Metro Area ist das Projekt von Morgan Geist und Darshan Jesrani, mit dem sie Disco im Geiste und ohne Sampels nachempfinden. Produktionstechnisch vielleicht konservativ, in seiner Schönheit aber über jeden Zweifel erhaben.
Text: felix denk | superfelix@iname.com aus De:Bug 48

Die Schönheit der Unschärfe
Metro Area

Es ist eine merkwürdige wie auch unübersehbare Entwicklung, dass sich derzeit in der elektronischen Musik eine “selbstgetöpferte” Ethik ausbreitet. Auch wenn nicht jeder ein produktionstechnisches Manifest daraus macht, so scheint der Verweis auf’s Handgemachte dennoch omnipräsent. Explizites Samplen steht dabei ganz oben auf dem Index, rein digitales Arbeiten wie auch der übermäßige Einsatz althergebrachter Drummachines sind so semiverboten und werden strafrechtlich so gehandhabt wie der Besitz weicher Drogen. Stattdessen dürfen wieder echte Musiker ins Studio. Fast scheint es, als hätte Handwerk wieder goldenen Boden. Kommt nach dem technischen Möglichkeitenrausch der analoge Selbstbeschränkungskater?

Musikalisches ist wieder erlaubt und wird sogar gewünscht. Ein Paradigmenwechsel in der sonst so synthetischen Technowelt? Fast, zumindest wenn man Morgan Geist und Darshan Jesrani fragt. Die beiden, die zusammen als Metro Area analoge Diskostücke produzieren, laden sich Musiker ins Studio und schwingen schon mal den Taktstock, wenn noch eine Hand frei ist. Zwar ist nicht zu überhören, dass einige der Diskoplatten, die damals nicht im Central Park verbrannt wurden, in der Sammlung von Morgan Geist und Darshan Jesrani gelandet sind, andererseits ist Metro Area kein Retroprojekt, das versucht, das Salsoul Orchester im Kleinen zu imitieren. Bloßer Historismus ist nicht das Ziel, eher – dialektisch – alte Tugenden im neuen Gewand erstrahlen zu lassen.

From: Detroit to: Disko

Es lag nun wirklich nicht auf der Hand, dass ausgerechnet Morgan Geist, der lange Zeit mit seinem bleepigen Quadrupelfunk ganz vorne war, wenn es um eine futuristische Auslegung des Detroitsounds ging, jetzt zusammen mit seinem Partner Darshan Jesrani Tracks produziert, die im Wesentlichen auf live eingespielten Instrumentierungen fußen und – viel schlimmer – diesen Sachverhalt noch nicht mal verheimlichen. Wenn Darshan und Morgan ihre Metro Area Tarnkappe überstülpen, wird schon mal ein Streichquartett ins Studio eingeladen, Gitarre und Querflöte entstaubt, ein paar Akkorde auf dem Rhodes geklimpert und Percussionparts nicht gesamplet, sondern extra eingespielt. Entscheidender als das in seiner Aufwenigkeit barock und von der technischen Seite mittelalterlich anmutende Produktionverfahren ist allerdings, dass im Soundbild kaum bis gar kein neumodischer Schnickschnack zu erkennen ist. Statt zu filtern und loopen werden die eingespielten Parts mit Kleber und Schere zusammengebastelt. Heraus kommen dabei die wärmsten, emotionalsten und vor allem sexiesten Housetracks, die man seit langem aus New York gehört hat. Zunächst also die naive Frage eines verwirrten Ravers ohne präelektronische Referenzen, was Musiker denn überhaupt im Studio von Metro Area verloren haben? Darshan klärt auf: “Bei den Live Instrumentierungen geht es darum, die Dynamik klassischer Nummern zu erreichen. Wir können uns um das Elektronische kümmern und können gleichzeitig die Dynamik der Live Instrumenierung haben. Wir können das als Basismaterial nehmen und dann wie wir wollen verändern. Und wir haben reichlich davon und nicht wie bei Samples nur einen kleinen Schnipsel, den man im Wesentlichen so stehen lassen muss. Außerdem ist es schön, wenn man jemanden vermitteln kann, wie man es gerne hätte.” Na gut, aber mutiert die Arbeit des knöpfchendrehenden Produzenten an dieser Stelle nicht eher zu der des Komponisten respektive taktstockschwingenden Kapellmeisters? Morgan: “Es ist ein bisschen von beidem. Wir komponieren, aber die Musiker, besonders die Streicher, wissen recht genau, was wir machen und wie wir es wollen. Sie sind klassisch ausgebildet, wissen aber auch, wie eine West End Platte klingt. Es ist also schon interaktiv. Wir schreiben das Grundsätzliche, und die Musiker schmücken es dann noch aus.” Werden für Metro Area Tracks überhaupt noch Samples verwendet? Darshan: “Eher wenig. Vielleicht nehmen wir uns die Kickdrum und die Snares. Aber grundsätzlich ist die Perkussion schon selbst gespielt.” Unvermeidlich ist an dieser Stelle natürlich die Buchhalterfrage: Ist das nicht fürchterlich kostenintensiv, so zu arbeiten? Morgan: “Wir können jetzt natürlich nicht unser Budget offenlegen (verschmitztes Grinsen- Morgans abgelatschten Turnschuhen nach zu schließen, kann das nicht so hoch sein). Allerdings sind eigentlich alle Musiker unsere Freunde, und sie sind mit Freude dabei. Anders ginge das nicht. Wir engagieren ja keine Sessionmusiker, die wir nicht kennen. Es ist schon eher familiär.”

Disko’s Revenge

Glaubt man Frankie Knuckles, dann ist House nicht etwa die Weiterentwicklung oder Rückkehr, sondern schlicht die Rache von Disko. Wenn sich also Disko im Schaltkreis der 808 dafür rächt, dass es seinerzeit in Ungnade gefallen ist, dann ist auch klar, dass das eine im Geiste des anderen fortlebt. Metro Area bestätigt nicht nur dieses Kontinuum, sondern zeigt auch, wie man mit Disko-Produktionsmitteln Housetracks macht. Ein unüberhörbarer Vorteil daran ist, dass die formelhafte Thematisierung von Disko im House, die auf dem Einsatz eines markanten Sample, das geloopt und gefiltert basiert und dann mit einer möglichst dicken Kickdrum aufgemotzt wird, durchbrochen wird. Morgan: “Metro Area ist zwar keine direkte Reaktion auf Loop-basierten Diskohouse, allerdings ist eine gewisse Unzufriedenheit mit diesem Vorgehen schon grundlegend für Metro Area. Man hat ja oft den Eindruck, dass Produzenten es ausnutzen, dass die Leute die Originale nicht mehr kennen. Ich mag keine Puristen oder Traditionalisten, aber nur ein Sample nehmen und eine Kickdrum drunterlegen, dass kann doch nicht alles sein.” Und Darshan fügt an: “Mir geht es da ähnlich. Die Produktion wird doch stark eingeschränkt, wenn man ein ganzes Stück sampelt. Man hat dann die Bassline, den Synthiepart und noch einen Streichersatz, die alle ineinander verschränkt sind. Man kann das nicht entwirren, aber auch schwer was hinzufügen.”
Disko ist für Darshan wie auch Morgan eher eine Second Hand Sozialisation als eine erlebte Erfahrung: Zunächst aus dem Radio als Kind und dann über Beutezüge in den einschlägigen Plattenläden während der Collegezeit. Darshan, der 1994 bereits auf Strictly Rhythm Platten veröffentlichte, war immer etwas näher an Disko als Morgan, der eher über New Wave und Industrial ein Faible für den Futurismus des Detroit Techno entwickelte. Was beide neben der Begeisterung für Disko verbindet, ist, dass House in der Diskorezeption immer gleich mitgedacht wurde. Mit einem schrulligen Retroprojekt auf “früher war alles besser” Basis hat Metro Area nichts zu tun. Es geht eher darum, eine Stimmung zu paraphrasieren, als die Originale mimetisch genau nachzuschustern oder mit der erworbenen Flohmarkt-Sophistication hausieren zu gehen. Morgan über die Tiefe von Disko und gelegentliche Untiefen in der Rezeption: “Ich denke, es gibt wörtliche Interpretationen und etwas weitere, die sich eher auf die Atmosphäre beziehen. Ich habe den Eindruck, dass Metro Area einen Vibe hat, der, obwohl er sich in den Sounds sehr stark an Disko orientiert, mit Disko an sich nicht viel gemein hat. Disko war ja generell schon eine sehr fröhliche Musik. Uns geht es ja eher um eine Moodyness, die schon fast an Techno erinnert oder an frühe New York Platten…”Darshan wirft ein: “… so Instrumentalsachen auf Prelude, oder “On a Journey” der Peech Boys, des Larry Levan-Projektes…”
Morgan: “Viele Dub Mixe von Platten, die eigentlich sehr happy sind, werden ohne den Gesang sehr tief, Stücke von Barbara Mason zum Beispiel. Das klingt schon ganz schön techy. Es ist schon merkwürdig, aber dadurch dass die Lyrics so im Vordergrund stehen und den Party Vibe transportieren, entgeht vielen Leuten die melancholischere Seite der Nummern.” Und Darshan ergänzt: “Dabei ist es doch gerade die Mischung aus den nachdenklichen Unterströmungen und dem exaltierten Party Vibe, der die Platten so speziell macht. Wenn man die Vocals weglässt, hat man oft eine Technoplatte der späten Siebziger.”

Klare Umwelt Verwandlung?

Zumindest für Morgan stellt Metro Area schon einen Bruch dar, wenn man das Projekt mit dem früheren Metamorphic-, Clear- und Environ-Produktionen vergleicht, die sich stark um eine neue Formensprache bemühten. Wenn man bedenkt, dass elektronische Musik gerne die neuesten technischen Raffinessen stilistisch inkorporiert, ist es dann nicht ein Stück Fortschrittsverweigerung, wenn man so deutlich auf “unelektronische” Klangquellen rekurriert? “Vielleicht. Ich kann wohl nicht leugnen, dass der Sound ziemlich unterschiedlich ist. Allerdings ist das Arrangement sehr ähnlich. Ich verwende schon die selben Tricks wie immer, allerdings hat mir Darshan beigebracht, wie man einen Groove mit anderen Mitteln entwickelt. Früher war ich besessen von Tightness und Präzision. Mit der Zeit begann ich mich für Fehler zu interessieren und für Ungenauigkeiten, die Dynamik des live Spielens. Wenn man diese alten Platten hört, lernt man die Schönheit mehrerer Uhren, die zur selben Zeit aber leicht verschoben ticken. Das ist ein anderes Feeling, als wenn man mit einer Masteruhr arbeitet, die allein den Takt vorgibt.” Metro Area ist also kein neues Manifest, nur die Entdeckung der Unschärfe von Disko ohne Hysterie und Privatheit auf der Tanzfläche. Can you feel it?

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Sascha Kösch aus De:Bug 05

Morgan Geist Sascha Kösch
bleed@buzz.de

Es gibt ein paar Leute, die man gar nicht anders denken kann, als als heimliche Revolutionäre. Carl Craig, Dan Curtin und nicht zuletzt natürlich Morgan Geist, der mit jedem Track das Erbe von Detroit zu vollkommen überraschenden neuen Ideen entwickelt, die einem immer stolz die nicht mehr ganz selbstverständliche Überzeugung präsentieren, daß ein Ende der Weiterentwicklung von House gar nicht denkbar ist.
In Highschoolzeiten Herausgeber eines Industrial-Fanzines, von seiner Schwester zu elektronischer Musik erzogen, war der erste, der seine Tracks so gut fand, daß er sie herausbringen wollte, natürlich Dan Curtin. Und genau deshalb mag manchen eine gewisse Ähnlichkeit in der Herangehensweise an Musik auch auffallen, auch wenn andere Einflüsse, wie Jazz, als Hobby, oder indische Rhythmik, als Schulung, oder generelle, nichtmusikalische, mindestens ebenso wichtig für ihn waren. Mit Environ schuf er sich sein eigenes Outlet für Tracks die, wie er im Nachhinein feststellen mußte, andere mit gutem Grund nicht herausbringen wollten, aber hat trotzdem eine gesunde Einstellung, es selbst mit der Vertriebsmafia in den Staaten aufnehmen zu wollen. Kein Wunder, daß Leute wie Hal von Clear und Herbert von Phono schnell auf ihn aufmerksam wurden und ihm beide ihre Label auch noch bereitwillig für abenteuerlichere Tracks zur Verfügung stellen. Und ihn Clear nach der ersten EP für sie, auch gleich auf Tour durch Europa mitnehmen müssen.

De:Bug: Würdest du sagen, daß du mit jedem Track ein neues Genre erfindest?

MG: Nein, aber das würde ich schon gerne. Aber nichts was ich mache ist so rakikal neu, daß es mir gelingen würde. Ich versuche, alle Einflüsse zu verschmelzen. “Linking Tunnel” ist ein Track, der sehr überlegt entstanden ist. Nichts ist Zufall. Es ist der einzige Track bei dem ich Teile vorher schon im Kopf hatte.

De:Bug: Wie wichtig ist das Unerwartete in der Musik für dich?

MG: Sehr wichtig. Zumindest wenn es integriert ist, nicht wenn es einfach nur versucht, zu schocken. Reiner Schock ist zwar gut, aber nur wenn er gut funktioniert. Die meiste Zeit versuchen die Leute einfach zu posen. Ich mag gerne Veränderung. Subtile, aber auch dramatische.

De:Bug: Was bedeuten dir Bleeps?

MG: Bleeps sind einfach kleine kurze Geräusche. Sie bringen Detail und Rhythmus. Sie sind sehr funktional und ich mag die Art wie sie klingen. Ich denke nicht: “Das ist ein Bleep”, für mich ist das einfach ein weiterer Sound. Aber ich mochte das was man als Bleepsound bezeichnet hat, LFO, Richard Kirks Sachen auf Warp. Und wahrscheinlich hat mich das in der High School beeinflußt.

De:Bug: Was bedeutet Linking Tunnel?

MG: Der Titel bezieht sich auf’s Autofahren. Es gibt diesen Lincoln Tunnel, der von New Jersey, wo ich wohne, nach New York führt. Unter dem Hudson River durch. Ein Wortspiel also, aber ich hatte den Track angefangen bevor es in meiner Familie zu einem tragischen Unfall kam. Danach hatte ich erstmal aufgehört, Musik zu machen. Und als ich wieder anfing, machte ich erstmal diesen Track fertig und so verbindet er in einer Weise zwei verschiedene Phasen meines Lebens.

De:Bug: Das wichtigste in deinen Tracks scheint mir auch immer der Raum zwischen den Sounds zu sein.

MG: Ja, ich habe gerade mit einem Freund am Telefon die Bedeutung von Raum in Musik diskutiert. Wie so viele Leute heutzutage alte Synthesizer benutzen, Moogs, Arps, aber sie nicht atmen lassen, sich nicht ausdehnen lassen, wie es früher noch erlaubt war. Einfach eine funky Synthesizerlinie, ein bißchen Echo und viel Raum. Das ging in den 70ern und 80ern sehr gut und ich denke, man kann das immer noch machen. Raum gibt den Sounds eine Betonung und fordert von ihnen, perfekt zu sein. Deshalb mißraten auch so viele Tracks. Die Leute denken sie können minimale Musik machen, ohne viel über die Sounds nachzudenken. Tracks wie “Video Clash”, “Phreak” von DBX oder “Acrylic” von Rob Hood, die funktionieren, weil jedes Element perfekt ist.

De:Bug: Bist du ein Perfektionist?

MG: Ja, schon, aber ich versuche, davon loszukommen. Ein paar Unfälle klingen ganz gut und sollten dann auch drinbleiben.

De:Bug: Warum glaubst du, daß so wenige Leute komplett verschiedene Parts in ihren Tracks verwenden, so wie du und Titonton das machen.

MG: Wir werden dafür sogar oft kritisiert. Also dachten wir uns, bei der EP die jetzt auf Phono gekommen ist: Fuck it. Laß uns die Dinge konstant ändern. Das war so die Mentalität. Viele der Tracks hören sich jetzt fast wie Karikaturen von dem an was wir sonst machen, weil sie sich so oft ändern. “Overcast” z.B. das eigentlich nur aus Experimenten und Zufällen besteht, kam so zustande, daß Titonton von mir wollte, daß ich die typischen Morgan Geist Sounds mache und ich von ihm unbedingt diesen Titonton Sound hören wollte. Also endeten wir mit einer ziemlichen Collage aus Typisierungen. Titonton steht auch auf Drum and Bass und legt das ziemlich gut auf und so wollten wir auch ein paar dieser Elemente integrieren. Da mußte sich viel verändern. Ich kann mir unsere Musik aber nicht auf einer großen Party vorstellen. Ich denke, die Leute würden aufhören zu tanzen, weil es ihnen nicht straight genug ist. Obwohl ich viele kenne, die gerne zu sogenannter “Listening Music” tanzen. Alte Black Dog Tracks oder ART, Abacus und so und ich selber gerne explizite Tanzmusik zu Hause zum Zuhören habe. Die Distributoren hier in den Staaten hatten sogar Angst vor unserer EP, also haben wir sie an Phono lizensieren müssen. Dabei hatte ich extra noch den straighten “Freebis” Remix gemacht, damit sich die Vertriebe etwas besser fühlen können.

De:Bug: Was erwartest du von der Clear Tour?

MG: Ich werde ja live auftreten und hoffe, daß das alles gut funktioniert und die Leute, die kommen, die Musik mögen werden. Ich fühle mich eigentlich im Studio wohler, aber hoffe, daß sich so ein paar mehr Leute für die Musik interessieren werden.

out now:
Morgan Geist – Linking Tunnel (Clear)
Titonton Duvante & Morgan Geist – Titonton & Morgan EP (Phono/Environ)
soon: Morgan Geist presents Environ into a Seperate Space LP (Environ)
Morgan Geist the Driving Memoirs DoEP/CD (Clear)

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