Community-Websites wie Slashdot leben von den Texten ihrer Nutzer. Was aber, wenn diese einfach viel zu viel schreiben? Dann werden aus Lesern Moderatoren und aus Administratoren Mathematiker.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 63

Slashdot ist zum Modell einer neuen Art von Web-Portalen geworden. Eine News-Website, die von den Texten ihrer Leser lebt. Und von ihren Lesern geliebt wird. Mehr als fünf Millionen Visits verzeichnet der Server mittlerweile pro Monat. Sobald ein Artikel online ist, wird er emsig kommentiert. Interessante Themen ziehen oft mehrere hundert Kommentare nach sich. Doch wer soll das alles lesen?
Das fragte sich irgendwann auch Slashdot-Gründer Robert Malda alias CmdrTaco. Als er seine Website 1997 gegründet hatte, ließen sich die täglichen Postings noch einfach per Hand managen. Interessante Texte konnten auf der Titelseite veröffentlicht, Spam und grober Unfug einfach gelöscht werden. Doch die Site wuchs und wuchs, und mit ihr auch Maldas tägliche Editier-Arbeit. Irgendwann entschloss er sich dann, 25 der eifrigsten Schreiber zur Mitarbeit als Moderatoren zu bewegen.
Lange ließ sich die Flut der täglich wachsenden Nachrichten auch mit diesem Team nicht bewältigen. Also stockte Malda auf, aus 25 Moderatoren wurden 400. Damit wurde das Management der Site allerdings erst richtig kompliziert. Wer kann schon 400 freie, unbezahlte Mitarbeiter davon abhalten, schlechte Texte zu fabrizieren, für gute Kumpels mal ein Auge zuzudrücken und auch sonst jede Menge Unsinn anzustellen?
Nach einer Weile des Kampfes gegen das Chaos stand Maldas Antwort fest: Die Leser. Wozu braucht man 400 Moderatoren, wenn genau so gut jeder moderieren konnte? Allerdings sollte auch nicht jeder einfach so drauf los wurschteln können. Das System sollte schließlich nicht manipulierbar sein. Also setzte sich Malda hin und programmierte ein komplexes Bewertungssystem. Ein Bewertungtssystem, dass Slashdot zu einem der größten Experimente kollektiven Filterns macht.

Gute Noten sorgen für mehr Leser

Regelmäßige Slashdot-Nutzer haben seitdem die Möglichkeit, Kommentare zu bewerten. Abgestimmt werden kann allerdings nicht immer, sondern nur, wenn man vom System temporär zum Moderator gemacht wird. “Moderation ist wie eine Geschworenen-Pflicht. Du weißt nie, wann du verpflichtet wirst, und wenn es soweit ist, must du es nur eine kurze Weile tun”, heißt es dazu im Slashdot-FAQ. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, Bewertungen selbst zu bewerten also zum Meta-Moderator zu werden. Damit soll unfairen Bewertungen vorgebeugt werden.
Werden die eigenen Kommentare nun von anderen Nutzern positiv bewertet, wirkt sich das aufs persönliche Slashdot-Karma-Konto aus. Wer bessere Karma-Werte hat, wird häufiger zum Moderator, und außerdem werden seine Texte häufiger gelesen. Der Kern des ganzen ist jedoch die Bewertung der Kommentare selbst. Bekommt ein Kommentar zu viele schlechte Noten, lässt er sich von Slashdot-Nutzern per Voreinstellung ganz einfach ausfiltern, wird also nicht mehr gelesen. Gute Noten sorgen dagegen für mehr Leser.
In der Theorie klingt das alles sehr clever, doch das Modell hat ein paar Schwachstellen: Bereits kurz nach Erscheinen des Ursprungs-Artikels veröffentlichte Kommentare werden tendenziell besser bewertet, da es ja noch nicht so viel Vergleichsmöglichkeiten gibt. Spätere Veröffentlichungen drohen dagegen weiterhin, in der Masse der unterzugehen. Außerdem ist das System gewissermaßen strukturell konservativ, da die Schreiber, um gute Noten zu erzielen, der Erwartungshaltung des Publikums genügen. Wie in der Schule eben. Aber deswegen bleibt Slashdot eben auch Slashdot.

Mathematik und Kontrolle

Dafür sorgen im übrigen auch die Editoren um Robert Malda, die im Hintergrund als ewigen Moderatoren wirken und hin und wieder “steuernd” in den Filterungsprozess eingreifen – sie dürfen beliebig oft voten, sind also eher Richter als Geschworener. Bei den Lesern sorgt das immer wieder für Unmut, da sie darin die Idee des demokratisch-kollektiven Filterns verraten sehen.
Dieser Unmut war auch einer der Gründe für die Gründung von Kuro5hin, einer anderen mittlerweile ziemlich populären Web-Community. Anders als bei Slashdot setzt man hier nicht so sehr auf News, sondern eher auf einen bunten Mischmasch aus Texten zu Technologie und Kultur. Und nicht auf Karma, sondern auf Mojos als Basis des Filtermodells.
Anders als bei Slashdot darf bei Kuro5hin jeder Nutzer wählen, und zwar so oft er will. Diese Abstimmungen entscheiden über die Platzierung eines Artikels. Privilegien gibt es kaum – Kuro5hin-Gründer Rusty Foster hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein nahezu perfekt demokratisches Filtermodell zu entwickeln, das dennoch nicht anfällig für Manipulationen ist. Dafür wird dann auch schon mal höhere Mathematik bemüht. So heißt einem Text, der uns Kuroh5hins Mojo-Modell nahe bringen will: “Bob hat im letzten Monat drei Kommentare veröffentlicht. Einer wurde mit 4 bewertet, einer mit 2 und einer mit 5. Bobs Mojo ist: (4*30)+(2*29)+(5*28) / (30 + 29 + 28) = (90 + 58 + 140) / 87 = 3.31” Alles klar?

World Wide Wiki

Sowohl das Slashdot- als auch des Kuro5hin-Modell lassen sich einfach in eigene Web-Projekte übernehmen, indem man sich einfach der Software der Plattformen bedient. Sowohl Slashdots Slash-als auch Kuro5hins Scoop-Content Management System sind als Open Source-Software frei verfügbar. Daneben setzen mittlerweile auch viele andere Weblog-Systeme auf Karma-Punkte, die sich mehr oder weniger direkt auf die Filterung der Inhalte einer Site auswirken. Kein Wunder also, dass immer mehr Websites das Filtern dem Karma ihrer Nutzer überlassen.
Einen etwas anderen Weg gehen die Fans der Wiki Wiki-Systeme. Anstatt auf komplexe mathematische Formeln zu setzen, vertrauen sie ihr Schicksal komplett dem Leser an. Jeder kann Seiten schreiben, editieren, löschen. Sogar, ohne sich einzuloggen. Wikis sind dementsprechend anarchisch-unübersichtlich. Sie eignen sich definitiv nicht für News-Systeme, sondern ähneln eher einem merkwürdig zusammengestrickten Kuddelmuddel aus untereinander verlinkten Texten, deren Autorenschaft tendenziell unklar ist. Zudem sind sie meist furchtbar hässlich, was an den Dinosaurier-Qualitäten des Original-Wiki-Systems liegt. Doch ein paar Hardcore-Fans scheinen sich dort ganz wohl zu fühlen. Vielleicht funktioniert dieses basisdemokratischste aller Filtermodelle aber auch nur, weil die Mehrheit der Netznutzer den Namen einfach zu doof findet, um sich weiter mit Wiki Wikis zu beschäftigen.

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Elektronische Lebensaspekte.