Die erste elektronische Boygroup
Text: Michael Döringer aus De:Bug 164


(v.l.n.r.: Tim Exile, DJ Shiftee, Jamie Lidell, Jeremy Ellis, Mr. Jimmy)

Die Berliner Soft- und Hardwarebauer von Native Instruments haben ein aufwändiges Projekt gestartet: Mostly Robot, die “electronic boy band from the future“, bestehend aus Jamie Lidell, Tim Exile, DJ Shiftee, Jeremy Ellis und Mr. Jimmy. Dabei geht es nicht um Platten, sondern ein einmaliges Livekonzept in Zusammenarbeit mit den Visual-Experten der Pfadfinderei. Wir haben die Robot-Crew bei den Vorbereitungen für ihre erste Show überhaupt auf dem Sonar-Festival in Barcelona besucht.

Ein Dienstag Mitte Juni in Sitges, einem kleinen Urlaubsort am Meer, rund 35 Kilometer entfernt von Barcelona. Hier verbringen fünf Männer seit ein paar Tagen schweißtrei bende Nächte im Keller einer angemieteten Ferienvilla. Es ist sozusagen das finale Trainingslager von Native Instruments’ Bandprojekt Mostly Robot. Vor der Terrasse des Urlauberdomizils liegen ein kleiner Pool und knallgrüner Kunstrasen – bodenständig sieht es hier aus. Ein paar der Herrschaften sind schon wach, als ich um 13 Uhr eintreffe, und lümmeln in Badehosen in der kleinen Couchlandschaft des Wohnzimmers, nach und nach kommt der Rest der Truppe aus den Schlafgemächern im ersten Stock nach unten und blinzelt in die spanische Sonne – es sei wieder eine lange Probenacht gewesen, erzählen die Betreuer von Native Instruments, die das Projekt organisieren, während sie mich nach einer kleinen Begrüßungsrunde durch das Haus führen. Man habe lange nach dem perfekten Haus gesucht, denn man brauchte einen Raum, in dem nicht nur eine Band möglichst abgedichtet Lärm machen, sondern zugleich eine Videoshow getestet werden kann. Wir betreten einen dunklen, stickigen Bereich im Keller, und erblicken eine Ebene weiter unten: natürlich, einen Squashraum! Der gesamte Court ist mit Kabeln, Kartons und Kleinelektronik zugepflastert, vor der hohen weißen Wand, an die sonst kleine Gummibälle gepfeffert werden, stehen Tische, Keyboard Stands und aufgebockte Flightcases in einer Reihe, beladen mit bunt leuchtendem Equipment und einem Rechner an jeder Position. An der Wand darüber flimmert noch die Standby-Anzeige einer ausladenden Beamer-Projektion. Hier zocken die Band und zwei Visual-Artists seit einigen Tagen rum und versuchen, ihre Songs, ihre Instrumente und sich selbst für ihre erste Show ever auf dem Sonar aufeinander abzustimmen: noch 48 Stunden bis zum Auftritt.

Das sonische Extra
Mostly Robot ist eine Band in fast klassischer Besetzung: Jeremy Ellis, begnadeter und weltschnellster MPC/ Maschine-Spieler (vergesst Araabmuzik!) als Drummer und Percussionist, DJ Shiftee, der zweimalige DMC-Champ mit Mathe-Abschluss in Harvard, liefert Turntable-Action und Sample-Einspieler. Jamie Lidell ist natürlich Sänger und mimt den Frontmann; in seiner eigenen Band spielt auch Mr. Jimmy, der bei Mostly Robot über eine Handvoll MIDI-Keyboards wirbelt und für Bass und Harmonien zuständig ist. Das sonische Extra ist Tim Exile, der Sound- Tüftler mit selbstgebautem Instrumentenapparat, der in Reaktor mündet. Er kann während der Songs die anderen in Echtzeit sampeln und beliebig zu etwas Neuem verwursten, der Band dadurch also eine zusätzliche abstrakte Sound-Ebene verleihen. Konsequenterweise nennt er sich den “Reaktorist” der Gruppe.
Die Zusammensetzung dieser Corporate Supergroup ist also nicht willkürlich, die meisten kennt man schon aus den Werbevideos der Firma, deren Controller und Tools sie seit Langem nutzen. Jeder fragt sich natürlich: Was soll das Ganze und was steckt dahinter? Vater der Idee ist Marcus Rossknecht, der bei NI eigentlich für die Vermarktung der Maschine zuständig ist. Auch er ist in Sitges dabei und beobachtet bei jeder Probe, wie sein Projekt gedeiht. Er erzählt: “2001 gab es bei dem Sonar schon mal ein Event, das hieß ‘Native Labs’. Mehrere Musiker (Mike Dred, Richard Devine und Jake Mandell, Anm. d. A.) haben da zusammen an Laptops gejamt. Es gab seitdem ständig die Idee, so etwas wieder zu machen. Letztes Jahr habe ich dann mit Jamie dieses Video für iMaschine produziert und überlegt: Wir müssen was machen, das auch live genau diesen Aspekt rüberbringt – es ging uns um Performance vor Publikum.
Tim Exile, DJ Shiftee und Jeremy Ellis hatten schon bei einer kurzen Jamsession von NI Anfang des Jahres erstaunlich gut miteinander funktioniert. Marcus meint: “Wir wollten ja Songs performen, nur Jammen führt zu nichts. Das haben wir in Nashville gemerkt.” Dort, zu Hause bei Jamie und Mr. Jimmy, haben sich vier der fünf Roboter nämlich etwa drei Wochen vor Spanien zum ersten Mal getroffen. “Wir haben versucht, die Kollaboration online zu starten und haben viele Ideen besprochen, doch bald gemerkt, dass wir zusammen in einem Raum sein müssen, um etwas voranzubringen“, erinnert sich Tim. Jamie ergänzt: “Schon lustig, dass wir im Technologie-Zeitalter leben, es am Ende aber doch auf die guten alten Proben hinausläuft. Man realisiert, dass das unendlich wirksamer ist, denn es geht bei einer Band um mehr als Daten, die man rumschickt. Wir haben in diesen vier Tagen in meinem Proberaum die Kernelemente der ganzen Show ausgearbeitet.” Und außerdem gebe es in Nashville diesen massiven “Songwriting Vibe”, behauptet der Vollblut-Amerikaner Mr. Jimmy.

Flowen muss man üben
Nun ist Dienstagnachmittag in der Villa und nach einem gemeinsamen Essen geht’s zum ersten Mal an diesem Tag in den Keller: Man will endlich das 50-minütige Showcase in einem Stück durchspielen, die Setlist steht soweit. Die Band tritt an ihre Geräte vor der Squashwand, Flo und Codec von der Pfadfinderei postieren sich im Court davor hinter ihren Projektoren und Controllern – willkommen im technologischen Waffenlager der MacBook-Hölle, Elektrosmog galore! Eine schöne Kombination aus eigenen, neuen Songs, Coverversionen und Solo-Zwischenspielen hat man sich ausgedacht und bei dieser ersten Kostprobe versteht man sofort, worum es hier geht. Es wird sehr viel geredet während den Stücken, Pausen und Neustarts sind nötig und von der letzten Feinabstimmung ist man noch ein Stück entfernt. Wie ungewöhnlich es erstmal klingt, wenn ein elektronischer Sound nicht ganz im Takt ist, die Geschwindigkeiten irgendwo nicht stimmen – ja, hier spielt wirklich eine echte Band, jeder einzeln für sich und dabei alle zusammen, (fast) unverkabelt und ohne Click. Dass Mostly Robot eine “elektronische” Band ist, kann irreführend sein und heißt natürlich, dass die Musik auf Computer- und Software-Basis entsteht, aber weit entfernt vom üblichen elektronischen Live-Act ist. Dass die einzelnen Töne, Spuren und Samples, die die Fünf in ihre Maschinen spielen, am Ende zusammenpassen und gut klingen, erledigt kein Rechner, kein Auto-Sync, sondern Timing und Kommunikation der Musiker – das menschliche Element ist klein, aber entscheidend. Eine der schönsten Stellen ist der selbstgeschriebene Slowjam “She needs me”, bei dem Jamie Lidell wie so oft seine ganze Crooner- Klasse beweist, und der mit zartem Schnipsen ausfadet, um in ein Cover von “Windowlicker” überzugehen, das Tim Exile wiederum stilgerecht mit FX-Attacken beendet.
Ich dachte schon, es würde einfach ein großer Jam werden,” sagt Shiftee später. “Aber es war wirklich fruchtbarer, sich an Songs zu halten und die Parts aufzuteilen. Am Anfang hatten wir eine Drum Machine, weil Jeremy in Nashville nicht dabei war – als wir diese Loops durch ‘menschliche’ Drums ersetzten, war es schon schwierig, das ganze gut flowen zu lassen.” Ein entscheidender Moment, meint Jamie: “Da hat die Band ihre Identität gefunden! Wenn wir einen Song starten, müssen wir alle wirklich die 1 fühlen. Das ist eigentlich simpel und gewöhnlich für Bands, aber mit einer Drum Machine denkt man da nicht dran. Das unterscheidet uns von anderen elektronischen Bands.” Was denn der schwierigste Teil der ganzen Proben gewesen sei, frage ich ihn weiter: “Wir verwenden viel leistungsfähige Technologie, an der man aber auch leicht scheitern kann. Wir hatten also viel mit technischen Problemen zu tun, als wir unsere Ideen in die Praxis umsetzen wollten.” “Aber wir hatten immer sehr gute Programmierer um uns herum,” ergänzt Mr. Jimmy. “Jeder von uns hat während der Proben etwas gelernt, was der Computer leisten kann.
Das andere Hauptelement der Show sollen die Visuals der Pfadfinderei werden. Der Tisch von Flo und Codec ist gewissermaßen die Schaltzentrale der Operation, hier läuft jedes MIDI-Signal von jedem einzelnen Bandmitglied über Ethernet ein. Man versucht sich an einem ganz neuen Ansatz, der direkten Verzahnung bzw. Steuerung der Visuals durch den Sound. Zuvor am Pool sagt mir Flo, der die ganze letzte Nacht durchgeackert hat, noch sinngemäß: “Die Hausaufgaben sind gemacht, jetzt kann man kreativ werden! Außerdem ist das technisch alles gar nicht so schwer, es ist eher Fleißarbeit.” Ich kann nur staunen über die bunte Grafik-Alchemie, die da über die weiße Wand läuft. Codec erklärt die Arbeit: “Unsere Vision war, die Vielfalt von dem, was auf der Bühne passiert, irgendwie auf die Leinwand zu bringen, ohne einfach nur die Geräte abzufilmen, denn wir wollten was Subtiles. Also haben wir mit ganz einfachen Formen gearbeitet, die an die NI Interfaces angelehnt sind. Hier in Sitges haben wir das dann mit der Musik verknüpft.
Nach der Session versammeln die Jungs sich um den Esstisch: Teamsitzung! Eigentlich kann ich Mucker nicht ausstehen, aber die folgende Fachsimpelei ist grundsympathisch. Jetzt geht es an die Feinheiten – wer muss wann lauter sein, wo kommt zuviel Feedback, und so weiter. “Eye contact, that‘s what‘s gonna keep shit together,” posaunt Mr. Jimmy – er ist nicht nur Pausenclown und Motivator, sondern der musikalische Koordinator und Zeichengeber der Band. Auch Teil der Crew: Lindsey, Jamies Freundin und Fotografin, die während der Besprechung mit ihrer Lomo- Spinner-Kamera am Boden rumturnt.
An diesem Tag wird es noch viele Durchläufe geben, und alles wird immer tighter. Muss es auch, denn am nächsten Morgen wird alles abgebaut und nach Barcelona umgezogen. Mittwoch Soundcheck, Donnerstagabend die Show. Die wird erwartungsgemäß ein voller Erfolg, das Publikum wird mit Coverversionen abgeholt, feiert die ungehörten Songs und wird von Jeremys und Shiftees Solo-Skills an Maschinen und Turntables geplättet. Ein Wermutstropfen ist jedoch, dass die perfekte Umsetzung der Visuals an der Technik scheitert – viele der auf dem Squashcourt ausgedachten Sahnestückchen blieben den Sonar-Besuchern vorenthalten. Falls sie überhaupt die Augen von der Band bekommen haben.
Am Nachmittag vor dem Gig treffen wir uns alle noch mal auf ein ausgiebiges Gespräch auf der Dachterrasse ihres Hotels im strahlenden Sonnenschein über Barcelona. Alle sind tatsächlich immer noch so gut gelaunt wie in der Villa und Mr. Jimmy wird sentimental: “Es fühlt sich wie im Band Camp an der Highschool an – man hat einen Haufen Freunde gewonnen, das hat am meisten Spaß gemacht. Es gibt echt viele Egos im Musikgeschäft und es war einfach großartig, mit den Nettesten und Talentiertesten von allen zusammen zu sein und in dieser Villa abzuhängen.” Zeit, um noch mal ernst zu werden. Dass bei dem ganzen Projekt viel Marketing mitgedacht ist, geschenkt. Aber was heißt es, eine Firmenband, eine Werksmannschaft zu sein? Shiftee stellt gleich klar, dass sich hier niemand verrenken muss: “Unser Set-Up ist fast dasselbe wie immer – NI haben nicht gesagt: Nehmt das ganze Zeug und macht eine Band daraus. Das hat uns ja schon lange vorher verbunden. Aber klar, vielleicht ist es ein Hindernis und die Leute denken: Oh, das ist nicht so cool, eine Firma lässt Leute was machen. Ich hoffe sehr, dass sich das ändert, wenn die Leute unsere Show sehen. Das Ergebnis rechtfertigt die Mittel: Wir sind eine Band mit einer klanglichen Identität geworden und es macht unglaublich Spaß.” Was solche Vorwürfe angeht, ist Jamie ganz abgebrüht: “Egal was du machst, die Hater kommen. Schau auf YouTube: Du ackerst dir den Arsch ab für ein Video, und was kommt? Sell out bitches!” Das liegt vielleicht daran, dass es bei guter Kunst auch immer um Ideologie geht, für oder gegen, mindestens aber um eine irgendwie korrekte Einstellung. Andererseits: NI ist soweit man weiß kein politisch fragwürdiger Großkonzern, noch haben sich die passionierten Mucker von Mostly Robot besonders strengen subkulturellen Idealen verschrieben. Mr. Jimmy nimmt es natürlich mit Humor: “We‘re the best looking lab rats there ever have been! I love Texas Instruments!” Was nach dem Sonar-Gig kommt, ist bis auf ein paar weitere Auftritte unklar. Eine Platte aufnehmen? Die Songs hätten Potential, aber wenn, dann müssten sie alles komplett live einspielen, findet Jimmy. “Wir sind immerhin eine Band!” Jamie: “Dann sollten wir das aber auch in der Abbey Road aufnehmen.” Jimmy: “Yeah, und dann nur die Pre-Amps von dort benutzen!

Mostly Robot FB-Page
Mostly Robot @Native Instruments