Das New Yorker Fotoheftchen Shoot arbeitet mit Porträtfotos von Männern, die sich auf dem Bett des Herausgebers Modern Paul ausziehen. So entstehen modische Bilder, in denen keine Mode gezeigt wird.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 104


SHOOT/DESIGNING/MEN

Zunächst ein Bildabgleich vor dem Bildvergleich. Wir reden über Thomas Dworzaks Taliban-Bilder; jene Fundstücke aus afghanischen Fotoautomaten und Hinterzimmerdunkelkammern, die das mediale Bild des islamistischen Kämpfers irritieren sollten. Dann bringe ich Alex ins Spiel, seines Zeichens abgekämpftes und konsequent sexy bleibendes Bartträgermodel aus SHOOT 2. Ist Guatanamo eine Beautyfarm, frage ich Paul Mpagi Sepuya, der Dworzaks Bilder sehr mag, anhand von SHOOT-Bildern solche Assoziationen aber nicht zulassen möchte. “Daran habe ich nicht gedacht. Ich denke nicht über die Sexphantasien von Terroristen nach und versuche noch weniger, globale Politik durch Sex und Körper aufzulösen.“ Denn schließlich wären das die Ausläufer der ausgetretenen Pfade Jean Genets, die jedes Unterdrückungsverhältnis auf seine sexuellen Implikationen untersuchen. Wann, wo und unter welchen Bedingungen sich Grauschleier auf Pupillen legen und Blicke trübe werden lassen, ist dem umkämpften, globalen, allumspannenden Feld der Wahrnehmung geschuldet, unter das nicht nur frei flottierende Medienbilder fallen.

Es ist schwierig geworden, besonders für zeitgenössische Portraitfotografie, sich weder dem schier grenzenlosen Modediktat zu unterwerfen noch das Spiel mit den Zeichen der Mode zu einer Strategie zu erklären; von inadäquatem No-Logo-Artwork ganz zu schweigen. Paul Mpagi Sepuya weiß davon. Überall lauern Überblendungen, Restreferenzen und Ablagerungen, nicht nur der Modebilderwelt, die auch SHOOT eine gespenstische Dimension verleihen. Denn der Eindruck täuscht und täuscht wiederum auch nicht: Alex konnte die Primärzeichen Bart, stoischer Blick als western image adaptieren und dabei die Wüste durchwandern, ohne Anzeichen der Erschöpfung, ohne körperliche Spuren davonzutragen. Doch nicht nur Alex, auch Nico, Frank und Dean (alle Männermodels von SHOOT 1-4) haben allein auf dem Bett in Pauls New Yorker Schlafzimmer Platz genommen und sich dort ganz langsam das T-Shirt ausgezogen. Nicht das Verhältnis des Fotografen zu seiner Technik, sondern das Verhältnis des Fotografen zur Modellierung der Schönheit seiner Objekte steht im Mittelpunkt. Jede Ausgabe ist konzeptuell anders ausgerichtet. Es gibt in SHOOT eine Art ”intimacy turn“, nicht nur in der visuellen Gestaltung. Zart, zerbrechlich, fast fragil wirken die Serien in SHOOT. Hier verrutschen männliche Identitäten nicht durch eine äußerliche Kostümierung. Nein, keine Klamotten, keine Labels, nichts, sagt Paul, der nicht als Purist verstanden werden darf, allerdings das Erscheinungsbild schwuler Körper im medialen Raum, im typischen “mode of exzess“ ablehnt. Pauls Bilder sind deswegen nicht immun gegenüber kulturkritischen Überlegungen im Spannungsfeld von Bourdieu bis Barthes.

Crossgender-Agenda der Modewelt

Sie lassen sich aber nicht eindeutig auf jene analytisch festgeschriebenen Gesetzmäßigkeiten der Modewelt reduzieren. Denn mittlerweile sind die Gesetze der Modewelt dahingehend umgeschrieben – zum Teil außer Kraft gesetzt (natürlich) -, paradoxerweise eine ikonographische Stigmatisierung der Nicht-Identifizierung des Sexuellen voranzutreiben: Das ist die Crossgender-Agenda der Modewelt und ihrer Bilder. Davon handelt jede ”Dolce & Gabbana“-Unterhosenkampagne.
Haben sich in der Bewegung konzentrischer Kreise die unabhängigen Systeme Mode, Kunst und Sex längst ineinander verzahnt? Und was könnte Wolfgang Joop, der Wolfspelz-Autor und Modezar von einst, aus SHOOT herauslesen? Tatsächlich die Modekollektionen von morgen?
SHOOT umkreist diese Überlegungen und wählt die allseits verhasste Kunstauffassung als eine Art Schutzfolie, indem ein Sammeln von kleinen Bewegungen (nicht von Schwänzen) vorgenommen wird: Das Thema ist dabei Paul Mpagi Sepuya selbst. Darin besteht die Irritation. Denn hier geht es nicht vordergründig um eine Wiederaneignung der Zeichen. All das geschieht beiläufig, auf eine ganz unprätentiöse Art und Weise, in der Sichtbarwerdung der Produktion als Möglichkeit einer eigenständigen Politik der Bilder: “Der Unterschied zwischen der Sexualität in Massenmedien und dem, was mich an SHOOT interessiert, ist der freigelegte Produktionszusammenhang. Denn in den bestehenden Bildformaten der Massenmedien lässt nichts darauf schließen, was der Produktionszusammenhang dieser Bilder sein könnte, wer die Models sind, was die Beziehung des Photographen zu den Porträtierten sein könnte. Das sind ausgelegte Bildwaren. Sicherlich besteht ein Unterschied auch darin, dass viele Medienbilder darauf bedacht sind, Einfluss auf das Begehren des Betrachters zu gewinnen, es auch zu manipulieren. Ich bin mit dem Bild verbunden und gebe diesem einen Gehalt. Mir geht es darum, mein eigenes Begehren in den Fotos zu reflektieren. Meine Hoffnung besteht also darin, dass die Betrachter der Bilder dazu gezwungen werden, über die Bildoberfläche hinauszuschauen.“
Die leichte Verschiebung des immergleichen Bildmotivs verdeutlicht, dass es nicht um die perfekt arrangierte Schönheit eines Einzelbildes geht, sondern um eine serielle, nahezu filmische Bewegung unterschiedlicher Ausdrucksformen. In SHOOT werden beruhigende Gesichter inszeniert, die eine Versenkung produzieren; nicht allein Close-ups, sondern Halbaufnahmen suggerieren eine Nähe. Das Gesicht, scheinbar bewegungslos, wird durch die Vielfalt des Ausdrucks fast zu einer kinematographischen Erfahrung. “Ich habe mich dazu entschieden SHOOT zu machen, während ich mich in meiner Dunkelkammer mal wieder durch einen Stapel von Kontaktabzügen gekämpft habe. Ich musste mich für ein Bild entscheiden, das gedruckt werden sollte. Für jedes Portrait, das ich schließlich auswähle, fallen 50 weitere Bilder beiseite. Daher dachte ich, dass es eine weniger endgültige Entscheidung geben muss als das Endbild, sondern verschiedene Bilder, Anordnungen und Themen interessanter sind, mit denen ich spielen kann. Ich betrachte SHOOT nicht als Magazin, sondern eher als eine Serie von diversen Auflagen im Fanzine-Format. Es ist ein Format, das nicht sehr teuer ist, das sich fast alle leisten können.“
Spannend ist für Paul daher, an welchem Punkt die Bilder für ihn aufhören, wann er sich von ihnen lösen kann? Manchmal dringt ein Poem als verstörender Text in die Bilder. So entsteht ein ganz eigener Bedeutungszusammenhang in der Verbindung von Poem und Bild. Vielleicht sollte SHOOT als ein pornografisches Essaytagebuch gelesen werden, in dem Versuchsanordnungen für den Gebrauch der Bilder und seine Wahrheitseffekte entstehen. “Ich würde diese Portraits äquivalent zu Halbwahrheiten betrachten, die wir uns ständig selber erzählen, um Dinge okay zu finden. Portraitfotografien sind sehr pragmatisch, sie lassen uns alles Mögliche hineinprojizieren. Sie sind halb-wahr und werden allein von dem Betrachter vervollständigt. Vielleicht sehe ich das eines Tages anders, aber momentan machen mich diese Portraits glücklicher als alles andere.“

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Elektronische Lebensaspekte.