Text: ingrid aus De:Bug 11

Mountain Madness oder wie Nerds den höchsten Berg der Welt entdeckten Ingrid Arnold arnold@dwelle.de Als ich acht Jahre alt war, bestieg Reinhold Messner als erster den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff. Das hat mich damals nicht sonderlich interessiert. Dieses Jahr bin ich dafür voll auf den Everest-Hype reingefallen. Und das kam so: Am 10. Mai 1996 kostete ein “Killersturm” auf dem Gipfel des Mount Everest acht Bergsteiger das Leben. Im März ’98 erschien, begleitet von großen Artikeln in Spiegel und GEO, die deutschsprachige Ausgabe von Jon Krakauers “Tatsachenroman” INTO THIN AIR (In eisige Höhen). Krakauer sollte 1996 für die Zeitschrift OUTSIDE über seine Erlebnisse mit einer rein kommerziell organisierten Expedition schreiben und geriet in die bis dato desaströseste Everest-Besteigung. Schon vorbereitet durch die online zelebrierte Begleitung des Aufstiegs (“Scott Fischer returns to Everest”: http://outside.starwave.com:80/peaks/fischer/slideshow.html), wurde dieser Artikel dann der Auslöser eines schön zu beobachtenden Dialogs von Profi-Bergsteigern und voyeuristischen Online-Alpinisten via Internet. Insgesamt 16 Teams waren im Mai ’96 zum Gipfel unterwegs, teilweise zu Forschungszwecken, großteils aber kommerziell, mit dem Ziel, “ums Verrecken” und für bis zu $ 65.000 pro Nase auch den unerfahrensten Kunden auf den Gipfel zu bringen. Krakauer nahm an der Expedition der neuseeländischen Adventure Consultants mit Rob Hall als Bergführer teil. Ein von Mountain Madness in Seattle organisiertes Team plante aufgrund der Freundschaft zwischen Leiter Scott Fischer und Hall einen gemeinsamen Aufstieg. Fischers bekannteste Kundin war die New Yorker Journalistin und Amateur-Bergsteigerin Sandy Pittman. Sie berichtete für NBC “live” im Internet vom Aufstieg (und ließ dafür 50 kg Ausrüstung von Sherpas bis zum höchsten Camp schleppen). Auf der Outside Online-Site wurde während der ganzen Tour das “Base Camp Bulletin” (mit Soundfiles) von Fischers Team eingespeist <http://outside.starwave.com:80/peaks/fischer/index.html>. Die beiden Teams begannen ihren Aufstieg zum Gipfel am 10. Mai 1996 zusammen mit einem taiwanesischen. Am Nachmittag erreichten fast alle Kunden, Bergführer und Sherpas, nach mehr als 12-stündigem Aufstieg vom höchstgelegenen Camp 4, den Gipfel. Beim Abstieg wurden sie dann von dem Blizzard überrascht. Viele konnten bei -40¡ C und einem Meter Sichtweite (oder so ähnlich) nur sehr langsam oder gar nicht mehr bis ins Camp absteigen. Nach diesem Sturm waren Hall, einer seiner Kunden, Halls Bergführer Andy Harris sowie Fischer und eine seiner Kundinnen (eine Managerin aus Tokyo und mit 47 die “älteste Frau auf dem Everest”) tot. Der taiwanesische Bergführer Makalu Gau und Halls Kunde Beck Weathers überlebten mit starken Erfrierungen. Weathers, ein Pathologe aus Dallas, wurde später dadurch “berühmt”, daß er gleich zweimal im Schneesturm liegengelassen wurde und sich dennoch ins Camp schleppen konnte. Nach seiner Rettung mußten ihm die rechte Hand, alle Finger der linken sowie seine Nase amputiert werden. Auf einer anderen Gipfelroute des Berges, aus China und nicht aus Nepal kommend, starben in derselben Nacht drei Mitglieder einer indischen Forschungs-Expedition. Die genauen Vorkommnisse während des Sturms waren aufgrund der Erschöpfung und der durch Sauerstoffmangel und Dehydrierung recht eingeschränkten geistigen Fähigkeiten der Überlebenden zunächst unklar. Gleich nach Ankunft der ersten Überlebenden im Basis-Camp wurden Interviews veröffentlicht, z.B. mit einem von Fischers Bergführern <http://outside.starwave.com/peaks/fischer/rpt0516.html>, dem IMAX-Regisseur David Breashears <http://www.pbs.org/wgbh/nova/everest/expedition96/week3/newsflash/interview.html> und seinem Team-Kollegen Ed Viesturs <http://outside.starwave.com/peaks/viesturs/rpt0514.html>. Das Forum war nun eröffnet für wichtige Fragen wie “How did climbers call from Everest?” <http://outside.starwave.com/outsidestore/gearguy/8-29-97/scot.html>, und man kann erfahren, mit welcher Satelliten-Ausrüstung der bereits eingeschneite und fast erfrorene Hall mit seiner hochschwangeren Frau den Namen ihres Kindes diskutierte; ein Soundfile des Telefonats bleibt uns überraschenderweise vorenthalten. Everest Interaktiv Es gab1996 diverse Plattformen für Diskussionen Nicht-Dabeigewesener, außer bei Outside Online auch auf der Site des “ersten südafrikanischen Teams auf dem Everest” <http://www.web.co.za/everest/text2.htm>, bei NBC (diese Site über den “Everest Assault ’96”, für die Sandy Pittman immer berichtet hat, gibt es leider nicht mehr, schade) und beim MIT <http://www.wi.mit.edu/deb/everest/home.html>. Diese “join the discussion”-Sites sind mittlerweile leider schon fast alle aufgeräumt, da hätte ich mal nicht mit zwei Jahren Verspätung drauf kommen sollen. Schön ist sie aber immer noch, die Vorstellung, daß sich “da draußen” Leute freiwillig in die Gefahr begeben, zu erfrieren, ersticken und an Gehirn- und Lungenödemen zu verrecken, während man daheim am Rechner sitzt und neugierige Fragen stellen kann und sich die Bilder und Berichte darüber reinzieht. Das geht dann doch über die Inhalte üblicher Online-Berichterstattungen hinaus. Extremsport ist klasse! Vielleicht begann das alles mit dem Discovery Channel Online, der die neue literarische Form der Live-Internet-Reportage (die so “live” meist auch nicht ist – die Daten werden erst zu einem Editor geschickt, der sie dann im richtigen Format – und mit entsprechender zeitlicher Verzögerung – auf den Server spielt) in absurde Dimensionen trieb: Da wurde z. B. ein Radfahrer mit Laptop bewaffnet einmal rund ums Tote Meer geschickt und mußte täglich im Internet verbreiten, wie’s so läuft <http://www.discovery.com/area/specials/deadsea/deadsea1.html> – ein vergleichsweise harmloses Abenteuer. Der erste “Everest-Internet-Zugang” wurde 1995 mit der Besteigung durch (den einbeinigen!) Tom Whittaker angeboten. Ja, richtig, “first disabled on the Everest” <http://www.mtnvisions.com/Everest/Epilogue.html>. 1996 konnten dann schon fast alle kommerziellen Everest-Teams online verfolgt werden. Everest-Simulation Der 98er Aufstieg ist wieder Anfang Mai; Websites, die das Ganze begleiten, sind das “Mountain Visions Virtual Base Camp” <http://www.vrsystems.com/everest/> (noch mit so richtiger Freude über die tolle Technik: “Thus, my updates travel from the Khumbu glacier under Mt. Everest … up to a satellite over the Indian Ocean, down to an ISP in … Australia, then via e-mail to Canada, then to you via the Internet wherever you happen to be. Amazing, isn’t it?”) und die von Mountain Zone <http://everest.mountainzone.com/98/>; Outside Online scheint für die Everest-Saison ’98 nichts geplant zu haben … Acer zeigt einem derweil schonmal, welche Geräte man braucht, um von dort oben seine Erlebnisse online verbreiten zu können <http://www.acer.com.mx/everest/evain.html>; einen täglich neuen Ausblick auf den Everest übermittelt bereits http://www.m.chiba-u.ac.jp/class/respir/eve_e.htm. Und Games gibt es natürlich auch, für alle, die den Wahnsinn schonmal üben wollen <http://cascoly.com/everest.htm>; Bergsteigen inspiriert die Entwicklung von Computerspielen genauso, wie es von Anfang an Simulationen von Sportarten wie Rennfahren, Flugsimulatoren etc. gab. Dünne Luft Nach Krakauers Buchvorlage wurde schnell ein TV-Film produziert (in den Alpen!). Und es gibt jetzt den IMAX-Film EVEREST (nur in speziellen IMAX-Kinos und deshalb in Deutschland bisher nur in München), der zur Zeit des Unglücks gedreht wurde. Regisseur Breashears, selbst ein Everest-Veteran, wollte in der 70mm-Produktion zunächst “nur” den Aufstieg seiner Protagonisten, u. a. der “ersten spanischen Frau” auf dem Everest und von Ed Viesturs zum Gipfel begleiten. Allein aufgrund ihrer Projektionsgröße sind die dabei entstandenen Aufnahmen schon beeindruckend. Das Filmteam unterbrach großherzig seine Dreharbeiten (trotz Millionenbudget, tjaja) und eilte zu Hilfe. Als “Dank” fand dann später z. B. die Hubschrauber-Evakuierung des halb erfrorenen Weathers Eingang in den Film. Wie nicht anders zu erwarten war, wurden in beiden Filmen sämtliche Ungereimtheiten, die in Krakauers Bericht noch so schön spekulativ verbreitetet wurden, ausgebügelt …: Hat nun Krakauer Harris gesehen auf seinem Rückweg zum Camp und wenn nicht, wer war dann dieser Mann im blauen Anorak? Und war Harris nun bei Hall oder war der ganz allein unterm Gipfel? Warum waren Fischer und Makalu Gau aneinander gebunden, als Sherpas sie fanden? Und wer war dieses zottelige weiße Wesen? Vielleicht lese ich jetzt auch mal ein Buch von Reinhold Messner. Zitate: Bergsteigen inspiriert die Entwicklung von Computerspielen genauso, wie es von Anfang an Simulationen von Sportarten wie Rennfahren, Flugsimulatoren etc. gab. Hat nun Krakauer Harris gesehen auf seinem Rückweg zum Camp und wenn nicht, wer war dann dieser Mann im blauen Anorak?

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Elektronische Lebensaspekte.