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Text: sascha kösch aus De:Bug 30

Mal Minimal Anders Sascha Kösch bleed@de-bug.de Wir haben vieles gelernt im Umgang mit elekronischer Musik in den letzten Jahren. Unterscheidungskriterien aller Art zwischen verschiedensten Sounds, Genres, Methoden und Effekten. Wir haben das Spiel mit scheinbaren Gegensätzen wie analog und digital, programmiert und improvisiert, – und wie sie alle heissen, gespielt. Das alles kennt man auswendig. Oder man tut wenigstens so. Vernetzung? Kein Problem. Die gesamte Szene ist Vernetzung. Simulation? Eh. Retro? In allen Arten. Nach aussen, in der Abgrenzung wesentlicher Unterschiede zu anderen Musik-, Kunst-, Design- usw.-Szenen ist eigentlich auch alles gesagt worden. Man beginnt schon länger damit, diese Grenzen verschwimmen zu lassen. Ohne sich gross Sorgen zu machen, dass man damit selber untergehen würde. Es gibt eigentlich wenig Begriffe und Begriffspaare, die nicht auseinander genommen worden sind. Nur eins, hartnäckig wie nichts anderes, taucht immer wieder auf und will uns Dialektik lehren (igitt). Ob man nun ausgeht, sich über das Ausgehen unterhält, ob man Musik macht oder auch nicht, ständig begegnet man irgendjemandem, der meint, diese beiden Dinge gehörten getrennt: Kopf und Bauch. So als wäre eine Welt voller Guilloutinierter nicht nur eine kranke Vorstellung, sondern unhinterfragbare Realität. Wabbelnde Bauchfüssler und zottelige Smileys mit Buddah-Attitüde überall. Pfui. Abstrakt vs. funktional heisst das in Musik meist. Techno und alles, was sich hinter diesem Begriff so an relevanter Musik verbirgt, hat immer versucht, diesem Dampfhammer der globalen Verblödung mit der festen Verankererung von Minimalismus und Funktionalität zu begegnen. Als unlösbar zusammenhängend gedachte Begriffe. So dass wir alle funktional Party machen konnten, und obendrein, blessed von der Artifizialität des Minimalen, auch gleich noch ein sogedacht untrennbares Abstraktionsniveau als Mehrwert drauf bekamen. Sei es nur, um sich gegen die Egoprobleme der Rocker und Indietypen abzuschotten. COVERENDE. Nochmal Es ist fast unmöglich geworden, sich funktionale Musik vorzustellen, die nicht minimal ist, oder sein will. Schliesslich ist Minimalismus ja auch das einzige sauber gebliebene Wort der Technoszene, über das kein Kulturschrat wie Goetz oder wer auch immer drübergesabbert hat. Das aus gutem Grund. Soweit, so gut. Nun das Problem, dessen Lösung Jörg Burger aka The Modernist ist. Minimalismus wird als Genre – oder als Basis verschiedener Genres – immer als ein Minimalismus der stetigen Wiederholung scheinbar gleicher Dinge gedacht. Auf dem Level der einzelnen Tracks sind wenige Klangelemente zugelassen, die besonders clever arrangiert werden müssen, mit starrem Blick auf die Linearität der elektronischen Autobahn. Dann aber beginnt mit Modernist die Trennung von Minimalismus und Funktionalität genau dort, wo sich eine genealogische Linie herausbilden musste, bei der heute so verschiedene Stile wie Kompakttechno, Looptechno, usw. angekommen sind. Die beiden scheinbar so festen Begriffe “Minimalismus & Funktionalität” rücken in ein neues Verhältnis. Er nimmt nicht die Oberfläche des Klangs unter die Lupe, sondern seine Bewegungen, die Elemente der Wiederholung, kräuselt sie, verpackt sie nett in ein Sounddesign, langerarbeitet auf diese “Person” des Modernist zugeschnitten. Er verschiebt ständig die Melodien, je nach erlebtem Abend, und orientiert sich dabei eben nicht an Ideen der eigenen musikalischen Vorlieben der Pop- oder Theoriegeschichte, sondern an den über seine Livesets entwickelten Ideen. Deep wäre das letzte, was einem zu Modernist einfallen würde. Barocker Minimalismus. Konstruktivistischer Funktionalismus. Glasfaserteppichsound eher. In Gamesprache ist funktionaler Minimalismus in Techno Tunnelvision, bei Modernist Hit & Run von links nach rechts. Wieder obenauf Oberfläche ist nichts, was einfach so da wäre. Man muss sie erfinden. Computerprogrammierer wissen das am besten. Oberfläche ist nichts, was den “Tiefen” einer Menschlichkeit wiedersprechen würde, aus der normalerweise ein Kopf oder ein Bauchmensch spricht, mit viel Erfahrung oder viel Wissen, sondern eher etwas wie eine Haut. Etwas, das man sich anziehen muss. Über die Ohren, zwischen die Zähne oder wo immer in den Zwischenräumen und Anschlussstellen eines Körpers sonst noch Platz ist. Konstruiert ist sie immer, aber sie verschweigt das nicht so offen. Jörg Burger kommt aus einer Ära der Kölner Musiker, die auch Wolfgang Voigt und Ingmar Koch beinhaltet. Geschichte, kurz skizziert: Früher bei einer Band (“Les Immer Essen”), dann auf unzähligen 12″s, eigenen Labeln (Structure…), jahrelang im direkten Verbund mit den beiden. Plattenladen mitgegründet (als das Delirium in Köln noch nicht Kompakt hiess). Zeitung (House Attack). Die Diskussionen mitangezettelt, in der Familie eingebettet, aus der er dezent hinauswuchs, als sie einen Hang zum Kader bekam. Immer im Spiel mit Wolfgang “wer von uns beiden macht es zuerst” Voigt, mit seinen Pseudonymen Bionaut, Burger Industries usw. Immer eher auf der ruhigeren, der biologisch abbaubareren Seite der Rohkostschule. Souplesse oblige. Modernist ist Techno in seiner Lara Croft-Phase. Spielbar, kickend, konstruiert wie ein Avatar. Ein aus seiner Geschichte mit eigenen Zeichen freigeschaufelter Imageentwurf eines persönlichen Stils ohne Vorgaben einer wie auch immer gearteten realen Identität, sondern neue Anforderungen an die Realität stellend. Das ansonsten an Popzitaten nicht gerade arme Köln – auch das eine Diskussion, an der Jörg Burger massgeblich beteiligt war – holt mit Modernist Pop aus der Versenkung in Nostalgie und Referentialität heraus und präsentiert ihn auf einem Tableau eines miniaturisierten Patchworks der Polygone und Klangfarben. Unmöglicher Pop. Popular.org. Modernist, schon als Name ein Entwurf der Unmöglichkeit, modern zu sein, ist eine Explosion in dem mythischen Loch der Bassdrum; die Befreiung der Sequenzen aus der drückenden Enge einer sich überall einmischenden Linearität; der Versuch einer musikalischen Sprache ohne indirekte Rede. Zirkulation von Ideen ohne Grund, aber mit Funktion und einem sich ständig verschiebenden Ideal. Kein Zuhause von Sound, das Jörg Burger unterzeichnen müsste, sondern ein Homerun.

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Elektronische Lebensaspekte.