Interview zum Band-Projekt Südenfed
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 113


Deutsche Elektronik-Ideologen und ein nordenglischer Nöl-Stalinist, wie geht das zusammen? Jan und Andi von Mouse On Mars sind voll des Lobes über ihre Zusammenarbeit mit Mark E. Smith von The Fall.

De:Bug: Wie kam es zu dem Projekt?

Jan: Mark war mal bei einem Konzert von uns in London und es hat ihm gefallen, da es sehr krachig war. Dann hat er einen Remix von “Wipe That Sound” gemacht. Vor Jahren hat mir mal jemand gesagt, Mark E. Smith hätte einen Track von uns in eine TopTen gewählt. Da hatte er irgendwie dazu geschrieben, es klänge wie kaputte Spielzeugmusik von so irren Typen aus Deutschland.

De:Bug: Perfekte Bedingungen, sollte man meinen.

Jan: Am Anfang wussten wir noch gar nicht, dass wir eine Band machen wollten. Das hat sich erst später entwickelt. Im Prinzip haben wir uns ein Soundsystem vorgestellt, in dem die Musik im Hintergrund steht – dann gibt es diese Stimme und die erzählt Geschichten. Mark war aber nicht nur Sänger, sondern auch Produzent.

De:Bug: Wie war das konkret im Studio?

Jan: Wir haben wirklich eine Session gemacht. Das hört sich jetzt so hippiemäßig an. Es laufen Sequenzen, wir haben versucht einen Live-Sound zu erzeugen, unmittelbar und spontan. Erst später im Studio haben wir die Session seziert. Mark war sehr gut, weil er uns davor bewahrt hat, zu abstrakt zu werden. Der sagt: “Lass das mal, das ist schon ganz gut so! Da mach ich euch jetzt gleich noch mal einen.” Dann hat er gesungen und das Ergebnis war auch wirklich gut so. Danach sagt er: “Mittagspause. Wir müssen jetzt mal in den Pub und was essen.” Zu der Zeit war ich noch Vegetarier, er hat mir immer ganz viele Fleischstücke auf den Teller gelegt und gemahnt, ich soll nicht so viel Aspirin, sondern lieber Fleisch essen. Wir haben uns immer gewünscht, mal mit einem Produzenten zusammenzuarbeiten. Es war sehr erholsam.

De:Bug: Ich verstehe noch nicht so recht, wieso ihr immer darauf besteht, dass er der Produzent gewesen ist.

Jan: Mark weiß ganz genau, was er will. Gerade am Anfang fand er unseren Sound auch nicht wirklich gut. Aber irgendwann hat er akzeptiert, dass wir anders hören. Mark merkt ganz schnell, was ein starkes Element ist. Darauf konzentriert man sich. Das ist seine Art zu arbeiten. Andererseits auch das Krautrockige. Die Musiker müssen einen Sound finden. Auf dem reitet er dann rum. Ich hatte manchmal Angst, dass es ihm zu friedlich ist. Mark macht keinen Kleinscheiß, was super ist. Wir könnten nie mit noch so einem Frickel-Fuzzie zusammenarbeiten. Aufkommende Fragen wie: Vielleicht hier noch mal einen anderen Hallraum? Das ginge überhaupt nicht.

Andi: Das hat ihn wahnsinnig gemacht, wenn wir so lange rumgedreht haben. Irgendwann kam er dann ins Studio gerannt, laut schreiend: “Jetzt dreht das endlich ab! Jetzt! Sofort!” Wir haben das gar nicht verstanden. Jetzt langsam verstehe ich das erst.

Jan: Er ist schon sehr emotional, aber diese Ausbrüche sind gar nicht negativ, die sind vor allem sehr fürsorglich.

De:Bug: Wie ist er sonst denn so, der Mark?

Jan: Ich glaube, es kommt darauf an. Wenn er etwas will, ihn Sachen interessieren, dann ist er sehr präsent. Aber er ist halt auch Gewerkschaftler. Nicht Hartz-4-Ausbeuter wie wir, die immer so lange im Studio basteln wie möglich. Er ist mehr so: “Jetzt ist doch gut, hör doch mal hin.” Man antwortet: “Aber jetzt könnte man doch noch …” Er sagt dann: “Nein, jetzt könnte man es mal lassen.” Oder er sagt: “Andi, mach mal ‘ne Gitarre.” Denn er findet, Andi kann sehr gut Gitarre spielen. Da hat er auch Recht. Also spielt der Andi eben eine Gitarre. Das Interview zum Beispiel würde anders ablaufen, wenn Mark hier wäre, dann wäre das unter Umständen auch viel, viel kürzer. Der Mark würde dir in zwei Sätzen erklären, wie das mit der Platte ist. Das ist das Schöne an der Kooperation.

Pop Schock
De:Bug: Ich verstehe euch also richtig als Konzeptband? Die Idee ist die einer Band. Auf dem Cover inszeniert ihr euch dann als Role-Models. Wie ein Blumfeld-Cover sieht das eigentlich aus.

Jan: Aber Blumfeld sind ironiefreier. Mark hat das im Studio ganz klar skizziert. Er malte mit dem Kugelschreiber ein Bild wie aus einer Modezeitschrift. Wir sollten wie Models nach vorne und hinten drauf unsere Freundinnen. Das scheiterte direkt daran, dass meine Freundin nicht mitmachen wollte. Ich fand die Idee eigentlich super. Ist ja wie ein Heaven-17-Cover und hinten dann so Tracktitel wie “The German Fear of Österreich”. Dann die Art-Deco-Schrift, zusammen mit dem Spiel um die Weltkriegsstimmung. Alles so kurz vorm Clash.

De:Bug: Darüber würde ich gerne mehr erfahren.

Jan: Ach so, z.B. wird die globale Erwärmung mit dieser angedeuteten überstrahlten Sonnenwirkung angezeigt, die uns alle leicht rothaarig aussehen lässt. Das ist ganz kurz vor der Katastrophe. Traumatic Reflexxions.

De:Bug: Mark E. Smith ist bekanntlich ein besonderer Texter.

Andi: Die Texte lösen sich aber erst später auf.

De:Bug: Ihr wisst selbst nicht so genau …

Andi: Vor allem der Mark nicht. Wir haben erst nach Monaten ein bisschen verstanden, was er singt. Ich habe ihn irgendwann mal gefragt. Auch er selbst hatte am Ende Schwierigkeiten manches nachzuvollziehen.

Jan: Lustigerweise gehen die Stücke aber immer um etwas Spezielles. Und doch passiert ganz viel miteinander. Die Stimme ist ja eh wie ein Signal. Deswegen ist das für mich auch so ein Rave-Album. Weil der Typ selbst wie ein Rave-Signal ist.
Es hat total Spaß gemacht. Die Nuancen seiner Stimme sind schon irre, sehr speziell, sehr unbemüht und doch mit einer Wahnsinnspower und Energie.

Andi: Es sollte auch mal eine Pop-Platte werden.

De:Bug: Die Funk-Platte “Radical Connector” von MoM fand ich eher poppig, glaube ich.

Jan: Ja, aber die hat sich an dem Pop eher abgearbeitet. Von Südenfed ist jetzt wie Pop eigentlich sein müsste: dass man sich irgendwo hinstellt und in einen Sandkasten pinkelt und die Kinder schreien alle: Was macht denn der Onkel da? Und dann sieht man, ja, der hat die Mona Lisa reingepinkelt. Das ist dann eigentlich Pop. Andi und ich nehmen halt immer auseinander, es geht irgendwie nicht anders. Viele fanden die neue Platte aber auch sehr melodisch.

De:Bug: Melodisch? Ich find die eher clashig.

Jan: So electroclashig, meinst du wohl.

Andi: So klatschig, ne? Händeklatschig. Ja, ist die auch.

Jan: Wir sind ja auch so eine Art Klezmer-Band.

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Elektronische Lebensaspekte.