Was würden nur die Ghettokids in ihren Karottenkordhosen machen, wenn sie nicht in der U-Bahn die heißen R&B-Bomben übers Mobile rausposaunen könnten? MP3 ist wichtig. Wir zeichnen die Story nach.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 100

Am Anfang stand Tom’s Diner. Genau, der Suzanne-Vega-Song mit dem ebenso simplen wie überzeugenden Chorus. Und natürlich dem auch 15 Jahre später noch kickenden DNA-Remix. Beim Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen bevorzugte man jedoch die Original-Vocal-Version. Ein Team um Karl-Heinz-Brandenburg entwickelte dort in den Achtzigern ein Verfahren zur Kompression von Audiodaten. Das Ausgangsproblem klingt aus heutiger Perspektive simpel: Musik sollte derart komprimiert werden, dass sie über das Telefonnetz übertragen werden konnte. Brandenburg versuchte sich dazu erst an klassischer Mathematik und kam damit einfach nicht weiter. Er konnte noch so viel rumrechnen – Klang war zu sperrig, um ihn wie Text in eine Zip-Datei zu schmeißen und dann blitzschnell per Akustikkoppler zu verschicken. Irgendwann kam ihm dann eine brillante Idee: Warum konnte man nicht einfach Daten weglassen, die das Ohr sowieso nicht hören würde? Überdeckte Frequenzen zum Beispiel. Brandenburg machte sich mit Psychoakustik vertraut, entwickelte Modelle des menschlichen Gehörs und baute darauf erste Algorithmen auf. Als Referenz-Musik vertraute er auf eben jenen Suzanne-Vega-Song. Weil sich die Vocals gut zum Testen und Verfeinern der Kompressions-Technologie eigneten – und vielleicht auch, weil einsame Wissenschaftler in Labors was für einsame Frauen in Cafés übrig haben.
1989 war die Entwicklung schließlich so weit vorangeschritten, dass Brandenburgs Team ein Patent dafür bekam. 1992 folgte ein ISO-Standard für das damals noch etwas kompliziert ”Moving Picture Expert Group Audio Layer 3“ genannte Format. Die Jungs vom Fraunhofer-Institut nannten ihr Baby damals zärtlich Layer-3. Zum Einsatz kam es anfangs nur in professioneller Umgebung. So setzten Radiostationen auf das Format, um ihr Programm von Studio zu Studio über ISDN-Leitungen zu übertragen. 1994 dämmerte es den Fraunhofer-Forschern dann langsam, dass ihre Erfindung mehr verändern könnte als nur ein paar Privatradios. Doch um Nutzer auf der ganzen Welt zu erreichen, brauchte es zwei Dinge: Einfache und günstige Software sowie einen Namen mit etwas mehr Sex-Appeal. Letzterer wurde Wissenschaftler-typisch per Instituts-Abstimmung ermittelt. Im Juli 1994 stand damit endlich fest: Layer-3 hieß von nun an MP3. Im gleichen Jahr veröffentlichte man mit L3Enc auch einen der ersten MP3-Encoder als Shareware im Netz – ein DOS-Kommandozeilenprogramm, für dessen Registrierung man 85 Mark zahlen sollte. Gratis dazu gab es einen Track des Fraunhofer-Mitarbeiters Jürgen Herre, der in seiner Freizeit offenbar gern die Bläser und Streicher seines heimischen Synthesizers kitzelte. Im folgenden Jahr erschien zudem die kostenlose Windows-Abspielsoftware Winplay3. Die sah aus, wie sie hieß – ein Player, der prima zu MS-Windows-Urgesteinen passte.

Populär durch Hacker
Der Erfolg des MP3-Formats hielt sich denn auch in Grenzen. Schuld daran war allerdings nicht nur der eher unschöne Player, sondern auch die beginnende Kommerzialisierung der MP3-Welt. Während Fraunhofer seinen Codec anfangs noch als simple Shareware veröffentlicht hatte, lizenzierte es die Technologie später nur noch zu kommerziellen Software-Entwicklern, die wiederum viel Geld für ihre Programme verlangten. Die Jungs der Audiowarez-Gruppe Radium fanden dies gar nicht lustig. Ein unter dem Pseudonym Ignoramus agierender Cracker nahm sich deshalb eines dieser kommerziellen Software-Pakete vor und extrahierte die Kodierungs-Komponente. Und weil er eh grad knietief im Assembler-Code steckte, optimierte er auch mal eben hier und dort eine Zeile. Das Ergebnis: Radiums Codec lief bis zu 12 Prozent schneller, war vollkommen kostenlos – und bald auf allen einschlägigen Webseiten herunterladbar. Als Radium seinen Crack 1998 veröffentlichte, sorgte gerade ein anderes Programm im Netz für Aufsehen. Winamp – eine Software zum Abspielen von MP3s, die nicht nur besser aussah als Fraunhofers Software, sondern ihren Nutzern auch einen Equalizer und Playlists bot. Die Kombination aus Winamp und Radium-Encoder wurde bald zur Standardausstattung für MP3-Fans weltweit. In kürzester Zeit tauchten MP3s auf zahllosen Webseiten, in IRC-Chaträumen und Usenet-Newsgroups auf. Die wachsende Popularität des Formats blieb auch den Plattenfirmen nicht lange verborgen. Bald begann die Industrie damit, erste Webseiten-Betreiber abzumahnen. Noch mehr Sorgen machte man sich allerdings über das Auftauchen der ersten MP3-Player. Im Vergleich zum iPod und seinen Zeitgenossen war die erste Generation der digitalen Walkmans noch ziemlich harmlos. So verfügte der RIO PMP300 gerade mal über 32 Megabyte Speicher. Angeschlossen wurde er über die parallele Schnittstelle eines PCs, was das Übertragen von Musik zum Geduldsspiel machte. Die Recording Industry Association of America (RIAA) witterte trotzdem den Untergang des Abendlandes, klagte gegen die Verbreitung des Geräts – und verlor.

Die New Economy greift
Umwälzungen witterte damals auch ein Internet-Unternehmer namens Michael Robertson. In den Log-Files eines seiner Projekte tauchte immer öfter das Suchwort MP3 auf. Robertson wurde neugierig, recherchierte ein bisschen und registrierte die Domain MP3.com, die den Fraunhofer-Jungs irgendwie entgangen war. Dort baute er in den kommenden Jahren eine der erfolgreichsten Plattformen für Musiker ohne Plattenvertrag – nur um sie später mit einem riskanten Jukebox-Projekt und daraus resultierenden Millionenklagen gegen die Wand zu fahren. Zwischenzeitlich mauserte sich MP3.com jedoch nicht nur zum Netaudio-, sondern auch zum Medienliebling. Dabei half ihm die Tatsache, dass unzählige Journalisten dachten, seine Firma hieße einfach nur “MP3”. Wenig später verlor Robertson dann die Begriffshoheit an Napster. Die Mutter aller Tauschbörsen sorgte dafür, dass MP3 bald synonym für kostenlose Musik im Handumdrehen stand. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang ein von Debug gestalteter Netzkultur-Abend Anfang 2000 im Berliner WMF, den unser Herr Bleed dazu nutzte, erfolgreich jeden Song auf Zuruf aus dem Netz zu laden. Während Napster bald den Weg aller Tauschbörsen ging – Boom, Klage, Niedergang, Ablösung durch technisch ausgereifteres System – wuchs die Popularität des MP3-Formats weiter. Binnen kürzester Zeit gab es nicht nur MP3-Tauschbörsen, sondern auch MP3-DJ-Systeme, MP3-Kühlschränke und MP3-Maschinenpistolen. Der Boom blieb auch den Fraunhofer-Jungs und ihren Freunden von Thomson nicht ganz verborgen. Flugs heckte man einen Plan aus, Anbieter von Streams und Downloads für die Nutzung des Formats zur Kasse zu bitten. Vom Patent zum Paten, sozusagen. Ein paar beherzte Open-Source-Programmierer wollten von solchen Schutzgeldern nichts wissen und entwickelten die Ogg Vorbis als kostenfreie Alternative. Die Idee war besser als der Name, aber beides kam ein bisschen spät. Ogg Vorbis wurde zwar zum Lieblingsformat einiger Enthusiasten, aber die breite Masse ließ sich davon ebenso wenig überzeugen wie von der Idee, GIFs seien böse.

Status Quo
Schuld am Scheitern von Ogg Vorbis ist nicht zuletzt auch Apple. Die Firma brachte Ende 2001 den ersten iPod raus. Bis dahin waren MP3-Player teure, hässliche Spielzeuge, für die sich kaum jemand begeistern konnte. Dank Apple wurden daraus teure, schicke Spielzeuge, die jeder haben wollte. Seit dem ersten Modell hat die Firma mehr als 41 Millionen Exemplare verkauft. Und auch wenn Apple seinen Nutzern immer gerne vom eigenen AAC-Format überzeugen möchte, ist und bleibt der iPod damit doch der erfolgreichste MP3-Player aller Zeiten. Nur Ogg-Vorbis-Dateien spielt er eben nicht ab. Das vorerst letzte Kapitel des MP3-Siegeszugs hört auf den Namen Podcasts. Während die Musikwirtschaft mit einem langsam abflachenden Wachstum ihrer Download-Shops kämpft, etablieren sich kostenlose Audio-Abos mal eben über Nacht als funktionierende Alternative zum klassischen Radio. Immer mit dabei: das MP3-Format. Suzanne Vega, Karl-Heinz Brandenburg und Radium sei Dank.

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Elektronische Lebensaspekte.