10 Jahre De:Bug - Musikdistribution
Text: Alexandra Droener aus De:Bug 115


Audioblogs mit Hipster-Profil sind beliebte Scouts in der musikalischen Unübersichtlichkeit im Netz. Wir zeichnen ihre Geschichte nach und stellen zwei der aktuell spannendsten Blogs vor.

Nach nur vier Jahren trägt Daniel Sheldon aka The_Dr. im Jahr 2005 einen der ersten maßgeblichen Hipster-Audioblogs zu Grabe: Boomselection ist tot. Müde und ausgebrannt sei er, meint Sheldon, und das mit 19, was aber nicht weiter wundert, hat er sich doch, während seine Kumpels in Manchester den Girls hinterher pfiffen, mit gerade mal 14 Jahren einer veritablen Blogger-Karriere hingegeben.

Strotzend vor Verheißungen

Das Bloggen an sich ist so alt wie die De:Bug. Ab 1997 schwirren erste Online-Journals im Web herum und werden 2001 dank simplifizierter, massenkompatibler Software zum Selbstdarstellungs-Tool für jedermann. Ganz ohne das nervige Programmieren herkömmlicher Websites und strotzend vor Verheißungen und Möglichkeiten, die jeden undergroundhungrigen Kleinstadtjugendlichen, der sein Taschengeld Ende der 80er in BASF-Kassetten anlegt, um damit aufgeregt John Peel Radioshows aufzunehmen, schier um den Verstand gebracht hätten.

2001 betritt also auch Boomselection die schöne neue Welt und missbraucht sie dankenswerterweise nicht zur Verbreitung der alltäglichen Peinlichkeiten eines Teenager-Lebens, sondern stellt sorgfältig selektierte Tracks zum freien Download zur Verfügung: “Das ist gut – das müsst ihr hören!” Im Gegensatz zum wenig später online gehenden und gemeinhin als Mutter aller MP3-Blogs gehandelten Fluxblog, der von Sleater Kinney über Dizzee Rascal bis Holger Czukay so ziemlich jede Art von Musik präsentiert und kommentiert, die ihren Gründer Matthew Perpetua gerade interessiert, und dessen Beispiel eine unüberschaubare Zahl von Blogs wie Music For Robots, Said The Gramophone oder 20jazzfunkgreats folgen sollten, konzentrieren sich Daniel und seine wenigen Mitstreiter darauf, Tür und Tor für einen aktuellen 2000/1er Hype weiter zu öffnen.

Dessen Ursprung ist sowieso digital, wie seine Fan-Site. Boomselection wird zum Tummelplatz für Bastard-Popper und Bootlegger und trägt damit immens zur Verbreitung dieser bis dato zumeist nur als White Labels in Miniauflagen erhältlichen Stücke bei. Selbst die Industrie reibt sich trotz frecher Copyrightverletzungen heimlich die Hände, jede Werbung ist gute Werbung.

40 Stunden Bootleg-Produktion

Was Boomselection aber vor allen anderen als Hipster-Blog qualifiziert, ist seine Nähe zum Produzenten, sein Hinausreichen über die bloße Funktion als Magazin-/Radio-/Promo-Hybrid zu einem Umschlags- und Initiationsort neuer Inhalte. Eine kreative Audiothek, die Entwicklungsprozesse gleichsam dokumentiert und vorantreibt – mittendrin statt nur dabei.

Daniel Sheldon ertrinkt fast im willkommenen Strom unaufgefordert eingesandter Produktionen, was in der Erstellung legendärer Compilations und – in Ermangelung von ausreichend Bandweite – im manuellen Vertrieb einer überdimensionierten 15-CD-Box kulminiert, die an die 40 Stunden Bootleg-Produktionen und Mixe enthält und schlussendlich zur entkräfteten Aufgabe von Sheldon beiträgt.

Nicht ohne dass er vorher noch schnell, natürlich wieder als einer der ersten, M.I.A.-Tracks hochstellt und originären Baile Funk vorstellt. Hätte es yousendit oder zshare schon gegeben, wer weiß, vielleicht wäre es anders gekommen, so aber übernimmt die zweite Generation hipper Genrepusher das virtuelle Heft und fügt ein weiteres Kriterium zum 1×1 der Szeneaudioblogs hinzu: der Blogger als – gerne auch medienverbandelte – Rampensau.

Künstler-Kumpel-Netzwerke

Die englische Grime-Queen und Musikjournalistin Chantelle Fiddy oder der US-amerikanische HipHop-DJ und Fader-Mag-Mitarbeiter Nick Catchdubs zum Beispiel rücken – ganz klassische Blogger – ihr persönliches Leben wieder ins Zentrum des Interesses. Und weil es sich wie zufällig fast ausschließlich um Musik dreht, dürfen wir aus erster Hand nachlesen, wie die Barbie-Fanatikerin Fiddy ihr Wochenende mit Lady Sovereign und Boy Better Know verbringt oder wie Obersympath Catchdubs tüchtig mit Diplo und Spankrock die Party killt.

Scheinbar unbestechlich posten sie dabei am laufenden Band Tracks, Mixe, Videos, Playlists, Podcasts und sonstiges Footage ihres wachsenden Künstler-Kumpel-Netzwerks und werden damit selbst zu Semi-Popstars, was beide vortrefflich für ihre jeweiligen Karrieren als Autorin oder DJ nutzen können, bis sie, wie im Fall von Chantelle, kaum mehr Zeit zum Bloggen finden. Unterdessen explodiert das Web2.0 in einer gleißenden myspace-Supernova, die jeden Rülpser selbsternannter und professioneller Musiker zugänglicher macht, als uns lieb sein kann, und beinahe erschiene der Audioblog obsolet, bräuchten wir nicht dringender denn je eine leitende Hand im verwirrenden Durcheinander von Spreu und Weizen. Zeit für den Einzug der ultimativen Tastemaker-Blogs. Die Doppelspitze der Hipness wird aktuell von einem schwedischen und einem französischen Blogger-Kollektiv gestellt: Discobelle und Fluokids.

Discobelle.net

Beide fischen in den gleichen trendigen musikalischen Gewässern zwischen Ed Banger, Crunk, Bmore und New-Rave-Derivaten. Die Schweden geben sich bodenständig und unkorrumpierbar: “Discobelle.net is a Swedish blog about music. Because we love it, not because we want to cheat anyone out of any money …” Und sie leisten gute Arbeit damit. DJs und Produzenten reißen sich darum, ihre Stücke, Mixe und Remixe auf Discobelle unterzubringen, der Verbreitungsgrad ist enorm, die Download-Zahl bewegt sich immer in den Tausendern.

Wer nicht dabei sein darf, drückt enttäuscht seine Nase am Bildschirm platt. Auch hier verwischt die Grenze zwischen Konsument und Produzent, kaum ein Laptop- oder CD-DJ von Simian Mobile Disco über Princess Superstar zu Shir Khan, der hier nicht neue Tracks für den nächsten Gig zieht, und sei es auch ein unautorisierter Remix des eigenen letzten Hits. Fast jedes gepostete MP3 findet sich wenig später im neusten eingesandten DJ-Mix wieder – der Inhalt des Blogs generiert immer wieder neuen Inhalt aus sich selbst, ein perfekter Kreislauf der Geschmacksvorgaben, mit der Gefahr, auf einem Auge blind zu werden.

Fluokids

Ihr französisches Äquivalent Fluokids möchte verträumt und lyrisch erscheinen, gibt dem Leser aber außer der ausgezeichneten Track-Selektion, die zumeist wohlkalkuliert auf Absprachen mit Labeln und Künstlern basiert, auch noch eine schicke kleine Portion Werbung, Booking-Infos zu den Fluokids DJs und ein sehr dezidiertes Idealbild junger Frauen mit (Jane Birkin forever …). Und während unsere beiden Freunde hoffentlich dem Stillstand durch inzestuöse Selbstbefriedigung entgehen, lauert bestimmt schon irgendwo das nächste hippe Ding, keine Sorge.

7 Fragen an Pharrell, den Gründer der Fluokids:

De:Bug: Pharrell, wieso tust du, was du tust?

Pharrell: Mir war langweilig in meinem Job. Also habe ich 2005 begonnen, Fluokids zu entwickeln. Heute ist das mein Vollzeitjob, inklusive all der DJ-Gigs, die wir überall auf der Welt spielen.

De:Bug: Worin liegt die Hauptintention eures Blogs? Was unterscheidet euch von anderen Audioblogs?

Pharrell: Bei Fluokids geht es um Liebe. Fluokids ist ein Mädchen, sie ist 17, sie lebt in einem reichen Viertel und sie ist ziemlich emo. Fluokids sehen die Welt mit anderen Augen. Wir sprechen nicht über Musik, sondern darüber, wie sehr wir weinen, wenn uns ein Mädchen verlässt … Wir sind kein klassisches Promo-Medium, es geht uns mehr um Gefühl und Stimmung.

De:Bug: Nach welchen Regeln wird gepostet? Besprecht ihr, was hochgestellt werden darf und was nicht?

De:Bug: Jeder macht, was er möchte. Es gibt nur drei Vorgaben: ein hübsches Foto, ein guter Text und ein cooler Track.

De:Bug: Wie viele Hits habt ihr am Tag in etwa? Wie oft werden die geposteten Tracks im Schnitt heruntergeladen?

Pharrell: Wir haben 4-5000 Besucher am Tag, jedes MP3 wird zwischen 3000 und 25.000 mal runtergeladen, der Sta-Remix von Timbaland hatte 600.000 Downloads.

De:Bug: Hattet ihr schon Ärger mit der Sacem (frz. GEMA) oder Plattenfirmen auf Grund von Copyrightverletzungen o.ä.? Stellt das generell ein Problem für euch dar?

Pharrell: Die Rechte jedes Tracks, den wir posten, sind geklärt – außer vielleicht die der US Rap Banger. Wir arbeiten in der Musikindustrie, also ist es uns sehr wichtig, alles richtig zu machen. Kein Problem also für uns, sondern ein besserer Weg, mit Künstlern und Labels zu arbeiten als über ein klassisches Medium.

De:Bug: Werdet ihr von vielen Direct- und/oder Viral-Marketing-Agenturen kontaktiert? Wie geht ihr mit Werbung um?

Pharrell: Wir arbeiten mit verschiedenen Partnern wie z.B. Nike, Motorola und vielen Labels natürlich. Wir verkaufen Anzeigenplatz nur an Leute, die wir mögen, und versuchen den Fluokids-Stil einzuhalten: schönes Design, coole Produkte …

De:Bug: Seid ihr nicht überrascht, wie erfolgreich Fluokids auch international ist, obwohl ihr im Gegensatz zu den meisten anderen Blogs fast ausschließlich auf Französisch postet?

Pharrell: Ich glaube, dass jeder – auch wenn er kein Französisch spricht – unser Konzept versteht und natürlich die Musik liebt, kein Problem also. Und überrascht sind wir jeden Tag – wir haben noch so viele große Projekte vor, das ist erst der Anfang.

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Elektronische Lebensaspekte.