Vom unsign Hype zum vielbeschäftigten Hip Hop Workaholic. Mr. Complex mischt Musik, Film und Hörspiel, um Tonnen von Gedanken zu stemmen und seine Reimkollegen in Rangordnungen zu stecken.
Text: Ekrem Aydin aus De:Bug 54

Filme in Worten
Mr. Complex

Alles begann mit der Auszeichnung zum „unsign Hype” irgendwo im hinteren Teil des Source-Magazines vor über fünf Jahren. Mr. Complex. Schnell wollte der Rest der Welt wissen, wer sich denn dahinter verbarg. Doch anstatt mit Lorbeeren ausgestattet auf das beste Angebot einer Plattenfirma zu warten, gründete ‘Plex lieber sein eigenes Label “Core”-Records, presste dreihundert Vinyle, zog ebenso viele Tapes und vertrieb die Single selbst. Als es dann am Ende siebentausend verkaufte Einheiten wurden, erkannte er, dass er wohl mehr als nur ein paar Freunde hatte, die seine Musik mochten. Durch diese Erfahrung bereichert, gab er lieber der Musik als seinem erlernten Beruf des Werbegrafikers den Vorzug. Bis zum heutigen Tage hat sich Complex seither in über dreißig Veröffentlichungen und Gastauftritten verewigt.

Reimkunst auf Celluloid?

Über die Musik kam er zu Videos und dadurch zum Filmen, welches ihn so faszinierte, dass er sich entschloss, noch einmal die Schulbank zu drücken. Wenig später sollte er seinen Abschluss an der New Yorker Akademie für Film in der Tasche haben. Im Film finden sich seiner Meinung nach alle seine Vorlieben wieder. Hier kann er sowohl seine erlernten Fähigkeiten als auch seine Kreativität und seine Reimkunst einbringen. Um dies jedoch auf Celluloid bannen zu können, fehlt ihm das nötige Budget. “Bei der Musik ist das völlig anders,” sagt er dann und erklärt, dass man hier eine Idee in wenigen Stunden druckreif entwickelt und zwei Wochen später den dazugehörigen Tonträger verkaufen kann. Seine Platten werden dadurch zu einer Art Instant-Film oder Hörspiel. Eine Art ‘Best Of Complex’ war vor über einem Jahr “The Complex Cataloque”, der dem Zuhörer das Gefühl gab, einer Radioshow beizuwohnen, in der Complex seine Zuhörer durch mehrere Jahre seines Schaffens führte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Complex bereits mehr veröffentlicht, als andere es in doppelt so langer Zeit hinbekämen. Dazu zählten auch die Polyrhythm Addicts, die er zusammen mit DJ Spinna, Shabaam Shaadeq und Apani B. bildete. Auf seinem neuen Album “Hold This Down” sind ebenfalls Stücke zu hören, die zum Teil seit langer Zeit existieren, diesmal jedoch vorher unveröffentlicht waren. “Dadurch ist es immer noch nicht der ganze Complex,” betont Gleichnamiger und fügt hinzu, dass er schon dabei ist, die nächsten Ideen zu verwirklichen.

Hip Hop vom Highway bis zur Sackgasse

Gerade erst hat er den Song “Too hard to order chinese food” gemacht. Thema: Die Art von Rappern, die böse drein schauen, von Drogenverkauf erzählen und Frauen als Zierwerk betrachten. Complex muss nebenbei arbeiten gehen, um sich den Luxus des Musikmachens leisten zu können – und es funktioniert. “Ich glaube diesen Menschen nicht, wenn sie erzählen, sie hätten dealen müssen, um zu überleben. Wollen die mir wirklich weis machen, dass sie keinen Job finden konnten?” Dass hinter jedem seiner Songs eine andere, neue Idee steckt, bemerkt der Zuhörer spätestens bei “Everybody Everywhere”, einem Allstar-Track, bei dem in einem Mix gleich der eine MC mit seinem Text anfängt, während der vorherige noch gar nicht fertig ist. DJs würden für diese Überlagerung von disharmonierenden Stimmen ausgebuht werden, doch hier ist es einfach erfrischend anders. “Irgendwann fuhr ich durch Brooklyn und schaute mir all diese Straßenschilder an.” Aus dieser unscheinbaren Fahrt ist dann “Rhapsody” entstanden, ein Stück, auf dem den verschiedensten Hip Hop Künstlern ihrem Grad des Einflusses entsprechend entweder Highways, Plätze oder nur Sackgassen gewidmet sind. Dass er so entspannt an seine Arbeit heran gehen kann, hängt vor allem mit einer früh gemachten Erkenntnis zusammen: “Meine Musik kann nicht kommerziell erfolgreich sein. Dazu stecken viel zu viele Gedanken darin.” Complex halt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.