Stuttgarter Boy Wonder Danilo Plessow impft seine Tracks mit Emotionalität und Dreck. Die Geschichte mit House und dem Feeling halt.
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 129


Die Divenschnipsel und die wohligen Flächen können bei vielen Trittbrettfahrern der House-Wiederkehr nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der aseptische Grundklang nur schwerlich mit den tradierten Grundfesten des Sounds vereinbaren lässt.

Aus der Flut solcher Missverständnisse ragen schon seit geraumer Zeit die Produktionen vom Stuttgarter Boy Wonder Danilo Plessow heraus, der genau jene notwendige Emotionalität und Dreck in seine Tracks impft. Die Geschichte mit House und dem Feeling halt.

”Ich habe schon sehr früh angefangen, Musik zu machen“, sagt der gerade mal 23-jährige Danilo, ”erst am Schlagzeug, dann mit billigen Software-Sequencern. So sind die ersten Releases auf Pulver entstanden. Durch Jazzschlagzeug, die Liebe zu HipHop und das Finden von Samples begann die Suche nach Jazzplatten. Ich bin in einer Kleinstadt mit nur einem Plattenladen aufgewachsen, aber da der Typ auf Death Metal spezialisiert war, konnte ich mit Schülergeld an einige Schätze kommen.

Unter meinen ersten fünf LPs waren John Coltranes ‘Love Supreme’, The Awakening auf Black Jazz Records und auch Moodymanns ‘Silent Introduction’, wobei mir Letztere erst mit 15, 16 Jahren, nach dem ersten Clubbesuch, so richtig als Meisterwerk bewusst wurde. Das war noch in den Anfangszeiten des Internets, d. h. man hatte noch nicht die Möglichkeit, in Sekunden an jedes Release zu kommen, war auch gut so.

Ich hatte nur meinen kleinen Mikrokosmos aus wenigen Platten, die ich immer wieder hörte, und ich hatte Glück, die richtigen für mich zu erwischen.“ Die Spuren, die jene fokussierte Musiksozialisation hinterlassen hat, sind immer noch gut rauszuhören. Jazz, Disco und der tiefe Mumpf von House der Prägung Detroit schlieren sich durch die Tracks von Plessows zahlreichen Projekten als Musiker und Labelbetreiber von Four Roses Recordings (mit Icasol und Mujaba) und MCDE und vermengen sich mit einem sicheren Verständnis, diese Einflüsse für den Club kompakt und effektiv zu bündeln.

Die Alte Schule, die dafür Pate steht, ist als Idee drin, nicht als Verpflichtung. “Ich kann in der Musik aus Detroit ähnliches finden wie bei Jazz und Soul. Eine Sehnsucht, eine Zeitlosigkeit, ein Aufbegehren gegen Standards und Konventionen. Zu viele Releases heutzutage klingen so glatt, ohne Seele und ohne Fehler. Ich sehne mich nach Musik, die ganz platt gesagt ‘Eier hat’. Old School ist für mich kein Prinzip, aber wenn der Aufguss von schlechtem 80er-Sound New School ist, dann bin ich gerne Old School.“

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Mit Motor City Drum Ensemble muss er seine Broken-Beat-Vergangenheit als Inverse Cinematics nicht verleugnen. “Gerade letzte Woche hat mir ein Kollege ein Youtube-Video geschickt, in dem Villalobos meine erste EP spielt. Das war ganz klar House, ging nur leider unter, weil es auf einem Nu-Jazz-Label erschien. Inverse Cinematics hatte immer einen Bezug zu House und Detroit, aber ich gebe gerne zu, dass Broken Beat auch für mich ein Thema war.“

Die Tendenz, die deutsche Landkarte, wie unlängst in Mannheim, Hamburg oder Leipzig geschehen, in House-Metropolen einzuteilen, macht für Plessow keinen Sinn, obwohl Stuttgart natürlich schon explizit im Raum steht. “Man kennt und schätzt sich, aber es ist jetzt kein großes Kollektiv, das zusammenarbeitet. Der Name ’Motor City’ ist in Stuttgart schon lange etabliert – mittlerweile gibt es sogar Porsche-Cayenne-Krankenwagen – man ist einfach damit konfrontiert und natürlich ist der namentliche Link zur amerikanischen Autokonkurrenz auch ein Augenzwinkern.“

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Elektronische Lebensaspekte.

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