Der alte Hase Markus Nikolai überrascht sechs Jahre nach ”Bushes“ mit einem Band-Projekt. Morane zeigt, dass Postpunk auch 2005 noch mehr sein kann als Dancebeats plus Distortionbass plus Gitarre vom Reißbrett.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 93

Manche haben’s, manche nicht
Morane

Wer nicht alles mit heißen Ohren die Dancemöglichkeiten im Rock und die Rockmöglichkeiten der Dancemusik entdeckt. Das nimmt kein Ende. Die historische Durchforstung erreicht auch immer absurdere Ausmaße. Thaddi Hermann grölt den halben Bürotag ”Umsturz jetzt“. Die Zuspätgeborenen flüstern sich also ”Essential Logic“, ”Devo“, ”Liquid Liquid“ zu und samplen sich mechanisch durch die klarsten Erkennungsmerkmale, Claps, Kuhglocken, Distortionbass, Automatengesang. Ein Gastgitarrist von der Musikhochschule wird ausgeliehen und fertig ist die Postpunk/Discorock-Fließbandware, die mittlerweile die Innovationsdichte erreicht hat von Filterhouse anno 1997.
Gut, wenn man bei der Discorock-Frühphase schon dabei war und sich nicht mit einem X für ein U zufrieden gibt. Markus Nikolai, die große Nummer vom ”Perlon“-Label, war vor 15 Jahren mit seiner Band ”Bigod 20“ eine noch größere Nummer auf dem ”Sire“-Label, auf dem auch Ministry, Madonna und Talking Heads ihre Heimat hatten. Bigod 20, von denen ”Umsturz jetzt“ stammt, waren dicke mit Front 242 und mit einer Tradition, die Roboterrocktanz spätestens seit Gang Of Four kontinuierlich fortschrieb über EBM bis zu Techno.
Wenn Nikolai also eine Band gründet mit seinem angestammten Multiinstrumentalisten Theo Krieger, der auch bei ”Bushes“ dabei war, und Sängerin und Bassistin Annika Müller de Vries, dann bestimmt nicht, um die alten Erkennungsmerkmale schematisch und plakativ wieder aufzuwärmen. Das Trio ”Morane“ nimmt sich die Zusammenspieltugenden vor, um zackig forsch und mit frisch synkopiertem Melodiedrang in einer permanenten Bewegung zu stecken, die kein Loop einfangen könnte. In die Discorock-Schule passen sie damit nur rein zufällig, aber umso lehrreicher. Zum nachprogrammierten Discorock verhalten sie sich so wie brasilianische Bossa Nova zu den europäischen Lounge-Derivaten. Arto Lindsay meint dazu: ”Jede Tanzmusik baut auf Loops auf. Und Bossa-Nova-Loops, so schön sie auf den ersten Blick sein mögen, sind nun einmal Reduktion.“ (Style & The Family Tunes 81). Dieser Reduktion, der geloopten Linearität setzt Morane ein raumtiefes Interagieren zwischen den drei Musikern entgegen. Dass sie dabei nicht vom Chicken-Lips-Regen in die Franz-Ferdinand-Traufe geraten, garantiert das Houseproduzenten-Ohr von Nikolai. Denn Nikolai wäre nicht der Perlon-Produzent, der er auch weiterhin ist, wenn ihn das Experiment Tanztrack nicht mehr interessieren würde. Neben dem CD-Album erscheinen auf ”Moredownthanout“, dem neuen Label von Nikolai und Krieger, deshalb auch 12Inches mit Clubversionen der Morane-Stücke. Das ist dann ebenfalls schön, aber nicht mehr so lehrreich.

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Elektronische Lebensaspekte.