsten Neuerungen des digitalen Bildes hängen mit einer Kennzahl zusammen, die immer stärker in der Vordergrund rückt – dem Datenfluss in der Kamera, ausgedrückt mit Megabit pro Sekunde, MB/sec. Er misst, wie viele Bilder einer bestimmten Größe in einer Sekunde verarbeitet werden können. Das Bild einer 6 Megapixel Kamera erzeugt 18 MB Rohdaten. Verarbeitet die Kamera 5 solcher Bilder in der Sekunde, entsteht ein Datenfluss von 90 MB/sec. Die Schwelle, ab der sich das Bildermachen verändern wird, liegt etwa bei 600 MB/sec. Dann werden digitale Foto- und Filmkameras ununterscheidbar. Kameras nehmen genügend Bilder auf, um wie der Film unterhalb der zeitlichen Unterscheidungsschwelle des Auges zu operieren und dennoch gleicht ihre Qualität der von professionellen Mittelformataufnahmen. Unter diesen Bedingungen fällt ein Faktor weg, der die Aufnahme bewegter Szenen bestimmt hat, seit es Fotografie gibt. Es verschwindet der Zwang, im richtigen Augenblick auszulösen. Die Auswahl des einzelnen Bildes löst sich von der Präsenz eines Ereignisses. Sie findet im Nachhinein statt und sie benutzt die einzelne Aufnahme als Rohmaterial und Teil einer Szene. Das resultierende Bild kann aus einer Reihe von Bildern hergestellt werden, die zwar kurz nacheinander, aber eben zu verschiedenen Zeitpunkten aufgenommen wurden. Der geglückte Moment verdankt sich nicht mehr der Reaktionsfähigkeit des Fotografen. Stattdessen entsteht er in einer nachträglichen Synthese. Models müssen nicht mehr in der Lage sein, eine Pose zu halten. Es genügt, wenn sie sie im Bewegungsablauf durchqueren. Das Ergebnis werden keine Schnappschüsse sein, sondern Bilder, die zur Zeit und zum Ereignis in einem Verhältnis der Verdichtung, der Synthese und der Auswahl stehen. Die inszenierten Gesichter der Gegenwart werden steif wirken, so steif wie die arretierten Porträts in den ersten Jahrzehnten der Fotografie. In den genau differenzierten Gesten und den präzise ausgewählten Momenten eines Ablaufs kann ein neues Image, eine neue Grammatik des Bildes entstehen.

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Elektronische Lebensaspekte.