Ihr neues Album schürft Deep-House
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 116


Schönheit, Eleganz, guter Geschmack, Genuss und eine besondere Vision von Liebe machen die Musik von Motorcitysoul aus. So erfahrene Musikprofis die beiden sind, verlieren sich Christian Rindermann und Matthias Vogt nie in einem eitlen, selbst verliebten Musikertum. Ihre Arbeit ist weder von einem Distinktionsgestus bestimmt, noch zielt sie auf Hits. Die beiden lassen in ihrer beharrlichen Auseinandersetzung mit den Texturen der verschiedenen House-Stile und der benachbarten Musiken nicht locker. Als DJ, Produzent, Labelmacher und Host ist C/Rock einer der wichtigsten Figuren im hiesigen Housegeschehen. Früh hat er zwei einflussreiche Alben an der Schnittstelle zwischen House, Dub und Minimal veröffentlicht und ist für die Labels Stir15, Lofi Stereo und Release Music verantwortlich.

Schnittpunkt Frankfurt

Auch Matthias ist seit mehr als zehn Jahren ein passionierter und renommierter House-DJ. Der studierte Jazz-Pianist war als Komponist und Songwriter Teil verschiedener Popbands, veröffentlichte als DJ Matt bei Force Inc. Sein anderes Projekt neben Motorcitysoul heißt [re:jazz], das Clubtunes mit einem Jazzensemble interpretiert. Der weit verbreitete wechselseitige Dünkel zwischen Profimusikern und der Clubszene ist beiden natürlich fremd. Matthias: “Mein Idealfall sind Musiker, die nach dem Gig mit mir in den Club gehen.”

Für ein Frankfurter House-Verständnis war immer die Abgrenzung zum harten Detroit-Sound Berlins und zum Handbag-House aus Hamburg identitätsstiftend. Motorcitysoul sind aber alles andere als Gralshüter eines bestimmten Sounds. Christian: “Frankfurt funktionierte immer als Schnittpunkt, wo sich einiges vermischt hat. Wir sagen nie nein, wenn etwas passt.” Die beiden versuchen ihre Handschrift durch die Harmonien und die Klangcharakteristik in alle Produktionen einzuschreiben, die von Nu Jazz bis zu allen Arten von House reichen.

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Auf ihrem neuen Album “Back Up” erproben die beiden ein neues Format: Eigene Tracks ihrer verschiedenen Projekte kombinieren sie mit eigenen und fremden Remixen. Es geht darum, das ganze Spektrum aufzumachen: Zu den verschiedenen Song-Formen werden passende Beats entwickelt, gleichzeitig dokumentiert das Zusammentreffen den sozialen und musikalischen Kontext, in dem sie sich bewegen.

Live improvisieren Motorcitysoul mit einem Percussionisten auf Midiclock-Basis zu programmierten Beats. Während bei Konzerten, in denen elektronische Musik mit akustischen Instrumenten kombiniert werden, die Aufmerksamkeit weitgehend auf die Musiker mit ihren Instrumenten gerichtet ist, bewahrt bei Motorcitysoul der DJ bzw. Arrangeur die Kontrolle: “Unser Percussion-Spieler weiß auch, wann er nicht spielen soll. Wir wollen den Klangraum öffnen, ohne den Clubkontext zu missachten.”

Matthias und Christian kennen das Clubgeschehen schon seit fast zwanzig Jahren. Ihr Umgang mit dem Nachtleben ist ebenso von einer professionellen Abgeklärtheit wie von ihrer lebenslangen Hingabe gekennzeichnet. Christian: “Jeder will sehen, was er schon tausend Mal gesehen hat, das macht das Clubleben aus. Wir haben aber kein Verständnis für die Ignoranz, mit der das manchmal an einen herangetragen wird. Die meisten sind dankbar, wenn man sie aus ihrem Trott herausholt, solange man sie dahin auch wieder zurückbringt. Unser Spektrum reicht von Lounge bis Minimal, so wie wir die Musik präsentieren, können wir mit ihr einen extremen Hedonismus entfachen.”

Anschlag auf Erstarrung

Kaum jemandem gelingt es, sich im Housegeschehen gleichzeitig so spielerisch und offen und doch so spezifisch und zielsicher zu positionieren wie Motorcitysoul. Das Veröffentlichungsgeschehen im House-Genre ist vom beliebigen Aufrufen erstarrter Standards, vom postminimalen Geklacker und Gehoppel, vom introvertierten, humanistischen Pathos der Deephouser und vom Hochleistungssportlertum der Techhouser bestimmt.

Gegen jedes dieser Erstarrungsmomente bringen Christian und Matthias etwas in Anschlag: ein hochsensibles Feingefühl für die Ausarbeitung ihrer Stücke, die Neugierde gegenüber anderen Stilen, den spielerischen, variablen Gestus – und die unbeirrbare Sicherheit im Umgang mit den Strukturen der Housemusic.
http://www.motorcitysoul.com

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Elektronische Lebensaspekte.