Gauner und Liebhaber machen es sich zwischen den Stühlen gemütlich
Text: Sebastian Hinz aus De:Bug 144

Als wäre es das normalste der Welt dekonstruieren Mount Kimbie den Dubstep und konstatieren: Genau hier, zwischen allen Stühlen, ist es am gemütlichsten. Es darf gejubelt werden.

Die 24-jährigen Briten Kai Campos und Dominic Maker haben mit nur zwei EPs im letzten Jahr die Quadratur eines Genre-Kreises aufs Tapet gezaubert, jetzt setzen sie der Mount-Kimbie-Saga mit ihrem Debütalbum “Crooks & Lovers” das güldene Krönchen auf. Das Genre, das hier von Mount Kimbie aus den Angeln gehoben wird, ist Dubstep. Bereits die vergangenen Monate wurde das einst stabile Stilgerüst heftig ins Wanken gebracht, immer differenzierter waren die einzelnen Veröffentlichungen, immer verschwommener die stilistischen Abgrenzungen, was auch zu einer Inflation neuer Bezeichnungen geführt hat.

Aktuell schlägt sich das in skurrilen Wortschöpfungen wie “Halfstep”, “Brostep”, ähemm, “Post-Dubstep” oder auch “Ambistep” nieder. Und in diesem Unterholz des Bassgestrüpps, wo die unterkühlte Atmosphäre einer auf Effekt und Technik fixierten Musik leichterhand in ihr Gegenteil verwandelt wird, machen es sich Mount Kimbie gemütlich, ohne dabei die dem Dubstep typischen Elemente zu vernachlässigen. Natürlich wird das Puristen übel aufstoßen. Denn wie bereits “Sketches On Glass” und “Maybes”, die zwei EPs aus dem vergangenen Jahr, hat “Crooks & Lovers” mit Dubstep nur noch an dessen ausgefranstem Rande Gemeinsamkeiten. Kai Campos und Dominic Maker ziehen ihre Kreise mit experimentierfreudiger Neugierde quer über die Ränder der verschiedensten Stile. Ihr Trick ist die neue Codierung von Bekanntem. Die Bassmusik von Mount Kimbie kennt eben auch Elemente aus Ambient, Post-Rock, Acid House, verweist auf die Sample-Kultur des HipHop oder verbindet Field Recordings mit D’Angelos “Voodoo”-R’n’B.

Inspiration erhalten sie von den Kompositionen so unterschiedlicher Künstler wie Nils Frahm, Actress oder Machinefabriek und auch die auf Gitarren basierenden, letzten Alben von Grouper und Micachu haben Eindruck hinterlassen. “Gerade diese beiden Alben werden sich in Zukunft als wichtig für unsere Musik erweisen”, prophezeit Kai Campos und erklärt ergänzend den Grund für die Vielfalt in der Musik von Mount Kimbie: “Die Musik, die ich mag, basiert auf verschiedenen Einflüssen und vermittelt ganz unterschiedliche Dinge. Ich denke jede wohlüberlegte Kunst sollte nicht nur auf einer vorrangigen Emotion beruhen. Manche Leute behaupten ja, unsere Songs seien vordergründig melancholisch, doch ich hoffe, dass man mehr heraushören kann. Kunst ist doch am besten, wenn es die Gegensätze unseres Lebens einfängt.” Gemeint ist also eine Musik, in der sich “Crooks & Lovers”, Gauner und Liebhaber, gleichermaßen geborgen und verstanden fühlen.

Bei diesem Reichtum an Verweisen und transportierten Gefühlen verwundert es dann auch nicht, dass die halbe Musikwelt (auch alles Gauner und Liebhaber) in den letzten Monaten ungeduldig auf das Debüt zweier Musiker wartet, die sich vor zwei Jahren nur flüchtig kannten und 2009 überhaupt erstmals Musik veröffentlichten. Diese von Nervosität und kindlicher Ungeduld getragene Situation erinnert ein wenig an die Veröffentlichung von “The Warning”, lange bevor Hot Chip der Volksmusik und Bierzeltschunkelei verfielen: “Die Vorschusslorbeeren für die beiden EPs waren ein großer Ansporn. Andererseits macht es die Sache nicht gerade einfacher, unseren Ideen unter diesen Umständen die Unbekümmertheit nicht zu nehmen. Es ist nicht so, dass wir uns darüber beschweren, es ist so nur eine ganz andere Herausforderung.”

Mount Kimbie, Crooks & Lovers, ist auf Hotflush/S.T. Holdings erschienen.

About The Author

4 Responses

  1. Johannes B.

    Wie gut, dass Dubstep total Scheisse ist… sonst hätte mich die News interessiert 😀

  2. Oliver

    Man gut das die geschmäcker verschieden sind!

  3. chris

    wie gut, dass mt kimbie keinen dubstep machen. und wem’s gefällt ´, sollte sich auch mal die neue downliners sekt anhören.