Der New Yorker Designer fällt der Infantilisierung der Gesellschaft in den Rücken. Seine Character haben keine niedlichen Knopfaugen, sondern gefräßige Mäuler. Sein Sinn für Sadismus hat schon die schwedischen Popper The Knife überzeugt.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 108

Design

Sadistische Püppchen
Motomichi Nakamura

Motomichi Nakamura malt Traumtexturen: Muster, zusammengesetzt aus Monstern, mit denen der Japaner ausgerechnet die rosa Plastikoberfläche von Spielzeugpuppen überzieht. Seine “Dream Texture Series“ sollen die Bilder nachempfinden, die beim Aufwachen vor den Augen schwimmen. Deren Schemenhaftigkeit stellt nicht klar, ob sie noch zum Traum gehören oder nicht. “Wir versuchen immer, in allem einen Sinn zu erkennen. Das wollen die Muster nicht“, erklärt Motomichi auf der Pictoplasma Konferenz in Berlin.

Seine “Dream Texture Series“ sind diese kleinen Monster mit fletschenden Zähnen und einem fast unangenehm deftig roten Zahnfleisch. Augen haben sie nicht, nur diesen Vielfraßmund. Die Einzeller oder kleinen Tiefseekreaturen schauen mit ihren vielen Füßchen eigentlich ganz niedlich aus – wäre da nicht ein ekliger Nachgeschmack, der ihnen schleimig anhaftet. Motomichi ist nämlich Fan der Kryptozoologie und beschäftigt sich vornehmlich mit bizarren Kreaturen wie Loch Ness oder dem Yeti. Von denen hat man bekanntlich wenn überhaupt ein verschwommenes Pseudo-Foto und einen ganzen Komplex an Mythen, die die Gestalt erst durch seine Beschreibungen definieren. “Über die Jahrhunderte wird die Kreatur fast wie eine Ikone. Für mich ist das eine andere Art, Zivilisation zu beschreiben“, sagt Motomichi und zieht die Parallele zum Character Design: “Wenn wir auf etwas Unbekanntes treffen, kann das ziemlich Angst einflößend sein; ein dunkles Zimmer oder einen schwarzen Himmel zum Beispiel. Ich versuche, damit umzugehen, indem ich diese Angst mit einem Character beschreibe.“
Sonst animiert der Japaner Flash-Visuals mit AfterEffects für Handy-Werbespots oder zeigt seine Bilder als VJ im Club. Seine “Dream Textures“ schreibt er aber buchstäblich mit dem Marker auf Puppen. Kleine Puppen, die man in Brooklyn in jedem Gemischtwarenladen kaufen kann. Da wohnt der Japaner heute, davor lebte er in Ecuador. Ab nächsten Januar bemalt er eine eigene Edition auf die Figürchen der Hong Konger Figurenwerkstatt Honey B. Dafür rückt er ihnen erst mit Sandpapier auf den Leib, dann sprüht er die behäbig breiten Köpfe und die rundlichen Körper von Honey B an. Schließlich geht er mit dem Edding für die schwarz-rot-weißen Texturen ran: “Die Puppe träumt, dabei wird sie in ihr eigenes Traummuster eingewickelt. Das soll eine Vorstellung vermitteln, wie sich ihr Traum anfühlt“, sagt Motomichi. Angenehm jedenfalls nicht in ihrer eindeutigen Farbigkeit: “Rot regt physisch an, das geht über Muskelspannung bis zu höherem Blutdruck. Als das jeweilige Ende des Farbspektrums sollen die drei Farben eindrücklich wie surreal wirken, weil es keine Zwischentöne gibt.“ Mit dem Aspekt lässt sich wunderbar spielen. Für The Knife fertigte er eine garstige Flash-Animation, die wehtun möchte. Die Band wollte einen ungemütlich sadistischen Clip für “We share our mother`s health“, um anschaulich zu vermitteln, wie die Probleme der Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Den Schmerz aber muss man gar nicht direkt zeigen, findet Motomichi. In der Andeutung der Folter liegt das wahre Grausen und das ist viel schlimmer. “Ich mag den sadistischen Aspekt bei Visuals und Motion Graphics“, sagt er nur.
An seine Bilder nähert er sich über Detail-Beobachtungen an. “Ich sehe die Zähne von einer Person und gestalte dann den Rest der Figur.“ Daher kommt also das demonstrativ rote Zahnfleisch im Video für The Knife. Beim Game “Need for Speed“ hat er sich gefragt, was mit den Spielfiguren passiert, nachdem sie gestorben und sozusagen im digitalen AfterLife gelandet sind. Für ein Game-Visual ließ er die Geister der Game-Figuren als schwarze Wabergestalten über die Rennstrecke schlurfen. Den Heimweg haben die nicht gefunden. Gebannt hat er die Angst vor dem Spieltod nicht, aber sie zumindest personifiziert.

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Elektronische Lebensaspekte.