Zurück zum Ursprung
Text: Sven aus De:Bug 113


House und Techno versteht am besten, wer zu deren Wurzeln vordringt, um sich in der Tiefe der Klassiker von gestern das Wissen für die Klassiker von morgen anzueignen. Don Williams und Sven Weisemann wissen das. Die beiden standen schon als Vierzehnjährige auf Raves und im Berliner Plattenladen Hardwax. Ihre Produktionen auf Williams Labeln Mojuba und A.R.T.less sind stilsichere Zeugnisse dafür.

Mit einiger Regelmäßigkeit tauchen immer wieder Label auf, die man gemeinhin und guten Gewissens als Liebhaber-Label bezeichnen kann. Handbeklebte Whitelabels mit selbst gemachten Stempeln bedruckt, in kleinen Stückzahlen gepresst. Techno- und House-Geschichte gleichsam atmend und verströmend. Platten, bei denen sich das Verhältnis von entzückter Aufmerksamkeit umgekehrt proportional zu den limitierten Auflagen verhält. Während andere im schnelllebigen und hitzigen Maxi-Business vorne mitmischen wollen, Karrierepläne ausgefuchst und Businesspläne geschmiedet werden, werden hier klassische Soundspuren und Asthetiken weiterverfolgt und behutsam mit neuen Impulsen ins Jetzt katapultiert. Ohne sich um die Suche nach dem nächsten großen Hit zu scheren. Mojuba und A.R.T.less aus Berlin sind solche Label. Chicago, Detroit und Berlin-Kreuzberg sind die primären musikalischen Bezugspunkte und Koordinaten, aus denen sich die Sound-Universen der beiden Label speisen.
 
Berlin-Kreuzberg, Ende der Neunziger. Zwei Vierzehnjährige stehen auf einem zweiten Hinterhof und starren auf eine Adresse, die ihnen ein WOM-Verkäufer auf einen Zettel gekritzelt hat. Die Suche nach Vinyl, neuen Techno- und House-Maxis hat sie aus Potsdam hierher verschlagen. Hardwax steht auf dem Zettel. Sie sind richtig. Während der eine im Treppenhaus angekommen noch nervös auf seiner Zigarette herumkaut und schnelle Züge nimmt, betritt sein Freund unerschrocken den Laden, dessen Aura schon hartgesotteneren und wesentlich älteren Plattenkäufern Respekt eingeflößt hat. Am Tresen angekommen, stellt er den erstbesten Verkäufer und erklärt ihm, dass er eine Platte sucht. Da er weder weiß, von wem sie ist, noch wie ihr Titel ist, fängt er kurz entschlossen an, dem verdutzten Hardwax-Verkäufer die Hookline-artige quengelige Sequenz des gesuchten Tracks vorzusingen: Jeff Mills’ ”The Bells“.
 
Berlin, gute zehn Jahre später. Sven Weisemann lacht, als er die Geschichte seines ersten Hardwax-Besuches erzählt. ”Ich habe mir damals gar keinen Kopf gemacht. Ich wusste ja, was ich wollte. Und das habe ich dann auch bekommen.“ Seit seinem Ständchen hat er sich immer tiefer zu den Wurzeln von Techno und House vorgearbeitet. Grundlagenforschung betrieben. Nebenbei brachte er sich bei, diverse Instrumente zu spielen, und begann zu produzieren und aufzulegen. Vor drei Jahren kam sein erster Track auf dem Berliner Label Styrax heraus. Kurz darauf war dann seine erste Maxi für Mojuba, dem Label, das von seinem Mitbewohner Thomas Wendel, der auch als Don Williams produziert, betrieben wird, fertig.

Thomas hat eine ähnliche Geschichte hinter sich. Auch er war zarte dreizehn Jahre, als die grade Bassdrum mit einem Knall in sein Leben trat und zum Leitmedium wurde. ”Als ich angefangen habe Techno zu hören, 1994, gab es ja den ersten großen kommerziellen Hype. Mit Marusha und Westbam auf Platz eins der Charts. Zu der Zeit ist man an Techno eigentlich gar nicht vorbeigekommen. Und wenn man sich so wie ich wirklich für die Musik interessiert hat, dann hat man auf seiner Entdeckungsreise immer wieder neue Leute kennen gelernt, die einem Platten gezeigt haben. Bei mir war das ein Bekannter, der aus derselben Kleinstadt wie ich kam. Auf sechstausend Einwohner kamen da drei Menschen, die sich ernsthaft mit Techno auseinander gesetzt haben. Derjenige, der mich damals quasi erzogen hat, war zehn Jahre älter als ich und hat mir auch den Weg in die Detroit-Richtung geebnet. Wenn man anfängt Platten zu kaufen und keine Ahnung hat, dann ist man ja erst mal über jede Bassdrum froh. Nach zwei, drei Jahren hat man dann so langsam einen eigenen Geschmack entwickelt“, erinnert er sich. Und dieser eigene Geschmack orientiert sich sowohl bei Thomas als auch bei Sven nicht am aktuellen Tagesgeschehen, sondern an dem Gefühl, das die frühen Techno- und House-Maxis bis heute transportieren. Zeitlosigkeit. Klassiker.
 
Eine Heimat für die Bassdrums
Bevor Thomas das House-Label Mojuba und ein Jahr später dann das technoidere A.R.T.less gründete, um sich ganz der Traditionspflege und Suche nach musikalischer Tiefe zu widmen, hatte er einige Jahre mit ein paar Freunden das eher Looptechno- und Tribal-orientierte Label Tokomak betrieben. Ein Link nach England führt zu einer ersten Veröffentlichung auf Mark Brooms Label Pure Plastic. ”Da konnte man auch schon Detroit- und Chicago-Einflüsse raushören. Ich hatte damals aber kein Masterkeyboard, deswegen hatte ich es lange nicht so mit Melodien“, bemerkt er grinsend. Vor fünf Jahren kam er aus der brandenburgischen Provinz nach Berlin. In der Zimmerecke, in der er zu Hause sein Heimstudio aufgebaut hat, steht mittlerweile auch ein Masterkeyboard und an Melodien und Chords fehlt es seinen Tracks definitiv nicht mehr.
 
Die letzten Monate waren ereignisreich. Sowohl für Thomas als auch für Sven. Mojuba und A.R.T.less haben es mit einer Hand voll limitierter Veröffentlichungen ohne Promotionaufwand geschafft, zu zwei eben jener oben erwähnter Liebhaber-Label zu werden. Aushängeschilder. Die Art, wie sie die Stimmung klassischer House- und Techno-Produktionen, seien es Basic-Channel-verpflichtete dubbige Delay-Schleifen, deepe Orgelsounds der Chicagoer Prescription-Schule oder Detroiter Streicherlastigkeit, miteinander verweben und einzeln akzentuieren, verleiht den Tracks eine unüberhörbare Aktualität. Mit dem Erfolg der Label haben sich natürlich auch ihre Profile als Produzenten weiterentwickelt. Die Anfragen, für andere Plattenfirmen etwas zu veröffentlichen, häufen sich. Aber die beiden reagieren auf das gesteigerte Interesse zurückhaltend. ”Ich bin da sehr vorsichtig. Als mich Liebe/Detail aus Hamburg angefragt haben, ob sie Musik von mir bekommen können, wollte ich erst mal absagen. Vom Konzept her ist das eigentlich gar nicht mein Ding. Ich habe ihnen dann letztendlich doch einen Track gegeben, was ja auch recht erfolgreich war. Jedoch fühle ich mich bei Mojuba sehr wohl. Das ist meine Homebase“, erklärt Sven, und Thomas ergänzt: ”Wir wollen eigentlich nur bei befreundeten Labeln veröffentlichen. Na gut sind wir mal ehrlich, niemand würde es ausschlagen eine Platte auf Transmat oder Delsin zu machen, aber ansonsten bin ich eher jemand, der gerne für Freunde was macht. Das man sich gegenseitig unterstützt. Ich habe das auch nur so kennen gelernt. Wir leben ja auch nicht von der Musik. Ich denke, das ist eine gute Voraussetzung für ein Label, wenn man nicht auf die Verkaufszahlen angewiesen ist.“
 
House is a feeling
Bei allem gut gemeinten Traditionalismus stellt sich trotzdem manchmal die Frage, wo fängt Einfluss und Inspiration an und wo ästhetisches Widerkäuen? Wie klassisch darf man sein? Thomas’ ”Detroit Black EP“, dem ungemein erfolgreichen Startschuss von  A.R.T.less, wurde zum Beispiel als Remix des Dub-Techno-Klassikers ”Domina“ von Maurizio bezeichnet, obwohl die Ähnlichkeiten sich einem nicht zwangsläufig beim ersten Hören erschließen. Danach befragt, fangen beide an zu lachen. Gefolgt von einem Zögern. Thomas: ”Weiß ich nicht. Das ist eine ziemlich schwierige Frage. Wir werden ja oft mit alten Sachen verglichen. Es ist aber nicht so, dass ich mir eine alte Platte nehme und die dann nachbaue. Ich habe so ein bestimmtes ästhetisches Gefühl, was Detroit-Techno oder auch die alte Berliner Schule um Basic Channel und Chain Reaction angeht, aus dem heraus ich arbeite. Für mich ist das Gefühl entscheidend. Ich hatte den Track lange vor der Veröffentlichung schon im Berghain ausprobiert und die Reaktionen waren durchweg positiv. Im Nachhinein macht man sich dann vielleicht auch mal Vorwürfe und grübelt noch mal, ob das so alles richtig war. Ob man jetzt als Copy Cat verschrien ist. Wir haben das damals im Freundeskreis diskutiert und letzten Endes bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es okay ist. Wenn mir jemand sagt, dass der Track dasselbe Gefühl transportiert wie früher, dann kann ich nur sagen, ja, das wollte ich auch so.“

”Der ‘Domina’-Vergleich kam ja auch von Hardwax. Gleichzeitig hat dieser Vergleich aber auch das Interesse von vielen Leuten geweckt“, beendet Sven die Diskussion. Nicht zuletzt das positive Feedback von Legenden wie Larry Heard, Chez Damier oder Derrick May gibt ihnen Recht. “Letztendlich ist das der Einfluss der Platten, die wir seit Jahren hören und lieben. Irgendwann muss dann ja was hängen bleiben.”
http://www.mojubarecords.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.