Reportage: Hometurf Heidelberg
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 113


Das Album “Kunststoff” wurde 2006 nicht ohne Grund wiederveröffentlicht. Damit hatte David Moufang 1995 die Intelligent Dance Music entscheidend mitgeprägt. Mit seinem Label “Source” und unzähligen Kollaborationen hat er von Heidelberg aus nie den Faden verloren, war aber aus dem Fokus der Dance-Gemeinde gerutscht. Da ist er seit “Anne Will” wieder voll präsent. Wir besuchen Moufang im Heidelberger Frühling.

“In den Baum da drüben habe ich früher Herzen geritzt.” Der Wind wirbelt durch David Moufangs angegraute Haare. Er schiebt sein Fahrrad neben sich her über die Uferpromenade. Es riecht nach Holzkohle und Sonnenöl. Sonnenbadende Heidelberger liegen hier auf Handtüchern und Decken. “Vor ein paar Monaten ist mein Sohn von dem gleichen Baum gefallen und hat sich den Fuß gebrochen.” Er hält kurz inne. “Er ist mittlerweile zehn Jahre alt. Unglaublich, wie die Zeit vergeht.” Während er das sagt, liegt nichts Sentimentales in seiner Stimme, eher so etwas wie Verwunderung.

Auf der anderen Neckarseite liegt die Ruine des Kurfürstlichen Schlosses am Hang des so genannten Königsstuhls, ein Bergzug, der die Stadt behütend in ein Tal bettet. Der Neckar fließt wasserschwer und dunkelblau. Wenn einem der rotzige Kaputtcharme von Berlin noch in den Knochen steckt, braucht es ein wenig Zeit, um die Heidelberger Postkartenidylle aushalten zu können. Aber man versteht sofort, warum David Moufang alias Move D nie hier weggezogen ist. Die Geschichtsträchtigkeit und das dezent Provinzielle – Heidelbergs Atmosphäre strahlt eine beruhigende, unaufgeregte Atmosphäre aus.

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Gelegenheiten, “Puppenstubenhausen” (David über Heidelberg) den Rücken zu kehren, hätte es wahrscheinlich genug gegeben. In den Neunzigern gaben sich DJs wie Chez Damier, Larry Heard, DJ Pierre und später Richard D. James oder Rob Brown und Sean Booth von Autechre quasi die Türklinke von Davids Wohnzimmer in die Hand. Sein Label Source prägte zusammen mit Warp einen Sound, der Anfang der Neunziger Club- und Chill-Out-Musik fusionierte, verfeinerte und für den Hausgebrauch kultivierte. Es war Geburtsstunde der Elektronika und Move D mit seinem stilprägenden Album “Kunststoff” mittendrin. “Wir haben damals ungeduldig auf neue Musik gewartet. Der Gedanke war: Die bessere Platte kommt morgen raus”, wird David später sagen.

In dieser Zeit kam die Welt nach Heidelberg. Und David zur Welt. Das hat sich geändert. Chicago House und Acid reinkarnieren in regelmäßigen Abständen und in wechselndem Anstrich. Impulsgeber sind sie lange nicht mehr. Aphex Twin, Autechre oder Squarepusher wurden zu Dinosauriern der elektronischen Musik. Aus der Euphorie wurde Geschäft und Routine. Das noch junge Genre Elektronika hatte Ende der Neunziger seine Unschuld verloren. Die Spätfolgen dieser Krise erreichten mit der Pleite des Vertriebs “EFA“ auch Source. Bis heute liegt das Label auf Eis. Irgendwann kamen die musikalischen Schwergewichte nicht mehr so regelmäßig nach Heidelberg. Und auch der legendäre Mannheimer Milk!-Club, in dem David mit vielen Größen des Deep- und Acid-Houses spielte, schloss Ende der Neunziger. Damit war ein entscheidender Motor der lokalen Szene plötzlich verschwunden. Move D wollte nie Popstar werden. Er war keine ehrgeizig neurotische Diva wie Richard D. James oder Autechre, die alles taten, um keine Stars zu werden – aber wahrscheinlich genau deshalb zu welchen wurden. Move D ist auch kein Geschäftsmann oder Stratege. Deshalb wurde er kein Zyniker. Wenn der Geist der Elektronika in jemandem weiterlebt, dann in David Moufang.

Der Dancefloor hört zu
Heute sucht er sich aus, wann und mit welchem Ziel er Heidelberg verlässt. Gelegenheiten dafür ergeben sich genug, denn der Name Move D ist spätestens seit dem Clubhit “Anne Will” wieder in aller Munde. Und man könnte von einem Move-D-Revival sprechen, wenn es denn ein Revival wäre. Eigentlich war David Moufang nie weg. Mit “Pop for Dwoozle” erschien 2004 ein etwas untergegangenes, aber nicht minder schönes Solo-Album. “Studio Pankow” Davids Kollaboration mit Jamie Hodge und Kai Kroker, veröffentlichten das wunderbar dubbig verspulte Album “Linienbusse”. Die Listening-Seite von Davids musikalischer Identität war absolut intakt. Aber der Dancefloor zeigte David die kalte Schulter. Seit einem guten Jahr drehen sich die Plattenteller in den Clubs wieder zu seinen Gunsten. Dabei hat sich eigentlich nicht viel geändert. Seine Tracks sind vielleicht etwas clubbiger und ausgelassener geworden. Das kommt dem raveversessenen Zeitgeist entgegen. Aber im Kern oszilliert Davids Sound immer noch zwischen zwei musikalischen Konstanten: Der emotionale Deep House eines Larry Heard, der englische House von Nexus 21 und die englischen Sound-Alben von Orb und KLF.

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David sitzt in seinem Stammcafé, das eigentlich eine Eisdiele ist und so aussieht, als ob sie Gelateria Venezia heißen könnte. Familien stehen bis auf die Straße hinaus Schlange. Kinder wimmeln aufgeregt um unseren Tisch. “Eigentlich hat alles mit Soul angefangen”, erklärt er. David legt seit 1987 Platten auf. Am Anfang James Brown, Kleer, den Soul und Funk der sechziger und siebziger Jahre. Eine Musik, von der er heute noch denkt, dass sie einen bestimmten Produktionsstandard erreicht hatte, den man nicht mehr toppen kann. Für die tanzenden Kids spielte er auch mal aktuelle Platten wie S Express oder Marrs. So richtig überzeugte ihn die Musik aber nicht. Eigentlich war James Brown immer noch die musikalische Instanz, an der sich alles andere zu messen hatte.

Dann lernte er Dirk Mantei kennen, der damals unter dem Namen D-Man Acid House auflegte und gerade den Club “Planet Bass“ in Heidelberg ins Leben gerufen hatte. “Die Stücke von Mr. Fingers haben mich umgehauen. Durch sie bin ich zum House gekommen. Aber eigentlich mehr noch als die Musik hat mich die Atmosphäre auf diesen Parties angezogen.” Die Stimmung war euphorisch und fürsorglich. Alles besaß einen provisorischen Charme. Für Heidelberg war das eine neue Vision von Clubkultur, völlig konträr zu den Popperclubs, wo die richtigen Schuhe über den Einlass und die verkaufte Biermenge über den Erfolg eines Abends entschieden. “Wenn man da mal alleine saß und nur den Leuten beim Tanzen zuschaute, kam direkt jemand zu dir und erkundigte sich: Ey alles ok? Hast du ‘ne schlechte Pille genommen? Bei einem Rockkonzert interessierte das keinen. Das war schon toll, diese Anteilnahme am anderen.” Das Publikum bestand aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen. “Du konntest der letzte Lude sein und bist trotzdem in den Club gekommen.” Und irgendwann fing es mit den selbst gebastelten Klamotten an. Den Mülluniformen. Die Technoeuphorie begann Heidelberg zu erreichen. Kurz vorher initiierte Dr. Motte die ersten Loveparades.

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In einer Heidelberger Bar hörte David Jonas Grossmann bei einem DJ-Set zu, wie der Jazz-Platten ineinander mischte. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass beide sehr an der Musik von KLF und Orb interessiert waren. Beide entschlossen sich, gemeinsam ins Studio zu gehen, und innerhalb von zwei Wochen war das erste “Deep Space Network“-Album im Kasten. Der Titel “Earth to Infinity” gab die Richtung vor. Heruntergefilterte Acid-Basslines, unterlegt mit trancigen Flächen, versetzt mit Jazz-Samples und unterfüttert von dem dezenten Puls einer Bassdrum. Musik wie der Morgen nach einer langen Clubnacht. Man stolpert benommen nach Hause und die vergangenen Stunden verklingen langsam im Kopf. Jonas und David entschlossen sich das Album auf eigene Faust zu veröffentlichen, pressten 1000 CDs und gründeten 1992 das Label “Source“.

Aufbruch im KM20
“Earth to Infinity” entstand in den Räumen der Wohnung eines Freundes, die sich in eine Mischung aus Studio und kollektiver Abhängbude verwandelt hatte. Zwischen Bong, Fernseher und Sega-Konsole fanden sich immer mehr Musikmaschinen 606, 303, 909. Irgendwann war aus der privaten Wohnung ein kollektiv finanziertes Studio geworden. Und alle DJs und Live-Acts, die damals nach Heidelberg kamen, verschwanden im Anschluss an die Parties im KM20 und nahmen Tracks auf. Eigentlich müsste es irgendwo ein riesiges Archiv mit Mixen von Baby Ford, Squarepusher, DJ Pierre, Chez Damier geben. Die meisten dieser Aufnahmen sind verschollen.

Seine eigenen Tracks archivierte David und immer mal wieder findet eines der Stücke den Weg auf eine Platte. Die B-Seite der aktuellen Modern Love 12″ beispielsweise ist 12 Jahre alt. Der Aufbruchsgedanke und der Idealismus, von dem elektronische Musik damals durchdrungen war, prägen Davids Haltung bis heute. “Ich habe die Zeit als sehr politisch erlebt. Es ging immer auch um eine bessere Welt. Ich habe einen direkten Link zu den 68ern gesehen. Dann öffneten sich die Grenzen zwischen Ost und West. Die Stimmung war sehr hoffnungsvoll. Aber irgendwann verlor die Bewegung langsam ihre Feindbilder und damit ihren Schneid. Und es war ein krasses Erlebnis zu sehen wie der ganze Idealismus der Anfangstage weggespült und alles immer kommerzieller wurde.”

David hat sich den Stolz und die dissidente Haltung von damals bewahrt. Sie spiegelte sich zum Beispiel in seinem Umgang mit dem Warp-Label. Nach der Veröffentlichung von “Kunststoff” 1995 wollte Warp unbedingt eine Platte mit David rausbringen. “Sie haben regelrecht gebettelt”, erzählt David. Er gab ihnen gerade genug Stücke für eine 12″, seine einzige Veröffentlichung auf Warp. Das Verhältnis zwischen Source und Warp war ohnehin nie von inniger Freundschaft geprägt. “Als wir gerade unser Label gegründet hatten, sprach mich einer der beiden Warp-Besitzer von der Seite an und fragte abfällig, ob Source das neue Warp sein wolle.” Der Kontakt zu der Warp-Riege um den mittlerweile verstorbenen Rob Mitchell und seinen Partner Steve Beckett riss ab.

David fühlt sich eher von Rob Gordon angezogen, der Warp-Gründer der ersten Stunde war und den minimalistischen Bleep-und-Clonk-Sound der Anfangsphase des Labels geprägt hat. Mit ihm pflegt David eine lose Freundschaft, die in mehrere Kollaborationen unter dem Namen “View to View” mündete. “Ich habe ihn mal in Sheffield besucht. Es war immer sehr angenehm, einfach Zeit mit ihm zu verbringen. Die Bassline wird eine Religion, wenn man Rob länger zuhört. In seiner Wohnung standen unglaublich viele Platten, das meiste davon alter Dub. Überall lagen lose Teile von Elektrogeräten rum. Der wertvollste Gegenstand war ein High-End-Thorens-Plattenspieler, der das Vinyl auf dem Plattenteller ansaugt.”

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Neben der Kollaboration mit Rob Gordon arbeitete David überhaupt sehr viel und ausgiebig mit anderen Musikern zusammen. Vielleicht liegt darin auch ein Grund, warum Move D kein wirklicher Star geworden ist. Durch die zahlreichen Kollaborationen hat er sich immer wieder einem festgefahrenen, eindeutig identifizierbaren Sound entzogen. “Viele Produzenten landen einen Hit und legen dann dreimal nach und schaffen so den Durchbruch. Ich will und kann keine Meterware produzieren. Ich bin auch nicht der Typ, der nach Stechuhrprinzip jeden Morgen um neun im Studio steht.”

Den Menschen hinter zahlreichen Pseudonymen, im Kollektiv und hinter den Maschinen aufzulösen, das war ein Teil des posthumanen Geistes der elektronischen Musik der Neunziger. Move D fuhr diese Strategie konsequent. Auch aus ganz pragmatischen und persönliche Gründen: “Ich finde es spannend, mich mit jemand anderem zusammenzutun und einfach zu schauen, was passiert. Die Zeit ist begrenzt. Der Augenblick zu zweit ist oft unwiederbringlich. Wenn man alleine ist, dann kann ich mich in kleine Details versteigen, die außer einem selbst keinen interessieren”, erzählt David und schiebt diesen charmanten Satz hinterher: “Am Anfang habe ich oft noch gedacht: Woah, der Große und ich jetzt … wie peinlich. Man wächst da rein und lernt mit der Nervosität umzugehen.” Davids Bescheidenheit ist entwaffnend. Das “Kunststoff”-Album, das letztes Jahr auf dem Berliner Label “City Centre Offices“ wiederveröffentlicht wurde, gilt als stilbildender und zeitloser Klassiker des Genres Elektronika. David dazu: “Ein paar Stellen finde ich zu überladen, aber insgesamt ist das Album musikalisch schon vertretbar. Und bei einigen Stücken, die ich heute immer noch wirklich gut finde, denke ich: Unglaublich, was ist mir denn da passiert.” Vielleicht beschreibt das altmodische und etwas pathetische Wort Demut ganz gut Davids Verhältnis zu den Dingen. Nicht im Sinne von unterwürfig, sondern als Form von Respekt und Anerkennung.

Auf dem Weg zu seinem Studio schwärmt David von dem rohen, analogen Sound von Omar S und Jus Ed und kommt dann noch mal auf den Verlauf seiner Karriere zu sprechen: “Vielleicht habe ich in der Vergangenheit im falschen Moment ‘nein’ gesagt und dadurch viel verpasst. Aber die Zyklen wechseln so schnell. Und es war immer Gang und Gebe, das Altes wieder hoch kommt. Ich denke, viele Leute suchen gerade wieder nach der Wertigkeit von Rauschen, Kabeln, Netzbrummen, nach Maschinen und deren Aussetzern. Vielleicht ist Elektronika – lange gegeißelt durch den Minimalismus – wieder salonfähig. Dann darf ich natürlich auch mal mitmachen.”

Aus Prinzip ohne Prinzip
Davids Studio liegt im Keller des Hauses, in dem er mit seiner Familie lebt. Wir gehen an dem Briefkasten der Moufangs vorbei, an dem ein alter Source-Sticker klebt. Das Studio ist klein und mit Geräten zugestellt. Provisorisch und behaglich. Auf Davids Geräten liegt eine Staubschicht, die um die Potis der Synthesizer und Drummachines verwischt ist. Er klappt sein Powerbook auf und spielt ein Stück von dem neuen Album “Live at Johanneskirche”, das demnächst auf dem Dortmunder Label “Bine Musik“ herauskommt. David scheint gerade in allen Labeltöpfen gleichzeitig zu rühren. Und fast jede seiner aktuellen Platten hat einen anderen Tonfall: Euro-Italo-Disco auf dem Compost Black Label, souligen House auf Philpot, klassische Elektronika mit einem Acid-House-Einschlag auf Modern Love, Jazz mit Conjoint und experimentellen tiefen Dub mit Benjamin Brunn. “Ich liebe das, wenn sich Künstler neu erfinden. Wie die Beatles, Miles Davis oder Talk Talk. In der Elektronik passiert das viel zu selten”, sagt David.

Eigentlich erfindet er sich jedes Mal neu, wenn er sich vor seine Drum-Maschine, den Rechner oder den Nord Modular, seinen Lieblingssynthesizer, setzt. Er produziert intuitiv vor sich hin, häuft stundenweise Musik an, und die Labels picken sich das raus, was ihnen gefällt. David folgt aus Prinzip keinem Masterplan. Außer dem einen vielleicht: “Es war mir immer klar, dass ich nichts anderes als Musik machen möchte, um davon zu leben, und das habe ich bis heute durchgehalten.” Es läuft das Stück “FM Heaven”, in dem sich aus einem Bett aus warmen Flächen eine simple, in ihrer Klarheit unglaublich schöne Melodie aus zwei Akkorden erhebt. “Im Kern meiner Musik geht es um Melancholie und Schönheit. Schönheit, ohne gefallen zu wollen.” Und Heidelberg? Welchen Einfluss hat die Stadt auf die Musik? “Das Entspannte in meiner Musik hat sicher auch mit dem ruhigen Lebensstil hier in der Stadt zu tun. Aber irgendwie denke ich, Larry Heard und ich leben doch auch auf einem Stern, ohne den Ort oder die Heimat des anderen gesehen zu haben. Warum es mir wirklich wichtig ist, in Heidelberg zu wohnen? Hier gibt es nichts Besseres zu tun, als ins Studio zu gehen.”
http://source-records.com/

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Elektronische Lebensaspekte.

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