Text: Sascha Kösch aus De:Bug 19

Marmor, Stein und Blei Die musikalische Pathologie des Pathos 2000 Sascha Kösch bleed@de-bug.de 1999 wird mit Sicherheit alles, nur kein normales Jahr. Es wird das Jahr des totalen Pathos. Aus der beliebten Premilleniumtension wird eine grassierende 2000 Seuche, überall nur Aufbau. Die Suche nach dem Großartigsten, nach dem absoluten Event, nach, wie Bertelsmann sagen würde, dem 7ten Kontinent. Musikalische Entwürfe werden sich im laufenden, sich nach 2000 verzehrenden Jahr daran messen lassen müssen, wie gewaltig sie sind. Wie groß, fett, stadionkompatibel. Wenn die User nach Bedeutung schreien, dann muß das Produkt umso leerer sein. Man möchte am liebsten jetzt schon alles Groß schreiben. Aber wer genau kann es erreichen? Wer hat sein Produktdesign jetzt schon musikalisch darauf ausgerichtet, daß es die schwerwiegendste Feier zur Jahrtausendwende füllen wird? Wer vereinigt Mystik, ultimativen Kick, zum Wahnsinn Treibendes und Wahnsinn aller Art Reflektierendes in seinen Tracks so, daß er den pseudofaschistoiden, durch alle Länder schallenden Ruf nach Vereinigung im Sinne des Größenwahns auf sich, den im Zweifelsfall ungelenken Bedroomproducer, runter-x-en könnte? Wer hat das Allheilmittel gegen Retro in einer alles vereinnahmenden kurzen Theory Of Everything? Momentan sehen wir erst mal nur Verlierer. Stilvolle, geschmacklose, freiwillige, aber dem ultimativen Pathos des Jahres 2000, dem Willen zur totalen aufgeschobenen Präsenz scheint uns keiner gewachsen. Alle sind viel zu früh gestartet. Big Beat hätte eine Chance gehabt, wenn sie sich nicht viel zu schnell James Bond (60er) als Vorbild genommen hätten, oder kleinlaut zu HipHop zurückgekehrt wären, statt auf Terminator zu setzen. HipHop Acts selber gehen dagegen schon jetzt konsequent den Weg einer Jahrhunderte umspannenden Masquerade (Busta Rhymes, Ice Cube usw.), aber sie reden zuviel (80er), vermitteln zuviel Inhalt, um der wortlosen Größe eines nächsten Jahrtausends Gehalt verleihen zu können. Und selbst Mike Ink und sein Sägezahnrevival, trotz allen Raveappeals, geht in seiner Frittenküchenart und musikalisch-industriellen (1900er) Völlerei noch nicht ganz den Weg, den das Pathos der Leere verlangen wird. Geschmacklich Basslinedesign verfeinernde Drum and Bass Helden gehen gleich ganz in die falsche Richtung (90er), und selbst die Monumentalität von Hochglanz-Imax-Monster Bigbandsound ist erst ein zarter Anfang von musikalischen Schweinereien, die auf uns zukommen und einem schon jetzt den Eindruck eines Jahres der nie endenwollenden klimaxenden Snarewirbel, ultrasimplen aber ultralangwierigen Steigerungen und dem Willen zur endgültigen Begeisterung bringen wird. Es wird ein Jahr der gewaltigen Hits, die es nicht schafften, ein Jahr, in dem die pathetischen Trax wachsen wie Berge, an denen rechts und links die wohlgemeinten Versuche in jämmerlich frühreifen Breakdowns ins absolute Aus stürzen. Ein Jahr, das einen peinlichsten Lieblinghit nach dem anderen produziert und sofort entwertet. Und die heilige Bassdrum, so unwahrscheinlich das klingt, wird ein Jahr lang in diesem Feld ständig wachsender Spannung warten, immer abwesender werden, um dann, pünktlich zu Beginn des Jahres 2000, mit dem größten Kick, den die Welt je gehört hat, auf uns niederzudonnern. Krank, aber wer hätte behauptet, daß wir alle einfach so davonkommen.

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Elektronische Lebensaspekte.