Über das Bandsein, langsame Gewerke, Mädchen-Techno und viele Emotionen
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 174

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Modeselektor und Apparat tun es wieder. Nach vier Jahren Pause haben sich Sascha Ring, Gernot Bronsert und Sebastian Szary Zeit in ihren übervollen Terminplanern freigeschaufelt und machen mit “II”, dem zweiten Album, einen wichtigen, längst überfälligen musikalischen Punkt.

 
Wie geht es euch?

Sascha: Gut. Wenn auch viel zu tun ist. Wie geht es euch eigentlich, Gernot und Szary? Hab ich euch das jemals gefragt?
Gernot: Wir hatten ein entspanntes Wochenende. Uns sind vier Gigs hintereinander abgesagt worden. Eigentlich hätten wir in Georgien nach Deep Purple spielen sollen. Die haben sich so lange ausgekäst mit ihrem Soundcheck, dass das Event vier Stunden Verspätung hatte. Also sind wir wieder abgereist. Danach hätten wir in Dresden spielen sollen, aber da war Hochwasser. In Kroatien wurde dann das komplette Festival gecancelt und der Auftritt am Samstag in Istanbul: Naja, der hat sich auch erledigt.

Ihr braucht Katastrophen, um mal relaxen zu können?

Gernot: Leider ja. Szary: Schon krass. Gernot: Das war alles höhere Gewalt und nicht unsere Schuld. Aber ehrlich, es war höchste Eisenbahn. Es war das härteste Jahr, das wir je hatten, kräftemäßig.
Sascha: Ich habe jetzt gerade auch meine ersten vier freien Tage, seitdem wir mit der Produktion des zweiten Moderat-Albums angefangen haben und bin sofort krank geworden. Der Körper klappt einfach zusammen.
Gernot: Und kann den Adrenalinspiegel nicht halten. Das hat uns mal ein weiser, englischer Sänger erzählt. Er meinte, das Wichtigste nach einer Tour ist, sofort Sport zu machen. Erst so lange laufen gehen, bis man kotzen muss und dann langsam runter arbeiten.
Szary: Immer auf Sendung bleiben.

Weil es generell immer intensiver geworden ist, oder auch weil man älter wird?

Szary: Man merkt das. Dieser Schweif, der sich nach so einer Tour hinten ‘ran hängt. Das wird mehr und anstrengender. Gernot hat Anfang der 2000er noch parallel im Plattenladen gearbeitet. Du musstest auch immer montags arbeiten, oder?
Gernot: Solche Schweine, wa?! Keiner wollte den Montag haben und ich hab mich immer gefragt warum. Bis ich angefangen habe, regelmäßiger zu spielen.

Was bedeutet es, nach Hause zu kommen?

Gernot: Das ist für uns drei unterschiedlich. Szary und ich haben ja Kinder. Wir haben eine andere Form des Zuhause. Da ist es egal, wohin man kommt. Hauptsache die Familie ist bei einem. Das ist krass. Du kommst heim, dann rennen dir die Zwerge entgegen und alles, was zuvor passiert ist, ist nicht mehr relevant.

 

 
Seid ihr jetzt eine Band?

Szary: Ja!
Sascha: Gut erkannt! Wir hatten diesmal auch keine Gastsänger. Es hat sich alles zwischen uns dreien abgespielt und war weniger Fusion aus Modeselektor und Apparat.

Wo liegen eurer Ansicht nach die Unterschiede?

Sascha: Die erste Platte hatte mehr Spitzen in verschiedene Richtungen. Das ist jetzt alles fokussierter. Die Weite der ersten Platte ist noch vorhanden.
Gernot: Wenn ich das mal so sagen darf: Der Hauptunterschied ist, dass Sascha jetzt endlich mal singen kann. Auf dem ersten Album war das alles noch recht vorsichtig. Durch seine eigene Band, Unterricht und die Routine befindet er sich klanglich mittlerweile auf einem anderen Level. Bei der ersten Tour musste noch viel gemixt werden, der Soundmann hat geschwitzt, dass man die Vocals überhaupt gehört hat. Das hat alle überrascht, auch im direkten Umfeld: Boah, das ist echt Sascha?!

Es ist ein wundervolles Album. Ich war überrascht.

Gernot: Ich auch. Beim Mastern bin ich ja voll eingeknickt. Ich war bis dahin die ganze Zeit auf Vollgas, immer motiviert. Beim Mastern stand ich nur noch mit zittrigen Händen da. Die beiden haben mich nach Hause geschickt. “Alter, du musst jetzt gehen. Du erzählst nur noch Scheiße.” Ich befand mich in einem übermüdeten Wahnzustand und habe seitdem das Album nicht mehr gehört. Letzte Woche war aber meine liebe Frau Mutter zu Besuch. Mit ihr zusammen habe ich über Kopfhörer am Küchentisch die Platte gehört und war angenehm überrascht!

Wie konfrontativ wart ihr diesmal unterwegs? Es hieß ja damals schon, dass ihr drei sehr eigene Köpfe seid und euch ganz schön auf die Probe stellt.

Sascha: Diesmal waren die Peaks sogar extremer als beim letzten Mal.
Gernot: Es war emotionaler, aber nicht lauter. Früher sind wir schneller laut geworden, bis zur Handgreiflichkeit. Aber diesmal war Szary der Mittler.
Szary: Der Heiner Geißler! (Alle lachen)
Sascha: Durch den Gesang ist für mich alles emotionaler geworden. Da gibt es Momente, da will ich mit mir selber nichts zu tun haben. Ich bin froh, dass die beiden gerade so viel Erfahrung mit Kindern haben. Die haben ein dickes Fell bekommen! Wäre das früher passiert, wir wären alle unfassbar durchgedreht.
Gernot: Wir haben dich aber auch verstanden, Sascha. Wir wollten nicht in deiner Haut stecken. Sascha musste texten, singen und vor allem auch immer wieder das Gleiche singen. Wir meinten nur: Geht das noch ein bisschen lauter? Dabei war eigentlich alles gut. Da wurde er schonmal wütend, zu Recht.

Wann geht man sich richtig auf den Sack?

Gernot: Wenn jemand das Tempo ändert, obwohl der Song schon fertig ist.

Macht ihr das heimlich hinter dem Rücken der anderen?

Sascha: Das wurde früher versucht. Aber das geht nach hinten los. Wir haben eine Regel. Jeder darf plus minus 1dB eigenhändig verändern. Aber beim Tempo müssen wir gemeinsam entscheiden.
Szary: Auf den Sack geht es, wenn ich zum Beispiel ausnahmsweise mal am Rechner sitze und hinter mir die beiden stehen, mir über die Schulter schauen und stressen: “Ey, ick hab da mal ne Idee! Lass mich mal was ausprobieren!” Ich arbeite einfach komplett anders als die beiden.
Gernot: Szary ist halt einfach ein bisschen langsam. (lacht brüllend)
Sascha: Stell dir einen Mauszeiger vor, der sich einen Zentimeter die Minute bewegt.
Szary: So schlimm ist das auch wieder nicht.
Gernot: Sascha und ich sind sehr schnell. Szary hat hingegen enormes Sitzfleisch. Der hockt meistens mit seinem Laptop und Kopfhörer einsam und stoisch in der Ecke herum und wir bollern vorm Mischpult. Irgendwann kommt dann über das Internet eine Nachricht: Guck mal in den Ordner rein, ich hab da was reingelegt, obwohl er im gleichen Raum sitzt. Wir machen uns dann über den Part her und während Szary kurz aufs Klo geht und eine Kippe raucht, haben wir das in die Nummer fast fertig eingebaut.
Szary: Das ist wie beim Hausbau. Es gibt die Berufssparten, die gehen total schnell..
Gernot: Die Gewerke!
Szary: Genau, die Gewerke. Der Rohbau steht schnell. Aber Gewerke wie zum Beispiel der Stuckateur, Innenausbau, Mosaikfliesen, die brauchen Zeit.

Ihr seid sozusagen drei Architekten.

Sascha: Richtig. Wir sind drei Produzenten. Jeder kann irgendwie alles. Daher hat jeder zu jedem Thema auch eine Meinung. Die nervigsten Momente sind die, wenn man einfach plump überstimmt wird und du diese Entscheidung nicht verstehen kannst. Das ist schon jedem von uns passiert, dass jemand einen Sound produziert, an dem sein Herzblut hängt und du nur sowas hörst wie..
Szary: Leck Arsch!
Gernot: Eigentlich trivial.

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Bei Moderat scheinen Modeselektor ihre sanfte Seite zeigen zu wollen.

Gernot: Wahrscheinlich bin ich nicht so romantisch wie Sascha. Der hört das ganze Drone-Zeug, das versteh ich nicht. Das ist mir alles viel zu lang. Ich brauch Beats, geile Hooks.
Szary: Ich höre gar keine Musik!
Gernot: Das ist ein Zitat von DAF!
Szary: Nee, das heißt: Es gibt keine Harmonien.

Für mich ist es das perfekte Mädchen-Technoalbum. Besser kann man es nicht machen.

Sascha: Was?! Das ist lustig. Das war nämlich das allererste, was ich von den bei- den zu hören bekommen habe. Die meinten nur: Du machst Mädchen-Elektro!
Gernot: Das war doch aber wirklich so! Ich werde den Moment nie vergessen, wo wir das erste Mal zusammen im WMF in der Ziegelstraße gespielt haben. Wir haben ein tierisches Breakcore-Dancehall-Ragga-Noise-Gewitter hingelegt und Sascha kam danach mit seinem flächigen Zeug. Ich werde nie vergessen, wie damals glückliche Mädchen zu seinen frickeligen Beats getanzt haben. Es war clean, suppig, geil. Das war eben Mädchen-Elektro. Das absolute Gegenteil von dem, was wir gemacht haben. Weiter konnte man nicht voneinander entfernt sein.
Sascha: Das ist dann wohl die Quintessenz, die bei uns übrig geblieben ist. Mädchen und Techno.
Gernot: Genau. Wir machen immer mehr Techno und Sascha wird immer mehr zum Mädchen (alle lachen).

Apropos WMF. Wo ihr ja mittlerweile nicht mehr stattfindet, ist der klassische Club.

Gernot: Ditt is scheiße, is ditt! Das kotzt mich an!
Szary: Wo ist denn der klassische Club? Den gibt es doch gar nicht mehr.
Gernot: Genau! Wo ist denn das WMF? Schreib das auf!

Man sucht sich das aber aus, oder nicht?

Szary: Du stellst Fragen. Das hat sich einfach so entwickelt, sowohl Moderat als auch Modeselektor und Apparat. Wir wollten schon immer frontal nach vorne.
Sascha: Wenn du jahrelang den gleichen Scheiß machst, nutzt sich das ab. Da hilft oft nur die Flucht nach vorne. Was willst du machen? Im Harz wieder Techno-Partys schmeißen?

Muss man sich Vorwürfe von der “Szene” anhören?

Gernot: Nein. Wir tun ja viel dafür und haben deshalb auch unsere Plattenlabels gegründet. Wir legen alle drei regelmäßig in Clubs auf. Wir wollen das mit dem Street Credit weiterführen, jungen Künstlern und befreundeten Produzenten die Möglichkeit, eine Plattform anbieten, sich entfalten zu können. Man ist befreundet und man pusht sich. Ich hatte das Gefühl, dass das in Berlin in letzter Zeit ein bisschen gefehlt hat. Als wir alle bei BPitch weggegangen sind, war der emotionale Bruch groß. Paul ist Superstar geworden. Sascha Funke sieht man gar nicht mehr. Das ist völlig auseinander gefleddert.
Sascha: Man darf die Business-Fraktion dahinter aber nicht vergessen. Die Menschen, die im Hintergrund arbeiten, sind immer noch die selben und das seit Jahren.
Szary: Das haben wir ja damals bei BPitch auch gelernt. Wir sind als komplette Neulinge reingegangen, haben viel Unterstützung bekommen. Das war eine magische Zeit. Und im Moment ziehen wir die Leute nach und versuchen einen Nährboden zu schaffen.

Wie wichtig ist Moderat für euch geworden. Was als Live-Projekt begann, wächst ja zu etwas immer Größerem heran.

Sascha: Es ist ein guter und wichtiger Kontrastpunkt. Eine dicke Bassdrum für Moderat auszupacken, fühlt sich für mich gerade gut an. Das ist wie eine Insel.
Gernot: Nach so langer Pause fühlt es sich wie die Königsdisziplin an. Wir dürfen wieder Moderat sein. Da freuen wir uns wie kleine Kinder drauf.

Wie lange geht es noch so weiter. Produzieren, Touren, Burnout?

Gernot: Man muss das abwägen. Sascha hat gerne mal die Anwandlung, dass er sagt, mit 40 ist Schluss. Das glaube ich nicht. Wir sind zwar unterschiedlich, aber wir haben eine Sache gemeinsam: Wir sind Getriebene.
Sascha: Da fehlt viel, wenn man nichts mehr macht.
Gernot: Wenn ich vier Wochen nichts zu tun habe, drehe ich durch. Da bekomme ich Bauchschmerzen. Da lassen wir das Alter entscheiden. Wenn es peinlich wird, hören wir auf. Es gab mal ein Bild von Sascha, in dem er sich im Studio erhängt hat. Wahrscheinlich würde das passieren.

Moderat, II, ist auf Monkeytown/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.