Text: Sascha Kösch aus De:Bug 29

NO MP3 4 XMAS Multinationale Unternehmen sind schon merkwürdig. Erst kämpfen sie mit allen Mitteln darum, dass mit MP3 zu Weihnachten eine neue Generation von HiFi ins Wohnzimmer des nächsten Jahrtausends mit umziehen kann. Ein intelligentes, netzwerkfähiges Format, dase schon jetzt wenigstens so tut, als könne es mit dem Computer und dem Fernsehen reden. Aber dann,verpassen sie das grösste Weihnachtsgeschäft ever: Ein paar Standards sind eben nicht rechtzeitig fertig geworden. Wer vorhatte, ganz stilbewusst in den letzen Monaten dieses Jahres dann doch noch mal schnell auch noch den letzten Bug toter Medien aus seiner Wohnung zum Second Hand-Laden zu tragen, wo er dann das friedliche Lied des 24hour Kleinkrämers summt, bis sich irgendein Sammler seiner annimmt und den kleinen in das heimische Museum des 20sten Jahrhunderts trägt, der wird spätestens im Dezember den Glauben an die Technik verlieren. Sicherlich sind die Erdbeben schuld. Die RIAA (Recording Industry Association of Amercia), der Zusammenschluss der grössten Unterhaltungskonzerne der Welt, kann doch nicht heimlich die Planwirtschaft wieder eingeführt haben. Wir fragten doch so inständig nach (MP3 als Searchtearm Nr.1 in Rocketmarkt Nr.1, dem Netz, sollte reichen), da muss man uns doch etwas anbieten. Was bisher geschah Irgendwann Mitte letzten Jahres schreckte die Musikindustrie und ein ganzes Rudel Start-Ups auf, denn der eigentlich für Radios vom Frauenhofer Institut entwickelte Kompressionsstandard für Audio, MP3, hatte einen lustigen Nebeneffekt. Audiofiles, ansonsten extrem datenintensiv, liessen sich auf einmal so bequem durch das Netz schicken, dass die an sich recht rationalen Menschen, die mit Musik zu tun haben, seitdem von Visionen der apokalyptischen oder heilsarmeemässigen Art heimgesucht werden. Alles würde anders. Ein Ruck war durch die Musik gegangen. Igitt. Vertriebe sollten obsolet werden, Plattenläden, Schallplatten, CD’s, Label, A&R’s, Grenzen, Verträge, usw. Alles muss raus. ende cover Aber wer bleibt drin, und wie? Oben genannte RIAA, die die Diskussion auch in Europa bestimmt, wo ihre Richtlinien wie ein globaler Kaugummi weitergekaut werden, befand sich gerade mitten auf einer Welle von Cashflow, die die CD gebracht hatte. Jetzt sah man vor sich die digitale Eiszeit, bevölkert von herrenlos durchs Netz geisternden Piratentracks ohne Steuerberater, die mit musikalischem Falschgeld um sich warfen, das flugs in den Taschen von abermillionen CD- Rohlingen verschwand. So weit so gut. Oder eben nicht. Es nahm sich also der legale Arm der RIAA, die SDMI (Secure Digital Music Initiative) der Entrechteten und zu richtenden an: Flugs entwarf man noch für dieses Weihnachten mit diversen witzigen Presseaktionen einen neuen fälschungssicheren Standard der Musikkompression mit digitalem Wasserzeichen als Kopierschutz. Für den muss man dann die Software nur noch in CD-Playern so installieren, dass illegale Files sich überhaupt nicht mehr gut anhören, oder im Zweifelsfall eben einfach ignoriert werden. Und die produzierende Industrie (zum grossen Teil mit der RIAA deckungsgleich oder verschwägert oder fusioniert) wartete also erst mal ab mit der Entwicklung von MP3-Playern. Sicher ist sicher. Digitaler Kapitalismus hin oder her. Während dessen ging das Musikportal MP3.com rasant an die Börse, der Millionseller MP3 Player RIO von Diamond, eher ein Aussenseiter im Musikbusiness, räumte alle Titelseiten ab. Chuck D erklärte der Musikindustrie den Kampf. Und dass dieses Internet eine grosse Schweinerei sei, wurde von allen Kanälen aus in die Hirne der Menschen gejagt. Und wie immer, wenn gesellschaftliche Sündenböcke notwendig sind, waren die Jugendlichen die Verbrecher. Was die Hysterie erlaubt Und dann, tja, dann kam die Zeit der Produktion für Weihnachten unerbittlich näher, aber die Standards waren noch nicht fertig. Hierzulande wurde während dessen die Diskussion seit der Popkomm von einem Fake dieser lustigen Totenkopfwerbung der 80er (“home taping is killing music”) bestimmt:”Copy Kills Music”. Was für ein wahnsinnig unlogischer Slogan! Als ob die Musik-Industrie, ein Genre, das auf Vervielfältigung aufbaut, ohne Copy überhaupt denkbar wäre. Vervielfältigen jedoch die anderen, ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Ausserdem wurde man mit so jugendlichen Sprüchen wie “Merks Dir!” und der Milchmädchenrechnung traktiert: “10.000 gebrannte CD’s zerstören einen Nachwuchsact”. So als könnte ein Nachwuchsact wie z.B. “Blümchen” von den 20.000 Mark auch nur ihren Friseur bezahlen. Man könnte glauben, die fiesen CD-Brenner-Piraten seien alle Bravo-Leser und nicht solche Leute wie der Student Jeffrey Gerard Levy, der jetzt als Erster nach Amerikas Vorzeigegesetz des digitalen Zeitalters, dem sogenannten NET Act, verurteilt wurde und seine 250.000 $ Strafe bzw. bis zu 16 Jahren Haft abwartet, und zwar für den unkommerziellen Vertrieb illegaler Software und MP3’s von Unirechnern aus. Die Illegalität unkommerzieller Piraterie ist ein relativ neuer Tatbestand. Man hatte lange jedenfalls den Einduck, eine “Phalanx” aus SDMI Mitgliedern sei ein sicheres Schwert gegen das grassierende Fieber des Verbrechertums bei Jugendlichen. Bis, wie gesagt, Weihnachten immer näher rückte. Das Geschäft des Jahrhunderts. Hatte sich die grosse Musikindustrie in komplettem Einvernehmen nun etwa selbst davon ausgeschlossen? Jein. Wie also ist nun der Umgang mit MP3? Jede zweite grosse Firma benutzt mittlerweile MP3 für Promotionzwecke, damit das Zauberwort Nr.1 wenigstens auf ihren Seiten vorkommt, schliesslich geht es im Netz ja auch vor allem um Traffic-Pageviews, dem einzigen über Werbeeinnahmen geldbringenden Event des Netzes. SDMI Feind Nr.1, MP3.com, bekommt die Erstaufführungsrechte für neue Warner Brothers-Soundtracks zusammen mit Einzelhändlerfeind Nr.1, CD Now. Sony gibt sich auf Pressekonferenzen Mühe, bei der Veröffentlichung ihres Anniversary Walkmans mit Memorystickspeicher sicherzustellen, dass auch jeder mitbekommt: damit kann man auch “illegale” Files abspielen. Schliesslich haben sie keinen Rechtsstreit mit der RIAA zu befürchten, das kann man intern auch unterm Tisch regeln. Das liess dann die Aktien (keine Metapher) von MP3.com übrigens schnell in die Höhe gehen. Ein weiterer Startup, Pine, bietet als erster einen tragbaren Audio-CD-Player an, der ohne Murren auch MP3-CDs abspielt. Ein kleiner Aufsatz aus Taiwan für die Playstation macht diese Kiste zum festen und advancedtesten Baustein einer jeden Hifi-Anlage; als billigster MP3 Player auf dem Markt, der wie zufällig nebenbei auch noch raubkopierte und legale Spiele spielen kann. Virgin verlost RIO-Player für alle Subscriber ihres neuen auf IP Multicast basierenden Audio/Radio on Demand High-Broadband Projektes Virgin Jam Cast, und Palmtops werden sowieso nur noch mit MP3 Software ausgeliefert. Radioreceiver für kombinierten Netz- und Ätherempfang auf einem Drehknopf (incl. bei PVRs abgeschautem Festplattenspeicher) stehen auch schon vor den Ladentüren – schon wieder ein Start Up. Vielleicht war in den letzen Jahrzehnten die Rechtslage dann doch etwas zu wirr. Denn wer wusste schon, dass er mit einer CD keinesfalls das kauft, was drauf ist, sondern nur das Recht, sie unter ganz bestimmten extrem legitimierten Voraussetzungen abzuspielen. Musik war gar kein Besitz, aber es fehlte der Waschzettel, auf dem die Nebenwirkungen zu lesen waren (z.B. Gefängnis oder Geldstrafe). Das will nun alles von Milliarden von Consumern ganz neu gelernt werden. Oder soll zumindest für sie erledigt werden, denn lernfähige Consumer darf es eigentlich, so die Werbeideologie, nur bis zu einem gewissen Alter geben (25). Also erledigt man das Lernen für die Consumer gleich mit. Angst sells! Anstatt eine Situation zu schaffen, in der man MP3 als Nachfolge des Radios begreift, worauf es sicherlich eh hinauslaufen wird – denn wer nimmt schon zum CD/Vinyl-Kauf, oder zum Hören eines Stücks Musik seinen Rechtsberater mit? – hat dort, wo ganz nach internetüblichen Margen einer gift economy gedacht werden kann (erst testen, dann vielleicht kaufen, oder neue Existenz aufbauen als Profitester), erst mal jeder Angst. Die, die keine Angst haben, machen das grosse Geld bzw. den grossen Traffic. Angst soll einen dann dazu bringen, einen “safen” CD Brenner zu kaufen (zu den Erfahrungen damit bitte den schon fast komischen Bericht auf http://www.wired.com/news/news/politics/mpthree/story/22080.html lesen). Den safen Brenner kann man mit Recht als verkrüppelt bezeichnen, bis man sich eine Software dazu kauft, die ihn komplett “illegalitätstüchtig” macht (übrigens ein Sticker, den man sich nächstes Jahr durchaus auf diversen Consumergeräten vorstellen kann: “Illegaly Compatible”). Angst soll Artists dazu bringen, ihre Hompages (mögliches Distributionstool und als solches eine Waffe, die man vorher abgeben sollte) lebenslang an die Company zu verkaufen, wogegen natürlich wieder Rapper wie Ice T Sturm laufen, weil sie in MP3 eine ganz neue Chance sehen, ihre Agitationslyrik endlich mal mit Hightech zu verbinden. Und Angst soll einen natürlich dazu bringen, verkrüppelte Player zu kaufen, die nächstes Jahr die Hälfte ihrer Funktionen, für die man heute teuer bezahlt, einfach vergessen, und zu etwas anderem mutieren. Während nämlich Microsoft unter der ständigen Bewachung ganzer Garnisonen von Hackern steht, die aufpassen, dass jedes noch so geschickt versteckte Security-Loch, das private Informationen von der eigenen Festplatte direkt auf Bill Gates’ Laptop spielen kann, zu einer grossen Blamage wird, dürfte die Situation bei Audio-Applikationen anders sein. Wer weiss heutzutage schon, dass ein CD Player nur mit Software funktioniert, die einem, falls man mal eine CD von einem Freund oder einer Freundin hört, möglicherweise nachher ganz aufgeregt ob all ihrer unendlichen Fähigkeiten verkündet: “Die gerade von ihnen gespielte CD befand sich nicht in ihrer Sammlung, wir haben daher den Betrag für die von ihnen noch nicht bezahlte Benutzung dieser urheberrechtlich geschützen Werke freundlich von ihrem Konto abgebucht. Ihre SDMI, :). Wenn sie bei weiteren Gespächen gedutzt werden wollen, dann drücken sie jetzt die 1, zur Abfrage ihres momentanen Kontostandes bitte die 2, und jetzt weiter mit ihren personalisierten Einkaufsempfehlungen…”. ACHTUNG!!! VERLOSUNG NICHT VERGESSEN!!!!!!!!!!

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Elektronische Lebensaspekte.