In den vergangenen fünf Jahren hat sich Moon Harbour aus Leipzig zu einem der wenigen Deep-House-Label gemausert, denen der Spagat zwischen klassisch und minimal erfolgreich gelingt. Debug traf sich mit den Gründern Andre Quaas und Matthias Tanzmann, um die Geschichte aufzurollen, das Label kennen zu lernen und um in Leipzig neue Einsichten in Punkto Deepness zu gewinnen.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 95

Tief in Leipzig

Während sich 200 Kilometer entfernt bestimmt immer noch feixende Touristen vor dem verkohlten Stück Reichstags-Rasen in Berlin fotografieren lassen, in das sich der lebensmüde Pilot aus der Bild-Zeitung vergangene Woche gestürzt hat, schlurfen im Schatten der Thomaskirche im Fünf-Minuten-Takt Gruppen von Japanern vorbei. Schauen, machen ab und an gemächlich ein Foto und hören ihrem Stadtführer sonst einigermaßen konzentriert zu. Es heißt, Bach, der ehemalige Kantor, soll eine Art Halbgott sein in Japan. Leipzig ist der Inbegriff von Beschaulichkeit, doch das gilt nur für den Moment. Barock, brütend heiß, von Touristen belagert und Wurstverkäufern umkämpft. Dass hier viel passiert ist, davon zeugen nicht nur die Straßen, Plätze und Parks: Clara Zetkin, Ernst Thälmann, August Bebel oder Karl Liebknecht. Davon zeugen alte Fabrikgelände, Läden, Galerien, die Distillery und auch Moon Harbour. Das gemeinsame Label von Andre Quaas und Matthias Tanzmann ist seit fünf Jahren der wichtigste Repräsentant der Stadt in Sachen elektronischer Musik, ein Zwei-Mann-Betrieb, der Leipzig auch einen Platz auf der Landkarte des wenig reisenden Vinyl-Maniacs gesichert hat: Leipzig, Deep-House. Die Geschichte des Labels ist die seiner Gründer. Andre Quaas, der Organisator und Stratege, ein Techno-Aktiver, der neben dem Label auch die Distillery und das Veranstaltungsmagazin 1000° mit ins Leben gerufen hat, und Matthias Tanzmann, Produzent und DJ, der sich um die musikalische Seite des Labels kümmert. In dem kleinen Moon-Harbour-Büro im Leipziger Musikantenviertel sind gerade die Katalognummern 20 und 21 fertig geworden, zum Fünfjährigen wird es zusätzlich eine neue Labelcompilation mit exklusiven Tracks geben. Zeit für ein kleines Gespräch mit den beiden Label-Chefs, eine Bestandsaufnahme und einen Rückblick auf Leipzig, Distillery und Moon Harbour. Wie fing das alles eigentlich an?

Andre: Ich war 18 oder 19, als wir die ersten Partys gemacht haben. Dort lief damals so eine Mischung aus 80er-Disco, Synthie-Pop, EBM, solche Dinge wie Quadrophonia oder Westbam. Damals sind wir von Raum zu Raum gezogen, bis wir die alte Brauerei gefunden haben und uns dachten, die steht doch leer, warum machen wir nicht hier was? Und dann war die Entscheidung für die erste Distillery eigentlich schon gefallen. Das war 1992.

Debug: Hausbesetzen ist ja auch so ein Rave-Klassiker …

Andre: Wir haben uns da eigentlich keinen Kopf gemacht. Es gab damals ja sehr viel Leerstand in Leipzig und wir haben uns einfach ein neues Schloss eingebaut. Wir waren uns gar nicht so bewusst, dass das vielleicht nicht so legal war. Die Distillery lief auch total mies am Anfang, wir machten ja keine Werbung, weil wir ein bisschen Bedenken hatten …

Matthias: Du musst unbedingt mal die Bravo-Geschichte erzählen …

Andre: … dass das dann polizeiüberwacht wird. Ein dreiviertel Jahr später haben Depeche Mode jedenfalls in Leipzig auf der Festwiese gespielt. Und im Anschluss wollten die Jungs noch ausgehen. Die lokalen Bands haben ihnen geraten, in die “Distille” zu gehen. Und dann sind sie dort tatsächlich einmarschiert. Damals waren ja nicht viele Leute dort, so 30 Gäste. Alle standen da, haben gestaunt und krampfhaft versucht, nicht hinzuschauen. Depeche Mode haben sich aber scheinbar wohl gefühlt. Und in der übernächsten Bravo stand drin, dass sie nach ihren Konzerten immer noch was trinken gehen, und am besten hat ihnen die Distillery in Leipzig gefallen.

Debug: Und von da an lief der Club?

Andre: Dann hatten wir immer Schlangen vor der Tür von Schwarzgekleideten (lacht). Das war im Sommer 93 und das hat uns in Leipzig etabliert.

Debug: Wie kam dann das Ende der ersten Distillery?

Andre: Es ging noch einige Jahre. Vom Ende habe ich aus der Zeitung erfahren. Da war ein Foto drin, wie die Distillery gerade zugemauert wurde. Der Streit mit dem Ordnungsamt hatte sich schon über ein Jahr hingezogen. Wir haben daraufhin demonstriert.

Matthias: Vor dem Rathaus!

Andre: Bis zu 2000 Leute waren dabei. Einmal haben wir sogar den Haupteingang des Rathauses symbolisch mit Bierkästen zugemauert …

Matthias: Und das hat auch teilweise funktioniert, die haben dann auch versucht, das Projekt weiter am Leben zu halten …

Andre: Notgedrungen, die Offiziellen konnten ja zunächst nicht richtig einschätzen, was wir für Leute waren, die wollten ja auch keinen Stress haben. Wir hätten ja auch irgendwelche Aggro-Punks sein können. Aber der Club wurde trotzdem geschlossen. Es gehe einfach nicht, was wir da machen, hieß es.

Debug: War das dann der Scheidepunkt, wo es als Club-Betreiber ernsthaft wurde?

Andre: Ja. Mit dem Umzug in die neue Location ging es mit der Qualität los, einem richtigem Booking, auch wenn vorher schon die Low-Spirit- und Harthouse-Gangs bei uns waren. Unsere Motivation am Anfang war, Techno berühmt zu machen. (lacht)

Debug: Und dann kam der Umzug in die heutige Location?

Andre: Ja. Als wir umgezogen sind, war Techno schon berühmt und alle haben einen Haufen Geld verdient, zum Beispiel die Labels aus dem Westen, die wir gebucht haben. Von da an haben wir in der Distillery voll auf Qualität gesetzt und mehr Struktur hineingebracht. Das war aber immer noch sehr zeitintensiv und brotlos. Ich habe dann begonnen, das 1000°-Magazin (ein Veranstaltungs-Mag im Flyer-Format) auf die Beine zu stellen und bin selber im Jahr 2000 bei der Distillery ausgestiegen. Das war auch die Zeit, in der wir Moon Harbour gegründet haben. Die Idee dafür schlummerte schon länger.

Debug: Wann bist du dazugestoßen, Matthias?

Matthias: Ich habe 1996 das erste Mal in der Distillery aufgelegt, damals noch im Techno-Keller, daher kannten Andre und ich uns auch. Wir haben dann 2000 festgestellt, dass wir beide gerne ein Label starten würden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon als Gamat 3000 auf Dessous und Freude am Tanzen veröffentlicht. Die Idee war schlicht und ergreifend, selbst was auf die Beine zu stellen. So entstand dann Moon Harbour.

Debug: Wann war der Punkt bei dir erreicht, dass du aus dem Hobby einen Beruf gemacht hast?

Matthias: Nach der Labelgründung. Das Auflegen und das Produzieren habe ich ja erst mal nur nebenbei gemacht und noch Mediengestaltung in Weimar studiert. Durch das Label habe ich dann mehr aufgelegt und auch ein paar Mark damit verdient, um meine Miete zu bezahlen. Andre hatte damals auch schon das Booking übernommen, da wurde es definitiv professioneller.

Debug: Wie war der Start von Moon Harbour?

Andre: Wir haben in einer Zeit begonnen, wo viele Labels geklagt haben, wie schlecht es lief. Aber es hat sich, nach einem tollen Start mit der ersten Platte und einem kleinen Einbruch mit dem zweiten Release, im Großen und Ganzen stabil und sachte aufgebaut.

Matthias: Am Anfang lief das Label noch nicht so intensiv … zwei bis drei Releases im Jahr. Allein 2005 haben wir jetzt schon fünf Neuerscheinungen. Es war zu Beginn eine in sich geschlossene Gruppe, die das Label gemacht hat und die Musik beigesteuert hat. Als Künstler waren auch nur Marlow und ich dabei, bis wir Platten von Vincenco und Hakan Lidbo veröffentlicht haben. Vor ein paar Jahren kamen dann noch Goldfisch & der Dulz und Daniel Stefanik dazu. Dieses Jahr sind Luna City Express ganz neu bei uns.

Debug: Ihr habt ja musikalisch schon eine sehr klare Linie bei Moon Harbour. Klassische House-Sounds, Perkussion, Rhodes …

Matthias: Findest du? Also die alten Platten waren schon sehr klassisch deephousig, aber mittlerweile geht es mehr in eine elektronische Richtung. In meinen Tracks waren früher die Rhodes-Flächen ganz wichtig, es musste alles schön warm sein. Das ist jetzt kaum noch so, ich mag’s schon wieder ein bisschen raviger. Aber trotzdem müssen die Stücke immer eine gewisse Deepness haben, nicht so flach oder billig …

Debug: Ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, was Deepness eigentlich sein soll. Da scheint jeder seine eigene Definition zu haben. Manche sagen ja, dass es mit cheesy Gesang zu tun hat.

Matthias: (lacht) Nein, das ist so etwa das Gegenteil von dem, was ich meine. Es hat nichts mit Gesang zu tun. Deepness meint für mich einfach nur, dass es immer eine Ebene in den Tracks gibt, die man beim zweiten oder dritten Hören noch gern hat. Für mich bedeutet deep einfach tiefsinnig. Nicht nur auf die Fresse. Wir haben auf der neuen Compilation, Five, auch Tracks, die fast in die Minimal-Techno-Richtung gehen, zum Beispiel Audio Werner oder Phil Stumpf. Eigentlich will ich’s immer noch housy halten, aber zur Zeit sind die Grenzen eben sehr fließend.

Debug: Kann man euch ein internationales Label nennen? Wohin gehen die Verkäufe?

Andre: Das variiert. Nur ein Viertel bis ein Drittel des Vinyls geht nach Deutschland, das meiste verkaufen wir schon ins Ausland. Bei den CDs ist es aber genau andersrum.

Debug: Sind für die Zukunft größere Projekte oder Alben geplant?

Matthias: Ja, es sind Alben in Planung. Wir wollen viel mehr releasen, ich bin auch gerade erst zurück nach Leipzig gezogen. Bisher war das zeitlich einfach nicht drin. Im Herbst bin ich fertig mit dem Studium und plane ein Album, vielleicht mit Daniel Stefanik zusammen. Und bei Luna City Express gibt es auch Gedanken, das vielleicht nächstes Jahr zu machen.

Debug: Könntet ihr euch vorstellen, Moon Harbour vielleicht mal von woanders aus zu machen?

Andre: Nein, eher nicht. Leipzig ist auch eine Stadt, nicht sehr groß, aber sehr entspannt und angenehm. Hier gibt es alles, was es woanders auch gibt. Und wenn wir mal weg müssen, ist es nach Berlin auch nicht besonders weit.

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Elektronische Lebensaspekte.