Das Downloadportal zero" will mit Ambition, Innovation und schickem Interface den Markt aufmischen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 120


Das Projekt digitaler Plattenladen geht in die zweite Runde und wird richtig spannend. Dass man elektronische Musik auch per Download verkaufen kann, steht inzwischen außer Frage, jetzt geht es um die Transformation der Faktoren jenseits des schnöden Warenverkaufs. Denn die Läden in der analogen Wirklichkeit leisten ja viel mehr, und zu mystischen Orten werden sie erst durch ihre sozialen und kulturellen Dimensionen.

Diese machen den Unterschied zwischen einer Liste des Vinyl-Angebots, und der umfassenden Vermittlung von Musik durch Persönlichkeiten vor und hinter den Tresen. An dieser Stelle setzt auch das ambitionierte Projekt zero” an, das derzeit im Public-Beta online ist. Konsequenterweise beginnt bei Zero” alles mit dem Geschmack der Protagonisten, der natürlich auch die Sozialisation in einer bestimmten Szene reflektiert.

Zero” ist daher zunächst ein Online-Plattenladen aus Wien, weil die Initiatoren und ihre Mitstreiter dort ihre Wurzeln haben. Und von dieser Position aus setzt das Projekt auch den Anspruch um, nur die Labels im Angebot zu haben, von denen die Macher überzeugt sind, womit die Gefahr digitaler Beliebigkeit unendlicher Datenbanken zwar gebannt wäre, aber die Ambitionen noch lange nicht enden. Denn zero” will wirklich alles richtig machen, und dazu gehört auch die Umsetzung der Abläufe im Plattenladen in geschmeidige Web-Funktionen.

Aber Anwendungen, die genauso unprätentiös funktionieren wie zwei Technics mit Mischpult, sind im Netz immer noch keine Selbstverständlichkeit, sondern eine kniffelige, arbeitsintensive Aufgabe. Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit hat zero” dazu eine Reihe überzeugender Lösungen parat, wie etwa ein wirklich feines Vorhör-Tool mit Wellenformdarstellung, oder sinnvolle Anwendungen von Web2.0-Features, die lästige Reloads oder das Herumstochern in Flashinterfaces anderer Angebote vergessen lassen. Redaktionelle Inhalte zu Künstlern, Städten und Releases, die Integration von Widgets, sowie ein absolut überzeugendes Design runden das Ganze ab.

Neben dem Wiener Hauptquartier hat Zero” auch ein Büro in Berlin, stilgerecht in einer Hinterhaus-Remise im Start-up-Bezirk Kreuzberg gelegen. Außer den Firmengründern Georg Lauteren (aka DJ Glow, Trust-Records) und Stefan Possert (aka znrR, Farmers Manual) treffen wir dort bei unserem Besuch ausschließlich weitere Österreicher, unter anderen hält DJ Tibcurl (Ickemicke-Club) die Jungs mit Schmäh auf Trab.

De:Bug: Wie kam es zu Zero”?

Stefan Possert: Das Projekt entstand vor mehr als drei Jahren, als ich bei Universal Music aufgehört habe. Dort hatte ich zwei Jahre lang die Download-Geschichten entwickelt und das war auch eine interessante Erfahrung, aber nach (Tim) Renners Abgang wurde es irgendwie unlustig… Also haben Georg und ich beschlossen, mit seinen Erfahrungen im klassischen Geschäft und meinen aus dem Web einen eigenen Download-Plattenladen aufzuziehen. Anschließend haben wir zwei Jahre entwickelt – übrigens mit einem ganzen Netzwerk an Unterstützern, ohne die das Projekt gar nicht möglich gewesen wäre.


De:Bug: Warum seid ihr nicht einfach mit einer Beta-Version online gegangen?

Stefan Possert: Weil wir eine Punktlandung hinlegen wollen. Zum öffentlichen Start darf das von der Usability her nicht mehr holpern, und Kataloge einzelner wirklich wichtiger Labels sollten komplett sein und klar, das ganze noch dazu mit einheitlichen, sauberen Metadaten – Letzteres ist besonders wichtig, wenn man aus einem physischen ein digitales Produkt formen will, das die nächsten 20 Jahre verkauft werden kann. Und unser physisches Produkt, also Vinyl, existiert vielleicht schon seit zehn Jahren, es gibt eventuell kein Master und manchmal ist auch die Lizenz-Situation dubios.

Georg Lauteren: Das ist manchmal so, als ob du Tapes, DATs und DVDs bekommst, um damit selbst das Vinyl zu pressen, das du verkaufen willst. Und bei unserem Anspruch, immer vollständig Label-Kataloge anzubieten, gehört es auch dazu, mal eine Maxi selbst zu Digitalisieren…

Stefan Possert: Dahinter steht die Überlegung, dass Vinyl fast nur von DJs gekauft wird, weshalb man viele Tracks nur ein paar mal im Club hört und danach nie wieder. Wir wollen die Musik aber auch Leuten, die nicht unbedingt auflegen, zugänglich machen.

De:Bug: Ihr ordnet Label und Künstler auch immer einer Stadt zu, sogar die Navigation auf der Site orientiert sich an den Produktionsstandorten. Wie seid ihr darauf gekommen?

Stefan Possert: Ich glaube, es fällt vielen Menschen leichter, einen bestimmten Sound über die Stadt zu finden, aus der er kommt. Unter Chicago- oder Köln-Sound kann man sich oft etwas vorstellen, wogegen Genres abstrakt bleiben. Aber neben der Weltkarte, über die man die Städte findet, bieten wir auch eine Genre-Navigation an, allerdings nicht mittels Listen, sondern über Tag-Wolken, in denen auch aktuelle Entwicklungen auf der Seite sichtbar werden.

De:Bug: Und wie viele Labels bzw. Tracks wollt ihr einmal im Angebot haben?

Stefan Possert: Die Anzahl der Tracks ist für uns gar nicht so relevant, wir schmeißen das eine oder andere Label auch wieder aus dem Katalog, wenn es nicht genug gute Releases hat.

Georg Lauteren: Es soll eben kein Schrott zu finden sein, sondern ausschließlich Musik, die uns gefällt. Dafür stellen wir jedes Label und die wichtigsten Künstler mit einen kurzen Text vor, in dem sich die wichtigsten Informationen finden. Darüber hinaus wird es übrigens zu Themen, die wir gerade wichtig finden, längere Artikel geben.
http://zero-inch.com/

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses