Metrosexuelle Nerds sind nicht das einzige hippe Kuriosum auf dem Londoner Label Moshi Moshi. Neben Hot Chip geben sie der alten Wimp-Tradition neuen Glamour und haben auch bei "Newrave" ein Wörtchen mitzureden. Sie für übertrendy zu halten, stößt die Labelmacher aber in tiefe Depression.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 108

Übertrendy Antimacho-NRG
Moshi Moshi

Es hat nicht lange in Deutschland gedauert, bis man begriffen hat, dass jeder Hype aus England die pure aufgeblasene Substanzlosigkeit in Tüten ist. Grebo, Jungle, New Romantic, Madchester, New Deal, Neonwesten-Trance, UK-Garage, Darkstep, alles im Schnellwaschgang durchgenudelt – außer Elton John. Das Misstrauen ist groß, größer als der anfängliche Mitmachimpuls. Gerhard Schröder wollte beim New Deal einsteigen, jetzt hält er sein gewachstes Gesicht für seine Memoiren in der Bild-Zeitung in die Fernsehwerbung. In Deutschland gibt es die Hamburger Schule (angefangen bei den Beatles im Star Club) und Minimal, das hat Kontinuität, toi toi toi.

Fast ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass der UK-Funke auf den wertekonservativsten Popconnaisseur-Teil des Kontinents bei einem Label überspringt, das mit dem garantiert kurzfristigsten Medien-Getröte der Insel in Zusammenhang gebracht wird. Moshi Moshi haben doch glatt einen Bezug zu “Newrave“, dem Trend, den iD und NME gestrickt haben, nachdem sie Bands in Dayglo-Gewändern trafen, deren Bassisten einen Disco-Lauf spielen konnten (und kaum über 16 waren, zumindest so aussahen). Überall auf der Welt nannte man das seit Jahren “Electroclash“, aber weil es plötzlich nicht mehr in Kajal’igem Schwarzweiß, sondern Summer-of-Love-bunt auftrat, war die Bahn frei für ein neues Labeling.

Doch das betrifft nur den jugendlich zackigen Part des Künstler-Programms von Moshi Moshi, etwa Lo-Fi FNK und Metronomy. Im Kern steht etwas anderes: Moshi Moshi vereint jangelnden DiY-Pop, der absolut keinen Bock darauf hat, sich irgendwie an irgendwelche Eier greifen zu sollen. Damit knüpfen sie an die muntere Tradition der Wimps an, die ab 1986 auf sonnige Weise punkigen Schrammel-Dilettantismus mit dem Traum verbanden, bessere Melodien als die Beatles zu schreiben und jubilierender als The Mamas & The Papas zu singen. Wie jetzt bei “Newrave“ stand auch damals der NME zur Stelle und kanalisierte die Szene mit ihrer Kassettenbeilage “C86“, die später als Vinyl zweitveröffentlicht wurde. Der Sound dieser Prä-Rave-Phase ging nahtlos in den UK-Rave über, als Andrew Weatherall Primal Scream, eines der Wimp-Aushängeschilder, remixte. Wenn jetzt die Rave-Sozialisierten wieder Gitarren entdecken, aber die androgyne Sexualität und bunte Kindsköpfigkeit der E-Experience nicht auf dem Altar des Rock opfern wollen, schließt sich mit Newrave ein Kreis.

Auf der “Newrave“-abgewandten Seite steht bei Moshi Moshi die Band – die eine Band -, die dem Phantom vom stylischen Nerd ein Gesicht gibt: Hot Chip. Falsett plus Experiment. Metrosexuelle Nerds. Genau das ist es! Gestylte Softies ohne offensichtliche sexuelle Präferenzen mit unschlagbaren Melodien wie aus einem Bobby-Orlando-Traum (der Hi-NRG-Pionier, der stockschwulenfeindlich war), aber absolut avantgardistischen Sounds, hochkantig ausgetüfteltem Synthie-Pop mit hinterhältigem Twist. Wie die Pet Shop Boys in ihren privatesten Momenten – nur viel besser gekleidet. So gut gekleidet wie Safety Scissors – nur mit viel besseren Melodien und viel besserem Gesang. Kein Wunder, dass Stephen Bass von Moshi Moshi als absolute Lieblingsband aller Zeiten – die ausgebreitet vor ihm liegen, dem manischen Musikforscher mit Überblick – Hot Chip ausruft. Da kennt er keine Relativierung, keine Reflektion, keinen Abstand. Aber sonst ist er auf analytischem Zack, wie sich im Interview zeigt.

Ihr seid das hippe Label, spätestens seit Kitsuné Hot Chip lizenziert haben …

Stephen Bass: Pop kann man nicht erzwingen, Trendyness kann man nicht erzwingen. Ich liebe Bands, die rein aus Zufall bei Pop landen, wie Hot Chip oder auch Architecture in Helsinki, kreative Bands. Bei Hot Chip siehst du schon an ihren Klamotten, dass sie kreativ sind. Sie haben einen ausgesprochenen Sinn für Pop, aber auch für Melancholie, was ich sehr wichtig finde. Es ist ein trauriges Missverständnis, dass Moshi Moshi ein über-hippes Label sein soll. Michael McClatchey und ich suchen nur nach Musik, die etwas neben der Spur liegt. In London ist das automatisch über-hip, weil die hippen Leute genau nach Neuem neben der Spur verlangen. Als wir 98 anfingen, brachten wir Sachen wie Matt Harding oder Sukpatch auf Singles heraus. Dann hörte ich Bloc Party im Radio, vor zwei oder drei Jahren. Sie hatten einen Manager, der von unserer Idee begeistert war, eine Single mit ihnen zu veröffentlichen.

Ein Techno-Label bringt Techno heraus, ein Drum-and-Bass-Label Drum and Bass. Aber wie würdet ihr die Politik solch eines Gemischtwarenladens wie Moshi Moshi beschreiben?

Stephen Bass: Ich liebe ein Konzept wie das von Kompakt. Du weißt, was du kaufst, sobald du das Label liest. Aber das ist nicht unsere Philosophie. In jedem Genre gibt es gute Musik. Heavy Metal kann die gleiche Wirkung haben wie House, die gleiche physische Attraktion. Ich bin mit den “Heavenly Sunday Social“-Nächten groß geworden, auf denen die Chemical Brothers auflegten. Oasis, Manic Street Preachers, aber auch House. Michael hat viel vom Creation-Label gehört. Beide waren wir begeistert von den Sachen auf Chemical Underground, Mogwai und Arab Strap. Ich glaube, was unsere Bands vom dancepunkigen bis zum Chanson-Ende eint, von Hot Club de Paris bis Au Revoir Simone, ist das Anti-Macho-Moment, Moshi Moshi ist sehr wenig macho … Und wir sind an Gitarrenbands interessiert, die zum Tanz aufspielen.

Nach dem ganzen rockigen The-Band-Hype scheint das Tanz-Moment in London ja eh gerade wieder enorm wichtig zu werden. “Newrave“ …

Stephen Bass: Newrave ist eine Erfindung vom New Musical Express. Partygänger schwingen Glosticks und ziehen sich wie Raver anno ’88 an. Aber: Es passiert, definitiv. Auch jenseits des Medienhypes. Allerdings finde ich es sehr befremdlich, wenn man sich zum Ausgehen in Rave-Kostüme schmeißt. Das sieht so verkleidet aus wie Leute in umgekrempelten Jeans und Tolle bei Rock’n’Roll-Nächten. Karneval.
Musikalisch fühlen wir uns eher Labeln wie Domino, Wichita oder Memphis Industries verwandt.

Das sind doch alles Vollbart-Label. Ich dachte, das ist out in London?

Stephen Bass: (Auf Deutsch) Ja, diesen Tag man muss einen Schnurrbart haben. – Frightening enough. Ich trage weiterhin meinen Vollbart. Don’t be afraid of the beard.

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Elektronische Lebensaspekte.