Der Remix gehört zur elektronischen Musik wie das Skalpell zu Tatjana Gsell. Immer nur alten Soundwein in neue Trackschläuche zu gießen, scheint manchen aber nicht mehr gut genug. In der Düsseldorfer Kunsthalle und im Gestalten Verlag soll "doku/fiction. Mouse on Mars reviewed & remixed“ den Remix-Begriff erweitern.
Text: Manuel Falkenberg aus De:Bug 82

Undeutlich, aber gut
Mouse on Mars loten (ihre) Grenzen aus

Remixen oder nicht remixen? Diese Frage stellt in der elektronischen Musik kaum jemand, zu selbstverständlich scheint die genreübliche Bearbeitung eines fertigen Stückes. Nicht so das Köln-Düsseldorfer Elektronik-Duo Mouse on Mars aka Andi Toma und Jan St. Werner: Seit jeher musikalische Grenzgänger, haben sie die herkömmliche Praxis des Remixes als veraltet identifiziert, einen neuen Ansatz in die (Kunst-)Welt geworfen und die Ergebnisse in Buch- bzw. Ausstellungsform gebracht.

Ruhe, bitte

Für “doku/fiction. Mouse on Mars reviewed & remixed” luden Toma und Werner über 40 Künstler, Musiker und Autoren ein – wie Heike Baranowsky, Armin Boehm und Katja Davar, Laetitia Sadier, F.X.Randomiz und Jo “Schlammpeitziger” Zimmermann, Siegfried Zielinski, Mark Sikora und Olaf Karnik. Die Hausaufgabe: Sich mit der Musik oder der “Idee” Mouse on Mars auseinander zu setzen und Remixe zu verfertigen – allerdings mit einer für Remixe völlig unüblichen Bedingung: nicht zu klingen. Kein Ton. Kein Track. Musik transformiert in stille Exponate, die alles mögliche andere (wie Super-8-Filmbuchstaben, Teer, Filzstiftzeichnungen, Photographien, Batteriekabel) in Montagen, Skulpturen und Installationen zusammenspielen lassen. Der Remix als künstlerische Antwort auf eine künstlerische Aussage, als Anschlusskommunikation oder als “Spiel auf verschiedenen Ebenen, als Überlagerung von Wahrnehmung”, wie Waseem Khan in seinem Beitrag zu “doku/fiction” ihn benennt. Ursprünglich als reines Buchprojekt geplant, folgte die Entscheidung auszustellen erst später – und darauf wiederum der Zirkel(be)schluss von Mouse on Mars, die neuen Eindrücke in Geräuschform zu bringen und dem Buch beizulegen: die CD zum Buch zur Ausstellung zur Band. Während der Aufbauphase drehten Toma und Werner dann noch eine jetzt im Eingangsbereich zu sehende Videodokumentation, in der sie die Ausstellenden ihre Remixe wortreich remixen lassen.

Was nicht passt

Jede Menge Referenz-Schleifen und semiotische Herausforderungen, die einen Besuch der Ausstellung mitunter zur Denksportaufgabe und die Auseinandersetzung mit dem Buch nahezu unerlässlich machen. Viele Beiträge, vor allem textlastige, werden nicht oder stark verändert ausgestellt, viel Ausgestelltes wird erst im Buch verständlich – wenn überhaupt. Manche Exponate nämlich wirken selbst nach Erklärungen oder Kontextualisierungen noch etwas zusammenhangslos, einige sind völlig unabhängig vom Projekt entstanden und erst nachträglich “passend gemacht” worden. Alles in allem aber ist das Ergebnis oft spannend und dürfte gerade durch die Leerstellen und Fragezeichen, die es hinterlässt, der “Idee” Mouse on Mars nahe kommen: das Spiel mit Erwartungshaltungen und deren Brechung, Komplexität und Verspieltheit, Work in Progress auf Freundschaftsbasis. Einer aus dem engeren Bekanntenkreis ist es dann auch, der “doku/fiction“ möglicherweise den Höhepunkt beschert: F.X.Randomiz stellt im Buch mit einer minimalst typografischen Arbeit die Frage “mom remix’n?“ und liefert auf der nächsten Seite eine quasi geniale Antwort: “omm“.

Leben in der Schwebe

Omm sweet mom: Ihre Musik klingt voll und steckt voller Überraschungen, ist experimentell und expressiv; sie produziert fortlaufend Irritationen, die ihr natürlich auch wieder Konsistenz verleihen. Mouse on Mars wollen verstören und verwirren, verstimmen und verlocken, entzücken und rocken. Dabei oszillieren sie zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie, wirken zuweilen auch schon mal etwas bemüht in ihrem Streben, Grenzen zu überschreiten und Konventionen zu verletzen – sollen sie doch, solange ihr Output auf allen Ebenen so wirksam wie letztlich auch charmant bleibt. Und überhaupt: Wer, außer manch manischem Musikheftchen, verlangt schon präzise Einordnungen? Möge den Mäusen ein langes Leben im Schwebezustand der “guten Undeutlichkeit” (Dietmar Dath in seinem wirklich nur ein ganz kleines bisschen verschwurbelten Buchbeitrag) beschert sein!

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Elektronische Lebensaspekte.