Das Baby lässt's krachen
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 115

Modeselektor nehmen den Mund voll und die Welt in ihre Arme. Ständig sind sie auf Tour, überall finden sie Freunde wie Thom Yorke, Maximo Park, TTC. Mit ihrer Anarcho-Idee von Krachledern haben sie im Alleingang für die 2000er Jahre den Platz erobert, den in den 70ern die Krautrocker um Can und Kraftwerk besetzten. Niemand verbindet deutsch Kauziges so mit internationalem Überblick wie sie. Mit ihrem neuen Album “Happy Birthday“ haben sie sich endgültig die universelle Green Card ausgestellt.

Als Modeselektor (MDSLKTR) haben die beiden den Ruf, einer der derbsten elektronischen Liveacts zu sein, den Deutschland, respektive Berlin je auf die Partycrew losgelassen hat. Ihre musikalische Liaison mit Künstlern wie Paul St. Hilaire, Apparat und den Frankohiphopern TTC hat ausgesprochen rentable Früchte getragen. Man hat sich vom allseits liebenswerten Powerbooknerdduo zum souveränen und weiterhin sehr charmanten IDM-Raverockstarpärchen gemausert. “Hello Mom“, ihr erstes Album, vor zwei Jahren bei Bpitch erschienen, ging nach vorne los. 120 Auftritte letztes Jahr und kaum ein Ende abzusehen.

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Die Mischung aus groovigem, beatigem Techno und der Hang dazu, alles, was einem vor die Nase kommt und gefällt, mal antasten zu müssen, hat sie in eine dankbare Querfeldeinläuferposition und in eine Nische jenseits jeder Genrefizierung gebracht. Hansdampf in allen Gassen zu sein, bringt bei MDSLKTR immer wieder wunderbare Kollaborationen mit Musikern aller Couleur hervor und Szary und Gernot werden nicht müde, ihre Möglichkeiten weiter auszutesten. “Hello Mom” hat sie durch die ganze Welt geschickt und nun wird es Zeit, an den Nachwuchs zu denken. Wortwörtlich. Modeselektor werden Väter und auch ihre zweite Platte ist ein Baby, bei dem der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen ist. “Happy birthday!”, das im September erscheinende Album, bringt eine Fülle von Erfahrungen und Eindrücken mit, die zwischen den Zeilen und Beats nur so herauszuplatzen scheinen. Der ganze Spaß und Enthusiasmus des letzten Jahres unterwegs und die Vorfreude auf das, was jetzt kommt, wird hier zusammengefrickelt und bis ins kleinste Detail perfektionistisch herausgearbeitet.

MDSLKTR haben sich neben alten Partners in crime unter anderem diesmal Maximo Park, Otto von Schirach, Siriusmo und Thom Yorke mit ins Boot geholt. Sie werden der Welt noch dazu zwei Coverversionpremieren bescheren, die sich hören lassen können und sicher für Furore sorgen werden. Es ist viel passiert, privat und beruflich, und einen kleinen Teil davon erzählt “Happy Birthday!“. Es war eine schwere Geburt, aber die Geburtstagsparty wird ihresgleichen suchen müssen.

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De:Bug: Wie war das denn, wie seht ihr die Entwicklung von eurer ersten hin zur zweiten Platte?

Gernot: Alle haben gesagt, das zweite Album … jaja … die haben uns richtig Panik gemacht. Das wäre das Schlimmste.

De:Bug: Und? War es das dann auch?

Gernot: Es war zumindest das Anstrengendste. Das erste Album war so: ach, trallala … wir hüpfen durch eine Blumenwiese … Diesmal haben wir drei Monate richtig durchgearbeitet, 7-18h, bei mir zu Hause, wie ein richtiger Bürojob. Meine Freundin hatte keinen Bock, dass wir die ganze Zeit da rumhängen, und deshalb konnten wir nur, wenn sie weg war, arbeiten. Wir haben auch echt lange an allem gesessen, bis es perfekt war.

Szary: Also wenn ein Track fünf verschiedene massive Veränderungen drin hat, ist das ganz normal, massive Veränderungen sind Tempo, Harmonie, was weiß ich, Strukturveränderungen. Das muss man feilen.

Gernot: Ich war dabei zum ersten Mal in meinem Leben dermaßen an der Grenze, ich fand das alles auch nicht gut, ich konnte das nicht hören erst mal. Die ganzen Tracks sind auch in einer total komischen Zeit entstanden, wir haben erfahren, dass wir Vater werden …

Szary: … mein Vater ist gegangen …

Gernot: … das war alles ganz schräg, meine Hand war gebrochen …

Szary: Der Einzige, der uns wirklich eine Unterstützung war, war Edgar der Kater, der hat jeden Tag da beruhigend rumgelegen. Wir haben ihm auch einen Song auf der Platte gewidmet. (lacht) Bei dem mit den Puppetmastaz musste ich nur schnippeln, stundenlang, das war schwierig, ne richtige Fleißarbeit.

Gernot: Wir wussten ja, da hängen Erwartungen dran, auch von uns natürlich. Die Platte ist auch am 14.6. erst gemastert wurden.
Szary: Momentan machen wir jetzt fast nur auf Promotion.

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De:Bug: Wie war die Arbeit direkt an dem Album, an den einzelnen Tracks? Ihr scheint viel Liveerlebnis mit in die Platte zu packen, wie kam es zu den Kooperationen?

Gernot: Der Keyborder von Maximo Park zum Beispiel ist großer Fan von uns und als die im Lido gespielt haben, haben wir die getroffen. Der hatte so ‘ne Melodie, mono aufgenommen, 8-Spur, rauschig, und wir haben da einen Beat draus gebaut und die haben dann zwischen zwei Gigs in Barcelona die Vocals aufgenommen. Thom Yorke hat uns letztes Jahr wegen eines Remixes gefragt, und da saßen wir vier Wochen dran und haben das geschickt und gleich am nächsten Tag kam die Antwort und die fanden das ganz toll.

Szary: Das war ein … Barockschloss! Ich sag mal: ich krieg Gänsehaut! Die Mp3s, der erste Mix, diese Vocals von ihm, der hat ziemlich viel mit seiner Stimme angestellt und ich dachte nur: krass!

Gernot: Thom Yorke brachte den einen Satz, der uns über die Leidensstrecke wegen diverser Deadlines und so gebracht hat: You have all the time in the world. Ich wollte gerade mal wieder alles hinschmeißen und dachte: ja, klar. Der hat ja Recht! (beide nicken) Dann haben wir ja die erste Scooter-Coverversion, die es überhaupt gibt, gemacht. Hyper Hyper, abgesegnet sogar! Scooter sind ja so die KLFs Deutschlands. Wir haben das angefragt und Otto von Schirach hat gesungen. Das war auch einer der ersten Songs, den wir auf jeden Fall machen wollten. Ralf Köster vom Golden Pudel wollte unbedingt was von uns haben und ich habe aus Spaß gesagt: Ich mache dir ‘ne Scootercoverversion. Und dann haben wir Otto kennen gelernt, mit ihm und mit Richard Devine abgehangen und uns über Software …

Szary: … und Bräute!

Gernot: … genau, nur über Software und Bräute unterhalten, so fünf Tage totale Typen, und da sind wir Kumpels geworden. Und das Ergebnis hört man ja jetzt. Und Ralf Köster hat sich gleich die Option gesichert, den Song auf der nächsten Pudelprodukion zu haben.
Szary: The first rebirth, Jones and Stevenson, ein Ravetrancehit der 90er, ist fast in die Hose gegangen, weil wir die Lizenz nicht bekommen haben. Die dachten, wir wollen die verarschen.

Gernot: Die haben dann sogar angefangen zu recherchieren, ob wir seriös sind, und wir hatten ihnen noch 500 Euro geboten, haben dann aber wohl rausgefunden, dass wir so echte Künstler sind, (beide lachen) die das ernst nehmen, gaben ihr OK.

Szary: Durch die Live-Acts sind ja die ganzen neuen Sachen entstanden, die wir anfangs nebenbei nur als Loop entworfen haben, die wir weiter entwickelt haben und die plötzlich fester Bestandteil waren.

Gernot: Die meisten Songs, alles, was so trackig ist, sind Sachen, die wir aus den Livesets entwickelt haben, in den Hotelzimmern.

Szary: Eine Stunde vorher!

Gernot: Godspeed z.B., den haben wir nach der Abschlussshow der Einstürzenden Neubauten im Palast der Republik gespielt, den habe ich dann in 20 Minuten zusammengebaut.

Szary: Die Reihenfolge von der Promo bis zur fertigen Platte haben wir auch noch mal geändert. Wir haben’s jetzt so gemacht wie Kaffee und Zigaretten, Adern auf, Adern zu, Banger und Softer. Immer abwechselnd.

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De:Bug: Ihr seid ja bekannt als umwerfender Liveact, bei dem auch mal was in die Brüche geht, was war auf dem Sonar genau los und was war euer eindrücklichster Auftritt dieses Jahr?

Gernot: Umwerfend? (lacht) Beim Sonar gab es technische Probleme, zumindest so was in der Art,… also wir waren als DJs gebucht, sollten nach den Beastie Boys auflegen und die haben einen Tisch ohne jegliche Protection, also komplett ohne Abfederung hingestellt.

Szary: Wir standen vorne an der Bühne, hinter uns die Bassboxen und du konntest nichts machen, die Nadel ist nur gehüpft, sonst hättest du eine Rückkopplung ausgelöst. Gernot hat gemixt und ich musste den Plattenspieler anheben die ganze Zeit, damit nichts springt.

Gernot: Wir sind ja eigentlich gar keine guten DJs, aber ich hatte mir die Hand gebrochen und dann mussten wir uns ein Konzept überlegen, wir haben unsere ganzen Livesets zu DJ-Sets umgemauschelt und Sonar hat das mitbekommen und wollte uns als Würstchen zwischen den Weißbrotscheiben Beastie Boys und Hawtin, Und dann war’s wie auflegen auf so einer Grillparty mit ganz viel Bier, wir haben einfach gemacht und es war total großartig!

Szary: Der geilste Gig dieses Jahr war auf der Fusion!

Gernot: Das war so krass! Wir spielen da auf jeden Fall nächstes Jahr wieder! Die Politik, die die betreiben, fanden wir ganz großartig. Keine Headlinergagen. Erst Klickerkram und wir kamen dann mit dem Riesenbass. Wow!

De:Bug: Wie ist die Resonanz von Bpitch und Ellen?

Szary: (lacht)

Gernot: Ellen? Ellen ist so: huuhuuu! (lacht) Also, wir haben noch nie eine Reklamation bekommen. Wir sind halt so bandmäßig, wir müssen keine Maxis machen. Das ist eher so: Feierei! Und wir tanzen auf allen Hochzeiten gleichzeitig, da gibt’s nicht viel zu bemängeln.

Szary: Bpitch haben uns ganz schön unterstützt. Die haben uns den Rücken frei gehalten, haben uns den ganzen Papierkram abgenommen.

Gernot: Die haben natürlich auch viel Druck gemacht, was gut war.

De:Bug: Und euch wahrscheinlich auch so gut wie freie Hand gelassen … Entscheidet ihr selbst, wie das Cover werden wird? Das sind ja schon heftige Collagen, soweit ich das einsehen konnte.

Szary: Martin von der Pfadfinderei und Christian Feldhusen (most creative boy) haben unser Cover und unsere Promobilder gemacht.

Gernot: Wenn man nachher die Platte aufklappt, hat man so’n Tryptychon, links ist der Himmel, in der Mitte die Erde, das weltliche Leben und rechts die Hölle. Und dann kommt Christian mit diesem Bild, wo ich Szary als Baby, weißte, Baby! halte. Krass. Nehmen wir!

De:Bug: Wie geht’s nach der Veröffentlichung weiter? Was ist mit Familienurlaub oder dergleichen?

Gernot: Wir gehen jetzt im Herbst auf Tour. Die Kinder kommen im November und im Dezember.

Szary: Familienurlaub? Nee, das kriegen wir so hin, alles unter einen Hut.

Gernot: Klar! Außerdem sind wir ja nicht so Raver, die sich so total abschießen! (lacht)

Szary: Auch wenn wir so aussehen. (lacht)

Gernot: Nee, wir haben eine Regelung gefunden. Den letzten Flug hin, den ersten zurück.

Szary: So wie letztes Jahr wird’s nicht.

Gernot: Das war zu viel.

Szary: Lange Arme, langes Gesicht, und dann musste auch noch spielen …

Gernot: Manchmal sind mir die Augen zugefallen, weil ich so fertig war.

Szary: Aber dann passieren auch so Wahnsinnssachen. Bei Hello Mom war’s voll strange, wir kommen in Melbourne in einen Plattenladen und jemand sagte: Hey, i know your Mom. (lacht)

De:Bug: Was kommt noch? Wann gibt’s das Einschulungs-Album?

Szary: Wir machen auf jeden Fall eine Platte mit TTC.

Gernot: Das ist unser Plan, wir haben eine ganz enge Verbindung zu denen inzwischen und das ist das nächste Projekt auf jeden Fall. Und ein Moderat-Album machen wir.

Szary: Und … Sascha Ring ist sowieso … super Typ! Ey,: Sascha, danke noch mal!

Gernot: Danke, Sascha! Ach ja, und: Siriusmo ist der beste Musiker, den wir kennen!
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Elektronische Lebensaspekte.