Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 05

Monika Kruse Mercedes Bunz bunz@buzz.de

Deutsche Menschen allen Alters, die außerhalb Bayerns wohnen, denken zumeist nur mit Erschaudern an München. Münchner füttern schon Kleinkinder mit weißen Würsten aus Hirn und das nicht mal unbedingt in alkoholisiertem Zustand, der in der dortigen Bevölkerung allerdings auch breit akzeptiert ist und öffentlich praktiziert wird. Außerdem, was ist das denn, mitten in einer deutschen Stadt keinen verstehen zu können. Zu Schickimicki urteilt man München dann gerne ab, auf diese Weise wird man frecherweise alle grauselig sabbernden Rituale, die man selber gerne auch, nur im Inneren der Häuser, praktiziert und auf Grund deren vielleicht dann München so heimelig ist, schnellstens los, ohne weiter darüber nachdenken zu müssen, daß das vielleicht nicht so ganz der Logik entspricht.
Umgedreht muß natürlich klar sein, daß dafür alle Münchner um so mehr an der Stadt hängen, da gibt’s nix und so findet das Leben um Musik und Techno für Monika Kruse denn auch deutlich in München (und nicht etwa Berlin, wo sie seit einem halben Jahr wohnt) statt, auch wenn ihr einige der Entwicklungen des Münchner Nachtlebens wie der Kunstpark Ost nicht gefallen. Was ja auch irgendwie logisch erscheint, wenn das halbe Leben mit Musik in München stattgefunden hat. Über das Leben von Musik in München und das eigene: Techno DJ Monika Kruse im Interview.

De:Bug: Kannst du dich noch an deinen ersten Gig erinnern?

MK: Natürlich, wer weiß das nicht? Der erste offizielle Gig war 1990 in der Babalu Bar. Davor habe ich schon auf Feten und so aufgelegt, aber das zähle ich jetzt nicht. Damals war ich Soul, Funk und Blackmusic HipHop orientiert, allerdings habe ich mich schon für House interessiert. M.a.r.r.s.’ “Pump up the Volume” fand ich supergenial. Einige Deep House Stücke kamen dem Soul auch recht nahe.

De:Bug: Wie bist du von Soul zu Techno gekommen?

MK: Ich bin oft nach der Babalu Bar in die Halleluja Halle gegangen und da wurde schon mehr dancefloormäßig House gespielt, noch nicht so richtig, immer noch querbeet im Mix. Da ich mich immer schon für Musik interessiert habe, habe ich auch solche Sachen verfolgt. Als ich schließlich die Auflage bekam, dort keinen House zu spielen, da reizte es natürlich um so mehr, sich damit auseinanderzusetzen. Mir wurde es auch irgendwann langweilig. Funk liebe ich nach wie vor, aber das war halt einmal. Da kann man zwar immer weiter nach ein paar Platten suchen und das Hobby extrem betreiben, für eine Platte hundert Mark ausgeben, was ich zwar auch schon des öfteren gemacht habe, aber es entwickelt sich nicht mehr. Und dieser Stillstand, der auch im HipHop damals war, den fand ich einfach langweilig. Im elektronischen Bereich hat sich da am meisten getan. So kam es, daß ich dann die ersten Houseparties mit Michael Reinboth organisiert habe, die allerdings ein bißchen auf Widerstand gestoßen sind. Damals wollten die Leute eher Techno hören, so: Ey, haste nicht was Härteres. House war lange Zeit in München nicht angesagt. Leere Veranstaltungen. Ich habe später im Parkcafe, einen eigenen Tag gehabt, House of Love hieß der, mit DJ Linus und Ulf Poschardt, Dr. Ulf Poschardt. Und es war eine spassige Sache, aber wenn man pro Abend 70 Leute da hat und die dann noch über den ganzen Abend versprengt, macht das irgendwie keinen Sinn.
Dann gab es erste größere Veranstaltungen von Technomania und Ultraworld. Als Ultraworld Crew gehört hat, ich lege House auf, durfte ich auf dem kleineren Floor spielen. Schließlich bin ich dann aber immer härter geworden, weil mir der andere Sound auch gut gefallen hat. Wie früher bei Funk oder Hiphop empfand ich einen Stillstand bei den Houseproduktionen. Es waren immer die gleichen Orgeltunes, gleiche Breaks, gleiche Melodien mehr oder weniger. Schön und gut, aber das Andere fand ich schräger und interessanter. Ich bin davon musikalisch geprägt worden. Und ohne Ultraworld hätte ich dabei bestimmt nicht so viele DJs gehört, die mich mit ihrem Sound dann sehr beeinflußt haben. Blake Baxter war zu einer Zeit da, in der ihn noch niemand kannte. Rob Hood hat auf einer illegalen Party in einem alten Abbruchhaus aufgelegt, Underground Resistance apielten dann aber wiederum live im Parkcafé, und das ist ja eher so die Schickimickidisco, das wäre heutzutage unvorstellbar.
Damals war alles viel offener. Da hat niemand geschimpft, wenn ein DJ Edge Stück lief oder eine andere Rave Hymne, das war okay, danach lief dann wieder Underground Resistance. Heute ist das so festgefahren. Das erste Ultraschall war für mich dann der beste Club ever.

De:Bug: Was steht bei deinem Mixen im Vordergrund?

MK: Wenn ich heute auflege, ist das wellenförmig, housig anfangen, härter werden, wieder ruhiger, es kommt natürlich auch auf die Leute drauf an. Es sollte eine Hinführung sein auf irgendetwas. Sei es, daß es schneller wird oder härter oder auch monotoner. Ich mag eher langsame Übergänge. Manche Platten kann man natürlich nicht so leicht miteinander mixen. Wenn Platten sehr voll sind, ist es oft schwierig aus ihnen rauszugehen oder eine gute Platte, die das Ganze noch topt, zu finden. Das war auch die eigentliche Schwierigkeit bei der Mix CD, die ich jetzt gemacht habe. Ich hatte ein paar Titel ausgewählt und dann stand ich so da: Mmmmh, wie füge ich die jetzt ineinander, damit es irgendwie schlüssig ist?

De:Bug: Wie kam es zu der CD und hast du dich irgendwie speziell auf die Mix CD vorbereitet?

MK: Chris Liebing von Fine Audio Recordings und ich haben mal zusammen im Omen aufgelegt, er war von meinem Sound ziemlich angetan und hatte mich bereits letzten Dezember gefragt, ob ich Lust hätte, das zu machen. Ich habe dann vorher die Titel, die letztendlich freigegeben wurden, angehört und im Mix ein paar mal umgestellt, tja… und dann gings an Mixen, zu Hause. Man braucht schon ein paar Anfänge, um das zu machen. Es geht immer mal etwas schief, mal ist das Mischpult nur noch mono, dann vermixt man sich genau beim letzten STück und kann dann irgendwann die Tracks nicht mehr hören.
Ich hatte noch ein paar andere Ideen zur CD. Ganz am Anfang wollte ich, weil für mich das Ganze irgendwie auch viel mit München zu tun hatte, imitieren, wie jemand nach einem anständigen Technosender sucht. Bayerische Ansage mit der bayerischen Verkehrsdurchsage und dem Erkennungston, den wollte ich unbedingt haben, sucht dann wieder weiter, stößt dann auf FC Bayern Fussballergebnisse, dann auf den Volksmusikkanal, ganz klar, und dann sollte es losgehen mit Jit oder einem Elektrostück. Deshalb habe ich auch manche dieser Stücke ausgewählt, weil es von dort aus langsam losgehen sollte. Als wir uns dann aber erkundigt haben, gab es schnell ziemlich viele Probleme mit den Sampels und wir haben die Idee fallengelassen. Jetzt ist es eben “nur” eine Mix CD geworden. Die Mix CD braucht man ja eigentlich gar nicht mehr “live” mixen, man kann das alles auch per Hard Disc Recordings supersauber am Computer zusammenführen. Das habe ich aber nicht gemacht, ich mag es lieber, wenn man hören kann, daß da die Platte nachgeschoben wurde.
Ich hatte natürlich noch weitere Titel angefragt, außer denen, die jetzt drauf sind, die aber teilweise krasse Vorauszahlungen wollten, die sich Fine Audio Recordings als kleines Label nicht leisten kann.
Andererseits wurde meine Arbeit gerade dadurch, daß es ein kleines Label war, viel persönlicher als wenn da eine Majorplattenfirma dahintergestanden wäre. Als ich “The Bells” bei Jeff Mills anfragte, hatte ich vergessen hinzuschreiben, wie der Track selber heißt. Als wir telefonierten fiel mir dann der Titel nicht mehr ein und ich saß mit hochrotem Kopf am Telefon und sang ihm den Track vor. Zum Glück fand er das lustig.

De:Bug: Ich weiß, daß du in Deine Charts auch öfter mal Drum’n’Bass Platten packst. Auf der Tanzfläche lassen sich Techno und Drum’n’Bass aber nicht zusammen spielen. Wieso, glaubst du, ist das so?

MK: Ja, das finde ich sehr schade. Ich kaufe und höre viel Drum’n’Bass. Von den Technoheads hört man oft, da könne man nicht nach tanzen. Keine Ahnung, wie die darauf kommen. Man muß vielleicht anders tanzen oder kommt mit dem Rhythmus nicht so ganz klar, aber dann muß man sich reinfallen und vom Bass tragen lassen. Ich glaube, viele machen sich zuviele Gedanken über das Aussehen ihres Tanzstiles, sodaß sie gar nicht richtig loslassen können. Es liegt aber auch an der Soundanlage. Um den richtigen Kick zu bekommen braucht man eine gute Anlage, sonst hört sich Drum and Bass einfach an wie ein Blecheimer, der die Treppe runterfällt.
Ich habe ein paarmal die Versuche gemacht, ein oder zwei Stücke in mein Set einzubauen und man kann vielleicht ein zwei Stücke spielen, dann ist die Tanzfläche leider schnell leer und man spielt eben wieder Techno. Da sind mir der Sound und die Platten einfach viel zu lieb, als daß ich sowas dann mache. Ich habe auch beispielsweise Herbie Hanncocks “Rock it” und einige andere Stücke immer in meiner Plattenkiste dabei, aber es ist total selten, daß ich die spiele. Nur, wenn ich merke: Okay, die Leute begreifen den Sound, es ist also eine supercoole Party, dann packe ich das Stück aus. Genauso geht es mir auch mit Drum’n’Bass. Es bringt nichts, wenn ich einen Abturn bekomme, weil es die Leute nicht kapieren.
Ich möchte mich jetzt auch nicht in irgendwas reindrängen, nach dem Motto: Ich bin jetzt auch noch Drum’n’Bass DJ. Die seltenen Tapes, die ich zu Hause mache, sind dann Drum’n’Bass Tapes. Das reicht.

De:Bug: Du hast auch schon selber einige Tracks und Loops gemacht.

MK: Ja, für Pomelo aus Österreich vom Daniel Lodig habe ich mit Richard Bartz für die erste Compilation einen Track gemacht, das war kurz nachdem ich mein erstes Keyboard gekauft habe. Dann gibt es noch ein Stück mit Ingmar Koch zusammen auf Smile, “Metal on Metal”. Da war einfach so ein cooler Riff und ich meinte sofort: Hey, daraus müssen wir einen Track machen. Dann saßen wir in New York zusammen auf dem Boden, die Instrumente vor einem wie Spielzeug, es war ziemlich lustig. Ich war aber nicht so ganz zufrieden damit. Ich wollte eher so Hiphoplastiges machen und die jetzige Version sollte eigentlich noch geschnitten werden. Mir läuft es zulange gleich.
Ich sitze auch seit längerem zu Hause an Sachen, bin aber nie zufrieden. Ich nehme was auf, mal sind mir die Hihats zu laut, die Bassdrum zu breiig und über Kopfhörer kann ich einfach schlecht abmischen, aber sonst steigen mir meine Nachbarn aufs Dach.
Serotonin habe ich auch ein paar Loops geschickt und dann haben sie auch fünf genommen. Worüber ich mich total gefreut habe, von den restlichen Leuten haben sie nur zwei genommen. Es ist schon was anderes, wenn man ganz allein in seinem Kämmerchen vor sich hingebrütet hat und es dann losschickt und dann kommt DER Anruf. Als ich die Platte dann bekommen habe, habe ich gemerkt, daß die Loops nicht rund laufen. Da war schon ziemlich enttäuscht. Dann haben sie mich nochmal angerufen, weil sie einen Loop nochmal auf die neue mitdraufnehmen wollten und eine Single mit mir machen wollen. Da bin ich jetzt gerade dran. Das gute an Loops ist klarerweise, daß sie so kurz sind, man muß nicht groß arrangieren. Ich finde auch die meisten Platten heutzutage sind eigentlich nur ein Loop, da ist dann zwar die Bassdrum mal draußen, eine Open Hihat mehr drinne, aber im Prinzip tut sich da nichts mehr.

De:Bug: Wie siehst du die Entwicklung von Techno z.Z.?

MK: Ich muß ganz ehrlich sagen, es hat sich musikalisch nicht so viel getan. Vieles wiederholt sich. In meinem Plattenkoffer sind zur Hälfte alte Sachen drin. Ich spiele lieber das Original, von dem tausendmal abgekupfert wurde. Viele Platten, die ich mir kaufe, sind einfache Tools und werden ein paarmal gespielt und weggestellt. Techno ist irgendwo Popbusiness geworden. Viele Produktionen sind einfach nicht besser als Milli Vanilli, bei denen Frank Farian die Songs schreibt und die zwei gutaussehende Boys hampeln dann so herum. Es ist das gleiche, wenn jemand Tracks für den DJ Soundso schreibt und wenn er Glück hat, steht er ganz klein darunter. Der DJ Soundso verkauft natürlich anhand seines Namens 3-4 000 Platten mehr, womit der Produzent natürlich auch wieder glücklich ist, aber im Prinzip finde ich das Fake. Da komme ich wirklich zu einem Punkt, an dem ich sage: Fuck this Business. Absolut hohl. Es ist wahnsinnig unehrlich geworden. Schade.
Auch die enorm hohen Gagenforderungen, 20 000 DM ist kein DJ wert. Oder Leute, die sich ihr Leben lang keine Platten gekauft haben, beschließen von heute auf morgen: Ich werde jetzt DJ. Fangen an, sich Platten zu kaufen, kriegen einen Hype, weil sie mit den richtigen Leuten befreundet sind, obwohl sie nicht mixen können und da kriege ich wirklich einen Hals. Ich kenne genug Kollegen und Kolleginnen von mir, Jana Clemen zum Beispiel, die auch schon lange dabei ist, aber kein Schwein interessiert sich für sie, weil sie lange nicht die richtigen Konnektions hatte. Solche Leute versuche ich dann zu unterstützen, indem ich wenn ich mal krank bin oder nicht kann, sage: Nehmt doch die. Bianca von der Houseattack, die legt super auf. Es gibt soviele DJs, die einfach nicht beachtet werden.

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Elektronische Lebensaspekte.