Modern Love: Ein kleines Label aus Manchester definiert sich neu – ausgerechnet mit einer gnadenlos limitierten Maxi, die es dazu noch in sich hat. Debug sprach mit Betreiber Shlom Sviri – und mit Neuzugang Claro Intelecto.
Text: Multipara aus De:Bug 95

Modern Love ist Shlom Sviris zweites Label. Sein erstes gründete er 1998 mit dem Kopf der Berliner Sonic Subjunkies, die damals zur Eröffnung seines Plattenladens Pelicanneck in Manchester spielten. An den Laden heftete sich alsbald ein Vertrieb und später ein Mailorder, und das Label wuchs zu einer Institution für melancholische Elektronik aller Art: City Centre Offices. Modern Love dagegen blühte vor allem im Verborgenen. Ein Label für englische oder England-affine Vinylkäufer: dark und ein bisschen retro im Sound, ein Hybrid aus IDM und Electro, angereichert mit Spurenelementen aus Detroit, Rave, Turntablism. Ein bisschen das Hauslabel von Bitstream, zwei Brüdern aus Northhamptonshire, die die einzigen zwei CD-Releases bislang stellen.

Debug: CCO ist ja durchaus ein musikalisch recht offenes Label … Warum hast du 2002 zusätzlich Modern Love gegründet?

Shlom Sviri: Ursprünglich, um Musik ohne die enorme Planung veröffentlichen zu können, die CCO benötigt. CCO ist ja sehr international angelegt, zum einen was die Künstler angeht, zum anderen weil es sowohl von Manchester wie auch Berlin aus betrieben wird. Am besten gefällt mir dabei, dass sich Thaddi und ich trotz der räumlichen und lebensweltlichen Trennung dabei fast ohne Worte verstehen; dennoch wird die Kommunikation eben doch durch diese Fragmentarisierung oft kompliziert. Ich wollte ganz spontan arbeiten können. Weil alle Artists in der Nähe wohnen, ist die Arbeitsweise viel organischer.

Debug: Das Label hat auf mich immer den Eindruck gemacht, dass es vor allem für Freunde reserviert war: Bitstream, deren Freund Troubleshooter, Pendle Coven, der für euren Vertrieb gearbeitet hat …

Shlom Sviri: Im Kern stimmt das auch. Es war vor allem so, dass Tracks herumlagen, mit denen ich etwas machen wollte. Ich stellte einfach zusammen, was mir gefiel, ohne viel über klangliche Symmetrie zwischen den verschiedenen Releases nachzudenken. Das hat sich jetzt ziemlich geändert; zwischen den dreien, mit denen ich jetzt am engsten zusammenarbeite – Miles (Pendle Coven), Andy Stott und Claro Intelecto – gibt es einiges an Reibung; sie versuchen sich gegenseitig zu übertreffen. Sie hören sich genau an, was die anderen machen, und kommen zwei Wochen später mit ihrer “Antwort” vorbei. Sowas geht nur ohne diese räumliche Distanz. Außerdem sind Künstler so auch für Kritik und Kommentar viel zugänglicher, was ja immer ein heikles Thema zwischen Label und Künstler ist.

Debug: Ist Mariel Ito, dessen EP im August erscheint, auch aus Manchester?

Shlom Sviri: Nein, der ist die Ausnahme. Das ist Eric Estornell aus Dallas, Texas; er veröffentlicht unter dem Namen Maetrik auf Treibstoff. Das sind Tracks, die er SCSI anbot (Carl Finlows und Daz Quayles Electro-Label), die da aber nicht hinpassten. Ich dagegen war ohnehin von dem IDM-Electro-Spinoff-Sound recht gelangweilt, da war sein verspielter House genau richtig.

Debug: Die Platten, die jetzt und demnächst erscheinen, verfolgen ja alle diesen neuen musikalischen Ansatz, mehr floor-orientiert. Mit ihrer Beschränkung auf zwei, drei Titel wirken sie sehr entschlossen und aufgeräumt, für den Dancefloor produziert. Gleichzeitig formulieren sie ein sehr klassisches, elegantes, selbstbewusstes Detroit-Update.

Shlom Sviri: Das ist schon eine bewusste Entscheidung. Keine Revolution, aber eine Gewichtsverschiebung. Die “Retro”-Orientierung des Labels kommt von den Künstlern, von dem, was sie inspiriert. Miles z.B. ist ja ein wandelndes Technolexikon, deshalb der Detroit/Chicago-Einfluss, oder wie bei seiner letzten EP, Breakbeat. Und ich mag es nach wie vor dark. Aber ich möchte weg von der solitären Erfahrung, die für IDM typisch ist, hin zu einem sozialen Kontext, zu etwas, was man sich in einem Club vorstellen kann.

Debug: Claro Intelecto ist sicher der Neuzugang auf dem Label, der am meisten Aufmerksamkeit erregt. Warum bist du nicht mehr bei Ai?

Claro Intelecto: Aus vielen Gründen. Meine geraderen Sachen wären da nie erschienen, wenn ich nicht genügend hinterher gewesen wäre. Die waren nicht ihre Tasse Tee, sozusagen. Ich hatte aber keine Lust mehr, aggressiven Electro rauszuhauen. Dann gab es Probleme mit dem Design des Artworks, und schließlich haben sie mich nicht bezahlt und schoben das auf den Vertrieb, während ich genau wusste, was vor sich ging. Wozu weiter Platten für sie machen, wenn sie meine Musik nicht mal mochten? Im Wesentlichen war ich nur dort, damit sie Geld verdienten. Mit dem Vertrieb und besonders mit Shlom war ich schon länger befreundet, und als ich die Stücke für die Neuro LP zusammenstellte, stellte sich heraus, dass Shlom sie fast genauso gemacht hätte. Außerdem kenne ich Andy schon sehr lange … und dazu die Musik von Miles – es ist einfach sehr spannend, jetzt Teil von Modern Love zu sein.

Debug: Die neue 12″ hat eine Auflage von 459 Stück und war am ersten Tag weg. 600 hattet ihr vom Presswerk geordert, 800 mal wurde sie vorbestellt. Ihr wusstet vorher, dass ihr 1000 Kopien locker hättet verkaufen können – und wer weiß das heutzutage schon noch? Eure Vertriebskollegen sind sauer, meine Freunde sind sauer. Warum macht man sowas?

Claro Intelecto: Das war von Anfang an so geplant … eine Platte, nach der die Leute in den nächsten Jahren suchen können. Wir werden auf jeden Fall nicht nachpressen. Auf Vinyl war es das. Aber es gibt sehr bald mehr.

Shlom Sviri: Es ist natürlich ein bisschen kindisch. Für mich ist es wie mit Sammelbildern: Am Ende fehlt eines oder zwei. Und wenn du einfach in den nächsten Laden gehen und es ohne weiteres kaufen kannst, macht es keinen Spaß. Aber so ist es grade im Plattenbusiness: Alles wird nachgepresst. Das zerstört die Spannung, und die fehlt uns. Wir wollen die Leute einfach ein bisschen aufrütteln.

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Elektronische Lebensaspekte.