Der Bruch hat bei Mouse on Mars Tradition. Aber dass sie mit "Radical Connector" gleich in den Pop-Sektor durchbrechen würden, ist eine echte Sensation. Nie wieder Vertracktheiten um der Vertracktheit willen.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 85

Das ist eine Liebesgeschichte. Nach zehn Jahren Bandgeschichte und acht Alben ist es dafür Zeit. Nicht nur, weil sich Jan St. Werner und Andi Thoma in dieser Zeit ohne Kompromisse zu einem der wenigen ernst zu nehmenden deutschen Exportgüter gemausert haben und auch prompt in Ländern wie Japan ohne Bodyguards nicht mehr auf die Straße können. Auch, weil sie sich mit ihren ersten Platten einen wasserdichten Status aufgebaut haben, so dass sie sich fortan Dinge erlauben konnten, die ihnen niemand übel nehmen konnte. Vor allem aber, weil sie jetzt nach zehn Jahren die Tür des Mäusekäfigs wieder weit aufmachen. Der Loop ist einmal durchlaufen, es geht wieder von vorne los. Nie war es so einfach, mit Mouse On Mars Freundschaft zu schließen wie mit ihrem neuen Album “Radical Connector”. So wie damals bei “Vulvaland”, ihrer ersten LP. Das ist eine Liebesgeschichte. Und sie beginnt vor rund zehn Jahren in Manchester.

Die 303 auf dem Altar
Damals saß ich auf der Empore der Hacienda, hatte gerade ein paar Wochen vorher “Vulvaland” gekauft, war schon Fan und staunte. Darüber, dass da eine Indieband eine 303 auf einem Altar am Bühnenrand platziert hatte und mit ihrer Liveshow alle wegblies. Wenig später sitzen Jan und Andi auch auf der Empore und wir teilen uns eine Kiste Cider aus dem Backstage. Seit diesem Abend sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen, tauschten Zigaretten und na ja: Die Mäuse wurden Stars. Und kümmerten sich nicht wirklich darum. Irgendwie verschwanden sie im Laufe der Jahre immer tiefer in ihrem Studio, verschanzten sich hinter komplizierten Tracks und trieben das Experiment immer weiter auf die Spitze. Mäuse eben. Mäuse, die immer rumwuseln und ausprobieren müssen. Und wem die Platten, spätestens 2001 mit dem Album “Idiology” trudelten die ersten negativen Kritiken ein, einfach zu kompliziert wurden, konnte beiden Sympathen immer noch nicht wirklich böse sein und musste sich fortan an die reduzierten Live-P.A.s halten, bei denen die beiden, ohne den Drummer Dodo, alles Verkopfte über Bord warfen und gnadenlos rockten. Da Schizophrenie bei Mäusen bislang nicht bekannt ist, waren diese Boller-Gigs das Zeichen dafür, dass Mouse On Mars eigentlich immer noch mindestens so großartig waren wie ganz am Anfang. Dieses Ventil bestimmt das neue Album. Was bis vor kurzer Zeit nur auf der Bühne möglich schien, gibt es jetzt auf Platte.

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Andi Thoma und Jan Werner haben schon mindestens 25 Interviews hinter sich, als ich mich an den Tisch setze. Gesucht wird: Abendessen, Ladegeräte für Telefone und die Geschichte des “Radical Connectors”. Aber das ergibt sich dann irgendwie von selbst. Mäusen stellt man keine Fragen. Die erleben den ganzen Tag so viel, dass der Journalist eigentlich nur zuhören muss. Das Schlimme ist nur, dass das neue Album voller Vocals steckt. Nicht, weil die schlecht wären. Schlimm einfach, weil alle sofort wieder von Pop reden, und das stört ungemein. Die Assoziationskette: Pop – Gesang – Melodie, die nervt einfach. “Radical Connector” ist eine grandios eingängige Platte, die allen Kofferradios auch mehr als gut stehen würde. Eine Platte, die man locker mitsingen kann, die aber dennoch so dicht und vielschichtig ist, so kaputt und technisch daherkommt, dass nach wie vor alles in Ordnung ist. Wenn man an dem Punkt ist, dass man sich alles erlauben kann, ist es reizvoll, alles wieder zu schließen und verbindlich zu machen. Und: “Es hat gedauert, bis es so verbindlich war”, sagt Jan Werner.

Debug:
Können wir ganz schnell den Pop hinter uns bringen? Das werden jetzt doch alle sagen, nach zehn Jahren machen die alten Herren ihre Pop-Platte.

Jan Werner:
Das ist eine gute Version.
Andi Thoma:
Eigentlich ist Pop mehr ein Konstrukt, ein Design. In den meisten Fällen ist der Gesang, die erzählerische Komponente, sehr stark getrennt von der Musik. Du singst zwar die Basis, aber es wird halt draufgeklatscht.
Jan Werner:
Oder die Idee, die Melodie ist zwingend und leitet den Rest, die Arrangements, es gibt immer diese Leitidee.
Andi Thoma:
Entweder ist es was, was man mitpfeifen kann. Und dann ist da noch das Idol. Das kommt dazu und ist für uns unerreichbar.

Debug:
Die neue Platte ist aber doch ein starker Bruch …
Andi Thoma:
Nein, wir haben einfach nur bestimmte Sachen weggelassen.
Jan Werner:
Außerdem ist Bruch ja sowieso immer unser Thema. Wir sind also sehr traditionell.
Andi Thoma:
Dieser Bruchcharakter, sei es der Breakbeat oder die Lücke beim Dub, ist sehr wichtig. Die Herausforderung, jetzt, nach den letzten drei Alben, einen Bruch zu schaffen, dass man die einzelnen Formen klarer präsentiert. Gesang dazu zu nehmen, einen Text und alles in einen Guss zu bringen, dass es wirklich eine Masse ist und dann trotzdem etwas zum Mitsingen hat, eine Hookline, die aber nicht total getrennt ist von der Musik. Man muss alles zusammen wahrnehmen, es lässt sich nicht mehr auseinander dividieren. Das passt dann wieder zum Titel, zum Cover, es ist alles extrem verdichtet. Wir haben es immer weiter demontiert und wieder mehr zusammengenommen. Dadurch verschmelzen die Elemente immer mehr. Soundästhetisch, vom Arrangement, ideologisch.

Debug:
Wer ist der Radical Connector?
Jan Werner:
Keine übergeordnete Persönlichkeit, die außerhalb unserer selbst existiert. Das ist eher ein anarchistisch-humanistisches Weltbild. Die Erkenntnis über sich selbst zu erringen, kein Prinzip, ob das religiös, rational, politisch oder kulturell ist, zu wissen, wenn ich die Regel befolge, bin ich auf der richtigen Seite, die Seiten gibt es nicht. Es gibt nur eine Oberfläche. Es gibt einen Zusammenhang, ein kybernetisches Weltbild, ein sich gegenseitig aufeinander beziehen.
Andi Thoma:
Eigentlich ist es echt so ein Reggae-Titel.
Jan Werner:
Aber beim Reggae stört mich oft dieser Macho-Gestus.
Andi Thoma:
Der Gestus, der Rastafari-Glaube, ist nicht Macho.
Jan Werner:
Aber schon eher so männermäßig.
Andi Thoma:
Ok, gut. Wichtig ist, dass Dinge verschmelzen, das ist eine Evolution. Das wird nie das perfekte Ding werden …
Jan Werner:
Es ist doch aber alles perfekt!

Debug:
Vielleicht, weil dieser Update-Wahnsinn vorbei ist. Technische Innovationen haben nicht mehr denselben Stellenwert wie früher. Oder?
Jan Werner:
Für uns ist es sehr angenehm, dass sich die digitale Hysterie gelegt hat. Wenn die Grenzen von der Industrie mitgeliefert werden, beschränkt die Technik den Inhalt. Wir mochten das nie.

Debug:
Je technischer, desto beliebiger. Das ist ein beliebter Vorwurf.
Jan Werner:
Stimmt, aber hätten wir eine Rock-Platte gemacht, wäre das sehr konservativ gewesen. Genauso konservativ wie die White Stripes, die sagen, dass das Schlimmste für sie Computer sind. Richtig schlimm ist, dass jetzt der ganze Underground plötzlich wieder Pop feiert und als einzige Alternative aus den verwirrenden technischen Möglichkeiten aufzeigt. Ich finde Britney Spears echt nicht spannend.

Das war eine Liebesgeschichte über Mouse On Mars, die gerade, wieder mal, meine Lieblingsband sind. Wir reden noch lange weiter. Immer weiter. Noch mehr Kaffee, noch mehr Hin- und Herüberlegen darüber, warum jetzt wieder alles passt (ich) und warum sich eigentlich nichts verändert hat (Mouse). Fest steht, dass obwohl Schizophrenie bei Mäusen immer noch nicht nachgewiesen wurde, der “Radical Connector” klingt wie eine Live-P.A., die die beiden jetzt zu dritt, mit Drummer Dodo, in die Welt tragen werden. Egal ob Pop oder nicht … Mouse On Mars haben das Türchen weit aufgemacht. Jetzt ist es Zeit, mit an Bord zu gehen. Und auch, wenn die nächste Platte wieder ganz anders klingen wird, bleiben Tracks wie “Send Me Shivers” oder “Wipe That Sound”, die alle Britneys dieser Welt wegpusten. Vergesst Pop, hier kommen Mouse On Mars.

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Elektronische Lebensaspekte.

Jan St. Werner geht mit Sascha Kösch das Mouse on Mars-Alphabet durch. Von A wie A-Musik über L wie Leitidee bis S wie Sonig. Mouse on Mars liefern ihre eigene Version zum gerade aktuellen Diskurs, wie 68er, 80er und Jetzt zusammenhängen.
Text: sascha kösch aus De:Bug 46

elektronika

M wie Gott sei Dank nicht niedlich
Das ABC von Mouse On Mars

Man sagt gerne, dass Musik so etwas wie eine Sprache ist. Tut so, als wären die Genres Dialekte, die man gerne verlernen oder lernen möchte. Als wären einzelne Sounds Aussagen, die man über Zukunft oder Vergangenheit macht, die etwas bewirken, verändern, vielleicht sogar politisch sind. Aber man vergisst dabei gerne, dass sie einen selbst verändern, neu aufteilen, in neue Zusammenhänge setzen. Und am Ende steht man da so rum und ist, wie die Sprache, von der man reden wollte, anders. Bei Mouse On Mars passiert so etwas.
Einfach schon durch den Namen, das Aussehen, das Image, die Melodien usw. Sie werden diesen Ruf des Niedlichen nicht los. Es ist furchtbar. Dabei sind Jan St. Werner und Andy Thoma längst anders geworden. Bewusst und ohne dass sie etwas Anderes hätten machen können. Lange Zeit geisterten sie als deutsches Krautboywonder durch die Presse. Dann wurden sie als Vorzeigemissinglink zwischen Elektronika und Band eingeschweißt. Sie waren ein Teil von A-Musik, Kölns Vorzeigeprojekt für ideosynkratische Musik schlechthin. Ein Testbed für neue Technologien. Eine Impfung mit und gegen ein kaum überschaubares Starphänomen. Und etwas, das sich gerne dem widersetzt, was man ihnen zuschreiben möchte. Vor allem aber machen sie zusammen mit Frank Dommert und ein paar anderen Sonigs ihr eigenes Label (Sonig eben), dem es darum geht, all diese verschiedenen Zusammenhänge zusammenzuhalten. Immer wieder Obskures mit aufzugreifen und sich weder auf eine einzige Geschichte elektronischer Musik festlegen zu lassen, noch auf Mouse On Mars. Jetzt ist ihr neues Album erschienen.
Und ihr neues Album ist genau das. Ein Auseinandersetzen mit so etwas wie einer eigenen Sprache, die Musik ist. Ein Davon-reden-Müssen, aber auch ein Sich-davon-Wegreden. Gleichzeitig der Versuch, diese Zusammenhänge, die Worte, Leben, Geschichte und Musik bilden, so zu verpacken, dass sie weder zu ernst klingen noch zu vereinnehmbar. Dass sie mit jedem neuen Track neue Anschlüsse schaffen und neue Päckchen von Information schnüren, deren Protokoll erst noch geschrieben werden muss, weil es sich selber ständig von vorne umschreiben will. Geschenke müssen sich ständig bewegen, brauchen mehr Platz, als jedes Warehouse liefern kann, vor allem aber kommen sie manchmal auch an.

Sonigs Wahlverwandtschaften

Debug: Wer kümmert sich bei Sonig um die Acts und Releases?

Jan Werner: Das Gute an unserem Label ist, dass sich die Acts um sich selbst kümmern. Es sind ja alles mündige Künstler. Randomiz macht, was er will. Aber er ist sowieso Teil der Familie. Man hat ja seinetwegen das Label fast schon gegründet, sonst müsste man ihn immer auf den ‘Mouse On Mars’-Platten mit unterbringen. Ich kenne Felix Randomiz sogar länger als Andy. Wie er arbeitet und was er macht, ist wichtig für die Idee, was Sonig ist. Leider hat er grade keinen Bock, Platten zu machen. Da hat man extra für ihn das Label gegründet, und dann macht er nichts. Das ist ein bisschen schiefgelaufen.
Nach ‘Vert’, unserem anderen Act, haben wir richtig recherchiert, weil wir die ‘Bovinyl’-Maxi sehr super fanden. Dass Bovinyl nach drei super Veröffentlichungen einfach aufgehört haben, war sehr gut. Das würden wir auch gerne machen, aber wir sind halt zu konservativ und machen weiter. Aber Vert hat man nicht erwischen können. Obwohl es ihn irgendwie gab, war er nicht greifbar. Man dachte schon, er hat sich umgetauft oder operieren lassen. Es gab dann aber doch einen Hinweis von SiBegg. Wir haben ihm also geschrieben, dass wir gerne etwas mit ihm machen würden. Es schien fast so, als hätte er drauf gewartet, dass sich mal jemand meldet, den er auch gut findet. Er ist auch jemand, der nicht nur Musik macht. Er programmiert hauptsächlich Firmenlogistik oder so. Man kann mit ihm über John Cage, Sun Ra, Pharoah Sanders, Boulez oder Varèse, aber auch über Buckminster Fuller und alle möglichen Ideen reden. Weil es ihm nicht nur um Musik geht, dreht sich die Musik nicht nur um Musik. Dadurch wird sie meistens besser, weil sie mehr Platz bekommt.
Bei ‘Scratch Pet Land’ war es eigentlich ähnlich. Es gab diese Maxi auf Source, die auch bei uns im Laden ein Hit war. Wir haben ihnen eine Postkarte geschrieben, nur so. Zur gleichen Zeit hatten sie uns die Maxi nochmal persönlich geschickt mit liebem Gruß. Es gab ein gegenseitiges Interesse, und bevor man sich kannte, war es schon so, dass man sich kannte. Was vielleicht auch zwangsläufig ist, wenn man nicht so konform geht, aber schon gewisse Ähnlichkeiten hat. Sich sowohl an rhythmischen Strukuren wie an harmonischen Konzepten abarbeitet, über die es dann doch irgendwie so etwas wie ästhetische Überschneidungen gibt. Die Gemeinsamkeit, die man sucht, ist aber eher dieser Nonkonformismus. Sich nicht direkt zu verstecken hinter Stil oder Genre-Hütten. Barrieren. Barrikaden.

Debug: Bei den drei Alben, die jetzt auf Sonig erschienen sind, könnte man aber sagen, dass es einen Stil von Sonig gibt.

Jan Werner: Das stimmt, hängt aber auch damit zusammen, dass es sehr viele Bereiche abdeckt. Dann muss es sowieso Überschneidungen geben. Es ist vielleicht einfach an der Zeit gewesen, dass es ein Label dafür gibt, sonst läuft man immer so unter ferner liefen. Es kann dann keine Kraft entwickeln, wenn soviel drum herum steht, was viel konformer und enger ist.

Sonig, das Kraftwerk des mündigen Künstlers

Debug: Was meinst du mit konform?

Jan Werner: Wenn ‘Scratch Pet Land’ z.B. auf Source herausgekommen wäre, das viel eher ein Houselabel ist, oder Vert immer zwischen Drill and Bass, Tackergeschichten oder “muss halt immer ultra abgefahren sein” stattfinden soll, dann ist kein Platz für die Sachen, an denen sie arbeiten wollen. So etwas wie das Köln-Konzert z.B.: 45 Minuten ein kontinuierliches Stück schreiben, das geht nicht auf ‘Spymania’, ‘Ill’ oder sonstwo. Sollte aber immer gehen. Scratch Pet Land, die ja eher eine Improv-Platte gemacht haben, hätten dort gar nicht mehr gepasst, auch wenn sie vorher mit ihrer viel eindeutigeren Platte auf Source schon skurril und exotisch waren. Bei uns ist das überhaupt nicht schlimm, sondern erwünscht. ‘Randomiz’ und ‘Workshop’, die demnächst bei uns Platten machen, fallen aber aus dem, was du ‘Sonig-Stil’ nennst, wieder klar raus. Bei Workshop geht die Verfeinerung und die Detailliertheit, der Ausdruck und die Eigensinnigkeit bis ins kleinste Detail. C Schulz & Haijsch sind noch mal anders, weil sie eher eine Elektroakustik-Tradition aufgreifen und versuchen, mit dem Prinzip Aufnahme weiter zu kommen, nicht mit direkter Klangmanipulation, wie wir anderen das so machen. Unser Anliegen ist vermutlich – das klingt leider jetzt so verkitscht – Platz zu schaffen für Aufmerksamkeit. Für einen extremen Wachzustand. Extrem Dasein. Dass man sich wirklich mal alles angeguckt hat, untersucht, aufgehoben und drunter geguckt hat. Zwischen Vert, Scratch Pet Land, Mouse On Mars, Lithops und vielleicht auch Microstoria werden die Unterschiede natürlich kleiner, wenn man es mit Clubmusik oder Minimalismus vergleicht. Es ist Musik, die gelesen werden will. Sie funktioniert nicht gut als Musik, die ein ganzes Genre repräsentieren soll. Es ist mehr Musik wie ein Buch. Wir haben alle ein starkes Interesse an Brüchen, nicht um der Brüche willen, sondern wegen des Hinterfragens, um es wieder anders dastehen zu lassen. Dafür gibt es wahrscheinlich einfach ähnliche Verfahren, die dann immer mal wieder auftauchen. Keiner von uns aber weiß ganz genau, wie der andere Musik macht. Ich habe keine Ahnung, wie lange Vert rumrechnet, um ein Stück zusammenzuschrauben. Kann mir aber vorstellen, dass er länger als Scratch Pet Land braucht. Von denen glaube ich, dass sie unglaublich viel machen, aber auch unglaublich viel wegschmeißen.

Debug: Sie klingen manchmal nach einem ‘Trial and Error Approach’.

Das Vermeidbare riskieren

Jan Werner: Das ist auch ihr Versuch, wie eine Improv-Band zu arbeiten, ohne dass man wirklich 1 zu 1 an seinem Instrument rumschrabbelt oder Ausdruckskunst betreibt. Aber der Versuch, diese Spontanitäten, das Rohe, das kurz Durchgebackene herzustellen für Musik, die so gelassen ist, aber auch sehr ausgearbeitet: das ist sehr schwer. Mouse on Mars gelingt das nicht so gut. Das steht viel mehr. Ist viel mehr Komposition. Bei uns dauert alles ziemlich lange und muss viele Betrachtungen aushalten. Es gelingt sehr selten, dass man an einem Tag etwas fertig macht. Man geht immer wieder dran, jeder auch immer wieder noch mal anders und immer wieder mit einem neuen Anliegen. Und das alles muss es irgendwie tragen können. Grade bei der neuen Platte ging es darum, die ganze Sprache, die man sich so entwickelt hat, oder gelernt, ausgedacht und ausgearbeitet hat, daraufhin zu untersuchen, was man damit noch beschreiben kann oder was man der noch gegenüberstellen kann. Deshalb auch diese Idee, mit ganz traditionellen Instrumenten dranzugehen. Es ging nicht darum, dass wir jetzt ein Symphonieorchester einarbeiten wollten. Es ging eher darum, zu sehen, wie weit sich eine ganz konventionelle Methode von Musik mit unserer verträgt. Deshalb auch der Versuch, mit Stimme zu arbeiten: Wieweit kann die Musik die Stimme aushalten? Wir fanden, dass wir mit unserem Alphabet jetzt soviel sagen können, und es eigentlich interessant wäre, an die Stellen heranzugehen, die wir bisher sehr bewusst vermieden haben.

Debug: Was dann als Album auch einen musikhistorischen Touch bekommt.

Jan Werner: Ich weiß nicht, ob das automatisch passiert, oder ob wir es machen, um uns abzusichern. Je mehr man merkt, dass man das Lager verlassen hat, desto mehr hat man einen Rucksack mitgenommen. Es ist anders, als wenn man nur mal kurz rausgeht und was in die Hosentasche steckt, um kurz danach zu suchen, was Musik noch sein kann, weil man immer gelangweilter ist von dem, was an Musik so futuristisch sein soll. Weil einem das nicht weit genug geht. Weil es gar nicht lange genug halten kann. Bevor das etwas Zukünftiges hat, ist es eigentlich schon vorbei. Schon verstanden, auseinander gehört. Das schmeckt dann immer so frisch und macht eine Zeit lang Spaß. Es ist aber in dem Geschmack gleich schon enthalten, dass er irgendwann bald weg sein wird. Der ist dann raus aus dem Kaugummi, und dann muss der Kaugummi auch weg. Uns interessiert viel mehr, was man noch alles weglassen kann und wo Fragen auftauchen, für die man noch keine Antwort hat.

Debug: Aber Mouse on Mars klingt dann eher wie das Gegenteil von weglassen.

Jan Werner: Es geht uns aber sehr ums Weglassen. Extrem.

Debug: Aber man hört es nicht. Einfach, weil soviel an Information und Dingen, Sounds und Anspielungen, an Musikrichtungen und Harmonien, die man kennt, drin ist. Das verzichtet nicht auf Informationsdichte.

Freiräume gegen Information

Jan Werner: Aber die ist dazu da, um was zu beschreiben, das auch viel Platz braucht, freien Raum ohne viel Information. Wenn man sich irgendetwas erobert hat, ist es ja sofort so, dass es besetzt wird.

Debug: Was meinst du mit besetzt?

Jan Werner: Nicht so wie: Jetzt kommen die anderen. Sondern wie: Sobald dieser Platz wahrgenommen wird, wird versucht ihn einzunehmen. Stattdessen könnte man den Platz frei stehen lassen, um ihn gemeinsam nutzen zu können. Das wird aber sofort zugebaut. Situationen, in denen Neues möglich ist, und von denen aus man wieder woanders hingehen kann, verschwinden sofort oder werden zugeklebt. Grade was Harmonisches betrifft. Die Harmonieverliebtheit und -wendigkeit, die es so gibt in unserer Musik, hat dazu geführt, dass es in einer größeren Skala zu einer Harmonie-Zukleisterung kam. Habe ich zumindest so im Gefühl. Vielleicht waren wir ja auch Teil davon. Auf jeden Fall finde ich das Horror. Ich finde die meiste harmonische Musik zum Kotzen. Wenn man andererseits z.B. auf einer intellektuellen Ebene Musik macht und versucht, für jeden Gedankengang, jedes Konzept den enstprechenden Sound zu erzeugen, dann ist man auch in einer eindimensionalen, völlig maroden Situation. Das ist ja auch die Schwierigkeit der akademischen Musik des letzten Jahrhunderts: Dass es immer atonaler wurde, je mehr es versucht hat, neu zu klingen. Was total schwachsinnig ist, weil es völlig vorhersehbar und linear ist. Deshalb muss ja auch Neues gar nicht so neu klingen.

Debug: Mouse On Mars transportiert auch immer den ganzen Bezugsrahmen aus A-Musik mit, wird aber meist von den Leuten ganz anders gehört. Für die meisten sind Bezugspunkte von Jazz bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts eher inexistent.

Leben ohne die große Leitidee

Jan Werner: Das Schöne an dem A-Musik-Kontext finde ich aber, dass es eigentlich keine Schule gibt. Es gibt vielleicht immer wieder bestimmte Gemeinsamkeiten auf ästhetischer Ebene, aber alle pflegen und suchen für sich persönlich nochmal ganz andere Musikbereiche. Der Laden an sich ist überhaupt nicht kohärent, sondern sehr selektiv. Das repräsentiert Mouse On Mars. Es ist immer viel Arbeit, sich zu entscheiden, was man benutzt, raus lässt und wie man die Dinge in den eigenen Verständnisbereich rüberholt. Das muss erst mal alles durchgegessen werden. Als Mouse On Mars arbeitet man ja schon anders, als man selbst so ist. Das ist schon eine Persönlichkeit, für die man dann in die Pflicht genommen wird. Die Dynamikamplituden überlappen sich die ganze Zeit, der eine von uns fährt in den Bereich des anderen rein. Das, was die Sachen, die einzelnen Funktionen machen, ist ja oft auch eine Verdichtung von mehreren Sounds. Die können wir auch zusammen gemacht haben. Manchmal schickt man sich auch einen Sound hin und her. Man hat dann selber den Abstand zu entscheiden, was wirklich gut daran oder jetzt einfach doch wirklich Scheiße ist. Manchmal erkennt der andere erst richtig das Potential, das man selbst übersehen hatte. Wir sind nicht so wie Beamte, die ein Element eines Formulars bearbeiten. Ich mag halt keine Ideologien, keine Dogmen und keine Autoritäten. Und wenn, dann müssen es welche sein, die sich ganz selbstverständlich wiederfinden lassen. An ganz verschiedenen Orten. Und die nicht fokussiert sein dürfen auf ganz bestimmte Persönlichkeiten. Mouse On Mars hat auch solche Referenzen. Auf dem neuen Album ist auch eine Musikgeschichte-Reise. Das ist uns beim Machen aber nicht so bewusst gewesen. Dass man ständig versucht zu verstehen, wie man versteht, und versucht, sich Begriffe dafür zu bilden. Keine, die es auf den Punkt bringen, aber so, dass man noch weiter kommt. Dass man sich Gedanken macht über Eigenheiten, sich aber nicht davon aufhalten lässt. Der Titel des Albums besteht ja auch aus Idiom und Logik, das heißt ‘Idiologie’, nicht ‘Ideologie’. Das steht auch nicht einfach nur für ‘Idiot’. Obwohl es natürlich super ist, dass das Wort da mit drin steckt. Es steht für die Möglichkeiten, was man alles aus den Teilen zusammensetzen kann, wie phantastisch es sein kann, die Sachen offen zu zerteilen und wieder zusammenzusetzen. Nicht nur im absurden Was-man-alles-machen-Kann, sondern im Sinne von Kombinierbarem. Am ehesten ist das Modell, über das man sich die Musik vorstellen könnte, wirklich so etwas wie eine soziale Gemeinschaft. Wie das geht: zu Leben ohne die große Leitidee. Nicht im Sinne einer Utopie, eines Ortes, an den sich alle hinwünschen, sondern etwas, das schon jetzt und hier ist. Welche Definitionen man für sich beansprucht, und was man nicht zulässt. Zu sagen, dass es diese Headlines nicht gibt, sondern nur diese Idee des Verschwindens, zu der man im Dialog steht. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu 68er. Es geht immer um den Moment, um das Jetzt und was man daraus entwickeln kann.

Debug: Das klingt schon sehr 68er.

Jan Werner: Ja, aber das ist schon auch 80er. ; ) Es geht nicht um die bessere Utopie. Nicht um die astreine linke Vergangenheit mit der astreinen rechten Zukunft, sondern um die knallharte, nicht zu verleugnende Auflösung, der man ständig gegenübersteht. Und vor deren Hintergrund man nur das ist, was man ist: ein Zusammenhang und ein in Zusammenhängen stehendes Einzelnes.

Debug: Welche Stellung hat dieses ‘Spoken Word’-Stück auf der Platte darin?

Jan Werner: Es erklärt die ganze Platte noch mal in Worten, so eine Art einminütige Zusammenfassung des gesamten Albums als Wort. Das ist fast wie ein Kanon. Ein Ganz-nah-Rangehen und Ganz-weit-Weggehen. Es ist aber auch gleichzeitig der Kulturbeitrag in der Sendung.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: aram lintzel aus De:Bug 27

Mouse on Mars Leben im Möglichkeitsraum Wohl kaum jemand hat in letzter Zeit den von dem britischen Musiktheoretiker Kodwo Eshun in “More Brilliant than the Sun” recht abstrakt imaginierten “possibility space” so anschaulich gemacht, wie die Köln/Düsseldorfer Band Mouse on Mars. Ausgiebigst, ja fast obsessiv ergriffen Jan Werner und Andi Toma die im futuristischen “Möglichkeitsraum” anwesenden technologischen Möglichkeiten und brachten sie zum Klingen. Heraus kam und kommt die permanente Überforderung: Mouse on Mars gehen gegen alle Regeln der Kommunikation und Sinnstiftung vor und ergreifen einfach zu viele Möglichkeiten – minütlich, sekündlich, nanosekündlich – als dass das noch irgend jemand verstehen und nachvollziehen könnte. Denn: kein Verstehen ohne eine Mindestmass an Wirklichkeit, Wahrheit und Notwendigkeit. In dem Raum, in dem sich Mouse on Mars bewegen, sind diese Modalitäten aber ausgeschaltet: Gegen zwingende Ursache-Wirkung-Verhältnisse setzen sie Optionalitäten, Wahrscheinlichkeiten und untriftige Gründe und verabschieden sich damit von fixen Kausalitäts- und Kontrollvisionen. Ein perverses Geniessen Eine Million PpM (Possibilities per Minute) – wer soll das bitte aushalten? Auf dem mittlerweile fünften Mouse on Mars-Album “Niun Niggung” (wobei der Titel wie die meisten MoM-Titel bereits Kommunikationsverweigerung signalisiert) herrscht die reine Entropie von Sinn: Kein Knirschen und kein Knacken, keine Aussage und keine catchy Melodie bleibt von der Zerstreuung verschont. Alles kommt und geht sofort wieder: Der Bruch als (paradoxerweise) einziges Element, das Kontinuität und Wiedererkennbarkeit garantiert. Diese wuselige Musik kann einen in den Wahnsinn treiben, weil sie behauptet, dass sich der Informationsüberfluss (der ja eigentlich das permanente Ablösen der einen Information durch eine neue ist), mit dem wir sowieso schon tagtäglich zu kämpfen haben, geniessen liesse. Dieser Genuss, der einem von Mouse on Mars abverlangt wird, ist pervers, weil man die ständige Neujustierung des eigenen Wahrnehmungsapparats nicht wollen kann (eben weil das wahnsinnig macht). “Es ist für den Menschen immer ein Horror, viel kleines Zeug zu haben, weil ihm Grosses, Klares und Deutliches viel lieber ist”, weiss Jan Werner. “Auch ich kann vieles von dem, was wir da machen, über eine längere Zeit gar nicht aushalten, weil es mich körperlich erschöpft und ich mich davor schützen muss.” Die MoM-untypische ambientöse Erholsamkeit des 97er-Albums “Instrumentals” muss deshalb wohl als das Ergebnis einer Ruhephase verstanden werden… Denn jetzt gilt wieder: Mouse on Mars-Attack! Jan Werner und Andi Toma greifen ihre und unsere Urteilskategorien und Informationsfilter an und machen sie oft genug unschädlich. In jedem Moment müssen wir uns neu entscheiden, wie wir das jetzt wieder finden. Nie dürfen wir bei einem dieser liebgewonnenen Sounds verweilen. Was für ein Stress! Aber auch: Was für ein Spass! Digitaler Konkretismus Was da perverserweise genossen werden soll, wird in Artikeln und Reviews oft als “Gefrickel” bezeichnet. Jan Werner verbindet damit vor allem Funktionalitätsverzicht: “Im positivsten Sinne bedeutet Fricklertum für mich, dass man vertieft ist in eine Sache, ohne ständig zu fragen, wofür das jetzt verwendbar ist und wo man damit hinkommen kann. Frickeln impliziert Ausdauer, nicht Können.” Ohne die dafür erforderliche Zeit und Selbstversenkung liesse sich wohl die Unzahl von Möglichkeiten nicht mal ansatzweise ausschöpfen. Eine Zeit, die nach Jans Auffassung musikalisch und/oder sozial hierarchisch organisierte Apparate nicht produktiv zu nutzen in der Lage sind: “Natürlich haben wir eher als z.B. Westbam ein Problem mit Gleichgerichtetheit, Thema, Ziel, Stringenz und Effektivität. Das ist genau das, was wir brechen wollen. Ich finde es wesentlich bewegender und erfüllender, wenn es viele unterschiedliche Ansätze gibt, als wenn alle an einem Strick ziehen und einer Idee zuarbeiten. In hierarchischen Apparaten kann man zwar grössere Gewichte stemmen, aber ich frage man dann, weshalb diese grossen Gewichte und wo sollen die hin?” In der Tat: Wenn man sich auf die Verschachtelungen, Verzweigungen und Ungleichzeitigkeiten auf “Niun Niggung” einlässt, so wird einem plötzlich klar, wie “gewichtig” und hierarchisch Musik oft stattfindet, weil sie ihr Funktionieren aus einem unangreifbaren, sinnverbürgenden Prinzip schöpft. Das Nicht-Hierarchische der Produktionsweise von Mouse on Mars besteht darin, dass sie winzige Elemente und Aussagetypen auf verschiedenen Ebenen parallel laufen oder sie auf ein und derselben Ebene kollidieren lassen, ohne aus ihnen eine gemeinsame Bedeutung zu generieren. Weil MoM einem nicht sagen, wo’s lang geht, entsteht ein immenser Wahrnehmungsstress: These trifft auf Antihese trifft auf These trifft auf Antithese usw. usw., aber die Synthese kommt und kommt nicht (oder war schon da und man hat sie nicht bemerkt): “Man will etwas, aber man weiss nicht, was es ist! Aber man will es! Und plötzlich ergibt sich eine Öffnung und man hat das Gefühl, es gefunden zu haben. Was da dann stattfindet, ist nur insofern durchdacht, als es stattfinden kann. Aber es gibt keine Vorstellung vom Ziel der Musik, ich höre sie erst in dem Moment, wo sie da ist; es gibt keinen Plan. Unsere Musik ist kein Abarbeiten an Zeit und Zielhaftigkeit, weil es keine Linearität gibt, sondern bloss parallele Spuren”, erläutert Jan Werner den Konkretismus von Mouse on Mars, dessen Slogan lauten könnte: “Richtig ist, was da ist.” The Signifying Mouse Dort wo Techno oder Drum and Bass Funktionen erfüllen und Ziele erreichen, stösst man im Falle von Mouse on Mars auf ein schwarzes Loch, in das sämtliche Festlegungen und Signifikationen hineinzustürzen scheinen. Hinterher erinnert man sich zwar vage an die verschiedensten Sounds, doch kann sie nicht unter einen verbindlichen Nenner bringen oder einem gemeinsamen Ziel zuordnen. Mouse on Mars analysieren ohne zu synthetisieren: Statt Manifeste oder andere gross angelegte Sinnbehauptungen auszusenden, zerlegen sie jede potentiell sinnmachende Information in ihre kleinsten Bestandteile. Zurecht kann man ihnen vorwerfen, dass es sich bei diesem Tun um eine nihilistische Vorgehensweise handelt, und tatsächlich kommt einem ihre Musik oft vor wie ein ins namenlose Nirgendwo führendes, ungerichtetes Dahingeplocker (in der Presseinfo zu “Niun Niggung” ist von “radiantem Splinkern” die Rede). Doch gerade in dieser unteleologischen und nihilistischen Energie sieht Jan Werner ein großes Potential: “Ich finde es unglaublich, wie gerichtet Musik immer noch ist und welche festen Vorstellungen bestehen, wie Musik zu sein hat. Dabei sind die neuen technischen Möglichkeiten eigentlich so befreiend. Man kann sich heute beim Musikmachen vom Musikmachen lösen, weil bestimmte Zielvorstellungen nicht mehr bestehen. Du kannst Musik machen, ohne Musik zu denken.” Wenn die Kontrollfreaks dieser Welt (etwa beim Hören der abstrusen Vocoderstimme auf “Super Sonig Fadeout”) mit dem Beliebigkeitsvorwurf ankommen, hält Jan Werner entgegen: “Es geht nicht darum, unverantwortlich alles zu machen, nach dem Motto “Post-Alles”, alles kann rein. Wir sehen das eher als Herausforderung: Herauszufinden, wieviel Humor man braucht, um so was wegzustecken.” Ein Humor, der wohl für diese unangestrengte Leichtigkeit der MoM-Produktionen verantwortlich ist und den Jan und Andi auch demonstrieren, wenn sie auf “Distroia” ihrem Niedlichkeitsimage mit ATR-artigem Tech-Punk entgegentreten. Die Geschichte hat nicht stattgefunden Neben dem hierarchischen Prinzip ist der auf “Niun Niggung” ex negativo anwesende Gegner das Rauschen der Redundanz. “Das Neue und Unerforschte ist schon wesentlich für unsere Musik. Die einzige Erwartung, die ich an Musik habe, ist, dass ich etwas hören möchte, was ich so vorher noch nicht gehört habe, so entsetzlich das auch sein mag, weil man es vielleicht nie bekommen wird oder sich bloss einredet, dass man es bekommen hat. Ein Gehirnforscher würde mir jetzt vielleicht erklären, dass das Selbstbetrug ist, weil man nur das wahrnehmen kann, was man schon kennt”, meint Jan Werner. Diese avantgardistische Sehnsucht nach dem Neuen wird auf “Niun Niggung” stärker gebrochen als beispielsweise auf dem Vorgänger-Album “Autoditacker”. Das Gewesene und Gekannte wird nicht mit der gleichen Rigorosität verneint und das Neue nicht mit der gleichen Euphorie gefeiert. Statt dessen treten stärker als bisher verschiedene historische Bezüge zutage: Skamäßige Upbeats in “Yippie”, discofizierte Streicher in “Diskdusk” oder moodige Gitarren und Jazz-Bläser in dem melancholischen Opener “Download Sofist”. Zwar scheinen diese musikhistorischen Versatzstücke den avantgardistischen Ansatz zu brechen, andererseits fragt man sich sofort, ob sie überhaupt als biographische oder historische Referenzen und Reverenzen gemeint sind. Denn im elektronischen Möglichkeitsraum gibt es ja keine notwendigen Bezüge und Kausalitäten, deren Existenz Jan Werner denn auch vehement verneint: “Es gehört für uns nicht zum Inhalt und Anliegen unserer Musik, historische Bezüge herzustellen und auf bestimmte Epochen hinzuweisen. Das sind Codes, die wir – wenn wir sie überhaupt erkennen – zwar zulassen, aber als solche sind sie uninteressant. Die Frage nach unserer musikalischen Biographie und Herkunft ist deshalb irrelevant. Musik entsteht doch nicht immer nur aus dem Hören anderer Musik.” Möglicherweise bedingt gerade der anonyme und unauthentische Charakter der wiedererkannten Sounds, dass man sich durch sie angesprungen fühlt. Sie besitzen einen universellen Charakter, der eingeübte Quellenforschungen unangebracht erscheinen lässt. Die Räume weit machen… Im Herbst werden MOM endlich wieder mit ihrem Schlagzeuger Dodo Nkishi auf Tour gehen (jedoch leider ohne den auf “Niun Niggung” für diverse Instrumente zuständigen Gaststar Harald “Sack” Ziegler). Einmal mehr wird sich dann das Projekt Mouse on Mars neu formieren müssen, leben ihre Auftritte doch von einer eigenen Dynamik, die mehr ist als die blosse Übertragung der Studiosituation auf die Bühne. Dass Mouse on Mars immer wieder ihren selbstbezüglichen Klangforscherkosmos verlassen, um sich auf unsicheres Terrain zu begeben, macht sie zu untypischen und besonderen Vertretern der Elektronikavantgarde. Das dürfte daran liegen, dass der Raum, in dem sich Mouse on Mars bewegen, eben kein klaustrophobischer, sondern letztlich ein romantischer ist: “Die Möglichkeiten sind das Einzige, was einen über Wasser hält. Was einen weiter machen lässt, ist das Prinzip Hoffnung – der Glaube daran, dass etwas möglich sein könnte”, sagt Jan, bevor ich mich aus der Kölner Hinterhofwohnung seiner Freundin Rosa verabschiede. Ein Glaube, den man leicht verlieren kann in Zeiten elektronischer Einsamkeit. Mouse on Mars haben ihn noch. Zum Glück.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Sascha Kösch aus De:Bug 03

Zwei verschiedene Profis.

Mouse On Mars.

by Sascha Kösch
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Es gibt nette Menschen. An sich ein einfaches Phänomen. Jeder kennt sie, es kann nie zuviele davon geben. Wenn sie da sind, fühlt man sich wohl, man hat sie gerne um sich. Sie erzählen nette Geschichten, machen nette Musik, man liebt sie. Sie haben nie Ärger, nie Probleme, man hat Spaß mit ihnen, freut sich, wenn man sie wieder sieht – und eigentlich ist dann auch immer alles klar. Im Grunde sind sie fast Unpersonen. Idealpersonen. Popstars die einen durch das alltägliche Leben begleiten, obwohl man sie kennt. Irgendwie. Irgendwie kennt man sie aber auch nie, blickt nie so ganz dahinter, will aber auch gar nicht soviel mehr wissen, weil die Illusion, die man sich einbildet zu haben indem man denkt sie wären einfach nur das, nette Menschen, sich ja vielleicht (aber auch nur dann) als genau das entpuppen könnte was man denkt. Wissen wird man es nie, und man will es auch gar nicht, weil man die netten Menschen dann doch lieber immer so läßt, wie sie sind. Schließlich kann es von ihnen nicht genug geben.

Mouse On Mars sind solche. Kein Wunder, daß Interviewpartner sie gern fragen: “Seid ihr wirlich so nett?”. Kein Wunder, daß man sich bei ihnen bedankt für die Zeit die sie hatten und für die neue LP “Autoditacker”. Was man ja sonst nur in unbequemer Stellung und mit einem leichten Hüsteln in den Hintergedanken tut (in denen mit Sicherheit meuchelmörderische Dinge schlendernd durch die Hirnwindungen turteln und mit dem Hüsteln erst mal einen Trinken gehen. Na was Hintergedanken eben so machen). Lustigerweise sind nette Menschen erst seit einiger Zeit erfolgreich und wenn Mouse On Mars auch nicht die ersten sind die es wurden, so zumindest die ersten, die man nun auf schrecklichen Interviewtouren, die eine Band heutzutage so machen muß, wenn sie einmal ein richtig wichtiges Marktsegment geworden ist, treffen kann. Und die dort brav immer wieder etwas Neues erfinden, mit Ideen und selbstgenerierter Medienpolitik und Historie spielen können, ohne daß man es ihnen übelnehmen wollte, im Gegenteil. Man ist dankbar, über viel Unsinn den sie produzieren, und nur nette Menschen dürfen das, und trotz tiefsitzender Erschöpfung (gleich ist Popkomm, das Live-Set ruft vor lauter Inexistenz und die Menschen denken an alternative Behandlungsmöglichkeiten ihrer kleinen körperlichen Probleme (Urin, igitt, säureloses Vitamin C, ja, usw.)) geben sie ihr Bestes. Fast wie eine richtige Rockband, rappen ins Diktaphon und sagen nie nein. Die Frage wäre auch, ob sie es so schreiben würden.
Dabei haben Jan Werner und Andi Thoma eigentlich von Anfang an alles falsch gemacht. Sie veröffentlichten als Düsseldorfer/Kölner auf einem englischen Indielabel (unhipper ging’s nicht, und woher sollten sie wissen, daß es plötzlich irre hip wurde, auf Too Pure zu sein, so hip, daß selbst ein ultrarigider aber mindestens eben so hipper Bassdrumminimalist zumindest weiß, daß es soetwas gibt, wenn er auch beim Gedanken an England eine historisch tief verwurzelte Gänsehaut bekommt). Sie traten als Liveband auf, was an sich schon Verrat genug wäre und man anderen damals nie verziehen hätte.Sie machten keine Geräusche, sondern “Melodien”, und ihre unleserlichen Tracknamen waren noch nicht mal Anagramme. Und doch, wunderliche Welt ist’s, die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Jeder mochte sie, schließlich waren sie so nett. Sie stürmten die Englischen Indiecharts, alle Blätter der Technowelt und erlebten nicht nur einen unglaublichen Aufstieg und den Untergang von Rock, nein, sie gaben dem Ganzen auch noch einen Sinn, entschärften das analog-digitale Dilemma der aussterbenden Kunst der elektronisch verstärkten Manufaktur, reduzierten Ausdruck auf die kleinen Töne zwischendurch und waren und bleiben Vorreiter einer ganzen Generation (es werden täglich mehr, kein Witz, gestern rief einer an) von Bands, die nicht mal mehr die Gitarre an den Nagel hängen müssen, weil man sie eh nicht mehr hört.
Das Beste an Mouse On Mars aber ist sicherlich “Autoditacker”. Und es ist immer wieder überraschend sagen zu können, daß sich jemand nicht nur weiterentwickelt, sondern sich einfach zusammenrollt wie eine Katze die sich wohlfühlt, einfach nur schnurrt und dabei so neu klingt, daß man es einfach nicht glauben kann.Und das, obwohl man sich denken möchte, daß sich ausser der Zeit und dem Licht nichts geändert haben kann. Die Katze wäre die gleiche geblieben. Tja, stimmt nicht, war nie so, und seit Schroedinger schon mal gar nicht. Und so klingt es dann auch. Extrem verfeinert, daß man an Geschmack denken möchte, sehr leicht, so als wäre es noch nie eine Belastung gewesen hinter ihr sauberzumachen.Und vor allem kryptisch und einfach zugleich. Logischerweise stehen Mouse On Mars dann auch für das Ende der Persönlichkeit, für das Ende der Psychologie, das Ende der Seele, und das Ende des Jahrtausends. Und dabei, woran sich mehr Leute halten sollten, wie sich generell mehr Leute an nette Menschen halten sollten, wirken sie so als hätte es die Apokalypse nie gegeben.

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Elektronische Lebensaspekte.