Alte Hasen, neues Business
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 142

“Forgotten Moments” hieß die unscheinbare EP auf Yore, die kürzlich einiges durcheinander wirbelte. Von Jean-Pierre van der Leeuw und Joseph Lemmens produziert, zeugen die vier Tracks von einem tiefen Wissen um die vergrabenen Schätze der Dance Music. Ist auch kein Wunder bei diesem Projektnamen, der direkt aus dem Backkatalog von Chez Damier und Ron Trent stammt. Erschütterndes Detail: Beide Produzenten haben die 30 längst überschritten und kommen jetzt mit ihrem Debüt an die Öffentlichkeit.

Aber all das ist keine Überraschung, wenn man sich die Zusammenhänge von den Gentlemen erklären lässt. Es geht um die Bande der Freundschaft, darum, die Kraft und Magie von Musik auf eine andere Art und Weise zu kanalisieren, als beide es bislang getan haben. Und noch über der Freundschaft steht der Kollektiv-Gedanke. Wer die Fragen nun beantwortet, bleibt unklar, das Projekt steht vor den Gesichtern der beiden. So sucht man auch vergebens nach Bildern der beiden Holländer. Alles nicht wichtig, wie früher eben.

Die Fakten: Der eine ist gelernter Schlagzeuger und Maler, der andere hat Modedesign studiert. Die Brötchen aber verdiente man sich in Plattenläden hinter dem Tresen, mit DJ-Gigs und als Party-Promoter. Carl Craig, I-F, Freddy Fresh … alle haben schon ihre Gagen von den beiden in die Hände gedrückt bekommen. Natürlich nimmt man solche Eindrücke mit. “Das ist wie mit Käse”, funkt es aus Holland zurück, “je länger etwas reifen kann, desto besser schmeckt es. Maschinen kaufen, Tracks machen, besser werden, Mut finden, zuhören … das kann schon mal länger dauern.”

Chicago, Detroit, Amsterdam
“Forgotten Moments” hört man dann auch die Geste des geschmackvollen Niederkniens in Richtung Chicago und Detroit und das Goldene Zeitalter der beiden Städte als Epizentrum der Musik deutlich an, die zweite, demnächst erscheinende EP schlägt aber schon deutlich individuellere Töne an. So wird auch die Frage nach den Einflüssen, den wichtigen Produzenten und Labels, nur zum Teil mit den zu erwartenden Schlagwörtern beantwortet. Prescription, Cajual, Nu Groove, Warp, Maurizio … klare Sache, aber eben auch Outland Records. In deren Plattenladen hat man jahrelang gearbeitet und pflegt noch heute persönliche Kontakte. Und auf Djax-Up von damals und Delsin und Clone von heute ist man einfach stolz: kleines Land, große Wirkung. Zurück zur eigenen Musik.

Und an dieser Stelle lüften die beiden dann doch ein wenig den Vorhang: Jean-Pierre ist das Arbeitstier im Studio, spielt die Parts ein, arrangiert alles, während Joseph eher der Ideengeber und Mentor des Projektes ist. Auch das eine Arbeitsweise, die sich über die Jahrzehnte bewährt hat. “Wenn man uns im Studio beobachtet, könnte man glauben, wir seien seit 20 Jahren verheiratet, im positiven Sinne! Wir sind so einfach am effektivsten.”

Viel wichtiger bei Morning Factory ist aber die Tatsache, dass hier ein Knoten geplatzt ist, der uns noch lange mit Tracks versorgen wird. “Die Schubladen sind voll”. Und “Jazzy Jeff And The Motherfuckers”, ein Stück der zweiten EP, wurde von befreundeten DJs schon ausgiebig getestet und führte auf einem Rave in Belgien zu einem amtlichen Deck-Shark-Auflauf. Die beiden lassen sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und kontern lieber mit Zen-Zitaten Detroiter Helden. Es kommt, wie es kommt, so oder so. Bei Morning Factory steht noch einiges ins Haus

Morning Factory, Forgotten Moments, ist auf Yore/WAS erschienen.

http://www.yore-records.com
http://www.myspace.com/morningfactory

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Elektronische Lebensaspekte.