Zum alljährlichen Denim-Revival
Text: Timo Feldhaus, Diana Weis, Fabian Hart, Jan Joswig, Tatjana Tempel, Oliver Tepel aus De:Bug 174

© Christian Werner

Was sagt der Schnitt einer Hose über die Einstellung ihres Trägers? Was heißt es für eine Gesellschaft, wenn die Jeans plötzlich nach unten rutscht? Wie kann es sein, dass sich am Denim das Versprechen jeder Generation nach dem besseren Leben immer wieder neu entzündet? Und was passiert, wenn man “Blue Jeans” von Lana Del Rey rückwärts abspielt?

Die Jeans ist das wichtigste Kleidungsstück der modernen Welt. Womöglich graben sie deswegen nach der Hose, in ihrem Land im Westen, als wäre es ein
Goldschatz oder antikes Gerät. Wenn sie etwas finden, das wie eine Jeans von damals aussieht, dann archivieren die Hosenverrückten es als XX. So werden die Buxen aus den 80er-Jahren des 19. Jahrhundert gelabelt, denn wie sie wirklich hießen, weiß man nicht. Erst ab 1890 nennt man das Übermodell 501, warum, weiß auch niemand. Weil 1906 ein Erdbeben die Archive von Levi’s zerstörte. Jeans, das sind auch die hochpreisigen dunklen Raw-Denim-Stoffe, die man möglichst bis zum Schluss ungewaschen trägt, um so die personalisierten Fading-Spuren auf dem Kleidungsstück über die Jahre entwickeln zu lassen. Denn heute verändert die Jeans nicht mehr dich, nur noch du veränderst sie, indem du Spuren auf ihr hinterlässt. Zum Beispiel den Abdruck eines iPhones auf der linken Hosentasche. Die Jeans ist Begleiter, jeder US-Amerikaner hat – statistisch – sieben Paare im Schrank. Und seit diesem Jahr gibt es mit Renzo Rosso, dem Diesel-Erfinder, den ersten Jeans-Milliardär der Welt.

Bei der Blue-Jeans handelt es sich um eine der größten Schizophrenien der Mode – sie ist zugleich die absolute Konstante (geht einfach nicht weg) und doch wird jedes Jahr aufs Neue ihr großes Wiederkommen in irgendeiner Trendfibel zelebriert. Heute hat man neueste LST-Lasertechnik erfunden, um den richtigen Verwaschungsgrad zu erreichen, Levi’s stellt Jeans aus Plastikflaschen her, Nudie entwickelt die passende Software für absolute Transparenz und natürlich gibt es auch eine Jeans, die durch das Tragen Aloe Vera auf deine Haut reibt.

An diesem Kleidungsstück ist seit Jahrzehnten unsere Welt abzulesen, die Rituale, die Mythen – kein Stück Stoff ist fester vernietet mit der Populärkultur. Die Demokratisierungsklamotte ist der kleinste gemeinsame Nenner, der uns alle verbindet wie ein Internet-Anschluss. Und sie zeigt das Magische an der Mode. In Zeiten permanenten Wandels, in der sich kein nachvollziehbarer Fluss aus sich logischerweise ablösenden Trends verfolgen lässt, in der alles Lüge ist, weil es das große Bindegewebe, das Neue, nicht mehr gibt, wirkt Mode endlich wie Zauberei. Für die Jeans, zwischen Funktion und Fashion oszillierend, gibt es keine Zyklen, sie unterlief das Modesystem schon immer. Und wenn sich aus dem scheinbaren Nichts plötzlich doch ein Stil herauskristallisiert: unerklärbar, offensichtlich, wunderschön. Man kann sich das einbilden, erklären kann man es nicht. Und natürlich haben wir genau deswegen auf den folgenden Seiten versucht, all das ganz genau zu erklären.

 
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Untote Jeans

Jeans, das Internet und der Tod machen alle Menschen gleich. Im Gegensatz zu den beiden letzteren Phänomenen lässt sich der Bedeutungshorizont der Jeans aber relativ leicht auf den Punkt bringen: Sie steht für Freiheit und Abenteuer.

Von Diana Weis

Die älteste noch erhaltene Jeans der Welt wurde in einer verlassenen Bergarbeiterstadt im US-Bundesstaat Nevada entdeckt, Denim-Historiker schätzen die Hose wegen ihrer Kupfernieten auf das Jahr 1880. Ausgeblichen, abgewetzt und mit diversen Löchern und Rissen versehen, erzählt sie uns eine Geschichte, die wir alle bereits zu kennen glauben. Von echten Männern, der Einsamkeit im Schacht, von Staub, Schweiß und Tränen. Nächte am Feuer, der Geschmack von Whiskey und Bohnen.

Eine derartige Verniedlichung von Unterprivilegierung funktioniert nur im Rückblick. Als der Westen noch wild war, galt die Jeans nicht als Statement, sie war eine Notwendigkeit.

Ungefähr zur selben Zeit, als sich ein unbekannter Bergarbeiter in eben dieser Hose – Levi’s, Modell XX – durch den Stollen kratzte, formulierte der Soziologe Thorstein Veblen seine These der “demonstrativen Muße” für die bürgerliche Mode. Dabei kommt es darauf an, durch die Kleidung zu verkünden, dass man nicht dazu gezwungen ist – ja, gar nicht in der Lage dazu wäre – körperliche Arbeit zu verrichten. Dass man konsumieren kann, ohne zu produzieren. Elegant und modisch ist demnach alles, was unpraktisch, empfindlich und unbequem ist. Die vestimentäre Trennlinie verlief deutlich zwischen oben und unten: Schmutz und Arbeit hier, Sauberkeit und Freizeit dort.

Heute arbeiten tendenziell mehr Menschen in Büros als in Bergwerken. Dadurch ist die unverwüstliche Robustheit der Nietenhose zum Anachronismus geworden. Anders ausgedrückt: Wer tagein, tagaus auf einen Computer-Bildschirm starrt, dessen Beinkleider sind keinerlei Material-zehrender Belastung ausgesetzt. So jemand könnte theoretisch auch in feinstem Zwirn zur Arbeit erscheinen. Mit Korsett und Reifrock oder Frack und Zylinder vor dem Rechner sitzen. Aber genau das tut natürlich niemand, weil: Hey, unser Leben ist doch aufregend, oder?

Die demonstrative Zurschaustellung von Wohlstand ist uns zu billig geworden. Es gilt das Prinzip der prätentiösen Verwahrlosung. Wir wollen so aussehen, als ob wir auf Karriere und Status pfeifen.
Als wären unsere Jeans unsere besten Freunde in dem spannenden Abenteuer unseres Lebens. Doch woher soll das authentisch Abgerockte kommen, wenn der Alltag nur aus Rumsitzen besteht? Wenn Arbeit und Freizeit, oben und unten sich nicht mehr sauber trennen lassen? Wenn das verdammte Ding also unter realen Bedingungen einfach unzerstörbar ist? Die Notwendigkeit einer Denim-Verschleiß-Industrie, die kunstvoll Sitzfalten, abgewetzte Stellen und sorgfältig platzierte Löcher in unsere Hosen fräst, zeugt von einer Existenz, die längst so leicht geworden ist, dass sie keinen Abdruck mehr hinterlässt. Damit wird die Jeans zur Symptomhose.

Sie zeigt, wie wir gerne wären, nicht wie wir sind. Als Stellvertreter macht sie das sichtbar, was dem Auge sonst verborgen bliebe. Distressed Denim als Schmerzenskleid der Genration Burnout. Weil unsere Leiden nicht zur Romantik taugen, tragen wir an unseren Jeans die Spuren eines Lebens, das wir nie gelebt haben.

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Das älteste Gewebe der Welt

Über das Comeback von Jeans zu schreiben, scheint ähnlich originell, wie über die Rückkehr des Schwarz zu philosophieren.

Von Fabian Hart

Klar ist: Was nie fort war, kann nicht zurückkommen. Aber ist etwas, das immer in Mode ist, überhaupt Mode? Oder wird es zwangsläufig zum Klassiker? Und weshalb werden wir dann nicht müde von neuen Jeans-Guides und Denim-Specials und der Geschichte eines Mannes namens Löb Strauss aus Buttenheim in Franken, der als Levi Strauss und Erfinder der Denim-Nietenhose zu einer Legende wurde? Die Antwort steckt in der Jeans selbst. Nicht in ihren Taschen, in der Etymologie. Denn Jeans beschreibt ursprünglich ein Gewebe aus Genua, nicht die Gestalt eines Kleidungsstücks oder seine Passform. Herr Strauss bevorzugte für seine Art von Jeans jedoch Gewebe aus Nimes in Südfrankreich, also Serge de Nimes, kurz Denim. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts.

Seitdem variieren Passform und Schnitt, Waschung und Färbung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Saison zu Saison. Sie unterliegen Moden, im Gegensatz zum Stoff selbst. Ob Five Pocket, Baggy, Loose Fit, ob abgeschnitten oder zerrissen, stonewashed, sandblasted oder overdyed. Jeans werden Vintage gehandelt oder auf dem eigenen Dachboden wiederentdeckt, neu gekauft, auf alt gemacht, sie werden zum Jeanshemd und zur Jeansjacke als “Triple Denim” getragen. Nach bestrassten “Edel-Jeans”, Röhre und Boyfriend-Fits wird gerade wieder die wohl bekannteste aller Jeans populär, die Levi’s FIVE- O-ONE. Sie feiert in diesem Jahr ihren 140. Geburtstag. Vielleicht mag das Nineties-Revival auch eine Rolle spielen. In dieser Zeit kopfnickte Flat Eric zur Musik Mr. Oizos und Levi’s-Werbung wurde zu einem Teil der Popkultur. Die FIVE-O-ONE ist, war und bleibt dafür verantwortlich, dass Jeans nicht nur als Gewebe bekannt wurde, sondern als eine Hose. Als die Hose schlechthin.

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Wissen in Weiß

Manchmal hat man Glück und sieht sie gemeinsam durch die Straßen ziehen. Es sind ungepflegte Jungs mit gutem Musikgeschmack und raffinierten Facebook-Profilen, sie tragen fast nur Weiß. Auf jeden Fall tragen sie eine weiße 501.

Von Timo Feldhaus

Es ist ihre Hose. Sie sprechen Englisch, leise, und deklinieren in beiläufigen Sätzen die neueste Gegenwart in ihre Umwelt. Sie kommen aus gutem Hause, aber das lassen die feingliedrigen Jungs sich extra nicht anmerken. Am Abend nehmen sie weiche Drogen, ziehen ihre Oberteile aus und küssen Mädchen und Jungs. Zwar haben auch schon ihre Väter diese Hose getragen, um an Wochenenden an der Côte d’Azur die vibrierende Mischung aus Playboy und Seemann zu markieren, aber die Art, wie die Jungs sie tragen, wie sie sich in
ihr bewegen, haben sie von den Aggro-Boys, die in der hässlichen Gegend wohnen, in die sie selbst mit viel Bedacht gezogen sind. Es ist nicht verbrieft, wann der Unterprivilegierte, der Nicht-so-viel-Haber, aber modisch schon immer die Zeichen der Zeit Erkennende den Celebrities und Preppies ihre Hose abnahm und neu definierte.

Doch irgendwann wurde aus der Stone-Washed-Picaldi eine weiße Jeans und veränderte ihre Zeitrechnung. Denn er trägt die Sommerhose der Bessergestellten seither das ganze Jahr über, am besten, wenn es draußen eiskalt ist. Ich selbst habe mich mit bemitleidenden Augen ansehen müssen, als ich die verdutzten Verkäufer im Levi’s Store auf dem Kurfürstendamm zur falschen Jahreszeit nach so einer Hose fragte. Ich habe ihnen von den Jungs erzählt, sie haben mich hinausgeschickt.

Weiße Jeans erregen Aufmerksamkeit. Sie sind Dorn im Auge, Irritations-Item, Kommentarklamotte. Und bis eben noch die geschniegelten Schwestern der allen Schmutz fressenden RAW-Denim. Die weiße Jeans hat viele Feinde, etwa rote Säfte, Weine, Ketchup, alles. Sie sind immer dreckig, aber darum geht es auch. Die Benachteiligten haben das erkannt und machen sich zu Trägern eines Gedankens, den die vermeintlich echte Modewelt vergessen hat: die äußere Erscheinung des Menschen, sie sollte immer eine gewisse Leichtigkeit atmen, das Leben ist schwer genug. Die schönen Jungs, die die Hose abschauten, im Sommer mit auf große Fahrt nehmen und von Biennale zu Biennale stolpern, um den Look dort erst groß zu machen – indem sie aus Spaß mit ihren reichen Großtanten schlafen und am morgen ihre Cousinen, die alle Praktikum bei Hochglanzmagazinen machen, ansehen und die Offenbarung ihren Chefinnen erzählen – kehren danach zurück in ihre Hood, um zu sehen, was die Nachbarn als nächstes für sie bereit halten. Sie wissen, wo die Trends wachsen. Sie wissen das, denn diese Jungs wissen alles.

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Voll faire Nostalgie: Die 2010er- Jeans

In den 90ern wanderte die Jeans in die extremistische Baggy-Nische, ein letztes prollig-dekadentes Aufbäumen vor der völligen Bedeutungslosigkeit. Anfang der 2000er erstand sie glorreich wieder auf – als skandinavische Röhre und US-amerikanische Designerjeans.

Von Jan Joswig

Acne und 7 For All Mankind setzten fürs nächste Jahrzehnt die Maßstäbe, Cheap Monday verramschte den Look, ohne ihn auszuverkaufen. Denim war wieder da, aber von Designerverfeinerung wechselte es zu ursprünglicher Rustikalität. Seit den 2010ern kann es gar nicht derb genug sein, die Jeanshersteller überschlagen sich mit der Schwere ihres Denims – 13, 14 bis 20 Unzen – und den Tipps zum richtigen Eintragen: die ersten sechs Monate die Jeans bei täglichem Tragen nicht waschen, erst dann ist ihre Eintragephase beendet. Ein stärkeres Kontra lässt sich nicht setzen gegen die Exzesse der Wegwerfmode à la H&M, Kik und Primark. Sechs Monate einlaufen statt nach zwei Wochen wegwerfen.

Aber die Jeans in ihrer Neo-Rustikal-Phase nimmt es noch viel ernster mit ihrer Antihaltung zur Wegwerfgesellschaft. Sie wird wieder auf den alten Webstühlen des 19. Jahrhunderts hergestellt – und soll die nächsten hundert Jahre halten. Wenn man bei einer Jeans an der inneren Hosennaht die Webkante (Selvedge) sieht, stammt das Denim von einem alten Webstuhl. Die Selvedge-Jeans in 14 Unzen setzt den Maßstab in dieser neuen Jeans-Kultur. Begonnen haben damit die Americana-fanatischen Japaner, wie Momotaro, Pure Blue, Studio d’Artisan und Iron Heart, die extra die alten Webstühle von Dürkopp oder Union Special aus den USA (und Polen) importierten. Mittlerweile kommt auch ein Massenhersteller wie Wrangler nicht um eine Selvedge-Linie herum, die sie mit “Get your edge back” bewerben. Die Skandinavier von Nudie Jeans treiben das Antiwegwerf-Statement auf die Spitze. Statt des Ex und Hopp wollen sie wieder zurück zu einer Vollidentifikation mit dem Kleidungsstück. Sie arbeiten gerade an einer Software, die die lückenlose Rückverfolgung des Produktionsweges jeder einzelnen ihrer Jeans ermöglicht. Für ihre Spitzenprodukte heißt das: Entwurf in Schweden, Weben und Färben in Japan, Verarbeitung in Italien, Transparenz im Internet. Die Jeans mit Biografie, die man eher adoptiert als schnöde kauft, dahin geht der Trend – From the cradle to the grave. Nudie bieten in ihren Flagshipstores einen Flickdienst an, falls die geliebte Hose nach dem halben Jahr Dauereinsatz die ersten Patina-Löcher zeigen sollte. He, ihr Electro-Köppe, erinnert ihr euch an Neil Youngs Flickenjeans auf dem Cover von “After the Goldrush”? Übt schon mal den Kreuzstich. Nachhaltigkeit, die man sehen kann – die vollkorrekte Kuschelkultur, die von der Neofolk-Musik bis zur veganen Cupcakes-Kulinarik das neue Hippietum bestimmt, hat auch die Mode jenseits der verfilzten Ökonische erreicht. Wer hätte es gedacht: Die Machohose von Marlon Brando und John Wayne schleicht sich mit vorindustriellem Fair Trade an die vorderste Front der Gutmenschen-Mode. Allerdings muss man schon zu den Kapitalismusgewinnern zählen, um in den 2010ern ein echter Jeans-Hippie sein zu können: Von 170 bis 400 Euro rangieren die Preise für eine voll faire Selvedge-Jeans.

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Sie ist gefährlich. Das war sie schon immer.

Neben der Jeans eignet sich nur das H&M-T-Shirt in ähnlicher Weise zum bösen Buben der Modeindustrie. Denn die Jeans ist gefährlich. Das war sie schon immer.

Von Tatjana Tempel

Bereits ihr erster Träger, der Cowboy, hatte einen Job mit hohem Risiko – diese Aura des Waghalsigen übernahm der Outlaw in den 50er-Jahren. Marlon Brando, The Wild One, wurde zur ersten Pop-Ikone (des Denim). Die Jeans, die er trug, leistete zeichentheoretisch die Übersetzung für Bedrohung. Männer mit Jeans, am Rande der Gesellschaft stehend, waren eine Gefahr für ebenjene. Nach Jahren eines verspielten Umgangs mit der Geschichte der Nietenhose (zerrissenes Beinkleid der Punks, vorwitzige Karotte der Popper) wurde dies in den harmlosen 90ern von HipHoppern mit der Baggy Pants, samt fetten Logo-Stickereien, nochmals aufgenommen: An den weiten, herunterhängenden Hosen machte man sein Gefahrenpotential sichtbar, denn bei der nächtlichen Inhaftierung durch die Polizei wurden den im Gefängnis Einsitzenden üblicherweise die Gürtel abgenommen. Hang loose. Heute, zum Begräbnis des Pop, trägt jeder Jeans und gefährlich ist sie für Arbeiter in der Türkei, in Südostasien und China, die per Sandstrahl massenhaft 10-Euro-Jeans den richtigen Used-Look verpassen und sich dabei eine oft todbringende Staublunge zuziehen. Gefährlich ist die Jeans dadurch zum Glück auch zunehmend für die Großketten, die sie anbieten.

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Kutte und Kontrapunkt: Die Arbeiterjacke

Sie ist unerbittlich, die Jeansjacke verrät gelebtes Leben. Ihre Ecken und Kanten wetzen ab, sie färbt aus und wird weit weniger gefällig speckig als etwa ihr Leder-Counterpart.

Von Oliver Tepel

Doch das bisschen festgewebte Baumwolle begleitet Bedürftige gleich einem braven Hund. Ab 1900 war sie Arbeitskluft von Farmern, Gleisarbeitern, Viehhütern – atmungsaktiv oder, mit Schafsfell gefüttert, wärmend. Indigoblaues Cotton findet sich aber schon in den Porträts bettelarmer Menschen eines, mit dem Notnamen “Master of the Blue Jeans” versehenen, italienischen Malers aus dem späten 17. Jahrhundert.

Was bei ihm ein kleiner Junge mit Schlapphut trägt, erinnert unmittelbar an jenes Kleidungsstück, das in den USA in den späten 30ern die Hipsterwelt erreichte. Der junge, jazzdrummende Bing Crosby pflegt seinen Denim-Fetisch, plötzlich swingt die Arbeiterjacke. Der Westernfilm tut das Seine dazu, Paul Newman, 1963 in “Hud” mit seiner Lee Storm Rider, ist längst schon Jugendkultur. In den Jeanspalästen der 70er wird sie zur Uniform (bitte mal alte Bravos auf dem Flohmarkt durchblättern, es wirkt heute wie der offizielle Trend der VEB Jugendkleidung West). Sie lässt sich gut bemalen und bestickern, wird zur “Kutte” und wo ich diese in früher Jugend sah, hieß es: Obacht, Watschengefahr! Dennoch tröpfelte sie in die “Hard Times”-Looks um 1983, kleidete in schwarz frühe Gothics, war das Street-Detail im Preppy-Stil und dann irgendwann durchgekaut.

Heute begeht sie, klassisch schmal geschnitten mit goldgelber Naht, ihr Revival. Weil wir harte Zeiten vorausahnen? Vielleicht, oder da sie nach den üblichen 20 Jahren Latenzzeit nun reif ist, und sich als Kontrapunkt oder gar kombinatorische Ergänzung zu all den aktuell so irre farbreichen Mustern gesellen mag.

 
FOTOS: CHRISTIAN WERNER

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Elektronische Lebensaspekte.