Nordthüringen, der Blinddarm der Republik, bringt schillernde Exportschlager hervor. Eva Padberg zum Beispiel. Und das Label Mo's Ferry Productions. Die haben sogar einiges gemeinsam.Aber um darauf herumzureiten, sind wir nun wirklich nicht sensationsjournalistisch genug. Und außerdem ist die Musik zu gut.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 88

Mo’s Ferry Productions

Schon die ersten EPs versprachen, dass Mo’s Ferry ein spannendes Label werden wird. Über die Serie von immer zwingenderen ”Dapayk & Padberg”-Produktionen hat sich das Label mit jedem einzelnen Release weiterentwickelt und mittlerweile mit den Produktionen auch von Marcel Knopf, Enliven Deep Acoustics und Luka & Lazo einen ganz eigenen Sound entwickelt. Der bewegt sich irgendwo zwischen rockenden Floorfillern, zu denen man nur noch die Hände in die Luft reißen kann, und verschrobenen knarzigen Beats, zwischen Minimalhouse und reduziert vollem Technotrack. Die Crew kommt aus Thüringen. Dapayk und Jan, sein organisatorischer Partner bei Mo’s Ferry, haben vor dem Label Livemitschnitte gemacht und verkauft. “Wir waren von Auto zu Auto mit den gepressten Live-CDs in der Hand unterwegs. Der Veranstalter, bei dessen Konzert wir mitgeschnitten hatten, war informiert und bekam seine Beteiligung. Manchmal hatte er aber schon vorher die Promo-CD, die wir ihm gegeben hatten, vervielfältigt und teurer an den Kunden gebracht, als wir es vorhatten. Das war ganz finster, aber es gehörte einfach dazu.” Irgendwann kam eine der CDs vom Presswerk zurück und das Design war anders als geplant, seitdem ist Orange, Grau, Schwarz und Weiß das Labeldesign. Mit der Zeit kam genug Geld für die erste Vinyl-Pressung zusammen, deren Auflage sich auf 100 Stück belief. Später stieß dann Marcel als A&R dazu. “Marcel Knopf ist ja unser erster Fremdact gewesen. Naja, ‘Fremdact’ ist vielleicht etwas übertrieben, er kommt wie wir aus Thüringen. Du sitzt in Nordthüringen fest, das ist noch mal was anderes als Jena, da braucht man eine Stunde zur nächsten Autobahn. Marcel hatte in Nordhausen einen Plattenladen. Wir haben uns irgendwann auf einer Party getroffen, auf der wir einen CD-Stand gegenüber seinem Platten-Stand hatten. Über ihn kam dann auch der Kontakt zu unserem ersten Vertrieb. FBM.” Jetzt sind sie bei Word and Sound und glücklich damit. Mittlerweile besteht die Crew auch noch aus Jörg Kleinschmaker, der als Audiomatik zusammen mit Marcel Mo’s Ferry DJ ist. Dapayk kauft keine Platten, die Remixer stellt ihm Marcel vor. Er hat auch nie aufgelegt und spielt sich die Tracks lieber als MP3 auf den Rechner. Dapayk sucht an neuen Tracks immer das, was er noch nicht gehört hat. “Ich möchte immer etwas machen, von dem ich nicht weiß, wer das gemacht hat. Du hörst ja nach einer Zeit immer in Spuren. Das ist mir zu simpel. Ich möchte eher etwas, bei dem ich nicht weiß, wie ich es erreichen könnte. Marcel sieht das als DJ eher als Track, und da versuchen wir einen Kompromiss zu finden. Wir sind aus Thüringen ja weggegangen, weil dort jeder seine eingefahren Schiene hatte. Da gab es nur Discohouse oder ganz hartes Schrabbelzeug. Du bist mit dem, was Marcel im Plattenladen hatte, oder mit dem, was wir so gemacht haben, gnadenlos gestrandet. Alles, was links und rechts von dem Dogma liegt, war entweder zu housy, also zu luschi, oder zu hart, Idiotentechno. So ein ähnliches Dogma erleben wir auch hier in Berlin. Entweder ist es zu minimal oder nicht minimal genug. Grade das hört man sehr viel. Oder ‘es ist mir zu schrammelig’, das ‘rockt ja zu sehr’ oder ‘es ist nicht mehr Underground’. Das ist eh ein extrem fieser Begriff.” Dapayk und Marcel müssen erstmal, denn sie sind seit noch nicht mal einem halben Jahr Berliner, lernen, was man hier tun darf und wo, in welche Clubs man geht und warum, und natürlich wann. Im Dreiländereck zwischen Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain sitzen sie da eigentlich sehr gut. Mit dem Umzug ging auch der langsame Übergang im Equipment weiter. “Schon seit einem Jahr benutze ich eigentlich immer mehr nur Software, Logic und PlugIns. Die Synthies, die ich noch hatte, stehen alle in der Ecke rum. Das ist ein leiser Übergang weg von den Pseudoanaloggeräten. Analog ist ja heutzutage schon alles, was nicht im Computer stattfindet. Den ‘Virus’ nutze ich aber immer noch, immer wieder. Genau wie die ‘Novation’ und den ‘Waldorf Attack’. Aber wenn man nur wenig Zeit hat: Plugin auf, gebastelt und mal sehen, was rauskommt.” Heraus kommen eigentlich immer Hits, die etwas wagen, Experimente, die kicken, eine Soundästhetik, die sperrig und solide zu gleich ist. Und für alle, die so sind wie Dapayk selber, gibt es nicht nur ein Dapayk-Release auf Textone, sondern zu jedem der neuen Releases Bonustracks im Netz und monatliche DJ- und Livesets auf der Webseite. “Ich habe mich am Anfang gegen Webreleases an sich gewehrt. Ich hab den Sinn nicht gesehen. Ich war skeptisch, aber als ich gesehen habe, welche Meinungen von Leuten kamen, die ich sonst nie erreichen könnte … Ich dachte, das wären alles nur Freaks, die sich das runterladen und auf den iPod ziehen oder brennen und nie wieder anhören. Aber die Webreleases haben uns unheimlich viel gebracht und die Leute haben es echt gecheckt. Obwohl es keine materielle Form in dem Sinn hat, sammeln die Leute das und laden sich auch das Cover runter. Logisch, die Bonustracks sind auch Werbung für unsere Webseite, damit die Leute auch mehr Info über unser Label bekommen, aber es gibt auch viele, die sich die Platten nicht kaufen werden, die man damit neugierig machen kann. Es sind ja auch immer noch Tracks, die entweder krasser oder softer sind.” Und genau diese Vielfalt, die Mo’s Ferry vielleicht demnächst auch noch zu einem Sublabel bewegen wird, zeichnet auch das Label selbst immer mehr aus.

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Elektronische Lebensaspekte.