Versucht er der grauenvollen Bezeichnung
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 42

Die Eleganz unmerklicher Ereignisse
Wong Kar-Wais Film ‘In the Mood for Love’

Als Mitte der 90er Jahre die cineastische Begeisterung für ‘Fallen Angels’, ‘Chungking Express’ und ‘Ashes of Time’ Wong Kar-Wai die Etikettierung des “Godards der MTV-Generation” einbrachte, schien eine mögliche Erschütterung der Filmindustrie Hongkongs unabsehbar zu sein. Doch dann, ganz plötzlich, bricht etwas herein. Auf einmal zeigen sich ungeahnte Realitäten. Ein nahezu typisches Merkmal der Filme Wong Kar-Wais, in denen durch Slomoeffekte, einem augenblicklichen Körnigwerden der Bilder oder Zeitrafferaufnahmen das Verhältnis von Zeit, Erinnerung und Identität verdichtet wird. Und plötzlich ist sie da: “The Asian Economic Crisis”, die ihre Schatten auf die unmittelbaren Produktionsmöglichkeiten Wong Kar-Wais wirft. Seine Produktionsfirma “Jet Tone” kämpft um das Überleben. Um ‘Happy Together’ (1997) finanzieren zu können, muss sich Wong Kar-Wai deshalb seiner reichhaltigen filmischen Ausdrucksmöglichkeiten auf einer ganz ungodardschen Weise bedienen. Er produziert Werbespots für Motorola und den japanischen Mode-Designer Takeo Kikuchi. Das Avant-Pop Cinema Wong Kar-Wais, das die Geister der postmodernen urbanen Clips&Cuts-Stile nie rufen wollte, sieht sich unmittelbar kapitalistischen Logiken ausgesetzt. Wong Kar-Wai wird in die Zonen eines Guccibildschirmschoners manövriert, in denen er nie gedachte sich aufzuhalten. Vielleicht lassen sich deshalb gewisse filmästhetische Mittel nicht wiederholen. “I think, i have to move on”, hatte Wong Kar-Wai schon während der Filmfestspiele in Cannes 1997 angekündigt. Und der Bruch wurde vollzogen.
‘In The Mood for Love’ ist weniger turbulent, die Geschwindigkeit wird sanft zurückgenommen. Wong Kar-Wai entzaubert dabei nicht seinen Hang zur extravaganten Bildkomposition. Vielmehr könnte man ‘In The Mood For Love’ als Versuch beschreiben, noch präziser zu werden, dem Visuellen noch eindeutiger den Vorrang zum gesprochenen Wort zu geben. Die beiden Hauptdarsteller Maggie Cheung und Tony Leung waren eigentlich für ‘Bejiing Summer’ engagiert worden. Die Idee einer Fortsetzung von ‘Days Of Being Wild’ (1991) ergab sich schließlich aus den Verbotsverfügungen der Behörden in Peking. Zahlreiche Zensurbestimmungen verhinderten das vorgesehene Filmprojekt. Kurzerhand entstand die Idee von ‘In The Mood For Love’, ein eigentliches Zufallsprodukt. Wie in ‘Days of Being Wild’ interessiert Wong Kar-Wai dabei die 60er Jahre in Hongkong. Ihm geht es darum, die Spuren der Shanghai-Community nachzuzeichnen und darin einen historischen Abschnitt und seine besonderen Atmosphären einzufangen. Die Geschichte von Chow (Tony Leung) und Li-Zehn (Maggie Cheung) ist eine Liebesgeschichte ohne Finalität. Chow und Li-Zehn sind beide verheiratet und leben auf einer Etage, Tür an Tür. Sie sind Untermieter einer emigrierten, aber wohlsituierten Shanghai-Familie. Es stellt sich heraus, dass ihre Ehepartner, die unsichtbar bleiben, ein Verhältnis haben. Zwischen beiden entwickelt sich ein verwirrendes Spiel voller Verzweiflung und Leidenschaft. Immer könnte es auch die Möglichkeit erfüllter Liebe geben. Wong Kar-Wai inszeniert dabei die subtilen Umbrüche der Akteure in den alltäglichen Wiederholungen ihres Daseins. Mit nahezu hypnotisierender Kraft werden beide in ihren eingeschränkten Handlungsspielräumen gezeigt: Das Gefühl des Eingeschlossenseins im Büro, das Gefühl des Abgeschnittenseins von sozialen Kontakten außerhalb des Büros. Irgendwo dawischen, beim Einkaufen, beim Hören der immergleichen Hintergrundmusik, geschehen die unmerklichen Veränderungen und einschneidenen Ereignisse. Wie schon in ‘Happy Together’ binden Dokumentaraufnahmen die Akteure dabei gleichzeitig in einen brüchigen Begriff der Geschichte ein: Wie sieht Hongkong eigentlich während der Übergabe an China von unten aus?
Es ist das Jahr 1966, mit dem ‘In The Mood For Love’ aufhört. De Gaulles-Besuch in Kambodscha verdeutlicht den pompösen kolonialen Gestus Europas, der fast schon etwas Groteskes hat. Für Wong Kar-Wai markiert dieses Jahr gleichzeitig einen Wendepunkt in der Geschichte Hongkongs. Die chinesische Kulturrevolution verängstigt die Shanghai-Community in Hongkong. Steht eine erneute Flucht bevor? Unaufhaltsam kündigt sich eine politische Verschiebung an, eine vorsichtige Andeutung des kommenden postkolonialen Zeitalters.

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Elektronische Lebensaspekte.