Der Referenzraum Plattenladen existiert endgültig woanders. Nullen und Einsen lassen keinen Platz für Ladenromantik. Stattdessen bahnt sich die Digital-Romantik "Social Networking" ihren Weg. Die Jünger haben sich Festplatten und MP3-Player zugelegt. Und erobern sich das zurück, was ihnen das Medium Internet (anscheinend) genommen hat.
Text: Dennis Kastrup aus De:Bug 99

Du bist Social Networking

P2P bildet dabei aber nur das zweitrangige Backup. Die Gemeinde will mehr als abstrakte Festplattenlisten von Gleichgesinnten am Ende der Welt. Herzblut fließt durch die Kabel.
Deshalb sind MP3- oder Audioblogs so beliebt. Das Blog liefert das leidenschaftliche Bekenntnis des Autors dazu. Ein Link zu einem Musikstück, dessen Video oder der Homepage ist nicht nur ein Link, sondern eine Geschichte, die mit Erlebnissen, Fotos oder Mitschnitten gefüttert wird. Eine lebendige Einheit, die wächst, während sie gelesen und kommentiert wird. Emotionen und Meinungen bilden den Raum, der schon im Plattenladen um die Ecke ein Gefühl der Heimat erzeugte. Dass dieser Raum auch Illegales beinhaltet, wird von Seiten der Musikindustrie aber nicht so sehr getadelt wie das Filesharing. Ein Blogger macht sich schließlich (in der Regel) nur die Mühe, seine Lieblinge anzupreisen. Verrisse finden selten statt. Darum werden Blogs mittlerweile auch aus Promotiongründen bemustert. Die Label sehen darin eine Möglichkeit, die Basis für ihre Musik zu begeistern.

Hype Machine
Welche Bedeutung ein erfolgreiches Blog haben kann, sieht man bei einem der bekanntesten amerikanischen Blogs: Stereogum ist in vielen Polls als bestes Weblog ausgezeichnet worden und mittlerweile in Werbung eingebettet.
Neben Stereogum füllen noch eine Vielzahl anderer Audioblogs die Grabbelkiste für Liebhaber. Doch wo suchen, wenn alles zu finden ist? Im April diesen Jahres fragte sich das auch Anthony Volodkin. Der Student vom Hunter College in New York wollte sich nicht mehr alle Blog-Feeds durchlesen. Seine Begierde waren einzig und allein die Musikdownloads oder -streams, die “nicht in den Top 40, bei MTV oder sonst wo im Radio” gespielt wurden. Also initiierte er die Hype Machine. Das Programm filtert täglich aus über 300 registrierten MP3-Blogs nur die Audiolinks heraus. Also ein Feedreader für Audiofiles, den man dazu selber noch als Feed abonnieren kann. Den Groll der Musikindustrie und ihrer Anwälte heimst sich Vlodokin aber nicht auf. Er verweist darauf, dass die meisten seiner Blogs sowieso schon von den Labels bemustert werden und die Links größtenteils direkt zu den Seiten der Labels führen. Außerdem sind die Einträge an iTunes und Amazon gekoppelt. Der User darf also hören und kaufen. Ein Prinzip, das auch Last FM verinnerlicht hat.

Last FM
Die Kombination von Music Community und Internet Radio lebt für und durch den Hörer. Für und durch die Labels. Und für und durch den größten Hörgenuss. Hörgenuss, der den Zuhörer zum Kaufen animieren soll – dezent und unaufdringlich. Ein kleines Plug-In ist das Herzstück der Idee. Der so genannte Audioscrobbler sammelt die auf dem Heimcomputer gespielten Tracks und tätowiert die Information in das Userprofil. So sind mittlerweile mehr als eine Millionen personifizierte Charts entstanden. “Wir haben das aus der Sicht des Musikfans gesehen”, sagt Martin Stiksel, einer der Directors. Basierend auf der “Artist Similarity” sorgt ein Programm im Hintergrund für mögliche User-Rudelbildung. Es stellt automatisch “Neighbours” her, die mit den musikalischen Vorlieben korrespondieren. “Der Geschmack generiert sich von selbst. Das ist alles statistisch erhoben und errechnet”, berichtet Stiksel. Schaut der User nun bei einem Neighbour vorbei, kann er möglicherweise Musik entdecken, die in sein Raster passt. Als Begleitmusik steht die Option des Last-FM-Players zur Verfügung. Jeder Song, der von einem zentralen Rechner in London gespielt wird, ist bewertbar: Die “Love”-, “Skip”- oder “Ban”-Taste erstellt durch Betätigung eine Auswahl an Songs, die eben besagten Geschmack kreieren. Die Vorlieben formen ein Unikatradio, das von anderen Usern gehört werden kann. Und wer mehr haben will, der klickt einfach auf das im Player abgebildete Album-Cover. Ein neues Fenster wird geöffnet und die Informationen zum Album laden zum Kauf bei diversen Portalen ein. Alles also Label- und Künstler-approved (die Gebühren werden an die MCPS-PRS Alliance gezahlt, das britische Pendant zur GEMA). Außerdem kann jeder Song getaggt werden. So wachsen unterschiedliche Tag-Radios heran, die unter dem Oberbegriff der getaggten Genres oder Stichwörter senden. Jeder hilft also jedem. Die Gemeinde agiert aus sich heraus für alle. Oder wie es die Last-FM-Homepage beschreibt: “Tags are fun for the whole family.”

MySpace
Eine besonders aktive Familie findet sich auch bei MySpace ein. Hier ist der Musikfan, mehr als bei allem anderen Networking, Teil eines kontaktfreudigen Publikums. Alles ist (ein)sehbar: man selber, Freunde und Bands. MySpace vereint Flirten, Suchen, Chatten, Bloggen und Promoten. Es stellt die perfekte Netz-Compilation dar. Viele Bands haben sich so auf MySpace eine gierige Basis erschaffen. Wie eine Traube Bienen an ihrer Königin hängen die “Friends” (alle mit Foto abgebildet) an ihrem musikalischen Favoriten dran. Eine neue Nachricht ihrer Band wird unter den fleißigen Bienen gleich weiterverbreitet. Natürlich profitieren sie auch davon. Jede Band bietet auf ihrem Account Musik im Stream an. Viele unbekannte Bands veröffentlichen online nur auf MySpace. Die Sogwirkung ihrer Anhänger ist oft so groß, dass sie innerhalb von Monaten im Rampenlicht stehen. Ohne TV-, Magazin- oder Radio-Marketing. MySpace ist in Amerika das Portal für Musiker und Fans. Es liefert das Modell, das die Majors jahrelang verteufelten. Und schau an, plötzlich sind sie auch dabei, die Majors. Zu verlockend sind die Fakten: 30 Millionen User und an die 400.000 Bands sind registriert. Die Beliebtheit ist so groß, dass Machtmogul Rupert Murdoch die Seite gleich mal in die Tasche zu seinem Medienkonglomerat gesteckt hat. Proteste verebbten jedoch schnell. Mitinitiator Tom Anderson schickte prompt eine Rundmail an alle. Das Milchbubi-Gesicht lächelte auf dem Foto die besorgten Adressaten/innen an und verkündete, dass sich nichts ändern werde. Das beruhigt.

Dennoch. Das “Social Networking” wird mehr und mehr durch Promotion verwässert. Zu verlockend ist die Tatsache, dass Bands sehr billig vermarktet werden können. Zu einfach können Mythen aufgebaut werden, denn wer hinter welchem Band-Profil steckt, ist schwer nachzuvollziehen. Außer man schreibt einer befreundeten Band und bekommt unter dem Profil Antwort vom Booker: “Mensch Dennis! Ich kümmere mich um die Boys. Alleine würden die das niemals hinbekommen. Frag’ die ja nicht, was digital heißt, denn so weit sind sie noch nicht.”

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Elektronische Lebensaspekte.